Выбрать главу

Sie überlegte schnell. »Könntest du mir etwas von dir sagen, das ich deinem Lied hinzufügen könnte, sodass es dich besser beschreibt?«, bat sie, und er ließ von sich aus die Töne mit einfließen, die den Bezeichnungen Firbolg und Dhrakier entsprachen. »Soll ich dich wieder umbenennen auf deinen früheren Namen, Bruder?«

Achmed schüttelte so energisch den Kopf, dass ihm die Schweißtropfen von der Stirn flogen und in den Flammen verdampften. Auf seinem Gesicht spiegelte sich das flackernde Licht des Feuers.

»Das wievielte Kind warst du in deiner Familie?«

Die Antwort machte ihm merklich Mühe. »Das erstgeborene.«

Rhapsody nickte und webte das Wort in die Melodie ein. Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass dieser zusätzliche Ton sein Empfinden noch steigerte.

»Wäre da noch etwas, Achmed, etwas, das unverwechselbar zu dir gehört? Was bist du von Beruf?«

Wieder schüttelte Achmed den Kopf, als er sich seiner Verwundung bewusst wurde. Er beugte sich ihr ganz nahe ans Ohr und flüsterte: »Ein Meuchelmörder.«

Natürlich, dachte Rhapsody und sang das Lied aufs Neue, um diese Note ergänzt.

Achmeds verbrannte Augen gingen noch weiter auf. Er nickte stumm und fühlte sich offenbar – gerade so wie sie zuvor – von seinem Lied ganz und gar umhüllt. In ihrer Erinnerung sah Rhapsody plötzlich Achmed an jener Stelle stehen, von der eine Unzahl von Pfaden abzweigte, was ihn aber keinen Moment lang in seiner Orientierung verunsichert hatte. Ohne zu zögern und wie selbstverständlich hatte er den richtigen Weg eingeschlagen.

Grunthor hatte ihr einmal heimlich zugeflüstert, dass der Dhrakier dem Herzschlag der Erde folgte, ihren Puls fühlte und sich von ihren Adern und summenden Bahnen führen ließ, so wie früher von der Fährte des Wildes, auf das er Jagd gemacht hatte.

Unfehlbarer Fährtenleser, Pfadfinder, sang sie. Achmeds Körper schien durchsichtig zu werden und reflektierte wie sein Gesicht das Licht des großen Feuers. Rhapsody streckte den Arm aus und zog ihn in die Flammen. Sie eilte mit ihm auf die andere Seite, sang und bot dabei all ihre Fähigkeiten als Benennerin auf. Kaum waren sie auf der anderen Seite angekommen, drehte sie sich wieder um und eilte zurück, um Grunthor zu holen.

Der Anblick des Riesen, wie er vor Angst zitternd und mit weit aufgerissenen Augen am Rand des brausenden Feuers dastand, rührte Rhapsody ans Herz. Er machte aus seiner Erleichterung kein Hehl, als er sie endlich kommen sah. Trotzdem blieb seine Miene voller Sorge.

»Wo ist er jetzt, Herzchen? Ist alles in Ordnung mit ihm?«, brüllte er gegen das infernalische Brausen an.

»Komm!«, rief sie ihm zu und winkte mit beiden Händen.

Grunthor rannte herbei, packte sie bei den Schultern und fragte noch einmaclass="underline" »Ist alles in Ordnung mit ihm?«

»Mach dir keine Sorgen, wir schaffen es ...«

Ein wütendes Grollen wurde laut. Es drang durch die kolossalen Muskelpakete bis hin zu den Klauenhänden, mit denen er sie gepackt hielt und seiner Frage schmerzenden Nachdruck verlieh. »Wo ist er?«

Rhapsody riss sich von ihm los. »Auf der anderen Seite. Er ist blind, aber er lebt.« Sie sah, wie sich der wilde Ausdruck im Gesicht des Riesen entspannte, und war aufs Neue gerührt. Er hatte sich nicht um seinetwillen so sehr geängstigt. Sie langte aus und tätschelte mit bebender Hand seine Wange.

»Wie ist dein Firbolg-Name?«, fragte sie, worauf der Riese mit einer Folge von Knurr- und Zischlauten antwortete, die mit einem scharfen Konsonanten endeten. Rhapsody schloss die Augen.

»Wiederhol das bitte«, sagte sie und versuchte, die in ihr aufkommende Panik zu unterdrücken. Aufmerksam lauschte sie der Lautfolge, die nicht nur an sich schon schwer genug verständlich war, sondern zu allem Überfluss auch noch von dem Feuer übertönt zu werden drohte. Sie sprach den Namen nach, so gut sie nur konnte, und spürte nach mehreren Versuchen ein Summen von ihrem Gegenüber widerhallen. Ein Lichtkranz lag um den Sergeanten.

»Und du bist ebenfalls ein Bengard?« Grunthor nickte. Spross des Sandes unter freiem Himmel, Sohn der Höhlen und der finsteren Lande, fing sie zu singen an. Bengard, Firbolg. Sergeant Major. Mein Ausbilder und Beschützer. Herr der tödlichen Waffen. Oberste Autorität, der unbedingt Gehorsam zu leisten ist. Das Summen wurde lauter.

Grunthor fing an zu grinsen und zeigte seine Zähne. »Das ist es, Herzchen. Ja, jetzt prickelt’s. Jetzt könn’ wir wohl rüber zu ihm, oder?«

Rhapsody schmunzelte. »Grunthor, was bist du doch für ein treuer Freund, stark und zuverlässig wie die Erde selbst. Hier, nimm meine Hände.«

Sie führte den riesigen Bolg durch die Flammen und sang sein Lied, seinen Namen und die Eigenschaften, die ihn ausmachten, immer und immer wieder, bis sie die andere Seite erreicht hatten und wieder von Dunkelheit umgeben waren. Rhapsody presste ihr Gesicht an Grunthors Brust, um den Verlust der wonnevollen Wärme zu verschmerzen und nicht in Tränen auszubrechen.

Der Riese sah zu, als sich Rhapsody daran machte, die Augenbinde zu entfernen. Sie waren tief in den Tunnel vorgedrungen und schon weit entfernt vom flackernden Widerschein des Feuers. Ungeachtet seiner Proteste hatte sie Achmeds Augen mit Heilkräutern behandelt. Er lag mit seinem Kopf auf ihrem Schoß und murrte geduldig vor sich hin, während sie die Leinenstreifen abwickelte.

»Das war nicht nötig. Ich kann sehen.«

»Warum hast du das nicht schon gesagt, als ich dir die Binde angelegt habe?«

»Da war ich bewusstlos«, sagte er ungehalten.

Rhapsody kicherte. »Ach so. Und ich dachte schon: Seltsam, wie gefügig er auf einmal ist.« Sie wickelte die zweite Lage ab. »Wie auch immer, ich wollte dir mit der Behandlung nur die Schmerzen lindern.«

»Ich habe keine Schmerzen«, entgegnete er.

»Es wird dir aber trotzdem nicht erspart bleiben, dass wir, so bald wir in Sicherheit sind, die Wunde ordentlich verarzten ...« Sie hatte den Gedanken noch nicht ausgesprochen, als sie mit Blick auf das Gesicht des Dhrakiers feststellte, dass die Wunde verschwunden war.

»Gütiger Himmel«, flüsterte sie.

Achmed zerrte den Rest der Binde von Kopf. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich geheilt bin.«

Auch Grunthor starrte ihn entgeistert an. »0 Mann, du bist geheilter, als du glaubst.«

»Was soll das heißen?«

Grunthor zog sein Stangenbeil, eine Art Lanze mit beilförmiger spiegelblanker Schneide, eine Waffe, die er Salut oder kurz Sal nannte. »Hier, sieh selbst. Die Wunde, die du dir damals bei der Messerstecherei in Kingsten eingehandelt hast, erinnerst du dich?«

»Ja natürlich, und?«

»Die ist weg, spurlos verschwunden. Überzeug dich selbst.«

Achmed nahm die breite Klinge in beide Hände und starrte auf sein Spiegelbild. Eine Weile später hob er das Hemd und musterte seinen Bauch.

»Tatsächlich, meine Narben sind weg.«

»Meine auch«, sagte Grunthor und blickte staunend auf Rhapsody, die ihrerseits ihr Handgelenk untersuchte. Dann sah sie zu ihm auf und nickte.

»All unsere Wunden sind geheilt, die Narben verschwunden. Wie ist das möglich?«, fragte Achmed. Rhapsody lächelte. »Weißt du denn nicht mehr, was ich dir gesagt habe?«

Achmed richtete sich auf und dachte zurück an den ersten Kampf gegen das Gewürm und daran, wie sie anschließend die Wunde auf seinem Unterarm singend geheilt hatte.

Macht euch ruhig lustig. Aber es wird wahrscheinlich die Musik sein, die uns hier herausholt, Musik in der einen oder anderen Form.

Nur, wenn du uns mit deinem Geträllere so sehr auf den Geist gehst, dass ich dir ein zweites Paar Beine mache.

...So etwas kann eine Benennerin gewissermaßen von Amts wegen. Nichts, kein Begriff, kein Gesetz ist so stark wie die Kraft, die im Namen eines Dinges steckt. Mit dem Namen steht und fällt unsere Identität. Er ist unsere Essenz, unsere persönliche Geschichte und manchmal kann er das, was wir sind, noch einmal machen, egal, wie sehr wir uns auch verändert haben mögen.