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»Da ist kein Durchkommen mehr«, tönte Achmeds Stimme aus dem Hintergrund.

Grunthor hob den müden Kopf, drehte sich um und grinste. »Dass das geschehn musste, war uns von Anfang an klar«, sagte er. »Wir wussten auch, dass es kein Zurück für uns geben würde.«

Achmed lachte freudlos. »Zurück? Wir sind doch keinen Schritt vorangekommen.«

Grunthor legte den Kopf auf die Schneedecke und lauschte dem beruhigenden Herzschlag der Erde.

»Ach was«, murmelte er. »Wir ham einen weiten Weg zurückgelegt und sind hier auf der anderen Seite der Welt.« Dann hatte er seiner Erschöpfung nichts mehr entgegenzusetzen und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf, der ihm das aus seiner Verbindung mit der Erde geschöpfte Wissen um das Land nahe brachte.

Es dauerte nicht lange und Achmed fand die Worte des Riesen bestätigt. Er vernahm ein Schluchzen vom Rand der Lichtung her. Rhapsody hatte die Sterne gesehen. Sie wusste nun Bescheid.

16

Kurz bevor der Morgen graute, frischte der Wind auf und blies feine Eiskristalle über Rhapsodys Gesicht.

Aus dem Schlaf geschreckt, fuhr sie hoch und erkannte, dass das, was sie geträumt zu haben glaubte, der Wirklichkeit entsprach. Über Nacht war es bitterkalt geworden. Die Sterne verblassten am inzwischen wolkenlosen Himmel, sträubten sich aber noch davor abzutreten. Der Tag rückte näher und malte einen violetten Streifen an den Horizont.

Die grobe Decke, die ihr während der Ruhepausen auf der Wurzel noch Schutz vor der Kälte geboten hatte, war unter freiem Himmel kaum mehr von Nutzen, so kalt war es. Grunthor, an dessen Seite Rhapsody geschlafen hatte, lag immer noch wie besinnungslos da. Sie hatten ihr Lager zwischen dichten Brombeersträuchern aufgeschlagen. Zwei Schritt entfernt brannte ein kleines Feuer, über dem ein aufgespießtes Kaninchen brutzelte.

Achmed saß unter den kahlen Zweigen einer Forsythie und betrachtete die junge Sängerin. Er nickte ihr zu, als sie die Decke zur Seite schlug. Unwillkürlich reagierte sie mit einem Lächeln. Dann wandte sie sich mit prüfendem Blick dem leise schnarchenden Berg an ihrer Seite zu. Grunthor schien seine heldenhafte Leistung gut verkraftet zu haben.

»Mit ihm ist alles in Ordnung«, sagte Achmed über das Feuer hinweg.

»Schön«, antwortete sie und erhob sich. Ihre Beine waren über Nacht ganz steif geworden und ließen sie daran denken, dass sie gar nicht wusste, wie alt sie mittlerweile war. »Entschuldige mich für einen Moment.«

Dankbar dafür, endlich wieder Himmelsrichtungen unterscheiden zu können, ging sie nach Osten, wo sie bald eine Stelle erreichte, die ihr einen guten Ausblick auf die aufgehende Sonne zu bieten versprach.

Wie schon in der Nacht, als sie das Schwert gezogen hatte, wunderte sie sich wieder darüber, dass das Heft kühl blieb, obwohl von der Klinge Flammen aufloderten, die heller brannten als das Lagerfeuer. Zarte Violett- und Rosentöne spielten darin und gaben ihnen die Farbe des Sonnenaufgangs. Rhapsody konnte sich nicht satt sehen an der wunderschönen Waffe und spürte seine Wärme im Gesicht. Tagessternfanfare, so hatte Achmed sie genannt – nach der Fanfare also, die ihr zur Begrüßung des Tages erschallte. Sie hob das Schwert in die Luft, schloss die Augen und stimmte ihr Morgenlied an, die Aubade, womit die Sippe ihrer Mutter den Sternen der Nacht Lebwohl sagte und den Tag begrüßte. Um die anderen nicht auf sich aufmerksam zu machen, sang sie ganz leise.

Allmählich ordneten sich ihre Gedanken. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie die glühende Waffe über sich schweben sehen und ihr Lied hören, das sich, wie sie überrascht feststellte, klanglich und im Tempo auf ihren Gesang einstellte. Plötzlich überkam sie ein Gefühl von Macht, wie sie es noch nie empfunden hatte, so stark, dass sie in Panik geriet und das Schwert fallen ließ.

Rhapsody öffnete die Augen, schnappte nach Luft und hob die Waffe wieder auf. Der Schnee, in den sie gefallen war, hatte ihrem Feuer nichts anhaben können. Es schien sogar noch heller zu leuchten, als sie das Heft wieder in der Hand hielt. Erschauernd steckte sie die Klinge schnell in die Scheide und kehrte zum Lager zurück, wo Grunthor gerade aus dem Schlaf erwachte.

Achmed hatte Rhapsody genau im Blick. Sie stand in der Lichtung auf einer kleinen Anhöhe und schaute nach Osten. Als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont fielen, leuchtete ihr Haar so strahlend auf wie einen Augenblick später die Sonne selbst.

Das glänzende Gold ihrer Haare krönte das im frühen Morgenlicht rosige Gesicht und ließ die smaragdgrünen Augen funkeln. Von ihr gingen Schwingungen aus, wie er sie noch nie erlebt hatte, Strahlungen von einer Reinheit und Intensität wie das Feuer, durch das sie gegangen war. Allem Anschein nach hatte sie bei diesem Gang einen Teil davon in sich aufgenommen und sich durch ihr Lied zu Eigen gemacht, sodass die zwingende Kraft der Flammen nun in ihr weiterbrannte. Sie war faszinierend, von hypnotischer Wirkung. Bar aller Unvollkommenheiten war sie in ihrer äußeren Erscheinung unvergleichlich schön. Achmed war begeistert – wie immer, wenn es um die Möglichkeit ging, von der Macht anderer zu profitieren oder sie zu beschneiden.

Nach Abschluss ihrer Morgenandacht kehrte sie zurück und beugte sich über Grunthor, der seine offenbar schmerzenden Glieder reckte und wach zu werden versuchte. Rhapsody legte ihre Hand auf seine Schulter und sang ihm leise ins Ohr.

Wach auf, kleiner Mann,

die Sonne lacht,

der Tag will mit dir spielen.

Grunthor hatte die Augen noch geschlossen. Als er das serensche Kinderlied hörte, ging ein breites Grinsen über sein Gesicht. Er rieb sich die verklebten Augenlider mit Daumen und Zeigefinger und richtete sich ächzend auf.

»Ich rieche Frühstück«, sagte er und legte einen Arm um Rhapsody.

»Ich hoffe, du meinst das Karnickel«, antwortete Rhapsody mit Blick auf das Feuer.

»Natürlich.«

»Bei dir weiß man nie. Wie fühlst du dich heute?«

»Ganz und gar obenauf«, sagte er lachend. »Und hier oben geht’s einem doch wirklich besser als unten im Bauch der Erde.« Er sah sie aus großen Augen an. »Gräfin, hast du irgendwas mit deinen Haaren angestellt?«

Rhapsody lachte. »Ja. Ich habe sie mit Dreck behandelt und seit Ewigkeiten nicht gebürstet. Gefällt’s dir so?« Sie zupfte an einer langen Strähne und setzte ein kokettes Lächeln auf.

»Allerdings. Dreck steht dir gut. Vielleicht war das ein Tipp für andere Frauen.«

Sie gab ihm einen freundschaftlichen Knuff und wandte sich dem Kaninchenbraten zu. Als sie näher ans Feuer trat, flammte die Glut wieder auf und färbte die Kruste des Bratens schwarz.

»Ich glaube, der ist durch, Achmed. Wenn wir ihn jetzt nicht runternehmen, wird er gleich verkohlt sein. Grunthor, kann ich kurz deinen Früntmacher haben?« Der Riese langte nach der Pike und reichte sie ihr. Rhapsody zögerte nicht lange und holte den Spießbraten damit aus dem Feuer, wobei sie mit den Flammen in Berührung kam.

Grunthor stieß einen Pfiff aus. »Alle Achtung.«

»Wie bitte?«

»Wie geht’s deinem Arm?«, fragte Achmed.

Rhapsody war sichtlich irritiert. »Gut. Warum fragst du?«

»Nach dem, was du gerade getan hast, sollte man meinen, dass dein Arm jetzt übel verbrannt wäre.«

Rhapsody zuckte mit den Achseln. »So heiß sind die Flammen nicht. Ich war ihnen doch nur ganz kurz ausgesetzt. Sei’s drum. Willst du auch was davon? Grunthor hat Hunger, und ich will, dass er wieder zu Kräften kommt.«

Achmed zog das Kaninchen vom Spieß, riss es in zwei Hälften, gab Grunthor die eine und teilte die andere mit Rhapsody.

Schweigend saßen sie beieinander und aßen. Die Männer sahen staunend zu, wie die Sängerin ihre Portion vertilgte. So lange sie sie kannten, hatte Rhapsody nur ganz selten Fleisch gegessen. Offenbar hatte sie nach der langen, dürftigen Wurzeldiät nun zur Abwechslung Appetit auf etwas Deftigeres. Als die drei zu Ende gegessen und ihre Sachen zusammengepackt hatten, warf Achmed Schnee aufs Feuer. Rhapsody sah sich um und schulterte ihr Gepäck. »Was ist geplant?«