Wenn sich Gelegenheit dazu bot, unterrichteten die beiden Männer Rhapsody in der Sprache der Firbolg, dem so genannten Bolgisch. Nicht, dass sie irgendeinen Zweck damit verfolgten; sie wollten einfach nur freundlich sein und verhindern, dass sie sich ausgeschlossen fühlte, wenn sie sich in ihrer Sprache unterhielten. Im Gegenzug brachte sie Grunthor, sooft es die Lichtverhältnisse erlaubten, das Lesen bei. Diese Lektionen aber dauerten nie sehr lange.
Einmal wachte Rhapsody aus dem Schlaf auf und bemerkte, dass Achmed, ganz bleich im Gesicht und vor Kälte zitternd, vor sich hin murmelte, ganz so, wie sie es häufig tat. Der Stollen war über weite Strecken wieder sehr eng gewesen. Entsprechend langsam waren sie vorangekommen, obwohl sie sich nur wenige Ruhepausen gegönnt hatten.
Grunthor, der einige Stunden zuvor einen schweren Felsblock aus dem Weg hatte räumen müssen, schlief tief und ließ sich von den Albträumen des Freundes nicht stören. Rhapsody hob den Kopf von der Brust des Riesen, wartete eine Weile ab, stand dann vorsichtig auf und schlich auf Zehenspitzen auf die Stelle zu, wo Achmed sein Lager aufgeschlagen hatte. Als sie sich ihm näherte, spürte sie, wie ihr Herz aus Sorge schneller zu schlagen anfing. Sie sah seine Augenlider flattern und hörte ihn hechelnd atmen. Vorsichtig strich sie ihm mit sanfter Hand über die Stirn und flüsterte: Achmed?«
Der Dhrakier träumte noch eine Weile weiter. Dann riss er plötzlich die Augen auf. »Ja?« Seine Stimme klang noch trockener als sonst.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Ja.«
Sie streichelte seine Wange, gerade so, als versuchte sie ein Kind zu trösten. »Du hast anscheinend schlimm geträumt.«
Seine ungleichen Augen blitzten auf. »Hast du etwa einen Exklusivanspruch auf schlimme Träume?«
Rhapsody schreckte zurück, als wäre sie geohrfeigt worden. Er schleuderte ihr Blicke entgegen, die nicht weniger scharf waren als die scheibenförmigen Geschosse seiner Cwellan.
»Nein, natürlich nicht«, stammelte sie. »Verzeihung, ich wollte nur... mach dir nichts draus.« Eilig kehrte sie zu ihrer Schlafstatt zurück und lehnte sich wieder an die Muskelbepackte Brust des Riesen. Sie hatte Achmed nach seinem Traum befragen wollen, ahnte nun aber, dass sie im Grunde gar nicht wissen wollte, was einen Mann wie ihn derart in Angst und Schrecken versetzen konnte.
Grunthor wusste Bescheid. Er verschloss die Augen davor und versuchte, alle Gedanken daran zu verdrängen.
Endlich schien Achmed gefunden zu haben, wonach er suchte. Sie waren in eine geräumige Höhle gelangt, deren Ausmaße sich im Dunkeln nicht überblicken ließen. Achmed verlangsamte seinen Schritt und blieb schließlich stehen.
»Wartet hier und verhaltet euch möglichst leise«, flüsterte er. »Versucht, ein bisschen zu schlafen. Wenn ihr aufwacht und ich bin nicht zurück, dann geht ohne mich weiter.« Und ehe Rhapsody etwas sagen konnte, war er verschwunden.
Als sie sich umdrehte, um von Grunthor eine Erklärung zu verlangen, fuhr sie angesichts der grimmigen Miene des Riesen vor Schreck zusammen.
»Was hat er vor?«, fragte sie nervös.
Der Riese langte mit der Hand aus und zog sie wortlos zu sich auf den Boden. Die Luft war noch kühler geworden. Er schlug seinen Mantel auf und bot ihr seine Schulter als Kopfkissen an. Als sich Rhapsody hingelegt hatte, deckte er sie mit seinem Mantel zu. Den Blick unter die entfernte Höhlendecke gerichtet, seufzte er tief und flüsterte: »Ruh dich jetzt ein bisschen aus, Herzchen.«
Achmed schaute sich ein letztes Mal in der riesigen Höhle um, bevor er über die Wurzel auf jenen Gang zukletterte, den er zuvor entdeckt hatte. Im Unterschied zu den anderen Tunneln enthielt dieser Gang keinen Wurzelableger. Er stand leer, und es war völlig still und dunkel in ihm.
Dem dumpfen, flackernden Herzschlag war er nun schon lange gefolgt. Das erste Wispern hatte er bereits kurz nach dem Einstieg in die Axis Mundi wahrgenommen; es war immer lauter angeschwollen, hatte das Summen des Baums übertönt und den Grund unter seinen Füßen erbeben lassen.
Als er und Grunthor ihre Flucht aus Serendair geplant hatten, hatten sie gerade diesem Weg unbedingt ausweichen wollen. Denn dort verbarg sich ja das schreckliche Schicksal der Insel, das sich bald erfüllen sollte. Aber nicht nur davor hatten sie die Flucht ergriffen. Achmed wusste, dass etwas noch Grauenvolleres auf seine Stunde wartete, etwas, das er in der Wüste jenseits der verfehlten Landbrücke mit eigenen Augen gesehen hatte.
Dass er dessen Puls überhaupt gefühlt hatte, war ihm, Achmed, immer noch ein Wunder. Seine magische Fähigkeit, die Herzschläge der Menschen zu spüren, war ihm als Erstgeborenem seines Stammes auf dieser Insel vermacht worden. Was er hier jedoch gewahrte, war kein Mensch. Es stammte noch aus der Vorzeit, und dass er mit seinem Gespür Zugang zu ihm fand, stand womöglich irgendwie im Zusammenhang mit der von Rhapsody damals in den Straßen von Ostend getroffenen Namenswahl. Sonst hätte er von diesem Wesen wohl keine Kenntnis genommen.
Der Puls, langsam in gefrorenen Tiefen schlagend, war kaum wahrnehmbar, aber dennoch nicht zu verkennen, und die Menge an Blut, das da in den Adern zirkulierte, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte.
Er blieb stehen. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit verspürte Achmed lähmende Angst. Um sein Leben bangte er nicht. Der Tod hatte ihn noch nie schrecken können; er sah ihn als einen Partner an oder mehr noch, als eigentlichen Meister seiner Zunft. Die unablässigen Schwingungen der Welt, das, was andere als das Leben bezeichneten, waren für ihn eine ständige Irritation und alles andere als erfreulich.
Manchmal beneidete er seine Opfer um den friedlichen Ausdruck auf ihren Gesichtern, der sich einstellte, wenn er ihnen das Leben genommen hatte. Für viele, das wusste er, bedeutete der Tod eine Erlösung.
Zu seinem Erbe gehörte auch ein scharfes, kritisches Urteilsvermögen. Er war beileibe nicht blindwütig wie die Pest oder der Krieg. Im Gegenteil, seine Todesurteile waren häufig gewissermaßen das einzig Vernünftige, etwas, was in dieser verrückten Welt überhaupt Sinn machte. Nein, vor dem Tod, auch und gerade vor dem eigenen, hatte er keine Angst.
Was ihm indes Angst machte, war die atmende, geistlose Art dieses düster dräuenden Etwas, das das Land zu verheeren drohte. Würde dieser Wyrm erst einmal aus der tiefen Erde, in der er überwinterte, hervorkriechen, so würde er alles, aber auch alles vertilgen. Er würde ihn als den Todbringer um ein Millionenfaches übertreffen. Als das finstere Licht des vollkommenen Ruins würde er gar eine Sonnenfinsternis in den Schatten stellen.
Er und Grunthor mochten durch ihre Flucht in einen anderen Teil der Welt eine Weile Aufschub erwirken. Womöglich konnten sie, was ihnen an Lebenszeit noch verblieben war, in Frieden verbringen und eines natürlichen Todes sterben. Auf dieses Ziel hin hatten sie ihre anfänglichen Pläne ausgelegt.
Und doch befand er sich jetzt hier, an der Schwelle zum Heiligtum, um das Gegenmittel zu einem Gift zu finden, das älter war als die Erde selbst und viel zu bösartig, als dass er es hätte missachten können. Seltsam: ausgerechnet er, der herzlose Meuchelmörder, verspürte das Bedürfnis, sich für das Überleben der ahnungslosen Bevölkerung der Insel und letztlich für den Fortbestand der Erde stark zu machen. Er konnte gar nicht anders.
Er stand am Rand der Grotte und sog die bitterkalte Luft durch die Nase ein. Irgendetwas – war es seine Berufung, den Wyrm zu befreien oder ihm als Köder zu dienen, war es sein Hass auf den Dämon, der ihn zu beherrschen getrachtet hatte, oder war es alles zusammen – irgendetwas drängte ihn wider besseren Wissens, diese monströse Kraft im Verborgenen schlafen zu lassen.
Doch stärker als der Wunsch, sich aus dem Staub zu machen, war der Zwang zum Handeln, der sich einfach nicht abschütteln ließ. Woher dieser Zwang rührte, wusste er selbst nicht, doch er ahnte, dass Rhapsody auf irgendeine Weise damit in Verbindung stand.