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Achmed blickte aus der Hocke zu ihr auf und kniff die Brauen zusammen. »Du scheinst doch zu wissen, wohin du willst.«

»Ich weiß nur, dass ich nicht hier bleiben will. Zuerst werde ich mich neu orientieren müssen und mich dann zur nächsten Hafenstadt durchzuschlagen versuchen.«

»Willst du zurück?«

»Natürlich. Hätte ich damals die Wahl gehabt, wäre ich gar nicht erst aufgebrochen«, antwortete sie mit anscheinend gelassener Miene, doch das nervöse Muskelzucken am Kiefer blieb den beiden Gefährten nicht verborgen. Die lange Reise über die Wurzel hatte ihnen jegliches Gefühl für Zeit abhanden kommen lassen. Es schien ihnen fast, als wäre ein ganzes Jahrhundert verstrichen, was aber angesichts ihres nach wie vor jugendlichen Aussehens natürlich nicht sein konnte.

Dass ihre Freunde und Angehörigen inzwischen verstorben sein könnten, war zwar eine reale Möglichkeit, mit der Rhapsody rechnete, doch hatte sie jeden Gedanken daran während des endlos langen Trecks aus ihrem Kopf verbannt. Es wäre ihr sonst wahrscheinlich unmöglich gewesen, den Weg zu Ende zu bringen.

»Also dann«, sagte Achmed. »Grunthor und ich werden dich bis zur nächsten größeren Stadt begleiten. Das sind wir dir schuldig. Dort kannst du dann entscheiden, ob du allein weiterziehen willst oder nicht.«

»Danke«, sagte Rhapsody. »Das beruhigt mich, denn in eurer Begleitung kann ich mich sicher fühlen.«

»Wenn du mit uns reist, musst du allerdings ein paar Regeln beachten. Bolg sind im Allgemeinen vorsichtiger als vorsichtig, verstehst du?« Rhapsody nickte. »Fangen wir bei der Sprache an. Wir werden uns ausschließlich auf Bolgisch verständigen. Das dürfte dir mittlerweile keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Serendair hatte einige große Seehäfen, und die Sprache, die von Menschen und Lirin gesprochen wurde, war mit Sicherheit auch die Verkehrssprache unter Seefahrern. Außer den Bolg aber spricht niemand Bolgisch.«

»Wohlan«, sagte Rhapsody in der Sprache der Bolg. Grunthor lachte.

»Du hast ihm gerade quittiert, dass er gute Arbeit geleistet hat«, meinte Achmed.

Rhapsody zuckte mit den Achseln. »Es wird halt noch eine Weile dauern, bis ich auch die Feinheiten beherrsche. So ist es mit den meisten Sprachen. Die Grundlagen sind schnell gelernt. Erst dann wird’s kompliziert.«

»Nun, das wäre also geregelt. Kommen wir zum nächsten Punkt. Wir wissen noch nicht, wo wir sind und wer in dieser Gegend zu Hause ist. Wie es scheint, ist davon auszugehen, dass wir von der Hauptwurzel der Sagia abgekommen sind. Und das ist vielleicht gut so, denn wir wissen ja, dass die Sagia bewacht wurde. Wir können uns wohl auch darauf verlassen, dass die Gegend hier bewohnt ist. Wir sollten den Anwohnern fürs Erste aus dem Weg gehen, gleichzeitig aber möglichst viel über sie und das Land zu erfahren versuchen.«

»Einverstanden«, sagte Rhapsody. Grunthor nickte.

»Falls wir doch auf Leute treffen, sollten wir uns möglichst bedeckt halten und untereinander abstimmen, was wir denen an Informationen anvertrauen können. So gehen wir auf Nummer Sicher.«

Die Sängerin pflichtete ihm kopfnickend bei. »Oh, und noch etwas: Rhapsody, ich schlage vor, du hältst dein Schwert versteckt und ziehst es nur, wenn’s unbedingt nötig ist. Sieh auf alle Fälle zu, dass es niemand zu Gesicht bekommt. Von dieser Waffe geht enorm viel Energie aus. Ich habe keine Ahnung, wie es hierhin gelangt ist, auf die andere Seite der Welt, zwischen Felsen tief unter der Erde eingekeilt. Wie auch immer, ich fürchte, es hat nichts Gutes zu bedeuten.«

»Alles klar. Können wir jetzt gehen? Je eher wir auf eine Straße stoßen, desto schneller werden wir einen Hafen erreichen.« Rhapsody trat ungeduldig auf der Stelle.

Achmed und Grunthor sahen einander an. Sie hatten Zeit in Hülle und Fülle. Ein angenehmes Gefühl. Nach einer Stunde strammen Marsches fing Rhapsody zu frieren an. Zur Zeit ihres Aufbruchs von Ostend war es Sommer gewesen, und sie hatte sich entsprechend angezogen. Die Lumpen, die sie trug, waren abgewetzt und voller Löcher und hätten auch in ihrem besten Zustand gegen das hier herrschende Winterwetter nichts auszurichten vermocht.

Rhapsody hatte gehofft, sich mit schnellen Schritten warm halten zu können. Doch der durch den Wald fegende Wind war bitterkalt und setzte ihr noch mehr zu als die klamme Luft im Tunnel. Bei aller Feuchtigkeit war es im Herzen der Erde wenigstens über weite Strecken warm gewesen. Hier, an der Oberfläche, machte ihr die Kälte schwer zu schaffen.

»He, Herzchen, Augenblick mal«, rief Grunthor.

Er schnallte die beiden Wolldecken vom Bündel, die er sonst nur für das Nachtlager hervorholte, zog dann seine Lucy und schnitt mit der scharfen Klinge in jede Decke ein Loch hinein. Eine warf er Achmed zu, der den Kopf durch das Loch steckte und die Decke wie einen Umhang über die Schultern streifte. Die andere Decke gab er Rhapsody, nachdem er das Schwert in die Scheide zurückgesteckt hatte.

Grunthor grinste, als er die Sängerin neu ausstaffiert vor sich sah. Die Decke war ihr viel zu groß und hing bis auf die Knöchel herab.

»Ich hoffe, du wirst darin nicht kämpfen müssen«, sagte Achmed amüsiert.

»Das hoffe ich auch«, erwiderte sie. »Mit meinem Schwert würde ich mich womöglich noch in Brand setzen.«

»Aber immerhin wirst du so nicht mehr frieren, oder?«, sagte Grunthor im Weitergehen.

Die Schneedecke war unterschiedlich dick, doch Achmed schien genau ausmachen zu können, welche Strecke gut begehbar war und wo es Verwehungen gab, um die es einen Bogen zu schlagen galt. Man hätte meinen können, er folgte einer im Geiste vorgestellten Landkarte.

Auch Grunthor schien ein ganz natürliches Verständnis für die Landschaft zu besitzen. Er wusste, wo sich unter der Schneedecke tückische Hindernisse oder scharfkantige Felsbrocken verbargen. Hin und wieder machte er Achmed auf solche Stellen aufmerksam, der dann sofort reagierte und einen anderen Kurs einschlug. Rhapsody konnte kaum glauben, dass die beiden Männer fremd in dieser Gegend waren, so sicher bewegten sie sich.

Am frühen Nachmittag ließ das Licht merklich nach. Rhapsody hatte davon gehört, dass es in den südlichsten Teilen der Insel von Serendair während der Winterzeit erst verhältnismäßig spät hell und schon recht früh wieder dunkel wurde. Als Kind hatte sie von ihrem Großvater einmal erzählt bekommen, dass auf den kleinen, noch weiter südlich gelegenen Inseln die Nächte sogar noch länger andauerten, und sie fragte sich jetzt, ob sie womöglich irgendwo tief im Süden gelandet wären, wo die Winternächte endlos schienen, aber im Sommer die Sonne gar nicht mehr untergehen mochte. Sie wollte gerade den anderen ihre Überlegung mitteilen, als Grunthor eine abrupte Kursänderung gen Osten empfahl, wo sie bald auf eine schmale, in nord-südliche Richtung verlaufende Straße gelangten. Dass es sie schon sehr lange gab, ließen die großen Eichen und Eschen vermuten, die diese Straße säumten und mit einem Gewölbe aus Ästen und Zweigen überspannten, dass man den Eindruck haben konnte, eine hohe, uralte Kathedrale zu betreten. Die Straße wurde allem Anschein nach instand gehalten; die Spurrillen der Karrenräder waren an der festen Oberfläche nur im Ansatz zu erkennen. Der Schnee war festgefahren und zu Eis verdichtet, was auf durchaus regen Verkehr hindeutete.

»Tja, wie’s aussieht, sind wir hier nicht allein«, sagte Achmed. Rhapsody verspürte einen Anflug von freudiger Erregung bei dem Gedanken, dass dieser Fuhrweg wahrscheinlich in eine Stadt, wenn nicht sogar an einen Seehafen führte. Jedenfalls würde sie dort ihrem Ziel ein großes Stück näher kommen. Doch ihre Freude war schnell getrübt, als ihr bewusst wurde, dass sich auf dieser Straße vielleicht auch feindlich gesinnte Leute bewegten und dass sie womöglich noch tausende von Meilen vom Meer entfernt war. Trotzdem fasste sie neuen Mut. Irgendwie und irgendwann würde sie es schaffen, nach Serendair zurückzukehren.