»Soll das heißen, dass wir neu entstanden sind?«
Rhapsody zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, doch es könnte sein. Als ich das erste Mal durchs Feuer ging, konnte ich spüren, wie es meinen Körper verzehrte. Mir war fast so, als würde ich einen Opfertod sterben. Aber weil ich die ganze Zeit über unsere wahren Namen gesungen habe, hat sich all das, was uns in unserem früheren Leben zugestoßen ist, nicht auf unsere neuen Körper übertragen können. Das vermute ich jedenfalls. Gibt’s darauf vielleicht sonst noch irgendwelche Hinweise?«
Achmed tastete mit der Hand an der Halswurzel entlang. Die unsichtbare Kette, an die ihn der Dämon einst gelegt hatte, war gerissen, als Rhapsody ihn in den Gassen von Ostend umbenannt hatte, und längst verschwunden. Knochen, die einmal gebrochen gewesen waren, fühlten sich so kräftig und gesund an, als wären sie nie verletzt worden, doch glaubte er diesen Eindruck auch schon vor dem Gang durchs Feuer gehabt zu haben.
»Ich weiß nicht. Aber wie steht’s um deine Jungfräulichkeit? Ist die auch wieder hergestellt?«
Rhapsody wandte sich spontan ab. Gewöhnlich ignorierte sie Scherze dieser Art, aber die ganz und gar außergewöhnliche, erschreckende und zugleich ekstatische Erfahrung der Passage durch den Feuerkern der Erde hatte sie so erschöpft, dass es mit ihrer Selbstbeherrschung nicht mehr weit her war. Grunthor hatte Mitgefühl mit ihr und warf Achmed einen strafenden Blick zu. Als sich der Riese ihr wieder zuwandte, klappte ihm vor Verwunderung die Kinnlade herunter.
»Herzchen, dreh dich mal kurz zu mir um.«
»Lass mich in Ruhe«, antwortete Rhapsody. »Ich bin nicht in Stimmung für eure Witzeleien.«
»Nein, bitte«, drängte Grunthor. »Ich will nur dein Gesicht sehn.«
Zögernd drehte sie sich um, ließ aber die Augen auf den Boden gerichtet.
»Criton«, murmelte Grunthor. Achmed blickte auf, und auch ihm stand der Mund vor Staunen offen. Vor ihrem Gang durchs Feuer war Rhapsody eine wunderschöne junge Frau gewesen, woran auch die Strapazen und all der Dreck auf ihrem endlos langen Treck über die Wurzel nichts hatte ändern können. Die Wandlung aber, die sich jetzt vollzogen hatte, war nichtsdestotrotz beträchtlich. Das Feuer hatte auch den letzten Makel weggebrannt, und nun stand ein Wesen vor ihnen, das sie kaum mehr wiedererkannten. Die langen Haare leuchteten im Licht der fernen Flammen wie flüssiges Gold. Ihre Haut hatte keinen einzigen Schönheitsfehler und war so zart wie die Blütenblätter einer Rose. Selbst im Dunkeln ging ein Schimmern von ihr aus. Als sie sich wenig später in ihrer Verärgerung den beiden Gefährten zuwandte, blitzten ihre smaragdgrünen Augen auf, als sammelte sich in ihnen alles verbliebene Licht. War sie früher überaus hübsch gewesen, so war sie jetzt von außergewöhnlicher Schönheit, und das nicht zuletzt auch in den Augen der Firbolg.
»Was?«, fragte sie irritiert.
Es dauerte eine Weile, ehe Grunthor wieder zur Sprache zurückgefunden hatte. »Himmel, Gnädigste, du bist umwerfend schön.«
Rhapsodys Miene entspannte sich, und es legte sich ein Ausdruck auf ihr Gesicht, der das Blut der beiden Männer in Wallung brachte. »Schon gut, Grunthor. Ich hab dir gern geholfen«, sagte sie.
»Zumal einiges an Hilfe gutzumachen war, die du mir hast zukommen lassen.«
»Ich mein es ernst«, entgegnete Grunthor. »Du hast dich verändert.«
Rhapsody zog die Brauen zusammen. »Wie soll ich das verstehen?«
Die Antwort kam von Achmed: »Er will sagen, dass du mit deinem jetzigen Aussehen in deinem alten Gewerbe jeden Preis verlangen könntest und auch erzielen würdest, und sei es bloß dafür, dass dich die Kerle anglotzen.«
Rhapsody schüttelte unwirsch Kopf. »Ich wünschte, ihr würdet nicht immer wieder auf meine Vergangenheit anspielen«, sagte sie. »Ich reib dir doch auch nicht ständig alte Verfehlungen unter die Nase. Aber glaub mir, niemand zahlt nur fürs Sehen.«
Und ob, dachte Achmed und seufzte. »Rhapsody, du siehst besser aus als je zuvor. Du bist bildschön.«
Rhapsody musterte ihn mit kritischem Blick. Achmed hatte immer geflissentlich sein Gesicht versteckt und damit erkennen lassen, dass er sich für unansehnlich, ja, für abstoßend hässlich hielt. Jetzt, da sie ihn ohne seine Kapuze sah, konnte sie diese Scheu nicht mehr verstehen. Er war, wie sie fand, ganz und gar nicht hässlich. Im Gegenteil, sein Gesicht war auf ungewöhnliche Weise attraktiv. Es kam ihr vor wie das unvollendete Werk eines zerstreuten Schöpfergottes.
Sie konnte sich regelrecht vorstellen, wie der Demiurg diesen Kopf aus überschüssigem Ton mit fahrig schneller Hand modelliert, ihm einen kleinen Klumpen als Nase aufgedrückt und mit zwei ungleichen Daumen die Augenhöhlen eingestanzt hatte. Und das halbe Lächeln, dieses Grimassieren des schmallippigen Mundes wirkte wie mit dem Daumennagel dahingewischt.
All das zusammen ergab ein Kunstwerk der eigenen Art, nicht im klassischen Sinne, aber gleichwohl beeindruckend und einzigartig. Vielleicht, so dachte sie, sah er sie ganz ähnlich.
»Du siehst auch nicht schlecht aus«, sagte sie schließlich und lächelte.
Achmed warf Grunthor einen flüchtigen Blick zu. Die beiden schüttelten den Kopf und sahen in eine andere Richtung. Ihnen war klar, dass Rhapsody nicht verstand, was sie meinten.
15
Das Glücksgefühl nach dem Gang durchs Feuer ließ schnell nach, als die drei ihren Weg fortsetzten und wieder an der Wurzel entlang krochen, die sich in die Zeit selbst hin zu erstrecken schien, endlos und ohne Ziel. In einer Hinsicht aber fiel ihnen die Reise ein wenig leichter: Sie wussten nun, dass der Mittelpunkt überschritten und mehr als die Hälfte des Weges geschafft war.
Vielleicht war es die an Wahnsinn grenzende Verzweiflung gewesen, die sie zu Anfang der Reise dazu bewogen hatte, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Jetzt war die treibende Kraft, die ihnen über die Strapazen ihres Trecks hinweghalf, die Hoffnung auf das Ende des Tunnels. Mit dem Feuer, das sie immer weiter hinter sich ließen, schwand auch das Licht, und bald herrschte wieder undurchdringliche Dunkelheit. Gesprochen wurde nur selten und dann meist nur, um den drohenden Wahnsinn abzuwehren.
Die Kleider waren zerlumpt, die Stiefel abgelaufen. Auf Kniehöhe klafften in den Hosen große Löcher. Grunthor hatte seine Kapuze geopfert und Rhapsody die Ersatzsaiten ihrer Harfe, um provisorisches Schuhwerk daraus zu fabrizieren. Mit den Lederresten der Stiefel als Sohle und dem um die Füße gewickelten festen Stoff versuchten sie, sich vor den scharfen Steinen zu schützen, und dennoch waren am Ende einer jeden Etappe die Füße wund und blutig gelaufen.
Rhapsody hatte wieder damit angefangen, ihre Sterngebete zu singen, obwohl sie vom Sonnenaufgang und dem Nachthimmel denkbar weit entfernt war.
Sie verlegte sich darauf, die Morgendämmerung mit der Zeit gleichzusetzen, zu der sie sich vom Schlaf erhoben, und sie sang die Aubade, das morgendliche Liebeslied, wenn sie sich angekleidet hatte und die goldenen Locken mit dem Kamm zu entwirren versuchte.
Grunthor und Achmed hörten ihr immer zu und sagten kein Wort, bis sie geendet hatte. Anschließend zogen sie sich häufig für eine Weile zurück, um sich über Dinge zu besprechen, die Rhapsody nur beunruhigt hätten.
Seltsam, bei keinem der dreien zeigten sich Spuren der Zeit. Im Gegenteil, das Feuer hatte alle Narben, viele Fältchen und Furchen verschwinden lassen, sodass die drei jetzt sogar jünger aussahen als am Tag ihres Einstiegs in die Sagia, der inzwischen eine Ewigkeit zurücklag.
Rhapsody schien von Tag zu Tag schöner zu werden und eine Aura auszubilden, die wie ein Magnetfeld wirkte und im Dunkeln schimmerte, wenngleich ihr Gesicht unsichtbar blieb. Die Fortdauer ihrer Jugend stand im Widerspruch zur Endlosigkeit ihrer Reise. Doch das jeweilige Alter der drei Gefährten richtig einzuschätzen war auch deshalb schon kaum möglich, weil sich auf ihren Gesichtern eine dicke Schmutzschicht abgesetzt hatte.