»Himmel«, sagte sie und schluckte.
»Das gefällt mir nicht.« Achmed legte seine knochige Hand um ihren Oberarm und zog sie ins Dickicht zurück.
»Warum denn nicht?«, fragte Rhapsody verwundert. »Wer würde sich als Kontaktperson wohl besser eignen? Er spricht unsere Sprache.«
»Das mag ja sein, aber mir wär’s lieber, er würde nicht erfahren, dass wir Bescheid wissen. Er ist ein Priester. Und solchen Leuten traue ich nicht.«
Rhapsody entwand sich seinem Griff. »Vielleicht kennst du nur falsche, dunkle Priester. Ich dagegen habe in Ostend etliche kennen gelernt, die sehr vertrauenswürdig sind.«
Achmed warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Erstens: Alle Priester missionieren, entweder in eigener Sache oder in der Sache ihres Gottes. Zweitens: Lässt sich vielleicht ausschließen, dass dieser Mann ein dunkler Priester ist?«
Rhapsody blinzelte verwundert mit den Augen. »Sieh ihn dir doch an. Er hat die Kinder gesegnet.«
Der Dhrakier zeigte sich amüsiert. »Glaubst du etwa, dass falsche Priester über Land ziehen, dabei jede Menge Verwünschungen ausstoßen und mit ihren Stöcken auf kleine Kinder ein-dreschen? Falsche Priester verhalten sich genau so wie die richtigen. Sie unterscheiden sich allenfalls darin, wie und wofür sie das Geld der Gemeinde einstreichen.«
»Trotzdem, ich finde, es gibt für mich kaum eine bessere Gelegenheit, jemanden kennen zu lernen, der weiß, wie ich zum nächsten Hafen gelangen kann. Ich will’s riskieren.«
Diesmal hielt Grunthor sie beim Arm fest. »Tu’s nich, Gräfin.«
Rhapsody lächelte den Riesen an. »Er sieht doch aber aus wie ein Naturpriester. Was sagt dir deine Erdverbundenheit?«
Im Schutz des Dickichts richtete Grunthor seinen Blick zurück auf die Straße und schloss die Augen. Einen Moment später schlug er sie seufzend wieder auf.
»Auch er ist mit der Erde verbunden, und zwar aufs Festeste. Er kennt sich aus und sorgt sich um sie. Du hast Recht, er ist ’ne Art Naturpriester.«
Rhapsody tätschelte die riesige Pranke und befreite sich aus ihrem Zugriff. »Ich muss es versuchen. Wenn mir was passieren sollte, braucht ihr euch keine Vorwürfe zu machen. Und keine Sorge, ich werde euch auf keinen Fall verraten.«
Achmed stieß einen Schwall Luft aus. »Na schön. Tu, was du nicht lassen kannst. Aber sei vorsichtig.«
Khaddyr sprach mit dem Ältesten der Bauern und musste dabei alle Geduld walten lassen. »Mein lieber Severhalt, ich weiß, die arme, alte Fawn ist in die Jahre gekommen, aber du musst doch auch zugeben, dass sie ihren religiösen Pflichten deiner Gemeinde gegenüber immer noch in ausreichendem Maße nachkommt.« Seine Stimme klang sanft, doch verrieten seine Augen einen Anflug von Verärgerung.
Der Bauer stemmte die Hände in die Hüften und senkte den Blick zu Boden. »Ja, Vater, sie hält die Gottesdienste ab, aber sie kann uns nicht die Hilfe bieten, die wir für unsere Tiere brauchen. Wir brauchen jemanden, der jünger ist und sich vom Winter nicht unterkriegen lässt.«
Khaddyr seufzte. »Ich habe Verständnis für deine Sorgen, mein Sohn, aber wir leben in schwierigen Zeiten. Mir ist bewusst, dass Fawn nicht mehr so rüstig ist, wie sie einst war. Sie weiß aber doch wohl immer noch die Riten zu zelebrieren, oder?«
»Ja, Vater.«
»Euer Dorf und eure Hofschaften liegen nicht weit vom Baum entfernt. Es werden sich doch wohl genügend Filiden finden lassen, die euch helfen können, wenn Fawn es nicht vermag. Der Kreis hat zurzeit einige Engpässe und kann euch keinen neuen Priester anbieten. Außerdem hat Fawn die ausdrückliche Zusicherung von Llauron, dass sie ihre Gemeinde in der Nähe des Baums behalten darf, gewissermaßen als Lohn für ihre über lange Zeit hinweg geleisteten treuen Dienste. Er möchte, dass ihre letzten Jahre gesegnet sind. Das verstehst du doch, oder?«
Severhalt seufzte. »Ja, Vater.«
Khaddyr schmunzelte. »Lass uns diese Sache auf den Frühling vertagen. Ich habe da einige Messdiener in meinen Reihen, die den Winter über Medizin studieren. Dem Ausbildungsplan nach müssten sie als Nächstes bei Gavin in die Forstlehre gehen. Aber vielleicht können wir sie für ein paar Monate zu euch schicken, damit sie euch bei der Gartenarbeit und der Kälberaufzucht helfen. Wie fändest du das?«
Die Gesichter der Männer, die die beiden umringten, hellten sich merklich auf. Auch Severhalt zeigte sich erfreut. »Das wäre wunderbar, Vater, herzlichen Dank. Dürfte ich Euch zum Abendessen zu mir nach Hause bitten, Vater?« Die freudige Miene schlug plötzlich in Besorgnis um. Der filidische Priester starrte auf den Waldrand; sein Gesicht war plötzlich leichenblass geworden.
Eine junge Frau trat aus dem Wald hervor, wie aus dem Nichts auftauchend. Im ersten Augenblick wusste Khaddyr nicht zu unterscheiden, ob sie der Wirklichkeit angehörte oder nur seiner Vorstellung. Sie starrte vor Schmutz, und ihre Kleider hingen in Fetzen, doch war sie ohne Frage das mit Abstand schönste Wesen, auf das er je den Blick gerichtet hatte.
Trotz allen Schmutzes leuchtete das Haar so hell wie die Sonne. Sie war schlank und wohlgestaltet und bewegte sich mit einer Anmut, die so gar nicht zu ihrem ungepflegten Äußeren passte. Die Augen strahlten so hell, dass schon aus der Ferne das intensive Grün zu erkennen war, das im Farbton dem hochsommerlichen Baumlaub entsprach.
Als sie dann lachte, war es, als rissen die Wolken auf. Die Wärme ihres Blicks strahlte bis in die kältesten Winkel seines Herzens. Khaddyr fürchtete, vor lauter Verlangen nach ihr in Tränen auszubrechen. Spontan stimmte er einen stummen Gesang an und betete religiöse Formeln zur Abwehr des Bannes, mit dem er sich durch sie geschlagen sah.
Mit jedem Schritt, den sie näher kam, geriet sein Herz heftiger ins Pochen, und er stützte sich Halt suchend auf seinen Stock. In respektvollem Abstand blieb sie stehen und öffnete die Hände zum Zeichen ihrer friedfertigen Absichten. Erst jetzt bemerkte Khaddyr, dass sie bewaffnet war. An ihrer Seite hing eine schlanke Scheide herab, die eher von schmückender denn nützlicher Qualität zu sein schien, weshalb sie auch überhaupt nicht Furcht erregend wirkte.
Es dauerte eine Weile, bis er seine Stimme wieder gefunden hatte. Die Bauern, mit denen er gesprochen hatte, glotzten und staunten.
»Wer bist du?«, fragte er und räusperte sich verlegen, weil ihm die Stimme zu versagen drohte. »Wer bist du?«, wiederholte er. Die Frau rührte kaum eine Miene.
»Verstehst du mich?« Sie nickte. »Kannst du nicht sprechen?« Sie lächelte und zuckte mit den Achseln.
Khaddyr musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle. Ihre wunderschöne Gestalt benahm ihm den Atem. Bis heute war ihm sein Gelöbnis der Enthaltsamkeit, der sich jeder Filid-Priester verpflichten musste, nie als ein Verzicht vorgekommen, geschweige denn als Opfer dafür, dass er als Llaurons Tanist, als Nachfolger des großen Religionsführers eingeschworen war. Doch das Privileg, eines Tages selbst als der Fürbitter genannt zu werden, verlor mit einem Schlag an Bedeutung für ihn. Er räusperte sich aufs Neue.
»Ich bin Khaddyr, ein filidischer Priester und Tanist des Fürbitters Llauron.« Was ist sie bloß?, wunderte er sich. Eine Waldnymphe? Ein Baumgeist? Eine Dryade? Er kannte die Geschichten, die man sich über die Fabelwesen erzählte, hatte diese aber stets für frei erfunden gehalten. Die bildschöne Frau verbeugte sich. Nun, dachte Khaddyr bei sich, wer oder was sie auch sein mag, auf jeden Fall zeigt sie Respekt. Und das machte sie für ihn umso anziehender.
»Schade, dass wir uns nicht besser verständigen können«, sagte er schließlich. »Ich schlage vor, du kommst mit mir, damit ich dich Llauron vorstellen kann. Hab keine Angst. Der Fürbitter ist ein freundlicher Mann. Würdest du mich begleiten?«