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»Ich müsste wissen, weshalb du von mir verlangst, dass ich Schlaf verlängere«, sagte Rhapsody leise.

»Du sprichst in Rätseln und versuchst, mir etwas zu verschweigen, was man auch als eine Art von Betrug bezeichnen könnte. Wie schon gesagt, liegt meine Kraft in der Wahrheit. Ich kann dir nicht helfen, solange du mich hinters Licht führst.«

Achmed stieß unwillkürlich einen Schwall Luft aus. Er starrte sie eine Weile an, als wollte er ihre Seele ausloten. »Du hast mich Achmed die Schlange genannt, weil du deine Verfolger mit diesem Namen einschüchtern wolltest. Stimmt’s?«

»Ja. Das habe ich schon zugegeben, und ich schäme mich immer noch dafür.«

»Aber nicht doch. Wer weiß, vielleicht war es mir nur deshalb möglich, den Tunnel zu finden. Als der Bruder war ich noch ausschließlich an das Blut von Männern und Frauen gebunden. Möglich, dass erst der Schlangenname, den du mir gegeben hast, es mir ermöglicht hat, dieses Herz schlagen zu hören. In der Vorzeit, als die Erde und das Meer entstanden, wurde der Urmutter aller Drachen, dem Urwyrm, ein Ei gestohlen. Wenn wir jemals wieder zurück ans Tageslicht gelangen, werde ich dir ihren Namen nennen. Es jetzt schon zu tun wäre nicht klug. Wie dem auch sei, dieses Ei wurde hier, in der Erde, versteckt gehalten, und zwar von dämonischen Wesen, die dem Feuer entsprungen waren. Mein ehemaliger Meister war einer von ihnen.«

»Der, von dem du den Schlüssel hast?«

»Pssst. Ja.« Sein Flüstern wurde noch leiser. »Der kleine Wyrm, der dem Ei entschlüpft ist, hat hier in den gefrorenen Tiefen der Erde gelebt. Er wurde größer und größer, bis er mit seinem Leib das Herz der Welt umschlingen konnte. Der Wurm ist ein angeborener Bestandteil der Erde, sein Körper Teil der Weltmasse. Noch schläft er, doch schon bald wird sich dieser Dämon regen und zur Oberfläche aufsteigen. Rhapsody, mir fehlen die Worte, dir zu erklären, wie groß er ist. Aber du verstehst vielleicht, wenn ich sage, dass der Stamm der Sagia nur ein Streichholz ist im Vergleich zu seiner Pfahlwurzel, nicht wahr?«

»Ja.«

»Die Pfahlwurzel aber ist verschwindend klein verglichen mit der Axis Mundi. Und im Vergleich zu diesem Wesen, das ich zu beschreiben versuche, ist die Axis Mundi nicht größer als eins deiner Haare. Es kann die ganze Erde verschlingen. Genau darauf haben es die Diebe angelegt, die das Ei hier versteckt haben. Es wartet nur noch auf den Befehl des Dämons, der bald erfolgen wird – dessen bin ich mir sicher.« Achmed blinzelte, und Rhapsody konnte sein Gesicht nicht mehr sehen. »Das weiß ich, weil der Dämon versucht hat, mich zu seinem Werkzeug zu machen.«

»Bist du deshalb davongelaufen?«

»Unter anderem, ja.«

Rhapsody lehnte sich zurück und betrachtete ihn mit neuen Augen. Bislang war sie wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass ihre beiden Gefährten einiges auf dem Kerbholz hatten und deshalb auf der Flucht waren. Das Gemetzel unter Michaels Männern hatte sie in dieser Vermutung aufs Drastischste bestätigt. Und doch ging von den beiden auch etwas Vornehmes aus. Der noble Zug an Grunthor war ihr sofort aufgefallen. Er hatte sich von Anfang an um sie gekümmert, Partei für sie ergriffen, ihr immer wieder geholfen und ihr Trost gespendet. Es war dessen Gefährte, dem sie allerhand Schlechtes zugetraut hatte – bis zu diesem Augenblick.

Wer das Schöne sehen will, muss auch den Schatten in Kauf nehmen. Merk dir das.

»Und anstatt einen großen Bogen um diesen Wyrm zu machen, bist du mit uns hierher gekommen, um ihn in Schach zu halten.«

»Ja, wenn das denn möglich ist.« Das ungleiche Augenpaar funkelte im Dunkeln. »Aber damit wäre nur Zeit gewonnen. Ihn vollständig zu vernichten wird weder uns noch irgendjemandem sonst jemals gelingen.«

Sie drückte ihre Fingerspitzen an die pochenden Schläfen. »Ich könnte versuchen, ihm ein Schlaflied zu singen, aber ob es auch wirkt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall müsste ich möglichst nah heran, damit er mich auch hört.«

Aus dem Kapuzenausschnitt erklang ein Seufzer. »Das war zu befürchten. Wir, Grunthor und ich, haben diese Möglichkeit schon in Erwägung gezogen.«

»Und er war nicht einverstanden, oder? Deshalb hast du wohl auch gewartet, bis er schläft, um mit mir zu reden.«

»Wie scharfsinnig von dir. Ich werde womöglich noch mein Urteil über dich revidieren müssen.«

»Ich hätte da eine Idee, aber dazu brauchte ich meinen Rucksack«, sagte sie schmunzelnd. »Damit Grunthor nicht aufwacht, wär’s wohl besser, du holst ihn.«

»Ehe du etwas Dummes anrichtest, würde ich gern hören, was du vorhast«, sagte Achmed, als er ihr das Gepäck reichte und sich an eine Nacht vor langer Zeit erinnerte, da sie im licht einer abgedeckten Feuerstelle auf den Feldern außerhalb von Ostend ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Ich frage dich noch einmal, Sängerin: Wozu bist du imstande? ...Ich weiß, was wahr ist, und kann, indem ich die Wahrheit ausspreche, Dinge verändern.

Als ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, blickte er wieder zu ihr auf. Rhapsody löste die Schnallen der sackleinenen Schutzhülle ihrer Bauernharfe.

»Danke für das Vertrauen, das du mir entgegenbringst.« Sie zog die Hülle ab und brachte das Instrument zum Vorschein. Es hatte trotz der beschwerlichen Reise keinen Kratzer abbekommen. »Du sagtest, die Bestie würde irgendwann gerufen.«

»Ja.«

»Was, wenn sie diesen Ruf nicht hört?« Weil Achmed nicht so recht zu verstehen schien, versuchte sie es mit einer anderen Wendung. »Wer etwas rufen will, muss wissen, wie es heißt. Ich kenne den Namen natürlich nicht, aber wenn wir dafür sorgen könnten, dass der Ruf ungehört bleibt, würde die Bestie vielleicht weiter schlafen und keine Antwort geben. Fürs Erste jedenfalls.«

In Achmeds Gesicht zeigte sich der Anflug eines Lächelns. »Und wie willst du das anstellen?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber wenn es so weit ist, wird mir schon etwas einfallen.«

Vorsichtig und schweigend krochen sie über die riesige, schimmernde Wurzel und ließen sich Zeit dabei, um möglichst jedes Geräusch zu vermeiden. Schließlich gelangten sie an den Rand der Wurzel, stiegen ab und betraten zum ersten Mal das schwarze Basaltgestein, durch das die Axis Mundi verlief. Im schattigen Hintergrund öffnete sich ein gewaltiger Tunnel, dessen Umrisse in der Dunkelheit nicht auszumachen waren.

Je weiter sich Rhapsody dem Tunnel näherte, desto kälter wurde ihr, und als die Öffnung fast erreicht war, erkannte sie auch den Grund dafür.

Aus der Tiefe der kreisrunden Höhle blies ihr ein eisiger Wind entgegen, der ihr die klammen Kleider am Leib gefrieren ließ.

»Himmel«, flüsterte sie. »Wie ist das möglich?«

Achmed wandte sich ihr zu und sprach leise und mit Bedacht: »Die dämonischen Geister haben, nachdem sie das Ei hier versteckt hatten und an die Oberfläche zurückgekehrt waren, das Element des Feuers mit sich genommen. Sie wollten den Wyrm zu seiner größtmöglichen Leibesfülle heranwachsen lassen, ehe er dann, aus seinem Winterschlaf erweckt, ans Licht und zum Feuer an der Oberfläche drängen würde.« Seine ohnehin raue, trockene Stimme rasselte in der kalten Luft.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

Schmunzelnd antwortete er: »Mir ist danach, mich selbst in den Winterschlaf zu begeben.«

»Was soll das heißen?«

Er lehnte sich nahe an sie heran, damit sie sein Flüstern hören konnte. »Du warst es doch, die mich Achmed die Schlange genannt hat.«

Besorgt hob Rhapsody die Hand und wischte den Reif ab, der sich auf seinem Gesicht gebildet hatte. Seine Bewegungen waren inzwischen extrem langsam geworden und drohten gänzlich zum Stillstand zu kommen. »Gütiger Himmel«, hauchte sie. Er steckte in der Falle und verwandelte sich den Reptiliennamen an, den sie ihm gegeben hatte.

Was habe ich da bloß getan?, jammerte sie im Stillen und sah ihn ganz und gar erstarren. Wenn ich versage und die Schlange erwacht, wird er nicht mehr fliehen können und ihr erstes Opfer sein – nein, ihr zweites.