»Komm«, sagte sie und ergriff seine steif gefrorene Hand. »Hier kannst du nicht bleiben. Ich führe dich zurück.«
Mit dem letzten Rest an Beweglichkeit, die ihm noch verblieben war, schüttelte er den Kopf und hielt den starren Blick auf sie gerichtet.
»Rhapsody«, flüsterte er unter größter Anstrengung. »Tu, was zu tun ist. Ich werde hier so lange warten.« Sein Tonfall ließ keine Widerworte zu.
Sie starrte in den Tunnel. »Kannst du immer noch seinen Herzschlag spüren?« Er bejahte ihre Frage, indem er zweimal mit den Augen zwinkerte. »Gut. Dann kann’s von mir aus losgehen. Gib mir Bescheid, sobald es auf mich reagiert – und für den Fall, dass es aufzuwachen droht. Ich werde ganz behutsam anfangen, um notfalls gleich wieder abbrechen zu können. Vorher muss ich allerdings noch herausfinden, welche Richtung der Tunnel einschlägt.«
Sie setzte die Harfe ab und schlich auf Zehenspitzen durch den riesigen Höhleneingang. Die Wände standen weiter auseinander, als ihr Blick im Dunkeln reichte. Auch das hohe Gewölbe war nicht zu sehen. Mit ausgestrecktem Arm tastete sie nach der Wand und beugte sich nach vorn, um den Neigungswinkel abschätzen zu können. Die Oberfläche fühlte sich sandig und kalt an. Der Tunnel führte abwärts, so viel stand fest. Rhapsody kehrte an die Stelle zurück, wo Achmed wartete.
»Der Wyrm scheint noch weit entfernt zu sein«, flüsterte sie. »Unmöglich, ihn von hier aus zu erreichen.«
Achmed mühte sich, etwas zu sagen. »Die Tunnel... wand...«
Sie rückte mit ihrem Ohr dicht an seine Lippen heran. »Was ist damit?«
» ... ist eine ... Schuppe ... seiner Schlangenhaut.«
Das Blut drohte ihr in den Adern zu gefrieren, als ihr dämmerte, was er meinte. Zwar hatte er schon erklärt, dass der Schlangenleib einen Großteil der Erdmasse ausmachte, doch ihr war nicht in den Sinn gekommen, dass auch die Höhlenwand selbst dazugehören könnte. Wenn sie denn nun bloß ein winziger Teil dieses Lindwurms war, so würde ihn wahrhaftig nichts aufhalten können, wenn er sich erhöbe. Und sie hatte ihn mit der Hand berührt!
Rhapsody musste schwer an sich halten, um dem Gefühl von Panik und Ekel nicht nachzugeben. Sie setzte sich auf den Boden, nahm die Harfe zur Hand und versuchte, ihren Kopf freizumachen für die diffuse Musik, die in der Luft lag. Es dauerte nicht lange, und sie konnte das monotone Summen in gleichmäßigen Abständen um einen Halbton auf- und abschwingen hören – das Begleitgeräusch eines tiefen Schlafes.
In derselben Tonart stimmte sie nun das einfachste Schlaflied an, das sie kannte, den Blick auf Achmed gerichtet für den Fall, dass er ihr einen Hinweis auf eine Reaktion des Wyrms zu geben versuchte. Doch in seinem gefrorenen Körper gefangen, starrte er sie bloß mit ausdruckslosen Augen an und regte sich nicht.
Die Melodie durchwebte die Musik in der Luft. Nach einer Weile fügte Rhapsody ein harmonisches Element hinzu und stellte fest, dass sich die Luft ringsum ein wenig erwärmte. Auf ihren fragenden Blick hin zwinkerte Achmed einmal mit dem Auge. Noch war alles beim Alten geblieben.
Sooft sie von streunenden Gedanken bedrängt wurde, machte sie sich mit einem Kopfschütteln davon frei. Es war jetzt unerlässlich, dass sie ihr Vorhaben ungestört zu Ende brachte. Ein Fehler würde unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen.
Wenn der Dämon den Wyrm riefe, würde er ihn bei seinem Namen nennen, und dieser Name würde ganz genau einem Klangmuster entsprechen, das zu den musikalischen Schwingungen passte. Es galt nun, diese Schwingungen ein wenig abzuwandeln, sie auf ein Lied umzustimmen, das den Namensruf verzerrte.
Wenn Musik in den Ohren schmerzen soll, muss sie nicht etwa krass, sondern nur ein kleines bisschen von der harmonischen Stimmung abweichen, hatte ihr Mentor sie gelehrt. Gelang es ihr demnach, ganz sachte von der richtigen zur falschen Intonation hin zu wechseln, würde der Wyrm dies hoffentlich nicht merken.
Rhapsody atmete im Takt zur Musik und konzentrierte sich auf die Rhythmen ihres Körpers. Alles Zeitgefühl schwand dahin wie damals in den Weiten Marschen. Wie lange sie die Harfe spielte, war ihr nicht bewusst; immer und immer wieder schlug sie den monotonen Refrain an und wandelte ihn mit jeder Wiederholung kaum merklich ab. Sie gestaltete ihn als einen Rundgesang, der ohne Anfang war und ohne Ende.
Als sie schließlich auch noch den Rhythmus um eine Winzigkeit verschob, sperrte Achmed plötzlich seine Augen weit auf. Das Herz hatte einen Satz gemacht, und es ging eine mächtige Flutwelle durch den Ozean des Schlangenblutes. Achmed zwinkerte wie wild.
Rhapsody achtete nicht auf ihn. Sie war mit all ihren Sinnen auf das Lied konzentriert, das ein Teil ihrer selbst geworden war. Sie spielte weiter die Harfe und änderte die Tonart um einen weiteren Halbton.
Die Tunnelwand zitterte, als sich die große Bestie einmal kurz im Schlaf regte. Die Luft wurde merklich kälter, der Herzschlag verlangsamte sich. Achmed schloss die Augen und seufzte; allzu gern hätte er das gefährliche Spiel abgebrochen.
Es waren schon mehrere Stunden vergangen, als Rhapsody endlich aufstand. Sie war völlig erschöpft, spielte aber weiter und kehrte unterdes an den Tunneleingang zurück.
Samoht, sagte sie, an ihr Instrument gerichtet. Spiel auf ewig weiter.
Der Harfenklang setzte sich fort, auch als ihre Hand von den Saiten abließ. Immer und immer wieder ertönte der Refrain. Vorsichtig legte Rhapsody das Instrument auf den Boden ab und trat zurück. Es spielte von selbst weiter. Samoth.
Rhapsody war schrecklich müde, riss sich aber zusammen und eilte zu Achmed, der die Augen wieder geschlossen hatte. Auf die Zehenspitzen aufgerichtet, sang sie ihm seinen Namen ins Ohr.
»Achmed die Schlange, warm; komm zurück.« Achmed blinzelte, rührte sich aber nicht. Die gesungene Aufforderung blieb ohne Wirkung auf ihn.
Erschöpft wie sie war, konnte sich Rhapsody kaum mehr auf den Beinen halten. Sie packte ihn aber bei den Händen und zerrte mit der ganzen, ihr verbliebenen Kraft an ihm.
»Komm, bitte.«
Aber er hörte sie nicht. Verzweifelt versuchte sie, ihn von der Tunnelmündung wegzuschleifen, doch all ihr Zerren führte nur dazu, dass Achmeds gefrorener Körper umkippte und der Länge nach auf dem harten Boden aufschlug.
Tränen stiegen ihr in die Augen, doch allein das Weinen strengte sie so sehr an, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Grunthor. Sie musste Grunthor rufen.
Mit Tränenverschleiertem Blick stolperte sie zur Wurzel zurück, die sie mit letzter Kraft erreichte. Dann aber brach sie auf der schimmernden Oberfläche zusammen. Außer Stande, sich zu erheben, lag sie da, das Ohr am summenden Boden. Das Lied der Wurzel schenkte ihr Erleichterung und Trost. Rhapsody holte tief Luft. Es war nicht das erste Mal, dass ihr die Musik neue Kraft geschenkt hätte. Sie stimmte ihren Namen gebenden Grundton an, ela, und versuchte, ihn mit der tönenden Weise des Baums in Einklang zu bringen.
Nach einer Weile fühlte sie sich so weit erholt, dass sie zumindest aufstehen konnte. Grunthor war bestimmt ganz in der Nähe. Sie musste ihn finden, und zwar rasch.
Das Lied der Wurzel im Ohr, plagte sie sich mit gesenktem Kopf Schritt für Schritt vorwärts, bis sie plötzlich von einer schweren Hand aufgehalten wurde.
»Gnädigste, was ist?«
»Achmed«, stieß sie hervor und blickte zu Grunthor auf, dem der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand. »Hilf mir, ihn zurückzuholen.«
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, nahm der Riese Rhapsody in seine Arme und rannte den Weg zurück, den sie gekommen war.
Achmed lag immer noch reglos am Boden, als die beiden den Eingang zum Tunnel erreichten. Rhapsody betastete sein Gesicht, suchte nach Lebenszeichen und war überglücklich zu sehen, wie aus der erstarrten Maske die ihr nun schon vertrauten mürrischen Züge zum Vorschein traten. Der Bolg-Sergeant hatte inzwischen seinen schweren Mantel abgelegt, um ihn dem Gefährten überzuziehen, wozu er ihn vom Boden hob, aufrichtete und den steif gefrorenen Körper an seine Brust lehnte.