Rhapsody fing zu zittern an, denn sie ahnte, dass seine Worte durchaus zutreffen mochten. »Und ihr glaubt, dass mich das Schwert mit dem Element Feuer verbunden hat?«
»Möglich wär’s«, antwortete Achmed. »Ich weiß nicht genug über das Schwert. Mir ist auch ein Rätsel, wie es auf diese Seite der Welt gelangen konnte oder was es so hell zum Leuchten bringt. Als ich zum ersten Mal davon erfuhr, hieß es, dass Sternenlicht in ihm leuchtete. Von hellen Flammen war da nicht die Rede. Ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Verbindung zum Feuer in dem Augenblick zustande kam, als du uns singend durch das Inferno im Erdkern geführt hast. Da haben wir uns, glaube ich, alle auf die eine oder andere Weise verwandelt, zumindest körperlich.«
»Vielleicht hat uns das Feuer auf diesen Wandel nur vorbereitet«, versuchte Rhapsody zu erklären.
»Vielleicht rührt alles daher, dass wir von der Wurzel gegessen haben; ich habe mich immer wieder gefragt, ob es richtig ist, dass wir uns etwas so Mächtiges einverleiben. Es könnte uns verändert und uns für die Elemente empfänglicher gemacht haben. Vielleicht hast du diese – wie sollen wir die Gabe nennen, Pfadkunde? – erworben, als du auf der Wurzel nach dem richtigen Weg gesucht hast. Und Grunthor ist mit dem Element Erde in Verbindung getreten, als er sich durch den Felsen gehauen hat. Und ich habe dieses Schwert in die Hand genommen und dadurch meinen Bund mit dem Feuer geschlossen.«
»Nein«, sagte Achmed. »Du hast dich in dem Augenblick verändert, als du durchs Feuer zu uns zurückgekommen bist. Das war dir deutlich anzusehen.«
»Er hat Recht, Herzchen«, bestätigte Grunthor. »Seit unserer ersten Begegnung hast du dich äußerlich enorm verändert.«
Rhapsody schwirrte der Kopf. Sie blickte auf zu dem von Grunthor gebauten Dach aus Zweigen, sog den scharfen Geruch des Feuers in sich ein und sagte: »Es müßte sich eigentlich von selbst verstehen, dass wir alle nicht gerade schöner geworden sind nach unserem, wie es scheint, jahrelangen Marsch durch Dreck, ohne auch nur einmal die Möglichkeit zum Baden gehabt zu haben. Glaubt mir, mit euch beiden kann man im Augenblick auch nicht viel Staat machen.«
»Aber das ist es ja gerade«, sagte Achmed ungeduldig. »Du siehst besser aus als je zuvor. Du strahlst etwas aus, das einen gefangen nimmt.« Er wandte sich dem Bolg-Sergeanten zu. »Hast du noch den Signalspiegel bei dir?«
Grunthor richtete sich auf und kramte in seinem Gepäck. »Na klar. Aber nich, dass du auf falsche Gedanken kommst. Zum Signalisieren taugt das Ding nich. Ich hab’s nur dabei, um mir die Haare zu machen.«
Rhapsody lachte. Achmed ließ sich das kleine blanke Metallstück von Grunthor geben und reichte es an sie weiter.
»Hier«, sagte er. »Sieh selbst.«
Der Spiegel war an den Rändern so scharf, dass man ihn auch als Rasierklinge hätte benutzen können. Entsprechend vorsichtig nahm Rhapsody ihn zur Hand.
In dem schütteren Licht, das durch die Zeige fiel, sah sie ihr schmutziges Gesicht. Die Haare starrten vor Dreck und schienen dunkler geworden zu sein. Der Wind und die Kälte hatten ihre Lippen schrundig gemacht. Sie reichte den Spiegel mit abfälliger Geste zurück.
»Sehr komisch.«
Achmed wollte den Spiegel nicht annehmen. »Im Ernst, Rhapsody. Schau noch einmal hin.«
Sie stieß einen Seufzer aus und gab seinem Wunsch nach. Was sie im Halbdunkel auf der verzerrenden Spiegelfläche erkannte, war ihrer Einschätzung nach nicht gerade dazu angetan, lobend hervorgehoben zu werden. Die Wangen hatten eine rosige Tönung, aber das war auch schon alles. Achselzuckend gab Rhapsody den Spiegel an Grunthor zurück.
Plötzlich schien ihr ein Licht aufzugehen. Sie schmunzelte und sagte: »Jetzt weiß ich es. Kein Wunder, dass ihr mich für attraktiver haltet. Ich sehe schon fast aus wie eine Firbolg.«
Achmed und Grunthor sahen einander an und tauschten einen stummen Gedanken. Sie hat einfach keinen Sinn dafür. Der Riese zuckte mit den Achseln.
Mit den Fingernägeln kratzte sie an der Dreckkruste ihrer Stirn. »Ich glaube, ich werde etwas Schnee schmelzen und mir morgen das Gesicht waschen.«
»Gute Nacht«, sagte Achmed und sah ihr mit schiefem Schmunzeln dabei zu, wie sie sich am Rand des Grabens zur Ruhe legte. Sie würde schon noch dahinter kommen, dachte er. Früher oder später. Am nächsten Morgen kauerten die drei, gut versteckt, zwischen dicht stehenden Bäumen und beobachteten die Anwohner einer nahen Siedlung. Es war verhältnismäßig warm; an einigen Stellen, die von der Sonne beschienen wurden, fing der Schnee zu schmelzen an. Viele Bauersleute waren zusammengelaufen. Sie tauschten Säcke voller Getreide, aber auch Informationen und Neuigkeiten. Rhapsody dachte an Ostend zurück. Auch da hatten sich, wenn das Wetter günstig war, die Bauern der Umgebung zusammengefunden, um Handel zu treiben. Die Leute hier schienen Ähnliches im Sinn zu haben.
Es überraschte die drei, dass sie viele der aufgeschnappten Wörter auf Anhieb verstanden, so zum Beispiel Baum, Korn oder Hochzeit. Rhapsody fand zudem die Rhythmen der Sprache sehr eingängig und lauschte mit wachsender Begeisterung. Es war schon um die Mittagsstunde, als sie von Achmed und Grunthor in ein entfernteres Versteck geführt wurde, aus Sorge, man könnte auf sie aufmerksam werden.
»Ich bin mir sicher: Deren Sprache ist mit unserer verwandt«, sagte sie, als sie außer Hörweite waren. »Die Hauptrhythmen und Kadenzen sind fast identisch, so auch die Wortmuster.«
»Nun ja, Serenne ist eine typische Seefahrersprache. Es kann eigentlich nicht verwundern, dass man hier ähnlich spricht. Vielleicht sind die hiesigen Bauern auch Nachfahren von Kolonisten, die wiederum von denselben Wurzeln abstammten wie diejenigen, die während des Zweiten Zeitalters Serendair besiedelten.«
Rhapsody nickte. »Wir auch immer, wir können von Glück reden, denn zumindest werden uns größere Verständigungsschwierigkeiten erspart bleiben.«
Ob sie in dieser Einschätzung richtig lag, sollte sich schließlich nach fünf Tagen herausstellen. Grunthor und Achmed waren unterwegs. Sie erkundeten die Umgebung und sorgten für Verpflegung, wobei sie sich nicht zuletzt auch über das hermachten, was anderen gehörte. Rhapsody war in einem Versteck am Rand der Ortschaft zurückgeblieben, wo sie den Gesprächen der Anwohner und Händler lauschen konnte. Neben den üblichen Klatschgeschichten und Abwicklungen des Handels hörte sie an diesem Morgen auch ein gesungenes Lied.
Es war nicht das erste Lied, das ihr an diesem Ort zu Ohren kam. Hier wurde sogar recht viel gesungen, etwa beim Viehtreiben oder zur Begleitung einer ansonsten stumpfsinnigen Arbeit. An diesem Morgen aber war der Sänger ein Kind, ein kleiner Junge, der einen Stock in der Hand hielt und hinter sich herzog, sodass er eine Spur in der Schneedecke zurückließ. Bei dem Lied handelte es sich um eine einfache volkstümliche Weise, die Rhapsody zu ihrer großen Überraschung spontan wiedererkannte als ein Lied, das auch sie und zahllose andere Kinder früher in Serendair gesungen hatten.
Während sie aufmerksam zuhörte, spürte sie, wie ihre Magengegend kalt und kälter wurde. Das Lied erzählte von einem Milchkrautsamen, dem Wolken entwachsen waren. Genau davon hatte Rhapsody als Kind ebenfalls gesungen. Trotz des fremdartigen Dialekts, den der Junge sprach, konnte sie die Worte verstehen, und ihr war, als hätte sie den Schlüssel gefunden, der ihr half, die Geheimnisse seiner Sprache zu lüften.
Rhapsody schlich im Schatten der Bäume hinter dem Jungen her, bis dieser auf der Straße einer Frau begegnete. Von dem Gespräch, das die beiden führten, konnte sie nun jedes Wort verstehen. Ihre Handteller wurden feucht vor Aufregung. Sie lauschte so lange, wie es die angespannten Nerven zuließen. Dann lief sie ins Lager zurück, um den Gefährten von ihrer Entdeckung zu berichten. Am darauf folgenden Tag wurde sie von den Gefährten auf ihren Lauschposten begleitet, wo sie den beiden Sprachunterricht erteilte. Rhapsody übersetzte, was sie hörten, bis Achmed schließlich mit einem Kopfnicken zum Rückzug aufforderte.