»Ist das denn wirklich nötig?«, fragte Rhapsody besorgt.
»Für ihn wohl nicht, aber umso mehr für dich«, antwortete Achmed. »Denk nur an diese Würmer. Wahrscheinlich gibt es anderswo noch mehr davon. Aber letztlich musst du selbst wissen, wie du dich am besten schützen kannst.«
Rhapsody wandte sich dem Firbolg zu, der übers ganze Gesicht grinste. »Es wäre mir lieb, wenn du mich ausbilden würdest«, sagte sie. »Aber leider habe ich kein Schwert.«
»Wenn’s weiter nichts ist, Herzchen. Zufällig habe ich da ein etwas größeres Messer, das dir ein Schwert sein könnte.« Grunthor zog einen langen Dolch hinter dem Rücken hervor und überreichte ihn mit tiefer Verbeugung.
Nach kurzem Zögern nahm sie den Dolch entgegen. Die Klinge war länger als ihr Oberschenkel und dermaßen scharf, dass es sie schon nervös machte, die Waffe in der Hand zu halten. »Ich weiß nicht«, meinte sie zaghaft.
»Hör zu, Herzchen, wenn du dir die Würmer nich vom Hals halten kannst, seh ich schwarz für dich«, meinte der Bolg-Sergeant. »Also, stell dich nich an. Meine Lucy wird dir helfen.«
»Lucy?« Ihre Augen leuchteten auf. »Nanu, Grunthor, du bist ja auch ein Benenner, auf deine Art.«
Der Riese schmunzelte. »Was du nicht sagst. Soll ich vielleicht auch ein Liedchen singen?«
»Nein«, entgegneten Rhapsody und Achmed einstimmig.
»Macht euch an den Unterricht«, fügte Achmed hinzu, »ich will so lange warten.«
Grunthor langte über die Schulter, suchte nach einer passenden Klinge und zog schließlich zwei weitere Waffen hervor. Die eine war ein langes, schlankes Schwert, das er Lopper nannte. Rhapsody sah sich bei dessen Anblick an die Nacht auf den Feldern mit Michaels Männern erinnert und erschauderte. Bei der anderen Waffe handelte es sich um eine dreischneidige Pike, die der Riese mit dem Namen Früntmacher vorstellte. Für diese Waffe schien er sich endlich entschieden zu haben, denn er steckte den Lopper nun wieder in die rücklings getragene Scheide.
»Warum nennst du dieses Ding ›Früntmacher‹?«, wollte Rhapsody wissen.
»Was du über Namen sagst und die Kraft, die davon ausgeht, ist vielleicht gar nicht so dumm«, antwortete Grunthor und nahm Kampfhaltung an. »Bestes Beispiel ist dieser Früntmacher hier. Ich hab ihn so benannt, und sobald ich ihn zieh, will jeder, der mir gegenübersteht, gleich Freundschaft mit mir schließen. Sofern er dazu noch in der Lage ist, versteht sich.«
»Versteht sich«, wiederholte Rhapsody und grinste nervös. »Den Wunsch kann ich nachvollziehen.«
»Das will ich hoffen, wo wir doch schon so vertraut miteinander sind.«
Rhapsody schmunzelte. »Na schön, mein Freund, auf geht’s.«
Das Klirren aufeinander schlagender Schwerter hallte von den Höhlenwänden wider. Der jungen Lirin wurde ein ums andere Mal die Waffe aus der Hand geschlagen. Kaum hatte sie sich in Position gebracht, musste sie auch schon wieder zurückstecken. Und was sie am meisten entmutigte, war, dass er sehr schonend zu Werke ging und stets Rücksicht auf sie, die Anfängerin, nahm.
Immer wieder gab er ihr Gelegenheit zum Angriff, indem er seine Deckung öffnete, doch sooft sie eine solche Einladung annahm, kam er ihr mit einer schnellen Riposte zuvor. Schließlich versuchte sie solche Deckungslücken auszunutzen, die er unabsichtlich geöffnet hatte, wofür er ihr jedes Mal Lob und Anerkennung zollte.
»So ist’s richtig, Gräfin«, sagte er und parierte eine neuerliche Attacke. »Weiter, weiter, nich locker lassen, Herzchen. Ich weiß, du kannst es. Gib’s mir. Hol mich von den Beinen.«
Rhapsody schlug wuchtig zu. Doch Grunthor war zu schnell für sie. Sie trat zurück und holte Luft.
»Attacke!«, brüllte Grunthor so laut, dass sie vor Schreck noch einen Schritt weiter zurückwich. »Und pass verdammt noch mal auf. Mach deine hübschen Augen auf, sonst hau ich dir den Schädel ein!«
Rhapsody war entsetzt. Auch der Riese zeigte sich verunsichert und verzog das Gesicht. »Tut mir Leid, Herzchen, manchmal geht der Feldwebel mit mir durch.«
Rhapsody beugte sich nach vorn und holte tief Luft. Plötzlich fing sie lauthals an zu lachen.
»Nimm’s mir nicht übel, Grunthor, aber ich glaube, der Schwertkampf ist nicht meine Sache.«
»Möglich«, meldete sich Achmed von hinten. »Du solltest es aber trotzdem lernen. Wichtig ist vor allem, dass du deine Einstellung änderst.«
Rhapsody merkte auf. »Ach ja? Und inwiefern, wenn ich fragen darf?«
Der verhüllte Mann kam auf sie zu und nahm ihre Hand. »Zu allererst solltest du dir einen anderen Griff angewöhnen. Du hältst eine Waffe, und das sollte dir jederzeit bewusst sein. Also, konzentriere dich darauf. Zweitens, beiß die Zähne zusammen. Sei darauf gefasst, verletzt zu werden. Es wird dir nicht gelingen, Schmerzen zu vermeiden. Du kannst sie allenfalls gering zu halten versuchen, das heißt, du solltest von vornherein darauf aus sein, die Ursache zu beseitigen. Hätte Grunthor sich nicht zurückgehalten, wäre es schon nach dem ersten Schlagabtausch um dich geschehen gewesen. Du musst akzeptieren, dass du nicht ohne Blessuren davonkommst, also sei entschlossen, dem Gegner heimzuzahlen, was er dir antut. Lerne zu hassen. So bleibst du am Leben.«
Rhapsody warf das Schwert auf die Wurzel. »Lieber wäre ich tot, als unter solchen Umständen leben zu müssen.«
»Tja, wenn du an deiner Einstellung festhalten willst, wirst du dich nicht lange quälen müssen.«
»Aber wie könnte ich denn anders? Grunthor ist mir sympathisch.«
Der Riese fuhr sich mit der Hand über den Nacken. »Das beruht auf Gegenseitigkeit, Herzchen, aber wenn du nich lernst, auf dich aufzupassen, reicht’s für dich nur zu einer Zukunft als Futter für Würmer.«
Wieder überfiel Rhapsody jenes Gefühl der Ironie, das sie empfand, sooft sie über ihre Situation nachdachte und sich vergegenwärtigte, mit zwei seltsamen, monströsen Männern unter Tage auf einer riesigen Wurzel vorwärtszukriechen. Der nette Koloss, der ihr immer wieder verstohlen begehrliche Blicke zuwarf, die ihr eher den Eindruck vermittelten, als wollte er sie fressen, versuchte sie nun davon zu überzeugen, dass sie ihn zu ihrem eigenen Schutz anzugreifen hatte. Der menschenähnlichere der beiden – ein lebendiges Beispiel dafür, wie sehr der Anschein trügen konnte – zeigte sich ihr gegenüber immer noch von provozierender Gleichgültigkeit. Rhapsody hob das Schwert vom Boden auf. »Also gut, Grunthor, lass uns noch ein bisschen üben.«
»So ist’s recht«, sagte der Sergeant und grinste. »Zeig’s mir.«
Nach ihrer ersten Lektion, die nach Meinung von Grunthor durchaus zufrieden stellend verlaufen war, sank Rhapsody geschunden, erschöpft und aufgelöst zu Boden und suchte in ihrem Gepäck nach dem kleinen Beutel, in dem sie die Reste des Brotes aufbewahrte, das sie von Pilam geschenkt bekommen hatte. Als sie den Beutel zum Vorschein zog, fing sie zu singen an und intonierte den Namen des Brotes, wie sie es jedes Mal tat, wenn sie davon essen wollte. Sie beschrieb es mit den gesungenen Wörtern Fladen, aus Gerste gebacken, weich, holte es aus dem Beutel, brach ein Stück für sich ab und reichte das Übrige an die Männer weiter. Trotz der hohen Luftfeuchtigkeit und obwohl es schon viele Tage alt war, hatte das Brot immer noch keinen Schimmel angesetzt. Und sonderbarerweise war es überhaupt nicht hart geworden.
»Was war das nun wieder, Herzchen, ’ne Art Segensspruch oder dergleichen?«, fragte Grunthor und nahm das gereichte Stück entgegen.
»Wenn man so will. Ich habe das Brot beim Namen genannt.« Rhapsody lächelte ihm zu und ließ es sich schmecken. Achmed schwieg.
»Schaffst du’s so, das Brot frisch zu halten?«
»Ja. Auf diese Weise bleibt es so, als wäre es gerade eben aus dem Ofen gekommen.«
Achmed legte sich auf die Wurzel und streckte alle viere von sich. »Gib ihm doch mal irgendeinen anderen Namen. Wie wär’s mit Würstchen in Blätterteig^«, meinte er. Es war das erste Mal, dass Rhapsody ihn scherzen hörte.
»Ich kann es wohl in seinem Urzustand bewahren, aber nicht verändern«, antwortete sie zwischen zwei Bissen. »Wenn ich so viel Macht hätte, wärst du eine sehr viel angenehmere Person und ich würde nicht hier in diesem Loch stecken.«