Allmählich mehrten sich die Hinweise darauf, dass sie der Erdoberfläche näher kamen. Immer häufiger führte ihr Weg steil bergan, und oft mussten sie senkrechte Wurzelwände erklimmen von der Art jener Pfahlwurzel, über die sie zu Beginn ihrer Reise abgestiegen waren.
Der Tunnel wurde wieder unangenehm feucht und glitschig. Die Kälte kroch zurück in Rhapsodys Knochen, womit sich auch wieder die Schmerzen in den Gelenken einstellten. Nicht selten mussten sie bis zu den Hüften durch Schlamm oder Wasser waten. Einmal wurden sie von einer Springflut überrascht, der sie nur um Haaresbreite entkommen konnten.
Schließlich gelangten sie in einen horizontal verlaufenden Höhlengang, der trockener war als die vorherigen Tunnel. Die Decke war so hoch, dass sie aufrecht stehen konnten. Allerdings wucherten Tropfsteine von oben herab und von unten in die Höhe, was ihnen den Eindruck vermittelte, als wanderten sie durch das Zahnbewehrte Maul einer riesigen Bestie.
Vorsichtig tasteten sie sich an den felsigen Spitzen entlang. Grunthor hatte seiner massigen Gestalt wegen die größten Schwierigkeiten; er eckte immer wieder an und zog sich etliche Verletzungen zu. In einem Abschnitt der Höhle trafen sie auf einen langen, dünnen Tropfstein, der in einem verblüffenden Winkel vom Seitenrand des Deckengewölbes aus schräg in den Raum hineinragte und bei der kleinsten Erschütterung abzubrechen drohte. Entsprechend vorsichtig schlich Achmed auf Zehenspitzen darunter hindurch.
Als Rhapsody den Stein passierte, ging plötzlich ein Leuchten durch den Tunnel, das, obwohl in seiner Wirkung gedämpft, den dreien die Sicht benahm, waren ihre Augen doch schon allzu lange an die Dunkelheit gewöhnt. Grunthor stieß einen deftigen Fluch aus, als er, vom Licht geblendet, vor eine Auswucherung in der Felswand prallte.
Mit ausgestreckter Hand langte Rhapsody nach dem schimmernden Stein, aus dem, kaum dass sie ihn mit den Fingerspitzen berührte, kleine Splitter herausbrachen und zu Boden fielen. Ein Flammenstrahl schoss aus dem Steinzack hervor, so grell, dass alle drei unwillkürlich die Hände vors Gesicht schlugen und vor Schmerz aufschrien.
»Was ist das?«, zischte Achmed.
Rhapsody spähte durch einen Spalt in der schirmenden Hand und sah, dass von der Spitze des sonderbaren Stalaktits kleine Flammen ausgingen und über das Steingebilde züngelten. Staunend streckte sie abermals die Hand danach aus. Je näher sie den Flammen kam, desto heller leuchteten sie auf. Zog sie die Hand zurück, nahm das Licht wieder ab.
Mit derselben Sicherheit, die ihr auch schon durch den Feuerkern geholfen hatte, machte sie sich daran, mit der Hand über den langen Stein zu streichen, worauf eine brüchige Kruste von ihm abbröckelte und einen glühenden, flammenden Lichtschaft darunter zum Vorschein brachte.
»Ein Schwert«, flüsterte sie ehrfürchtig.
Die beiden Firbolg tauschten verwunderte Blicke. Es war tatsächlich so: Aus der feuchten Höhlenwand stakte ein flammendes Schwert, das auf der blauweiß glühenden Klinge fein ziselierte Gravuren erkennen ließ.
»Kannst du’s auch aus dem Fels ziehen, Herzchen?«, fragte Grunthor.
»Ob sie das überhaupt versuchen soll?«, gab Achmed zu bedenken.
»Es ist zu hoch für mich«, sagte Rhapsody und suchte auf dem Boden nach einer Stufe. Grunthor kniete nieder und klopfte sich auf den Oberschenkel.
»Steig da drauf«, sagte er und grinste.
Rhapsody zögerte nicht lange. Sie hielt sich mit einer Hand an der breiten Schulter fest und trat auf das Podest, das er ihr mit seinem Oberschenkel zur Verfügung stellte.
Jetzt reichte sie bis an die Wurzel des Tropfsteins heran. Sie langte mit beiden Händen zu und zog. Das Schwert löste sich so leicht, als hätte es nur an einem dünnen Faden gehangen. Hätte Grunthor sie nicht mit seiner Pranke abgestützt, wäre sie aus dem Gleichgewicht geraten und zu Boden gestürzt. Das Schwert bei der glühenden Klinge gepackt, stieg sie von Grunthors Knie herunter und zeigte den Gefährten die wundersame Waffe. Sie schien aus einem Material gefertigt zu sein, das auf den ersten Blick wie Silber aussah, aber sehr viel leichter war. Auf der schlanken Klinge waren schmuckvolle Runen eingraviert.
Das Heft war aus demselben weißsilbrigen Metall geschmiedet und mit einer prächtigen Querstange ausgestattet, die zusammen mit dem Knauf in der Mitte die Form eines Sterns bildete. In den Griff war die Fassung für einen Edelstein oder dergleichen eingelassen, den aber anscheinend jemand herausgebrochen hatte; sie war leer und an den Rändern eingedellt. Obwohl das Heft hell glühte, tat es ihrer Hand, die es hielt, keinen Schaden an. Achmed zog den rechten Handschuh aus und führte einen Finger an die Klinge heran, wich aber schnell wieder zurück.
»Es scheint sich wohl in ihrer Hand zu fühlen«, bemerkte Grunthor.
»Über Gefühle lässt sich nicht streiten«, murmelte Achmed.
Rhapsody lachte. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der dem Versuch eines Schmunzelns ähnlich kam.
»Hätte nich schlecht Lust, ein paar weitere Zapfen aufzuschlagen, bloß um zu sehen, ob auch was drinsteckt«, meinte Grunthor. »Da hast du jetzt aber ’n wirklich hübsches Schwert, Gräfin. Ich hoffe nur, du machst deinem Lehrer keine Schande damit.«
»Ich werde mit dem Training fortfahren, sobald sich der Tunnel weitet«, versprach Rhapsody und reichte Grunthor die Waffe zurück, die er ihr geborgt hatte. »Danke für die Leihgabe.«
»Ich glaube, wir nähern uns dem Ende der Wurzel«, sagte Achmed. »Oder was meinst du, Grunthor?«
»Jedenfalls waren wir schon lange nich mehr so dicht unter der Oberfläche«, antwortete der Riese und sah sich nach allen Seiten um. »Wer weiß, vielleicht sind’s nur noch wenige Meilen, bis wir wieder frische Luft atmen können.«
»Tröstlich«, sagte Rhapsody, die immer noch auf das Schwert starrte. Am Rande ihres Bewusstseins machten sich Bruchstücke vager bildlicher Vorstellungen bemerkbar, auf die sie sich aber keinen Reim machen konnte. Sie zwinkerte mit den Augen, und die Bilder verschwanden.
Achmed sah sich um und hob die steinerne Hülle auf, in der das Schwert gesteckt hatte.
»Das wird vorläufig als Scheide dienen können, bis wir etwas Besseres finden. Ich vermute, dass Leder oder ähnliche Materialien für diese Klinge nicht in Frage kommen.« Mit einem kleinen Stein verstopfte er die untere Öffnung der provisorischen Scheide.
Als Rhapsody das Schwert in den hohlen Tropfstein zurücksteckte, wurde es wieder dunkel um sie herum. »Soll ich es lieber draußen lassen, damit wir besser sehen können?«
»Nicht nötig«, antwortete Achmed. »Kommt, beeilen wir uns. Ich bin gespannt, wohin uns diese Wurzel führt.«
Rhapsody und Grunthor klopften den Staub aus ihren Kleidern und warteten, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, ehe sie Achmed folgten.
»Ja, wir sind ganz dicht unter der Oberfläche. Ich spüre es genau.«
Sie hatten sich über eine quälend lange Zeitspanne weiter geschleppt, durch einen Stollen, der immer enger wurde, bis sie am Ende nur noch kriechend vorangekommen waren. Grunthor war immer wieder stecken geblieben und auf die Hilfe der anderen angewiesen gewesen, die ihn dann hatten frei graben müssen.
Achmeds Worte machten Rhapsody neuen Mut. Seit langem plagte sie die Angst zu ersticken, eine Angst, in die sie sich so tief hineingesteigert hatte, dass sie darüber noch wahnsinnig zu werden fürchtete.
Sie schloss nun zu Achmed auf, der angehalten, sich auf den Rücken gewälzt und einen seiner dünnen Handschuhe ausgezogen hatte. Mit der bloßen Hand tastete er die Hälfte der Wand ringsum ab und spürte uralte Erinnerungen auf.
Der Stoff, aus dem die Erde besteht, ist hier sehr dünn...
Er hob den Kopf an und wandte sich an Rhapsody. »Zieh das Ding. Ich brauche Licht.«
Auch sie drehte sich auf den Rücken, zog das Schwert aus der behelfsmäßigen Scheide und reichte es an ihn weiter.
Achmed hob die Klinge wie eine brennende Fackel an die Stollendecke und kroch, indem er sich mit den Füßen abstemmte, weiter voran. Als sein Blick zufällig auf das dicht über seinen Augen schwebende Heft fiel, hielt er plötzlich inne und musterte den Griff.