Выбрать главу

»Was hast du vor, Rhapsody?«, fragte Achmed, als sie das Lager erreicht hatten. »Ich sehe doch, dass du was im Schilde führst.«

»Es wird langsam Zeit, dass ich mich unter die Leute mische und mit ihnen zu reden versuche. Wie sollen wir uns sonst orientieren? Wir können schließlich nicht auf ewig in den Wäldern herumlungern. Und wenn ich nicht irgendwann einen Hafen finde, werde ich nie nach Hause zurückkehren können.«

»Einen Fehler zu machen könnte unseren Tod bedeuten.«

Der Winterwind blies ihr eine Strähne ins Gesicht. Sie nickte und sagte: »Ich weiß. Deshalb schlage ich vor, ihr haltet euch versteckt, bis ich zurückkehre und Bericht erstatte.«

»Und wie sollen wir dich da rausholen, wenn was schief geht?«, fragte Grunthor. Dass ihm der Vorschlag nicht passte, war ihm deutlich anzumerken.

»Dann habe ich eben Pech gehabt, und ihr werdet euch um euch selbst kümmern müssen. Wir haben halt unterschiedliche Ziele. Ihr habt vor, hier zu bleiben. Ich nicht. Ich will nach Hause zurück und werde dafür auch Risiken auf mich nehmen, was ich von euch natürlich nicht erwarten kann. Wie dem auch sei, ihr werdet euch schon zu helfen wissen. Und wenn es keine Probleme geben sollte, werde ich euch nach einer bestimmten Frist aufsuchen und mitteilen, was ich in Erfahrung gebracht habe. Für den Fall aber, dass etwas passiert, will ich, dass ihr das Lager hier räumt und euch aus dem Staub macht. Ihr könnt dann ja irgendwann einmal auf mein Wohl anstoßen, wenn es euch beliebt.«

»Ach nein«, murrte Grunthor, »viel zu riskant. Beherrschst du die Sprache etwa schon, Gräfin?«

»Noch nicht«, gab Rhapsody zu. »Aber irgendwie werde ich schon zurechtkommen und mich durchmogeln.«

»Nicht, dass du aus Versehen Bolgisch mit ihnen sprichst«, warnte Achmed. »Schließlich willst du was von ihnen erfahren und nicht ihnen etwas über uns beibringen.«

»Stimmt.« Sie lächelte Grunthor, der immer noch den Kopf schüttelte, aufmunternd zu und sagte: »Es könnte eine Weile dauern, bis ich in Erfahrung gebracht habe, was zu erfahren ist.«

Achmed nickte. »Sobald wir dich in Sicherheit wissen, werden wir uns auch ein bisschen umschauen und die Umgebung erkunden.«

»Wie werden wir wieder zusammentreffen?«, fragte Rhapsody.

»Wir verabreden Zeit und Treffpunkt. Wenn du da nicht aufkreuzt, werden wir nach dir suchen.«

»Und wo soll das sein? Hier?«

»Nein. Ich will nicht, dass irgendjemand unsere Spur bis zur Wurzel zurückverfolgen könnte. Es soll niemand wissen, woher wir kommen. Einverstanden?«

Rhapsody stand auf und ging auf Grunthor zu. Sie setzte sich auf sein Knie, schlang die Arme um seinen starken Hals und sagte: »Einverstanden. Wir einigen uns auf einen Treffpunkt nahe der nächsten Ortschaft. Wenn wir uns dann auch noch über den Zeitpunkt verständigt haben, könnt ihr euch absetzen. Aber geht nicht, ehe ich mich sicher fühle. Wenn es so weit ist, gebe ich euch ein Zeichen. Ich will mir einbilden können, dass ihr mir für den Fall der Fälle doch noch zu Hilfe kommen könnt.«

Grunthor seufzte. »Na schön, wie du meinst. Und was wird das für ein Zeichen sein?«

Rhapsody pfiff eine getrillerte Tonfolge vor sich hin, die die beiden Bolg zum Schmunzeln brachte. Es war eine Melodie, die sie immer dann anstimmte, wenn sich ihre Laune nach einem Stimmungstief aufhellte. »Dann ist alles klar. Wenn ihr aber Folgendes hört...«, wieder pfiff sie eine Tonfolge, die aber unmiss-verständlich traurig klang und sich als Lerchengesang tarnte, » ... soll das heißen: Kommt und helft, wenn’s euch möglich ist.

»Verstanden.«

Bis spät in die Nacht schmiedeten sie Pläne. Sie nahmen sich vor, gleich nach dem Aufwachen den Weg in die nächste Ortschaft einzuschlagen, die, wie die beiden Bolg erkundet hatten, größer und zentraler gelegen war als das Dorf, an dessen Rand sie sich versteckt hielten.

Auf der Straße hinterließen sie eine Markierung, die auch bei ungünstigstem Wetter nicht zu übersehen sein würde und auf den verabredeten Treffpunkt hinwies, wo sie sich in zwei Monaten bei Vollmond wieder einfinden wollten. Jetzt galt es für sie abzuwarten, bis Rhapsody Kontakt zu Einheimischen aufgenommen haben würde.

»Du weißt, wie gefährlich es ist, auf was du dich da einlässt«, sagte Achmed, als sie sich voneinander verabschiedeten.

Rhapsody musterte die beiden mit ernstem Blick. »Ich bin einmal zwei Wochen lang diesem Luftverschwender namens Michael ausgeliefert gewesen und habe überlebt. Dagegen ist das, was ich jetzt vorhabe, ein Kinderspiel.«

Achmed und Grunthor nickten zustimmend. Sie wussten, wovon sie sprach, und es war kein Wort übertrieben.

18

Es taute nun schon seit einiger Zeit. In der Luft ließ sich bereits der Duft nach Erde erahnen. Zwar gab es noch viel Schnee, doch es wehte ein merklich wärmerer Wind, und um die Stämme der Bäume zeigten sich dunkle Ringe. Die Bauern und Dorfbewohner nutzten das günstige Wetter, um fällige Reparaturen an ihren Häusern und Scheunen vorzunehmen oder um in den Wald zu gehen und Brennholz zu sammeln. Umso schwieriger wurde es für die drei Reisenden, sich vor ihnen versteckt zu halten.

Sie hielten sich gerade in einer nicht weit von der Straße entfernten Senke auf, verborgen von dichten Sträuchern, die im Sommer, wenn belaubt, ganz und gar undurchdringlich sein würden. Grunthor hatte auf einige Kinder aufmerksam gemacht, die häufig ohne Aufsicht miteinander spielten, doch Rhapsody scheute davor zurück, sich den Kindern zu nähern aus Sorge, dass sie später womöglich ihretwegen bestraft würden. Schließlich, gegen Mittag, traf eine Gruppe von Bauersleuten auf der Straße zusammen, die anscheinend die Ankunft einer oder mehrerer Personen erwarteten. Heimlich schlichen die drei ein wenig näher heran.

Als die Sonne ihren höchsten Punkt am Himmel überschritten hatte, reckte einer der Männer den Hals und zeigte nach Westen: auf einen älteren Mann, der auf einem silbergrauen Pferd die Straße entlanggeritten kam. Der Mann war groß und stämmig gewachsen, hatte eine große, spitze Nase im Gesicht und einen grau melierten Bart, der früher einmal rötlich braun gewesen sein mochte. Auf sein Erscheinen hin eilten nun noch mehr Dörfler zusammen. Manche liefen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen.

Der Mann trug wollene Kleider, die gelbbraun gefärbt waren, wahrscheinlich mit Hilfe von Butternussschalen, wie Rhapsody mutmaßte. In der Hand hielt er einen wulstigen Holzstock, und alle, die ihn grüßten, zeigten sehr viel Ehrerbietung. Diejenigen, denen er die Hand auf den Kopf legte, verbeugten sich fast bis auf den Boden. Seine Ankunft sorgte für Aufregung, die durch Warmherzigkeit und Respekt gemäßigt wurde. Die Bauern kannten ihn offenbar recht gut. Langsam stieg er aus dem Sattel, wobei sich deutlich zeigte, dass er fortgeschrittenen Alters war. Allem Anschein nach wirkte der Mann als eine Art Geistlicher, denn er richtete nun einige Segensworte an die Versammelten. In Serendair hätte man ihn aufgrund der schlichten Kleidung und des Mangels an Schmuck für einen Kleriker von niederem Rang halten können, doch sprach die demütige Hochachtung, die ihm entgegengebracht wurde, eher dafür, dass er wenigstens ein Abt, wahrscheinlich aber ein noch höher gestellter Geistlicher war. Seine Augen strahlten voller Leben.

»Der ist es«, flüsterte Rhapsody ihren Begleitern zu.

»Nein«, sagte Achmed. »Hör zu.«

Angestrengt lauschte Rhapsody der Unterhaltung zwischen dem berittenen Priester und einem der Männer. Es ging in diesem Gespräch um das Wetter und um die Tiere des Waldes in Erwartung der kommenden Jahreszeit. Verschiedenen Anzeichen nach würde der Winter noch einmal mit aller Gewalt zurückkehren, in einem Monat etwa. Die beiden Männer wechselten auch ein paar Worte über eine kranke Kuh und eine Verletzung, die sich der Sohn eines Bauern zugezogen hatte.

Schließlich legte der Priester seine Hand auf den Kopf des Mannes und segnete ihn. Rhapsody klappte vor Staunen die Kinnlade herunter. Im Unterschied zu dem bisher Gesagten ertönte der Segen, Wort für Wort, in der Sprache der Insel Serendair, wenngleich mit einem seltsamen Akzent ausgesprochen, wie von jemandem, der eine fremde, erlernte Sprache möglichst korrekt zu gebrauchen versuchte.