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»Kommst du allein klar, Herzchen?«, fragte Grunthor.

Rhapsody nickte, ohne Achmed aus dem Auge zu lassen, in dessen Gesicht langsam ein Hauch von Farbe zurückkehrte. Bald schien es, dass er die Glieder wieder aus eigener Kraft bewegen konnte. Und tatsächlich: Er beugte sich ein Stück nach vorn und flüsterte ihr ins Ohr.

»Sieh nur.«

Sie drehte sich um und starrte in den Tunnelabschnitt, durch den nun Lichtstrahlen drangen, so dünn wie Spinngewebe. Mit jedem Refrain bildete sich ein neuer, bogenförmiger Lichtstrahl.

»Die Klänge gefrieren«, murmelte sie fasziniert.

Mit jeder neuen Runde wurden die Strahlen dicker, die Töne des Liedes lauter. Sie lagen inzwischen drei Halbtonschritte höher als zu Anfang und waren, wie Rhapsody hoffte, dazu angetan, den Namen für den Dämon unkenntlich zu machen. Dem tönenden Kehrreim entsprangen immer weitere seidene Strahlen. Und sie alle schwangen wie die Saiten der Harfe in Resonanz zur Melodie, aber jeweils um Sekundenbruchteile versetzt.

»Bald wird hier alles schrecklich durcheinander klingen«, meinte Rhapsody.

Grunthor nickte. Schon jetzt hörte es sich an, als wäre einem Orchester der Dirigent abhanden gekommen, worauf nun jeder Musiker sein eigenes Tempo durchzusetzen versuchte.

»Komm, Herzchen, lass uns von hier verschwinden«, sagte er.

13

Kaum hatten sie den Wyrm-Tunnel hinter sich gelassen, lebte Achmed wieder auf. Er konnte sich bald wieder frei bewegen, bestand darauf, ohne Hilfe zu gehen, und lauschte wie zuvor dem dumpfen Pulsieren. Daran hatte sich nichts geändert.

Die drei machten sich nun weiter daran, einen Ausstieg aus der Erde zu finden, und dass sie unterwegs kaum ein Wort miteinander wechselten, war mittlerweile fast schon zur Gewohnheit geworden. Achmed schwieg sich aus über die Begegnung mit dem Wyrm, und Rhapsody wagte es nicht, ihn darauf anzusprechen. Sie ahnte, dass er noch einige innere Kämpfe mit sich auszutragen hatte, hoffte aber, dass er später von sich aus die Sprache darauf bringen würde.

Über eine lange Strecke nahm der Wurzeltunnel einen fast durchweg geradlinigen Verlauf. Es gab nur ganz wenige Richtungsänderungen, doch mal ging es bergan, mal bergab, was zweifellos daher rührte, dass sich der Grundwasserspiegel im Verlauf des Wurzelwachstums immer wieder verschoben hatte. Mit zunehmender Tiefe schien der Tunnel meist auch größer zu werden, häufig so groß, dass sie sich aufrecht darin fortbewegen konnten.

Ab und an gelangten sie in weite, offene Räume, über die sich ein hohes Gewölbe spannte. Dort konnten sie endlich tief durchatmen. Grunthor vermutete, dass die Wurzel an solchen Stellen vormals große Mengen Wasser aufgesogen hatte und entsprechend dick angeschwollen war, um dann später wieder schrumpfend Weiterzuwachsen. Diese hohen Räume waren besonders gefährlich, denn es kam nicht selten vor, dass Teile der Wände einstürzten. Häufig wimmelte es auch gerade hier vor Ungeziefer und Gewürm.

»Sie kommen.« Achmeds Stimme weckte Rhapsody aus tiefem Schlaf. Benommen griff sie nach ihrem Schwert Lucy. Die drei hatten in einer weiten Höhle ihr Lager aufgeschlagen, die so viel Spielraum bot, dass sie frei und ungehindert ihre Waffen führen konnten.

Obwohl es ihr mittlerweile fast schon zur lästigen Routine geworden war, sich der widerlichen Würmer zu erwehren, war es immer noch so, dass ihr Achmeds Warnung kalte Schauer über den Rücken laufen ließ. Doch die vielen in den Straßen der Großstadt zugebrachten Jahre hatten ihr die Kraft gegeben, sich auch abstoßenden Notwendigkeiten zu stellen, und so streifte sie die Strähnen aus dem Gesicht und blickte nach vorn in die Dunkelheit.

Nimmt das denn überhaupt kein Ende?, fragte sie sich, als die Würmer näher krochen. Rhapsody hatte gelernt, sie im Dunklen zu bekämpfen, denn Licht brachte das Gewürm nur noch mehr auf und führte dazu, dass es umso schneller und wütender angriff. Wie oft müssen wir das noch über uns ergehen lassen?

Im matten licht der phosphoreszierenden Flechten an den Höhlenwänden ließ sich erkennen, dass die Würmer über die Wurzel aus der Tiefe gekrochen kamen. Sie breiteten sich auf ihr aus wie ein dickes Leichentuch, schwärmten aus und fielen schließlich von den Wurzelzweigen aus dem Gewölbe auf sie herab.

Die drei standen in Bereitschaft. Grunthor hatte seinen Lopper gezogen, Achmed hielt eine dünne, silbrig schimmernde Klinge in der Hand, der er noch keinen Namen gegeben hatte. Die Würmer tropften einer nach dem anderen herab, und dann zuhauf wie welke Blätter im Herbst.

Rhapsody und ihre drei Begleiter mussten sich längst nicht mehr aufeinander absprechen. Sie bildeten einen Kreis und schlugen nach Kräften auf das Gewürm ein. Achmed wusste sein Schwert so schnell zu führen, dass er sich wohl auch allein hätte behaupten können. Rhapsody und Grunthor hingegen waren aufeinander angewiesen und koordinierten ihre Gegenwehr. Mal schlug der Bolg zu und gab der Sängerin Gelegenheit auszuweichen, und dann war sie an der Reihe, während er sich vor den schmerzhaften Bissen in Sicherheit brachte. Nicht immer ging diese Taktik auf. Manchmal trafen ihre Hiebe auch ins Leere, doch meistens hatten sie Erfolg. Die kriechende Masse drängte näher. Bald würden es die drei nicht länger mit einzelnen Würmern zu tun haben, sondern mit einem gefräßigen Ganzen, das sich ihnen entgegenwarf. Achmed blieb es überlassen, die Attacken von oben abzuwehren, während sich Rhapsody und Grunthor auf das Gewimmel am Boden konzentrierten.

Rhapsody deckte die linke Seite ab, Grunthor die rechte, und Achmed sah zu, dass ihnen die von oben herabfallenden Schmarotzer nichts anhaben konnten.

Mehr als alles andere waren für Rhapsody gerade diese gemeinsam ausgefochtenen Kämpfe eine überzeugende Demonstration dafür, dass sich zwischen ihnen dreien mit der Zeit ein festes Vertrauensverhältnis entwickelt hatte. Achmeds Klinge zischte über ihre Köpfe hinweg, um sie vor den Bissen zu bewahren, die nicht nur schmerzhaft waren, sondern auch ein Gift übertrugen, das ein dauerhaftes Jucken und Brennen verursachte und nicht selten gar zu Fieberkrämpfen führte. Achmed musste sich voll und ganz darauf verlassen können, dass die Gefährten ihm die herankriechenden Massen vom Leibe hielten. Mitten im Gefecht wunderte sich Rhapsody manchmal darüber, dass drei so unterschiedliche Personen zu einem so schlagkräftigen Kampftrupp hatten zusammenfinden können, einem Verband, in dem sie inzwischen ein gleichberechtigter Partner war. Von den Schwertern getroffen, zerplatzten die Würmer mit einem scheußlichen Geräusch, und es entströmte ihnen ein Saft, dessen ekliger Gestank noch lange Zeit nach dem Kampf in den Kleidern hing. Es war ein ums andere Mal ein grauenvoller Albtraum, der erst mit dem letzten noch lebenden Wurm zu Ende ging. Wenn ein solcher Angriff schließlich – so wie jetzt – glücklich überstanden war, ließ sich Rhapsody erschöpft zu Boden fallen – nicht ohne vorher die Kadaver zwischen den Füßen weggetreten zu haben.

Jetzt galt es, die Klingen zu putzen und den ganzen Körper gründlich absuchen, denn womöglich hatte sich der eine oder andere kleine Wurm an irgendeiner verdeckten Stelle in der Haut festgebissen. Sie würden reglos warten, bis ihr Opfer eingeschlafen wäre, um sich dann mit ihren violetten Köpfen in den Körper zu bohren, Blut zu saugen und Krankheit und Schmerz zu verbreiten.

Rhapsody hatte, einem Ratschlag Grunthors folgend, einen ihrer Daumennägel lang wachsen lassen, um damit die zwischen den Nähten der Kleider steckenden Parasiten besser unschädlich machen zu können. Das war, wie sie erfuhr, auch der eigentliche Grund für die Klauen der Bolg: Sie eigneten sich bestens zum Entlausen.

»Und ich dachte, damit würdet ihr eure Gegner zerfleischen«, hatte sie gestanden.

»Dazu sind sie auch ganz gut«, hatte er grinsend zur Antwort gegeben.

Als sie mit ihrer Leibesvisitation fertig war und aufblickte, sah sie Achmed vor sich ins Leere starren.