Rhapsody lachte. »Was für Lirin sind dir denn überhaupt schon über den Weg gelaufen?«
»Oh, die ganze Palette. Ich hab Lirin aus den Städten kennen gelernt, Berg-Lirin und solche, die am Meer leben. Vom Aussehen her sind sie alle ziemlich ähnlich, spillerige Knirpse mit spitzen Gesichtern und großen Augen. Farblich scheint’s allerdings große Unterschiede zu geben. Du bist kein Vollblut, oder?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ein Halbblut. Richtige Lirin schauen auf mich als Mischling herab.«
»Unter Hunden sind gerade die die Besten. Mach dir nichts draus. Und es steht dir gut zu Gesicht. Du bist ’n hübsches kleines Ding, nicht so dürr und eckig wie andere Lirin.«
»Danke.« Das sonderbare Kompliment brachte sie zum Lachen. »Und du bist der netteste Firbolg, dem ich je begegnet bin – was, zugegebenermaßen nicht viel besagt, denn du bist der Erste und bislang Einzige.«
»Das stimmt nicht ganz«, tönte eine Stimme von oben, die Rhapsody vor Schreck zusammenfahren ließ. Achmed war zurückgekehrt.
»Doch. Ich kenne keinen anderen außer Grunthor.«
Achmed grinste auf eine Weise, die ein wenig gehässig wirkte. »Es liegt mir fern, eine so kenntnisreiche Person wie dich zu korrigieren, aber glaube mir: Du kennst zwei.«
Rhapsody war sichtlich irritiert. »Soll das heißen, du bist auch ein Firbolg?«
»Vielleicht sollten wir sie wirklich von der Speisekarte streichen, Grunthor. Sie offenbart Spuren von Intelligenz.« Der Riese mimte einen auf enttäuscht.
Sie musterte den einen, dann den anderen und konnte nur wenig an Gemeinsamkeiten feststellen. Grunthor war über einen Kopf größer als Achmed, sehr viel breiter und muskulöser und mit Klauenhänden bewehrt. Unter Achmeds weitem Umhang zeichnete sich dagegen eine sehr schlanke, sehnige Gestalt ab, und seine Hände waren die eines Menschen.
An den Riesen gewandt, fragte Rhapsody: »Bist du ein Vollblut-Firbolg?«
»Ach was.«
Der Verhüllte schnaubte. »Du dachtest wohl, das einzige Halbblut auf der Welt zu sein.«
Trotz des spärlichen Lichts war zu sehen, dass sie errötete. »Natürlich nicht. Ich dachte, Grunthor ist ein Firbolg.«
»Er ist zur Hälfte Bengard.«
Rhapsody nickte. Die aus der Wüste stammenden Bengard waren eine Sippe, über die man nur wenig wusste. Es hieß, dass sie ungeheuer groß und von einer schlangenähnlichen Haut überzogen waren. Rhapsody kannte einige ihrer Lieder und Gebräuche. »Und du?«
Die beiden Männer tauschten einen kurzen Blick, ehe Achmed sagte: »Ich bin ein halber Dhrakier. Wir sind also alle drei Mischlinge. Wie wär’s? Gehen wir weiter?«
Rhapsody hatte noch nie etwas gehört von dem erwähnten Volk, war aber nun schon lange genug mit den beiden zusammen, um zu wissen, wann es sich riet, keine weiteren Fragen zu stellen. »Natürlich«, antwortete sie. »Ich habe schließlich keine Lust, an dieser Wurzel Wurzeln zu schlagen.« Sie richtete sich auf, lockerte die verkrampften Beine, schnallte ihr Gepäck fest und folgte den beiden Bolg nach oben.
»Greif zu, Gräfin, ich zieh dich hoch.«
Dankbar langte Rhapsody nach der ausgestreckten Riesenhand und ließ sich von Grunthor über den Rand der Wurzel durch die Öffnung ziehen. Sie machte die Augen fest zu und betete im Stillen, unter freiem Himmel in sternenklarer Nacht aufzutauchen. Als sie wieder aufblickte, sah sie nichts als Dunkelheit, eine Leere, so weit das Auge reichte.
Der Boden unter ihren Füßen schimmerte so bleich wie die Wurzel, an der sie emporgeklettert war, doch ging von ihm ein schwaches Leuchten aus und dazu ein summendes Pulsieren, das hinter den Augen zu spüren war und im ganzen Körper weiter zu schwingen schien. So wie der Wurzelturm die Pfahlwurzel der Sagia hatte kümmerlich klein erscheinen lassen, so wirkte nun der Wurzelturm seinerseits winzig im Vergleich zu dem, was sich ihnen hier offenbarte.
Grunthor stieß einen Pfiff durch die Zähne aus. Der leuchtende Grund, auf dem sie standen, breitete sich weiter aus als der mächtige Fluss, der die Insel Serendair teilte. Die ungeheuer große Bahn verzweigte sich in viele Richtungen, und über jeden Arm zog sich ein Geflecht aus wurzelähnlichen Adern.
Rhapsody hatte an ihrer Enttäuschung schwer zu schlucken. »Herrje, was ist denn das?«
»Die Hauptpassage, der eigentliche Wurzelstock. Was wir erklommen haben, war bloß ein Seitenarm, vermutlich die Verbindung zwischen der Sagia und der Axis Mundi. Du hast doch wohl nicht geglaubt, schon am Ziel zu sein. Unser Marsch hat gerade erst angefangen.«
Tränen drohten ihr in die Augen zu treten, was sie indes nicht geschehen lassen wollte. »Aber ich bin am Ende«, flüsterte sie matt.
Der Verhüllte nahm sie bei den Schultern und versuchte sie zur Besinnung zu rütteln. »Sperr doch die Ohren auf! Hörst du sie denn nicht, die Musik? Ist es möglich, dass eine Sängerin, dazu eine Lirin, nicht hellauf begeistert ist von dieser Musik? Selbst ich kann sie hören. Ja, ich spüre sie förmlich auf der Haut. So hör doch hin!«
Über das Pochen ihres unglücklichen Herzens hinweg hörte Rhapsody tatsächlich ein Summen und Klingen, das die unermesslich große Höhle erfüllte. Unwillkürlich schloss sie die Augen und nahm die Klänge in sich auf. Sie steckten voller Weisheit und Kraft und waren unvergleichlich in ihrer Art. Achmed hatte Recht, das musste sie ihm eingestehen, auch wenn es ihr widerstrebte. Dieser magische, einzigartige Ort war durchdrungen von einer sanften, zarten Melodie, gesungen aus dem vollen Herzen der Erde.
Rhapsody begann in dieser Musik zu schwelgen. Sie nahm ihr alle Schmerzen, allen Verdruss und heilte die Wunden, die sie sich im Kampf gegen das Gewürm zugezogen hatte. Schließlich ließ sie den ureigenen Grundton erklingen, ihren musikalischen Namen, und er harmonierte mit der Stimme der Wurzel so wie vordem mit dem Lied der Sagia. Als sie eine Weile später die Augen wieder aufschlug, sah sie die beiden Männer miteinander reden und mit ausgestrecktem Arm mal auf diesen, mal auf jenen Abzweig deuten. Offenbar versuchten sie sich zu einigen, in welcher Richtung sie nun weitergehen sollten.
Schließlich drehte sich Achmed nach ihr um und fragte: »Na, Krise überwunden? Was ist nun, kommst du mit, oder willst du dich hier auf Dauer einrichten?«
Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu. »Ich komme. Und sprich nicht in diesen Ton mit mir.« Sie glaubte zu schwitzen und versuchte, die Hände trocken zu wischen, merkte dann aber, dass auch die Kleider und Schuhe ähnlich klamm waren. Feuchtigkeit hing in der Luft.
»Immerhin müssen wir nich mehr klettern. Is doch auch schon was, oder?« Grunthor zwinkerte ihr zu und schulterte sein Gepäck.
»Hier lang«, entschied Achmed und zeigte auf die nach links führende Abzweigung.
»Warum?«
»Das rät mir mein Gefühl.« Und in einem Tonfall, der nicht unfreundlich klang, fügte er hinzu: »Aber wenn’s dir gefällt, kannst du natürlich auch eine andere Richtung einschlagen.« Von Grunthor gefolgt, machte er sich auf den Weg, der steil bergan und in weitem, schimmerndem Bogen in finstere Höhen führte. Seufzend nahm Rhapsody ihre Sachen und setzte sich in Bewegung.
Als sie sich nicht länger auf den Beinen halten konnten, schlugen sie ein Lager auf. Das Deckengewölbe der Höhle war jetzt hoch oben im Halbdunkel vage auszumachen.
»Es gibt offenbar extreme Größenunterschiede, was die Gräben angeht, durch die sich die Wurzel erstreckt«, meinte Achmed, als sie sich zum Essen niedergelassen hatten. »Hier ist es wohl deshalb so geräumig, weil von dieser Stelle viele Seitenarme abzweigen. Ich fürchte, dass wir bald wieder in sehr viel engere Bereiche kommen werden. Der Tunnel dort drüben scheint mir durchschnittliche Ausmaße zu haben. Wenn dem so ist, werden wir wohl über weite Strecken kriechen müssen. Ich schätze, dass die Luft dort ziemlich stickig und unangenehm sein wird. Wenn dir Grunthor noch ein paar Dinge in Sachen Schwertkampf beibringen soll, wär’s besser, ihr übt hier, wo genügend Platz ist. Natürlich erst, wenn ihr ausgeruht seid.«