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Sie marschierten schon etliche Stunden über den ausgebauten Fuhrweg, als Achmed plötzlich anhielt.

»Was ist?«, fragte Rhapsody, nur um gleich darauf mit einer schroffen Handbewegung zum Schweigen gebracht zu werden.

Er hatte etwas vernommen, ein Geräusch, das außerhalb seiner Hörweite war. Spontan tauchte vor seinem geistigen Auge ein Bild des Ortes auf, an dem sie sich befanden; gleich darauf setzte sich die Szene in Bewegung. Sein zweites Gesicht raste mit unglaublicher Geschwindigkeit die Straße entlang. Die Bäume flogen als Schatten vorbei, und in den Kurven drohte er das Gleichgewicht zu verlieren, so schnell war er unterwegs.

Er hatte sich schon immer auf einen außergewöhnlich scharfen Orientierungssinn verlassen können; zuletzt war der ihm in den Tiefen der Erde von Nutzen gewesen. Dass ihnen ausgerechnet dort, auf der anderen Seite der Welt, die Tagessternfanfare aus Serendair in die Hände gefallen war, war etwas, das es für ihn noch zu enträtseln galt. Doch jetzt, da er den Feuerkern hinter sich gelassen hatte, bereitete ihm schon die Suche nach dem richtigen Weg heftige Schwindelanfälle. Grunthor streckte die Hand aus und legte sie auf seine Schulter, um ihn zu stützen.

»Alles in Ordnung, Kumpel?« Achmed nickte, beugte sich, die Hände auf die Knie gestützt, vornüber und ließ den Kopf hängen. »Isses wieder wie damals auf der Wurzel?«, wollte Grunthor wissen. Wieder nickte Achmed. »Da kommt eine Viehherde auf uns zu, und ein Stück weiter unten ist eine mit Stroh gedeckte Hütte zu erkennen. Dahinter zweigt die Straße ab. Leider reicht mein Blick nicht weiter. Trotzdem, die Fähigkeit, mit der ich offenbar seit kurzem gesegnet bin, könnte sich noch als nützlich erweisen. Ist aber ziemlich gewöhnungsbedürftig.«

Tatsächlich war jetzt in der Ferne ein Geschrei von Tieren zu vernehmen. Die drei Gefährten starrten auf den Horizont. Grunthor winkte den beiden anderen zu und führte sie hinter eine Schneebank, die Deckung bot, ohne ihnen die Sicht zu nehmen. Sie duckten sich und warteten.

Achmed nahm seine Cwellan von der Schulter und hielt sie in Bereitschaft. Mit seinem zweiten Gesicht hatte er einen kleinen Jungen bei den Tieren gesehen, und er versuchte nun, seinen eigenen Herzschlag auf den des Jungen auszurichten, doch seine Suche ging wie ein verschossener Pfeil in die Irre. Für einen Moment verdunkelte sich die Welt in seiner Vorstellung. Er hatte, wie schon befürchtet, seine Blutsbande eingebüßt.

Dass ihm diese Gabe abhanden gekommen war, traf ihn wie ein schwerer Schlag. Zwar war er nach wie vor in der Lage, das rhythmische Pulsieren der Welt zu erspüren und mit seiner Waffe die fernsten Ziele zu treffen, doch hatten diese Fähigkeiten merklich nachgelassen.

Wo er sonst früher das betäubende Durcheinander tausender von Herzschlägen vernommen hatte, war es nun verhältnismäßig still, abgesehen von Grunthors heftig stampfendem Puls und dem langsamen, ruhigen Rhythmus der Sängerin. Die einzigartige Fähigkeit aber, den Herzschlag seiner Beute aufzuspüren, hatte er als Preis für die neu gewonnene Freiheit abtreten müssen. Dieser Verlust war ihm allerdings schlimmer als der Verlust der Sehkraft und in seinen Konsequenzen so schrecklich, dass ihm bei dem Gedanken daran ganz übel wurde.

Die Herde kam nun in Sicht. Sie bestand aus stämmigem, zotteligem Hornvieh, das wie ein donnerndes Ungewitter über der Straße heraufzog.

Ein junger Bursche trieb die Tiere mit einem langen, biegsamen Stecken an. Er war, wie es schien, 14 oder 15 Jahre alt und trug die einfache Kleidung eines serenschen Bauernjungen. Er pfiff eine Melodie, die Rhapsody noch nie gehört hatte. An seiner Seite lief ein Hütehund mit schwarz-weißem Fell, der dem von ihrem Vater vor vielen Jahren gehaltenen Hund verblüffend ähnlich sah. An Grunthor gewandt, deutete sie mit einer knappen Geste auf den Burschen, doch der Riese schüttelte den Kopf. Dann schaute sie wieder zurück auf den Jungen und seine Herde, bis sie außer Sicht waren.

Als sie den Blick schließlich auf Achmed richtete, entdeckte sie in dem teilweise verhüllten Gesicht einen Ausdruck, der ihr Angst machte. »Was ist los mit dir?«

Der Dhrakier schwieg. Grunthor aber schien die Antwort zu kennen. Die beiden Firbolg hatten darüber gesprochen, dass der Fortgang von der Insel wahrscheinlich nicht ohne Folgen für Achmed bleiben würde.

Als der Bruder und Erstgeborene seines Volks auf der Insel war seine Gabe untrennbar mit eben diesem Eiland verbunden gewesen. Kind des Blutes, hatte der dhrakische Weise gesagt, Bruder aller, mit niemandem verwandt. Grunthor sah seinem Gefährten an, dass sich dessen Befürchtungen bewahrheitet hatten. Das Band war zerrissen, die Blutsbande verloren. Er war niemandes Bruder mehr. Grunthor legte ihm eine Hand auf die Schulter, doch Achmed schüttelte sie ab, trat hinter der Schneewächte hervor und kehrte auf die Straße zurück.

Gemeinsam setzten sie den Weg fort und wanderten dem Bauernhof entgegen, den Achmed in seiner Vision gesehen hatte: eine einfache Hütte samt Stall und mit einem kleinen, dem Wald abgetrotzten Garten.

Der Stall für das Vieh war nicht viel mehr als ein überdachter Verhau; die Wohnhütte dagegen schien sehr viel solider gebaut zu sein.

Über der Eingangstür prangte ein Sechseck, ein Symbol, das Rhapsody vertraut war. Falls es hier die gleiche Bedeutung hatte wie in Serendair, wollte man mit ihm Feuer und Krankheit vom Haus fern halten. Flüsternd gab sie den beiden Begleitern darüber Auskunft. Sie hatten sich wieder versteckt und beobachteten das Anwesen.

Als sich der Junge mit der Herde näherte, trat ein Mann vors Haus und grüßte ihn in einer fremden Sprache. Während die beiden – Vater und Sohn, wie es schien – das Vieh in den Stall trieben, führten sie ein launiges Gespräch miteinander und verzogen sich schließlich in die Hütte.

Rhapsody holte tief Luft. »Hat einer von euch ein Wort verstanden?«, fragte sie.

»Nein, aber manches klang mir irgendwie vertraut«, antwortete Achmed. Grunthor zuckte nur mit den Achseln. »Hast du etwas verstanden?«

»Nein«, sagte Rhapsody. »Ich weiß nicht, wie ich’s erklären soll, aber diese Sprache hat irgendwie den gleichen Zungenschlag wie meine, auch wenn die Rhythmen und Wortmuster ein bisschen anders sind.«

Grunthor gluckste. »Vielleicht sprechen alle Menschen so«, sagte er.

»Vielleicht. Was soll ich jetzt tun? Soll ich an die Tür klopfen und um Unterkunft bitten?«

Die beiden Firbolg lachten gleichzeitig auf.

»Wohl kaum, Gnädigste.«

»Und was ist an dem Vorschlag so lächerlich?«

Achmed seufzte. »Nach unserer Erfahrung werden Firbolg, wenn sie irgendwo an einer Haustür klopfen, nicht gerade freundlich empfangen. In deinem Fall mag das anders sein. Du würdest wahrscheinlich sogar ein Bett für die Nacht bekommen – das du dann allerdings mit jemandem teilen müsstest, wenn du verstehst, was ich meine.« Achmed grinste, wohl nicht zuletzt auch über Rhapsodys verärgerte Miene. »Aber das bleibt natürlich dir überlassen. Ich weiß nicht, wie wichtig dir ein warmes Bett ist.«

»Ich kann sehr gut darauf verzichten. Was schlagt ihr stattdessen vor?«

»Tja«, hob Grunthor an, »ein Stück weiter nördlich gibt’s etliche solcher Höfe. Wenn wir nach Süden gehn, kommen wir bald in eine Art Dorf. Klein, aber ansehnlich. Die Straße führt noch weit darüber hinaus. Aber ich sag euch was. Im Südosten, ungefähr ’ne halbe Meile von hier entfernt, gäb’s ein hübsches Versteck für uns: ein netter kleiner Graben, über den ein Baum gefallen ist. Wenn wir noch ein paar Zweige darüber legen, ham wir da ’n gemütliches Nest, in dem wir auch ein Feuer machen könnten.«

Achmed und Rhapsody starrten ihn fassungslos an. »Woher weißt du das alles so genau?«, fragte Achmed schließlich.

»Keine Ahnung. Ich weiß es eben. Ich fühl es.«

»Verstehe. Dann wollen wir doch mal sehen, ob dich dein Gefühl auch nicht trügt.«

17

Eine Landkarte oder ein ortskundiger Führer hätten nicht zuverlässiger sein können als Grunthors »Gefühl«. Er kannte sich in der Gegend bestens aus, und es schien, als hätte die Erde ihm, als er geschlafen hatte, ihre Geheimnisse ins Ohr geflüstert. Grunthor ließ die Gefährten an seinem Wissen teilhaben: Die Landschaft, in der sie sich aufhielten, bestand aus einer Reihe von Kalksteinhügeln, die unter dem großen Druck der Landmassen im Süden aufgeworfen worden waren.