Nur einmal hielt Grunthor kurz inne, um seinen Griff am Spaten zu wechseln. Dann hackte er wieder drauf los und setzte dem Felsgestein mit unverminderter Wucht zu, dass die Brocken nur so flogen. Wie ein erfahrener Diamantenschleifer sah er auf den ersten Blick, auf welche Weise er den Fels zu bearbeiten hatte. Und er lernte noch dazu, bildete seine naturgegebenen Fähigkeiten weiter aus. Er sah anscheinend nicht nur die Risse in der Wand vor seinen Augen, sondern auch die Verwerfungen dahinter. Mittlerweile waren die Brocken, die er aus dem Fels brach, so groß, dass er sie in handlichere Stücke zertrümmern musste, ansonsten hätten Achmed und Rhapsody sie nicht mehr wegzuräumen vermocht.
Grunthor hatte alles bewusste Denken eingestellt und ging vollständig in dem auf, was er tat. Er verlor allen Sinn für seine Umgebung, alle Hoffnung auf die Zukunft und alle Erinnerungen an die Vergangenheit. Es gab für ihn nur noch den Spaten und die Erdkruste, am Ende nur noch diese. Er fühlte sie wie seinen eigenen Körper. Vom ganzen Universum waren nur noch Fels und Lehm und Erde übrig geblieben, und er empfand sich als Teil davon.
Und plötzlich stieß er ins Leere.
Grunthor taumelte hinaus und konnte es selbst kaum fassen, unter freiem Himmel aufzutauchen. Frischer Wind schlug ihm ins Gesicht, brachte die Augen zum Tränen und machte ihn auf sonderbare Weise benommen. Ihm wurde ganz flau, zumal jetzt, da er abrupt zu arbeiten aufgehört hatte und der Puls rapide abnahm. Er stolperte und stürzte der Länge nach zu Boden. Die Erde, mit der er soeben noch eins gewesen war, trat ihm wieder als kaltes, feindliches Element gegenüber.
Auch Rhapsody und Achmed stiegen nun in die kalte Nacht auf. Die Sängerin eilte herbei, schüttelte den Riesen bei den Schultern und rief: »Grunthor! Hast du was?«
Er schüttelte den Kopf, was immer das bedeuten mochte. Jählings aus der warmen, umhüllenden Erde gerissen und dem eisigen Wind an der Oberfläche ausgesetzt zu sein war schlimmer als das Trauma der Geburt, schlimmer sogar als Todesschmerz. Grunthor raffte sich auf. Finger und Handflächen brannten im Schnee.
Erleichtert stieß Rhapsody einen Schwall Luft aus, als sie ihn aufstehen sah. Von der Sorge um den Freund entlastet, schaute sie sich nun um und traute ihren Augen kaum.
Ihr war, als wäre sie aus der Unterwelt ins Paradies aufgestiegen. Der abnehmende Mond leuchtete auf eine märchenhafte Waldlichtung in winterlicher Nacht. Lachend wandte sie sich Achmed zu, der nach ihr aus dem Loch gekrochen war, sank dann schluchzend auf den Boden und wälzte sich kichernd und weinend im Schnee.
Achmed half Grunthor aufzustehen. Anschließend ging er an den Rand der Lichtung und sah sich um. Sein Partner starrte aus seinen bernsteinfarbenen Augen und mit ungerührter Miene vor sich hin; es dauerte eine Weile, bis er wieder zu sich kam.
Die junge Frau, die sie als Geisel mitgeführt und die sich schließlich als überaus hilfreich erwiesen hatte, lachte wie eine Wahnsinnige und wühlte sich ausgelassen durch den Schnee.
Saurer Magensaft stieg in ihm auf. Wenn sie zurückgekehrt und sich nun wieder in Serendair befanden, hatte er sein Geburtsrecht eingebüßt. Anstatt Millionen Herzschläge im Wind zu hören, das, woran er sein ganzes bisheriges Leben gewöhnt war, blieb es sonderbar still um ihn herum. Wahrnehmen konnte er nur Grunthors langsamen Puls und den beschleunigten von Rhapsody. Es schien, als lebten nur noch sie, die drei, auf der Welt und sonst niemand.
Rhapsody, die immer noch von anfallartigem Gelächter unter Tränen geschüttelt wurde, schnappte keuchend nach Luft. Achmed schaute sich um, ging dann auf die überdrehte Sängerin zu und zerrte sie gewaltsam auf die Beine. Der Ausdruck der Ekstase verschwand von ihrem Gesicht und machte benommener Verwunderung Platz.
»Es wäre schön, wenn du dich langsam wieder einkriegen würdest«, fauchte er sie an.
Sie riss sich von seiner harten Hand los, bedachte ihn mit wütender Miene und hob den Blick unters Laubdach des Waldes. Ihr Zorn war schnell verflogen, als sie durch eine Lücke in den Wipfeln zu den Sternen aufblickte. Sie wollte gerade auf den Rand der Lichtung zugehen, doch Achmed hielt sie mit grober Hand zurück.
»Hier geblieben.«
»Rühr mich nicht an!«, zischte sie und versuchte, sich loszureißen.
Er aber hielt sie fest. »Nicht, dass du wegläufst, ehe wir geklärt haben, wie’s weitergehen soll. Wir wissen noch nicht, wo genau wir sind und wer hier lebt.«
Rhapsody musste ihm im Stillen Recht geben und beruhigte sich. »Keine Sorge, ich lauf nicht weg«, sagte sie. »Ich will nur die Sterne sehen. Und versuch nur ja nicht, mich aufzuhalten.«
Achmed musterte ihr Gesicht. Es wirkte hier, in dunkler Nachtluft, anders als damals vor langer, langer Zeit im Schatten des lirinschen Urwaldes. Nicht nur, dass es seit dem Gang durchs Feuer vollkommen in seiner Schönheit war, es strahlte nunmehr auch etwas ganz Besonderes aus, etwas, das er so noch nie gesehen oder erfahren hatte, geschweige denn in Worte fassen konnte.
Rhapsody wartete, bis Achmed abgezogen war, und schüttelte dann den Kopf, wie um sich von dem verworrenen Knotengeflecht zu befreien, das der schreckliche Treck entlang der Wurzel geknüpft hatte. Über ihr glitzerten die Sterne wie die versprengten Bruchstücke der Himmelsseele. Sie bemerkte gar nicht, dass ihr Tränen in die Augen traten und, unvergossen, auf den Lidern stehen blieben. Langsam, wie in einem Traum, zog sie das uralte Schwert, das sie im Innern der Erde gefunden hatte. Flammen züngelten über den glühenden Stahl, strahlten aber keine Hitze aus, jedenfalls nicht bis zum Heft. Der Griff, den sie umschlungen hielt, blieb kühl und trocken. Dann, wie von einer Stimme gelenkt, die nur ihre Hände hörten, hob sie das Schwert in die Höhe.
Es war nicht etwa, dass die Flammen den Blick auf die Sterne beeinträchtigt hätten; im Gegenteil, die Sterne schienen noch heller zu leuchten, was aber vielleicht am Schleier der Tränen in ihren Augen lag. Rhapsody öffnete den Mund, doch es kam kein Ton daraus hervor. Sie schluckte und versuchte den Schmerz zu unterdrücken, der aus dem Innern aufstieg. Dann gab sie sich einen Ruck und sang die Abendsternvesper, das Lied des Sterns Seren, der der Insel ihrer Geburt seinen Namen gegeben hatte. Getragen vom Wind, der die Wolkenschiffe von Stern zu Stern blies, stieg die süße Melodie zum Himmel empor.
Fernab im Süden, inmitten eines anderen Waldes, erwachte eine Frau aus ihrem Schlaf, geweckt von einer Schwingung, die ihr viele Jahre lang verborgen geblieben war. Das Schwert ist zurückgekehrt, dachte sie. Doch da lag noch viel mehr in der Luft. Es war eine Sehnsucht, die sie nicht verstand, aber so schon früher empfunden zu haben glaubte, eine Wehmut am äußersten Rand ihrer Erinnerung. Dieses Gefühl streifte sie wie ein Schatten das Gesicht des Mondes und war auch schon wieder verschwunden. Ein Anflug von Skepsis zeigte sich im Gesicht der uralten Lirin.
Grunthor stand noch immer vor dem Ausstieg und starrte in den Tunnel zurück. Er war nicht ganz bei sich, spürte aber eine innige Verbindung zum Erdreich unter seinen Füßen.
Jede Faser seines Körpers brannte, jeder Muskel schmerzte vor Müdigkeit, die er so bleiern noch nie empfunden hatte, nicht einmal während der mit Achmed gemeinsam ergriffenen Flucht aus der Hand des Dämons. Er schüttelte seine Glieder. Vor dem Einschlafen hatte er noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen.
Grunthor schloss die Augen und lehnte sich über den Rand des Ausstiegs. Liebevoll und aufmerksam fuhr er mit der Hand über dessen Umrisse, so wie er die von ihm behauene Tunnelwand ertastet hatte. Schon bald waren die gesuchten Schwachstellen im Gestein gefunden. Mit festem Entschluss holte er aus und schlug zu. Der Fels zersprang, stürzte in sich zusammen und verschüttete den Schacht mit einer Lawine aus Schutt und Schnee. Der Riese sank auf die Knie.