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»Gütiger Himmel«, flüsterte er.

»Was ist los?«, fragte Rhapsody alarmiert. Sie spürte Grunthor im Liegestütz weiterdrängen und sah dann seinen Kopf über ihren Knien auftauchen.

»Die Tagessternfanfare«, hauchte Achmed ehrfurchtsvoll, was Grunthor mit einem ungläubigen Schnauben quittierte.

»Was?«, fragte Rhapsody mit Panik in der Stimme. »Was soll das heißen?«

»Bist du sicher?«, fragte Grunthor nach.

»Absolut.«

»Wovon redet ihr?«, rief Rhapsody und erschrak selbst am meisten über den schrillen Klang ihrer Stimme.

Achmed ließ das Schwert fallen, schlug beide Hände vors Gesicht und murmelte Obszönitäten auf Bolgisch vor sich hin. Merklich betroffen, zog sich Grunthor wieder ein Stück zurück, tätschelte ihr Bein und sagte: »Es ist das berühmte Schwert von der Insel, Gräfin.«

»Von der Insel? Von Serendair? Bist du sicher?«

»Ja«, antwortete Achmed ungehalten. »Irrtum ausgeschlossen. Allerdings kann ich mir nicht erklären, warum es brennt. Aber der Sternenglanz ist noch da, so auch die Runen auf dem Schaft. Kein Zweifel, es ist die Tagessternfanfare.«

»Und was hat das zu bedeuten ...«

»Wir sind wieder da, wo wir zu Anfang waren.

Rhapsody versuchte, das lähmende Gefühl der Verzweiflung aufzufangen, das sich im Stollen breit machte. Im Unterschied zu den Gefährten reagierte sie überglücklich; ihr Herz machte einen Freudensprung. Sie waren zu Hause. Das ergab zwar keinen erkennbaren Sinn, doch irgendwie schienen sie von der ursprünglich eingeschlagenen Richtung abgekommen und an den Ausgangspunkt ihrer Reise zurückgekehrt zu sein. Ihre Freude darüber war größer als der Ärger, der sich in Anbetracht der nutzlos vergeudeten Zeit und all der erlittenen Strapazen einstellen mochte. Sie war wieder daheim.

»Wir müssen hier raus«, sagte sie. »So schnell wie möglich.«

Achmed seufzte. »Wir kommen nicht weiter. Der Stollen ist zu eng.«

»Wie kommen wir denn dann raus?«, fragte Rhapsody entsetzt.

»Mit dem Schlüssel, vermute ich.«

Ihr wurde kalt vor Angst. »Den haben wir nicht mehr, erinnere dich. Er ist verloren gegangen, als sich die Luke geschlossen hat.«

»Du lässt dich ziemlich schnell ins Bockshorn jagen, nicht wahr?« Achmed hob die Hand, bewegte sie wie ein Taschenspieler und zauberte einen aus schwarzem Bein geschnitzten Schlüssel zum Vorschein.

Rhapsody wurde aschfahl im Gesicht.

»Du Miststück.«

Grunthor griff reaktionsschnell ein, um zu verhindern, dass sie mit der Faust über den Partner herfiel. Mit ungestümer Wut versuchte sie sich aus dem Griff des Riesen loszureißen.

»Miststück, du. Lügenmaul, Dreckskerl, Bankert!«

»Du hast ja Recht, aber es gibt eigentlich keinen Grund, meine Mutter zu beleidigen.« Unbeeindruckt fuhr Achmed wieder mit der Hand über die Decke und ließ sich nicht stören von der Hitze, die von der hinter ihm im Tunnel wütenden Weißglut ausstrahlte. Mit den Fingerkuppen ertastete er den Riss im Stoff des Universums, eine dünne metaphysische Öffnung, die sich unmittelbar über ihm auftat. Er steckte den Schlüssel in die Öffnung, stieß aber auf festen Fels, worauf ein Klicken laut wurde, das durch den ganzen Tunnel hallte. Ansonsten tat sich nichts. Er versuchte es ein zweites Mal, wiederum ohne Erfolg. Verärgert ließ er sich auf den Boden zurückfallen und fluchte.

Rhapsodys Wut hatte sich gelegt. »Stimmt was nicht?«

»Es klappt nicht.«

»Wie bitte?«

»Es klappt nicht«, wiederholte er leise. »Ich fürchte, wir waren nicht die Einzigen, die im Feuer neu entstanden sind.«

Wieder führte er seine Hand an der Decke entlang. Gleichzeitig entwickelte sich in seinem Kopf die Vorstellung, dass er durch den Fels flöge, durch Schicht um Schicht aus Erde, Ton, getrocknetem Gras und Schnee, bis es ihn schließlich unter den freien, taghellen Himmel hinauskatapultierte. Er schnappte nach Luft und drückte die noch wunden Augen zu.

Rhapsody langte mit der Hand nach ihm. »Ist was nicht in Ordnung?«

Er schüttelte die Hand von sich ab. »Lass mich in Ruhe. Mir geht’s bestens – wenn man mal davon absieht, dass wir wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt sind und vor dem einzigen Ausgang, den es hier gibt, in der Falle stecken. Die Götter werden sich wahrscheinlich kringelig über uns lachen.«

»Wie weit isses noch bis zur Oberfläche?«, wollte Grunthor wissen.

»Ich weiß nicht. Aber es sind bestimmt noch mehrere hundert Fuß.«

Um seinen verkrampften Muskeln Erleichterung zu verschaffen, reckte der Riese seine massige Gestalt und seufzte. »Wenn’s mehr nich ist. Platz da, bitte. Ich fang mal zu graben an.«

Rhapsody zog die Knie ein und warf einen Blick auf den Riesen zurück. »Hast du nicht gehört? Es sind noch mehrere hundert Fuß.«

»Ja, dann isses doch besser, wir machen uns sofort an die Arbeit. Oder hat die Gnädigste was Besseres zu tun? Komm, lass mich mal nach vorne durch.« Rhapsody staunte nicht schlecht, als sie ihn einen kleinen Spaten zum Vorschein bringen sah. Sie nahm ihr Schwert und rückte zur Seite.

»Weißt du, was du tust, Grunthor?«, fragte sie nervös, als er an ihr vorbeikroch.

»Nein.«

Sie zwinkerte mit den Augen und warf einen Blick auf Achmed, der mit den Achseln zuckte.

»Verstehe«, sagte sie schließlich. »Man muss sich was einfallen lassen.«

Am Ende des Tunnels angekommen, packte Grunthor den kleinen Spaten mit beiden Händen und rammte ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Es flogen Funken, doch ansonsten zeigte das Felsgestein kaum Wirkung. Als er ein zweites Mal zuhieb, flogen ein paar Steinsplitter.

Immer wieder hackte er auf den Fels ein und hatte schnell zu seinem Rhythmus gefunden, den er unermüdlich beibehielt. Der Spaten wurde schartig, doch Grunthor ließ nicht nach. Rhapsody und Achmed hatten sich hinter ihm aufgereiht und räumten den Schutt beiseite.

»Legen wir’s eigentlich darauf an, dass die Decke über uns zusammenbricht?«, fragte sie den Dhrakier, als der wieder einmal einen schweren Felsbrocken an sie weiter reichte. Sie musste ihre Stimme heben, um sich bei dem Lärm, den Grunthor veranstaltete, bemerkbar zu machen.

»Wohl kaum«, antwortete er. »Es sei denn, Grunthor stößt direkt nach oben vor. Möchtest du, dass ich ihn darum bitte?«

»Nein danke«, beeilte sie sich zu sagen. Achmeds Blick verhieß nichts Gutes, und sie war sich nicht schlüssig, ob er seine Antwort spöttisch oder womöglich gar ernst gemeint hatte.

Im Laufe der Stunden wurde den beiden Gefährten, die dem Fels brechenden Riesen Stück für Stück durch den Stollen folgten, einiges klar, so zum Beispiel die Tatsache, dass sich der Bolg durch nichts in der Welt würde aufhalten lassen. Ihre Bitten, dass er es doch zumindest ein bisschen langsamer angehen lassen möge, blieben ungehört. Es war, als hätte er die Erde selbst zu einem Kampf auf Leben oder Tod herausgefordert, und es sah nicht danach aus, dass er sich ihr jemals geschlagen geben würde.

Zum anderen drängte sich der Eindruck auf, dass Grunthor nicht etwa besessen war, sondern über die Arbeit, die er leistete, selbst Teil der Erde wurde.

Er zielte unfehlbar auf die winzigen Risse und Fehler im Granit und ließ mit jedem Hieb große Teile absplittern. Da war nicht eine Schwachstelle im Fels, die er nicht erspürt und wirkungsvoll ausgenutzt hätte.

Rhapsody sah ihm mit bewunderndem Lächeln bei der Arbeit zu. Grunthor, stark und zuverlässig wie die Erde selbst, so hatte sie ihn in dem auf ihn gemünzten Namenslied unter anderem genannt. Die Bestätigung ihrer Worte sah sie nun vor sich.

Und noch etwas wurde den beiden unmissverständlich klar: Sie waren hier auf Gedeih und Verderb von Grunthors Kraft und Ausdauer abhängig. Hinter ihnen füllte sich der Tunnel mit abgetragenen Gesteinsbrocken, der einen Rückzug unmöglich machte.

Zu dieser Einsicht kamen sie auch ohne ausdrücklichen Hinweis. Rhapsody warf einen Blick zurück und sah, dass Achmed in dieselbe Richtung starrte. Als sich ihre Blicke trafen, verzogen sich beider Mienen zu einem Lächeln, wie es wohl auch in den Gesichtern von Schiffbrüchigen geschrieben stand, die, an irgendeinem Schwimmkörper festgeklammert, im Wasser trieben.