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»Was ist los?«

Achmed wandte sich Grunthor zu. »Ist dir auch aufgefallen, dass sie in letzter Zeit in immer größeren Mengen aufkreuzen?« »Ja.«

»Vielleicht liegt’s an der Hitze.« »Hitze?«, fragte Rhapsody irritiert.

Achmed schien sich über sie zu wundern. »Ja, spürst du denn nichts davon?«

Darauf aufmerksam gemacht, fiel auch ihr auf, dass die Luft ein wenig wärmer geworden war. »Jetzt merk ich’s auch.« »Da ist ein Feuer in der Nähe, ich fühl’s genau«, sagte Grunthor. Rhapsodys Blick verdüsterte sich. »Ein Feuer an der Wurzel? Könnte es von irgendwelchen Bergwerken herrühren oder von einem Vulkan vielleicht?«

»Vielleicht«, antwortete Achmed gelassen. »Es könnte aber auch sein, dass wir dem Mittelpunkt der Erde näher gekommen sind. Es heißt, dass er aus Feuer besteht.«

Unwillkürlich schnappte Rhapsody nach Luft. Sie hatte auch davon gehört, und der Gedanke daran ließ ihren Mut sinken.

Wenn sie sich jetzt erst dem Kern näherten, hatten sie nicht einmal die Hälfte der Strecke bewältigt. Außerdem wäre an dem Feuer kein Vorbeikommen. Wenn der Weg durch die Mitte führte, liefen sie geradewegs in eine Falle.

»Kommst du?« Achmeds Stimme riss sie aus ihren sorgenvollen Gedanken.

Sie stand auf, dehnte die verspannten Muskeln der Beine und im Rücken. »Mir wird nichts anderes übrig bleiben.« Sie steckte das Schwert in die geschulterte Scheide und setzte sich in Bewegung. Es dauerte nicht lange, und sie gerieten erneut in Schwierigkeiten. Von einem Feuer war zwar nichts zu sehen, aber es wurde immer heißer. Anscheinend näherten sie sich tatsächlich einer infernalischen Hitzequelle.

Rhapsodys Haare, in letzter Zeit stets feucht und strähnig, waren jetzt verfilzt und strohtrocken. Die von der Feuerquelle ausstrahlende Hitze trocknete auch ihre Kleider aus, die nach so langer Zeit unter Tage nicht viel mehr waren als zerfetzte Lumpen. Mit der Wärme kamen Schmerzen und Tröstung zugleich. Den Knochen und Gelenken tat sie gut, die Haut aber wurde spröde und rissig.

Hinzu kam, dass sich das Lied der Erde hier veränderte. Das einzig Angenehme ihrer Reise durchs Dunkle waren die Momente, wenn sie sich flach auf den Boden legte und die tiefen, modulierten Schwingungen auf sie übergehen spürte, jenes Lied der singenden Wurzel, das die unendliche, kollektive Weisheit der Zeit als Echo widerhallen ließ. Dieses Lied war melodiöser und bewegter geworden.

»Ich frage mich, ob es der Wurzel besser geht, wenn keine Schmarotzer in der Nähe sind«, sagte sie.

»Fühlst du dich nicht auch wohler?«, entgegnete Grunthor.

»Wir haben diesem Geschmeiß jedenfalls mächtig zugesetzt und seine Gesamtzahl um einiges zurückgestutzt«, sagte Achmed und sah sich zwischen den Basaltwänden um.

»Aber nicht ganze Arbeit geleistet – ihr zwei lebt schließlich noch«, frotzelte Rhapsody. Achmed schmunzelte und zeigte eine Miene, die sie vorher noch nicht bei ihm gesehen hatte. Wie die Wurzel so schienen die drei Gefährten neu aufzuleben.

Es dauerte noch eine Weile, bis das Feuer in Sicht kam. Längst hatten sie alle Mittel und Möglichkeiten der Zeitbestimmung verloren, und so war es ihnen unmöglich einzuschätzen, wie lange sich die Hitze schon bemerkbar machte, ohne dass ihre Quelle tatsächlich zu sehen war. Rhapsody aber war inzwischen der bolgischen Sprache mächtig, und Grunthor konnte nun nicht nur schreiben, sondern verstand sich auch auf Kalligrafie und Notenschrift.

Wie viel Zeit ist schon vergangen? Ein Jahr? Mehr?, fragte sich Rhapsody eines Nachts im Stillen. So lange haben wir die Hitze bestimmt schon gespürt. Sie begann daran zweifeln, dass sie die Feuerquelle jemals zu Gesicht bekommen würde.

Ein fernes Glimmen indes ließ sie aufmerken. Die Felsen am Rand des Tunnels fingen in einem dunklen Rot zu schimmern an, die schon seit so langer Zeit empfundene Hitze nahm noch zu. Dass sie eine halbe Ewigkeit durch klamme Kälte gekrochen waren, hatten sie fast schon vergessen. Es gab zwar noch reichlich Wasser, aber das Erdreich ringsum war trocken; die Hitze hatte ihm alle Feuchtigkeit entzogen.

Die gestiegene Temperatur machte das Vorankommen leichter, barg aber auch zusätzliche Gefahren. Manchmal fingen die Kleider oder das Gepäck gar zu schwelen an; das Metall der Waffen war so heiß, dass man sich fast die Finger daran verbrannte. Trinkwasser zu finden wurde immer schwerer, was sie sehr besorgt machte.

Schließlich hielt Achmed an und ließ die anderen zu sich aufschließen. »Feuer«, sagte er einfach nur. Grunthor spähte in die Ferne und schüttelte den Kopf. Auch Rhapsody konnte nichts erkennen, aber sie wusste längst, das Achmed sehr viel schärfere Augen hatte und vor allem im Dunkeln besser sehen konnte.

Sie gingen weiter und weiter, und schließlich sah auch Rhapsody flackernden Flammenschein im Tunnelausschnitt vor sich. Der spröde Boden, das heißt die Wurzel, auf der sie sich bewegten, riss unter dem Gewicht ihre Schritte stellenweise auf. Ungemein hoch wölbte sich nun die Decke über ihren Köpfen. Je weiter sie vorwärts drangen, desto deutlicher wurde, dass der gesamte Stollen, den sie passieren mussten, unter Flammen stand.

Das Feuer im Erdkern brannte in tausend schillernden Farben, aber doch auch merklich weniger hell als ein Feuer in frischer Luft. Blau und violett und weiß zuckten und wanden sich die Flammen umeinander, erreichten jeden Winkel und zwangen ihr Licht und ihre fließende Glut in jede Öffnung, jeden Spalt. Rhapsody stand und staunte, verzückt über den Anblick, musste aber bald die Augen schließen, um sich vor dem heißen Glanz zu schützen.

»Verfluchter Hrekin«, knurrte Grunthor. »Wir stecken in der Falle. Da hätten wir genauso gut in Ostend bleiben können.«

Achmed schwieg.

Mit geschlossenen Augen hörte Rhapsody zu, nicht den enttäuschten Gefährten, sondern dem Lied des Feuers. Anders als der tiefe, dumpfe Ton der Erde rauschte und kollerte das Feuerlied voller Lebenskraft und sang eine Melodie, schöner als alles, was sie in letzter Zeit gehört hatte. Die Musik rief Erinnerungen in ihr wach, die so süß waren, dass sie fast wehtaten, Erinnerungen an Abende vor dem Kaminfeuer, wo sie sich von der Mutter die Haare hatte bürsten lassen, an Erntefeuer, um die sie ausgelassen herumgetanzt war, an ihren ersten Kuss im Schein eines Lagerfeuers unter herbstlichem Himmel. Die leuchtende Glut schimmerte auf ihrem Gesicht und ließ die zerzausten Haare wie eine Aureole erstrahlen. Aus den Flammen tönte ein Ruf, eine Aufforderung zum Tanz, der sie liebend gern nachgekommen wäre. Unwillkürlich trat sie einen Schritt vor.

Starke, knorrige Hände packten sie bei der Schulter und wirbelten sie herum. Erschrocken schlug sie die Augen auf.

»Was tust du da?«, zischte Achmed und musterte sie mit entrüsteter Miene. »Wo willst du hin?«

Noch ehe sie über eine Antwort nachgedacht hatte, purzelte das Wort über ihre Lippen.

»Vorwärts.«

14

»Ich geh da einfach durch«, sagte sie. Grunthor lachte laut auf.

»Ja, wenn du dir unbedingt das Leben nehmen willst?! Ich könnte dir zur Hand gehn und dafür sorgen, dass von deinem leckren Fleisch nichts vergeudet wird«, spottete er. »Im Ernst, komm zu dir.«

»Hört zu«, entgegnete Rhapsody ein wenig gereizt. »Ich werde auf keinen Fall umkehren. Das wäre auch gar nicht möglich. Ihr erinnert euch wohl, dass einige Stollen hinter uns verschüttet sind. Der Rückweg ist uns versperrt. Es bleibt uns nur der Weg nach vorn.«

»Und wie sollen wir das schaffen? Was schlägst du vor?«, fragte Achmed mit ernster Miene. Zumindest gab er sich ernst.

Rhapsody holte tief Luft. Ihr war klar, dass das, was sie sich zu sagen anschickte, verrückt klingen musste. »Wisst ihr noch, was ich über das Geheimnis der Namen verraten habe, wie sie uns zu dem machen können, was wir einmal gewesen sind?«

»Vage.«

»Nun, ich habe eine Weile darüber nachgedacht und bin mittlerweile überzeugt davon, dass wir nur eine einzige Chance haben: Wir müssen uns umhüllen mit dem Lied unserer Namen und können dann nur noch darauf hoffen, auf der anderen Seite in unseren alten Zustand zurückverwandelt zu werden.«