Выбрать главу

Sie war irgendwie in diese Sache verstrickt. Er würde ihre Hilfe nötig haben, weshalb er sie davon überzeugen musste, dass sie durchaus imstande war, dieses immense Vorhaben mitzutragen. Sie würde aus dem Vertrauen, das er in sie setzte, Kraft ziehen, auch wenn es letztlich nur vorgetäuscht war. Jeder Fehler, der ihnen unterlaufen würde, hätte fatale Folgen. Doch ähnlich verheerende Konsequenzen würde der unterlassene Versuch nach sich ziehen.

Rhapsody träumte von der Dunkelheit. Die Kerzenflamme flackerte, als die Tür zu ihrem Schlafzimmer knarrend aufging. Ihr Vater trat ein und setzte sich auf die Bettkante.

Alles in Ordnung, Kind?

Im Schlaf wälzte sich Rhapsody auf der Wurzel liegend zur Seite. Sie nickte.

Es ist dunkel, flüsterte sie wie damals schon. Ich habe Angst, Vater.

Er hob sie, in ihre Decke eingewickelt, vom Bett auf und trug sie nach draußen unter den von Sternen übersäten Himmel.

Dasselbe hab ich auch mit deiner Mutter getan, wenn sie sich fürchtete, was anfangs, als ihr bei uns noch alles fremd erschien, häufig der Fall war.

Hatte Mama auch Angst vorm Dunkeln?

Die Bartstoppeln des Vaters kratzten an ihrer Wange, als er schützend die Arme um sie legte und sie an sich drückte.

Nein, natürlich nicht. Sie ist eine Lirin, ein Kind des freien Himmels. Und der Himmel ist immerhin die halbe Zeit über dunkel. Sie hatte Angst, ihm entzogen und zwischen dunklen Mauern eingesperrt zu sein.

Schlafend faltete Rhapsody die kalten Hände und steckte sie zwischen die Knie.

Hast du deshalb das Fenster in das Dach eingebaut?

Ja. Schau in den Himmel. Siehst du die Sterne?

Ja, Vater. Wunderschön, nicht wahr?

Trotz der Dunkelheit konnte sie sein Lächeln erkennen.

Ob sie wohl auch so schön funkeln würden, wenn der Himmel ringsum nicht schwarz wäre?

Nein.

Wer das Schöne sehen will, muss auch den Schatten in Kauf nehmen. Merk dir das.

Sie glaubte zu verstehen, was er damit meinte. Es war wohl damals ganz ähnlich, als du Mama zu dir geholt hast und die Leute aus dem Dorf ihr so unfreundlich begegnet sind.

Das Lächeln schwand aus seinem Gesicht, so auch sein Strahlen.

Ja, genau so.

Wie ist es gekommen, dass die Leute ihre Meinung über unsere Familie geändert haben? Und warum bist du im Dorf geblieben, obwohl Mama so schlecht gelitten war?

Sie erinnerte sich an sein Gesicht, an die Fältchen, die sich bildeten, als er wieder zu lächeln anfing.

Man muss sich auch dem stellen, was nicht so angenehm und schön ist. Und das haben wir getan. Auch wenn du alles, was ich dir je gesagt habe, vergessen solltest, versuche dich bitte stets an Folgendes zu erinnern: Wenn du in deinem Leben findest, was dir wichtiger und teurer ist als alles andere, bist du es dir schuldig, dass du daran festhältst. Einen solchen Fund machst du kein zweites Mal, mein Kind. Lass dich durch nichts davon abbringen. Auf lange Sicht werden dir auch die Leute zustimmen, die dir anfangs etwas anderes einzureden versucht haben. Finde das, was wirklich zählt – alles andere ergibt sich von selbst.

Tränen tropften auf die schimmernde Wurzel. Sie hatte aufmerksam zugehört und sich die Worte des Vaters zu Herzen genommen. Und indem sie seinen Rat befolgt hatte, hatte sie alles verloren. Selbst ihn.

»Rhapsody?«

Der Name war so leise gesprochen, dass sie glaubte, ihn bloß in ihrer Einbindung gehört zu haben. Sie schlug die Augen auf und blickte in den dunklen Ausschnitt der Kapuze Achmeds. Er sah sie an. Sie nickte stumm.

»Ich habe eine Geschichte für dich. Deren Ende ist noch nicht geschrieben. Möchtest du sie hören?«

Langsam richtete sie sich auf und ergriff die ihr gebotene Hand. Wie schon an dem Tag, als sie sich ihr zum ersten Mal gereicht hatte, drückte diese Hand fest und entschlossen zu, doch war sie diesmal bloß und ohne ledernen Handschuh.

Sie glaubte einen Moment lang, immer noch zu träumen, doch sein Blick und seine Worte waren so klar, wie sie es sich niemals hätte einbilden können. Er half ihr auf und führte sie von dem schlafenden Riesen weg in einen geschützten Winkel.

»Dort hinten«, sagte er und zeigte ins Dunkle, »liegt ein Tunnel. Er ist ganz anders als diejenigen, durch die wir bislang gekommen sind, denn er ist nicht von einer Wurzel des Baums durchstoßen worden. Es hat ihn schon gegeben, lange bevor der Baum überhaupt gepflanzt wurde. Tief in diesen Tunnel steckt ein schlagendes Herz. Du hast mich oft gefragt, wieso ich so sicher sein kann, immer den richtigen Weg einzuschlagen. Die Antwort ist: Ich kann fast jeden Puls auf meiner Haut spüren. Dir macht Angst, was ich da sage; das ist deiner Miene zwar nicht anzusehen, aber mir fällt auf, dass dein Herz schneller schlägt. Falls du hier in die Irre laufen oder in einen Wurzelschacht stürzen solltest, würde ich dich finden, denn ich weiß, wie dein Herz schlägt.«

Rhapsody rieb sich die Augen; es war, als wollte sie vor allem den Verstand klar wischen. Die Worte, sanft gesprochen in der ihr nun schon vertrauten trockenen Stimme, waren so ganz anders als alles, was sie bisher aus Achmeds Mund gehört hatte. Sie achtete auf seinen Tonfall und entdeckte echtes Mitgefühl darin. Und Besorgnis. Und Furcht. Sie schüttelte den Kopf, weil sie noch immer glaubte, nicht richtig wach zu sein.

»Hör mir zu. Ich bin einem bestimmten Puls auf der Spur. Anfangs war es der des Baums, doch er änderte sich, als wir die Axis Mundi fanden. Diesem anderen Puls sind wir bisher gefolgt. Es ruht etwas Schreckliches an diesem Ort, etwas, das mächtiger und entsetzlicher ist, als du es dir vorzustellen vermagst und dessen Namen ich nicht einmal zu nennen wage. Was tief in diesem Tunnel, im Bauch der Erde schläft, darf auf keinen Fall aufwachen. Niemals. Verstehst du mich? Du hast gesagt, dass es dir möglich sei, Schlaf zu verlängern ...« »Manchmal.«

»Ja. Ich verstehe. Aber diesmal musst du es können.« Achmed musterte das Gesicht der Sängerin und sah, dass sie immer noch nicht wach und bei der Sache zu sein schien. Hatte er sich denn nicht ausreichend verständlich gemacht? Er musste ihr begreiflich machen, was er von ihr wollte. Allmählich begann er wie sie an ihren Fähigkeiten zu zweifeln, und er erinnerte sich: Sie hatte ihn umbenannt, ohne dass es ihre Absicht gewesen wäre, und sie, die drei, unsichtbar gemacht für die Feld- und Waldlirin. Und er glaubte auch eine Ursache dafür ausmachen zu können, nämlich die, dass sie ihre Studien allein hatte abschließen müssen, weil ihr Mentor ein Jahr vor der Frist verschwunden war.

Bei diesem Gedanken wurde ihm ganz flau. Tsoltan hatte einmal beiläufig davon gesprochen, über einen Benenner verfügt zu haben. Vielleicht bestand zwischen ihm, Achmed, und Rhapsody eine noch sehr viel länger zurückreichende Verbindung, als er angenommen hatte.

Seinem Plan gemäß hatte sie fast von Anfang an vom Fleisch der Wurzel gegessen, was mit Sicherheit nicht ohne Wirkung auf sie geblieben war. Es schien, dass sie – alle drei – schon ein Leben lang hier unten in den Tiefen der Welt zubrachten und doch um keinen Moment gealtert waren. Jedenfalls glaubte er das an den Schwingungen zu spüren, die er empfing. Der Baum, selbst aufs Engste mit der Zeit verbunden, hob ihre Wirkung auf. Mehr noch: Seit dem Einstieg in die Sagia waren die drei gesünder, kräftiger und jünger geworden.

Doch Rhapsody hatte noch eine weitere Veränderung durchgemacht und eine innere Kraft entwickelt, die ihm bei der ersten Begegnung nicht aufgefallen war. Ob diese Kraft von den langen Übungsstunden herrührte oder ein Geschenk der Wurzel war, blieb dahingestellt. Jedenfalls schien Rhapsody zu einer großen Benennerin heranzureifen. Und er hoffte sehr, dass ihnen allen damit geholfen wäre.