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Vielleicht lag es an der pulsierenden Kraft der Axis Mundi... Wie auch immer, jedenfalls wurde Rhapsody nun von noch eindringlicheren Albträumen geplagt.

In dieser Nacht waren die Träume besonders intensiv. Wiederholt und erschreckend deutlich hatte sie einen Mann vor Augen, der unter großen Qualen in der Dunkelheit erstickte. Ringsum waberten dichte Nebelschwaden, die sich durch nichts vertreiben ließen. Rhapsody versuchte aufzuwachen, war aber zu erschöpft.

Stöhnend warf sie sich hin und her und rutschte schließlich von Grunthors breiter Brust, als die Traumszenerie plötzlich wechselte. Sie sah nun das Bild eines anderen Mannes mit aufgedunsenem Gesicht und blutrot geränderten Augen. Mit krallenden Händen ruderte er im Dunkeln umher, scheinbar auf der Suche nach etwas, das nicht zu finden war. Es kamen ihr Wörter in den Sinn, die sie unwillkürlich im Flüsterton aussprach.

Die Kette ist gerissen, raunte sie.

Als Achmed, der auf dem Rücken lag und ins Dunkle starrte, ihre Stimme hörte, richtete er sich auf und schaute ihr ins Gesicht, das die Schrecken des Traums widerspiegelte. Es schien, als führte sie einen aussichtslosen Kampf. Achmed stieß seinen Gefährten an und machte ihn auf sie aufmerksam. Der Mann mit den blutrot geränderten Augen und dem erschreckend formlosen Gesicht starrte ihr entgegen. Es war, als versuchte er, ihr Bild in seinem Gedächtnis abzuspeichern. Sie wollte seinem Blick ausreichen, doch irgendetwas hielt sie fest im Griff, und zu ihrem großen Entsetzen musste sie nun mit ansehen, wie sich die Augen ihres monströsen Gegenübers teilten und verdoppelten, immer und immer wieder, bis es Dutzende und Aberdutzende waren, die ihr aus dem amorphen Gesicht entgegenstarrten.

Der Herr der Tausend Augen, flüsterte sie.

Dann löste sich ein ums andere dieser Augen aus dem Gesicht; ein kalter Wind regte sich, der sie nach allen Seiten hin ausschwärmen ließ, ohne dass sie den starren Blick von ihr abgewendet hätten.

In der Welt über Tage wütet Krieg, murmelte sie.

»Was die wohl hat?«, fragte Grunthor leise.

Achmed bedeutete ihm mit der Hand zu schweigen. Er hatte den Namen des F’dor gehört. Im Traum erschien ihr nun ein sehr ansehnliches, jugendliches Gesicht, im Mondlicht schimmernd. Der junge Mann nahm sie in den Arm, schmiegte seine Wange an die ihre und berührte mit den Lippen ihr Ohr. Das ist alles, was ich habe; nicht viel, aber ich will dir etwas schenken, sagte er. Plötzlich langten seine Hände fester zu; mit Gewalt zwang er ihre Schenkel auseinander, und seine sanfte Stimme wechselte in ein lustvolles Keuchen über.

Nein, jammerte sie. Hör auf. Das ist doch alles nur gelogen.

Er lachte und hielt ihre Arme schmerzhaft fest umklammert. Ich hoffe, du weißt, dass ich dir nie, nie willentlich wehtun würde.

Hör auf, schluchzte sie. Ich will nach Hause.

Nach Hause? Es gibt für dich kein Zuhause mehr. Erinnere dich, du hast es aufgegeben. Für mich.

Auch alles andere, was dir am Herzen lag. Dabei habe ich mit keinem Wort gesagt, dass ich dich liebe.

Unter dem Eindruck dieser quälenden Traumbilder brach Rhapsody in Tränen aus. Grunthor war sichtlich besorgt und wollte ihr tröstend beistehen, doch Achmed hielt ihn zurück.

»Vielleicht hat sie Visionen«, sagte er. »Womöglich schaut sie in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Und was sie da sieht, könnte für uns von Interesse sein.«

»Es kann aber wohl kaum in unserm Interesse sein, dass sie einen Schock erleidet, von dem sie sich nicht mehr erholt. Oder?« Die Miene des Riesen war für Achmed Warnung genug, und er ließ zu, dass Grunthor das Mädchen in den Arm nahm und weckte.

»Herzchen?«

Erschrocken bäumte sich Rhapsody auf und schlug mit der Faust zu. Zufällig traf sie Grunthors Auge, und das mit einer Wucht, die ihr keiner zugetraut hätte. Der Firbolg kippte wie ein gefällter Baum zu Boden.

Achmed kicherte. »Da sieht man’s wieder: Freundlichkeit wird schlecht belohnt.«

Rhapsody war inzwischen hellwach. Sie zwinkerte die Tränen aus den Augen und sah, was sie angerichtet hatte. »Himmel, Grunthor, verzeih«, stammelte sie. »Das wollte ich nicht.«

Der Bolg vorzog das Gesicht auf eine Weise, die unter anderen Umständen als der Versuch eines Lächelns hätte gedeutet werden können. »Schon gut, Herzchen. Ich muss schon sagen, du hast da ’ne zünftige Gerade. Wer hat dir so zu boxen beigebracht?«

Sie suchte in ihrem Gepäck nach dem Wasserschlauch. »Meine Brüder.«

»Aha. Darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass wir dich adoptiert haben und somit auch zur Familie gehören? Ich hoffe, du wirst mich als einen deiner Brüder in Zukunft vor deiner prächtigen Rechten verschonen.«

Sie betupfte sein Auge mit einem feuchten Tuch und sagte schmunzelnd: »Was meinst du, wer diese Faust am häufigsten zu spüren bekommen hat?«

»Oh.«

»Es tut mir Leid.«

»Mach dir nichts draus, Herzchen. Und steck den Lappen weg. Es ist halb so schlimm. Komm, leg dich wieder hin. Wir sollten noch ein bisschen ruhen.« Rhapsody gehorchte.

Als sie ausgeschlafen hatten, packten sie ihre Sachen zusammen und setzten den Weg durch den endlos langen Tunnel fort.

12

Rhapsody hatte sich schon so sehr daran gewöhnt, über kalten, nassen Grund zu kriechen, dass sie sich kaum mehr daran erinnerte, wie es war, im Trocknen zu sein und nicht frieren zu müssen. Die Gerüche der Erde und des abgestandenen Wassers waren allgegenwärtig, und ihre Kleider waren ständig feucht. Manchmal schien es ihr, als hätte es kein anderes Leben gegeben, als wären ihre Erinnerungen an die Vergangenheit nichts weiter als Träume. Die Wirklichkeit lag hier, in diesem nicht enden wollenden Treck entlang der Axis Mundi.

Sie kletterten, marschierten, krochen auf Händen und Füßen, und das nun schon so lange, dass sie nichts anderes mehr kannten. Es war unübersehbar viel Zeit vergangen, und sooft sie sich schlafend zu erholen versuchten, erwachten sie in derselben albtraumhaften Wirklichkeit.

Anders als die beiden Bolg, denen es offenbar nichts ausmachte, tief in der Erde eingeschlossen zu sein, hatte Rhapsody nach wie vor schwer mit ihren Ängsten zu kämpfen, die immer wieder Überhand zu nehmen drohten, sooft ihr gewärtig wurde, dass sie tief in der Erde steckte, eingeengt und ohne ausreichend Luft zum Atmen.

Immerhin konnte sie über weite Strecken aufrecht gehen, wofür sie dankbar war. Aber dennoch kam es häufig vor, dass auch sie sich ducken musste, was nicht weniger anstrengend war, als auf Händen und Knien zu kriechen. Ihr taten alle Glieder weh, vor allem der Rücken und die Knie, und mit jedem Schritt schienen die Schmerzen zuzunehmen. Selbst der Schlaf brachte kaum Linderung.

Es war ihr nach wie vor ein Rätsel, wie es Grunthor schaffte, seine Muskelmassen durch die engen Gänge zu schieben. Wenn Achmed dann endlich dazu aufrief, Rast zu machen, was meist nach einer besonders schwierigen Passage geschah, ließ sie sich immer dankbar auf den Boden fallen und war bald eingeschlafen – nur um von weiteren Albträumen heimgesucht zu werden.

Diese Träume wurden immer intensiver, je weiter sie im Erdreich vordrangen. Achmed fühlte sich so sehr davon belästigt, dass er einmal drohte, sie von der Wurzel zu stoßen. Wenn genügend Raum zur Verfügung stand, schlief sie auf Grunthors Brust. In seinen starken Armen fühlte sie sich geborgen, aber beim Erwachen als Erstes in sein grinsendes, grünliches Gesicht zu blicken war etwas, an das sie sich erst einmal hatte gewöhnen müssen.

Achmed war, als sie die Axis Mundi erreicht hatten, noch reservierter und einsilbiger geworden. Oft schien es, als lauschte er auf Geräusche, die nur er vernehmen konnte. Er sprach, wenn überhaupt, nur noch im Flüsterton und war anscheinend so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass Rhapsody ihn nicht stören mochte und sich stattdessen lieber an Grunthor hielt.