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»Bitte nach Euch, Gnädigste«, gluckste Grunthor.

»Selbstverständlich«, beeilte sie sich zu antworten. »Darauf bestehe ich sogar.«

»Du willst wirklich raus aus diesem Tunnel«, sagte Achmed in einem Tonfall, der eine Mischung war aus Sympathie und Sarkasmus. Rhapsody nannte sie Symparkasmus.

»Hast du eine bessere Idee?«

Sie nahm auf der Wurzel Platz, schnallte den Tornister ab und holte ihre Higen daraus hervor, ein handtellergroßes Saiteninstrument in der Form einer winzigen Harfe. »Wenn ich es schaffe, mich durchzuschlagen, werde ich zurückkommen, um euch zu holen.« Sie klopfte den Schmutz von dem zerfetzten Umhang und stand auf. »Falls ich es nicht schaffen sollte, wird euch immerhin klar sein, dass ihr etwas anderes versuchen müsst.«

Grunthor schüttelte den Kopf und starrte auf das Inferno. »Das ist mir sowieso klar, dafür musst du nich dein Leben wegwerfen.«

»Lass sie doch gehen«, sagte Achmed leise.

Rhapsody lächelte. »Danke. Falls ich es nicht schaffe, seid ihr mich endlich los.«

Grunthor war merklich verärgert. »Wenn ich dich je hätte los sein wolln, wärst du schon lange nich mehr da. Ich hätte dir mit einer Hand den Hals umdrehn können, und es war um dich geschehn.«

Sie schlang ihre Arme um den Riesen und spürte, dass er zitterte. »Das dürfte dir inzwischen nicht mehr ganz so leicht sein. Immerhin habe ich zwischenzeitlich ein ziemlich gutes Schwertkampftraining absolviert.« Sie schmiegte sich enger an ihn, worauf er sie in die Arme schloss.

»Auf Wiedersehen, Grunthor. Und mach dir keine Sorgen. Ich werde zurückkommen.«

Er trat einen Schritt zurück, blickte auf sie herab und rang sich ein Lächeln ab. »Ich dachte, du dürftest immer nur die Wahrheit sagen.«

»So ist es«, sagte sie leise und tätschelte seine Wange. Dann wandte sie sich dem verhüllten Mann zu, der sie nach wie vor irritierte und gewissermaßen Schuld daran war, dass sie hier, tief in der Erde, eingeschlossen war.

»Auf Wiedersehen, Achmed.«

»Beeil dich«, antwortete er. »Allzu lange werden wir nicht auf dich warten.«

Rhapsody lachte laut auf. »Das nenne ich einen charmanten Anreiz.« Sie schulterte ihr Gepäck und marschierte geradewegs auf das Inferno zu. Die beiden Bolg schauten ihr nach und sahen ihren kleinen Schatten vor den fauchenden Flammen größer werden, bis sie schließlich in der Wand aus flirrender Hitze und licht verschwand.

Als sie die Hitze nicht mehr ertragen konnte, schloss sie die Augen und hob die Higen an ihre Brust. Die winzigen Saiten glühten und versengten ihr die Fingerkuppen, als sie an ihnen zupfte und das richtige Lied, eines, das ihr Wesen ausmachte, anzustimmen versuchte.

Sie kannte die eine Note, die in ihrer Seele widerhallte, ela, den sechsten und letzten Ton der Tonleiter. Jede Person ist auf einen bestimmten Ton eingestimmt, hatte ihr Lehrer doziert. Zu erfahren, welcher ihr Ton war, hatte Rhapsody als das sechste und letzte Kind in ihrer Familie sehr amüsiert. Im Übrigen traf die Note wirklich auf sie zu; sie erschien ihr durchaus sinnvoll. Sie stimmte diesen Ton nun an, spürte die vertrauten Schwingungen. Die Melodie wiederzugeben, die ihr Wesen beschrieb, war weniger einfach, weshalb sie mit ihrem wahren, in Musik gesetzten Namen anfing.

Aus der schlichten Phrase komponierte sie einen weiteren Refrain, eine Melodie, die in ihrem Inneren widerhallte und die Haut zum Prickeln brachte. Note für Note, Takt für Takt setzte sie das Lied zusammen, ließ ihre Stimme dazu erklingen und spielte die Higen. Dann fasste sie all ihren Mut zusammen und ging ins Feuer.

Als sie den Rand des gleißenden Infernos erreichte, kniff sie die schmerzenden Augen zusammen, ging singend weiter und betete, dass ihr, wenn sie nun doch würde sterben müssen, wenigstens erspart bliebe, lange zu leiden.

Durch das Feuer ging ein natürlicher Wind, der ihre blonden Haare aufwirbelte und wie eine Fackel zum Leuchten brachte. Zu atmen fiel ihr immer schwerer. Als sie einen ersten Blick riskierte, fand sie sich innerhalb der Flammen wieder.

Der Gesang des Feuers wurde lauter. In Harmonie dazu sang sie ihr Namenslied. Sofort ließ der Schmerz in den Augen nach, und sie sah sich umgeben von prächtig leuchtenden Farben, die in wogender Bewegung waren wie ein Getreidefeld im Wind. Ein Gefühl des Friedens und der Sicherheit überkam sie. Das Feuer hatte sie erkannt. Es würde ihr nichts zuleide tun.

Schillernde Farben – Saphirblau vor Flächen aus grellem Orange, von gelben Lanzetten durchstoßen – tanzten um sie herum. Rhapsody spürte die Schmerzen aus den Knochen und Gelenken verschwinden. Wie im Traum fragte sie sich, ob sie denn wohl vom Feuer verzehrt würde. Die Empfindung, die sie verspürte, war ähnlich der Freude – Freude darüber, mit sich und der Welt ganz und gar im Reinen zu sein. Sie sang aus voller Brust und verknüpfte die Weisen des Feuers und ihrer selbst zu einem Festgesang.

Nun konnte sie den Weg vor sich deutlicher sehen, erkannte dunklere Stellen, die für kurze Dauer in Erscheinung traten, um dann wieder spurlos zu verschwinden. Mit neuem Mut schritt sie zügig weiter. Es fiel ihr nicht leicht, den Kern hinter sich zu lassen, doch sie ahnte, dass sie sich dem hier erlebten Glücksgefühl nicht lange hingeben durfte, weil es sie sonst verschlingen würde.

Plötzlich wich die wohlige Hitze von ihrem Gesicht. Es war, als brandeten ihr kühle Meereswogen entgegen. Rhapsody öffnete die Augen und sah in ein schwarzes Loch. Die tanzenden Flammen waren an den Blickfeldrand zurückgetreten. Vor ihr öffnete sich ein Tunnel, ähnlich demjenigen, den sie mit Grunthor und Achmed hinter sich gelassen hatte. Doch war einiges an ihm anders. Obwohl noch von sengender Hitze umgeben, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hatte es bis auf die andere Seite des Kerns geschafft.

Spontan machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte singend zurück in die Flammen.

Auf der anderen Seite des Kerns starrte Grunthor ängstlich wartend in den grellen Feuerschein und schwitzte aus allen Poren seiner grau-grünen Haut. Endlich – er wähnte eine Ewigkeit vergangen – zeigte er auf die Flammen und sagte: »Da ist sie ja!«

Achmed nickte. Er hatte den Schatten schon längst gesehen, der schemenhaft zwischen den Feuerzungen auftauchte und bis unter das Gewölbe aufzuragen schien.

Die Frau, die da aus dem Inferno stieg, hatte mit Rhapsody, so wie die beiden sie kannten, nur noch wenig Ähnlichkeit. Ihre Haare waren nicht mehr blond, sondern vom Feuer honigfarben getönt worden. Sie winkte ihnen aus den Flammen zu.

»Kommt«, rief sie drängend über das Fauchen der Feuersbrunst hinweg. »Ich weiß nicht, wie lange der Weg noch offen sein wird.«

Die beiden Firbolg eilten herbei und schirmten die Augen vor der Hitze ab. Rhapsody hob die Hand, um sie aufzuhalten. Doch das war schon zu spät. Die Kapuze von Achmeds Umhang hatte Feuer gefangen, und zu ihrem Schrecken musste sie mit ansehen, wie sich Grunthor auf den Gefährten warf und die Flammen zu ersticken versuchte, indem er sich mit ihm über den weiß glühenden Boden wälzte.

Rhapsody kannte Achmeds Namen, der ja von ihr gewählt war. Sie stimmte ihn nun an und sang ihn unablässig. Grunthor half dem benommenen Partner aufzustehen und führte ihn an den Rand des Feuerwalls. Mit erhobener Hand hieß Rhapsody den Sergeanten stehen zu bleiben. Dann nahm sie den Dhrakier bei der Hand und sah, dass sich sein Blick aufgeklart hatte. Anscheinend löste sein Namenslied ein ebenso starkes Wohlempfinden aus, wie sie es selbst erlebt hatte.

Als sie sicher sein konnte, dass er aus eigener Kraft auf den Beinen stehen bleiben würde, ließ sie seine Hand los und griff zur Higen, der sie nun ein Lied entlockte, das um die Melodie seines Namens gesponnen war.

»Spürst du, wie das Lied unter der Haut prickelt?«

»Nein.« Seine Kapuze fiel in Fetzen von ihm ab und entblößte die schrecklichen Verbrennungen, die seine Stirn und die Augen verunstalteten. Mit Entsetzen erkannte Rhapsody, dass Achmed geblendet war.