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Die fremde Frau zeigte sich einverstanden und lächelte. Er streckte die Hand aus und legte sie ihr – zitternd – auf den Arm. Unter dem groben Stoff ihrer zerrissenen Bluse fühlte er warme, zarte Haut. Khaddyr drehte sich in die Richtung, die er mit ihr einschlagen wollte, und ließ die Hand dann eilig sinken. Nach Westen gewandt, sah er sich plötzlich einer Mauer von Dörflern gegenüber, die ihm mit ausdrucksloser Miene den Weg zurück zum Baum versperrten.

»Lasst mich bitte durch«, brummte er. Die Bauern rührten sich nicht. Er hob die Stimme und forderte mit aller Strenge: »Aus dem Weg mit euch!«

Die junge Frau sah ihn an, richtete dann den Blick auf die Leute, die sich vor ihnen aufgereiht hatten, und trat einen Schritt auf sie zu. Sofort stoben sie wie Blätter auseinander, zogen sich zurück und starrten sie aus sicherer Entfernung weiterhin an. Khaddyr nutzte die Gelegenheit und führte die junge Frau auf sein silbergraues Pferd zu, half ihr in den Sattel und saß selbst hinter ihr auf. Als die Dorfbewohner endlich wieder zu Sinnen kamen, waren die beiden schon ein gutes Stück davongeritten. Im Hintergrund erhob sich ein lautes Geschrei. Einige Bauern rannten zu ihren Ställen hin, entschlossen, den beiden zu folgen.

Khaddyrs Befürchtungen nahmen zu. In jeder Siedlung, auf jeder Hofschaft, durch die sie kamen, machten sich Anwohner auf, ihnen zu folgen, zu Pferd oder zu Fuß. Die Schar, die hinter ihnen herzog, wurde immer größer und verstopfte den Fuhrweg durch den Wald.

Überall lief neugieriges Volk zusammen und säumte die Straßen, um einen Blick auf das wunderschöne fremde Wesen zu erhaschen, das da vor dem Priester im Sattel saß. Hunderte von Händen streckten sich der verschmutzten Dryade mit den funkelnden grünen Augen entgegen, um sie zu berühren.

Der alte Priester vermochte diesen Wunsch sehr gut nachzuempfinden. Er konnte sich selbst nicht satt sehen an dieser eigentümlichen Schönheit, deren Nähe ihn seit dem gemeinsamen Aufbruch aus Tref-Y-Gwartheg schwindeln ließ.

Anfänglich hatte er diesen Schwindel der bangen Frage zugeschrieben, wie wohl Llauron reagieren würde, wenn er von dem großen Aufsehen in den Dörfern erführe und das Gefolge sähe, das ihm, seinem Tanist, und der Fremden immer noch auf den Fersen war. Doch als dieses Gefühl auch nach Stunden nicht nachließ, ahnte er, dass es mit dem zu erwartenden Missfallen des Fürbitters nur wenig zu tun hatte.

Was ihn so überaus benommen machte, war der süße Duft, der von der jungen Frau ausging, und der sanfte Druck ihres Rückens auf seiner Brust, eine Berührung, die düstere, laszive Vorstellungen in ihm weckte, welche einem geistlichen Zölibatär wahrhaftig nicht geziemten. Zu seiner großen Verlegenheit hatte sich seine Hand wie aus eigenem Antrieb kurzzeitig auf ihre Brust gelegt, woraufhin sie diese ohne viel Aufhebens davon entfernt hatte. Die Sache war ihm schrecklich unangenehm.

Nach und nach fielen die Männer, die ihnen folgten, zurück und waren schließlich nicht mehr zu sehen. Weil er aber fürchten musste, dass sich ihm schon im nächsten Dorf ein neuer Schwanz neugieriger Bauern anschließend würde, beschloss Khaddyr, die Straße zu verlassen und auf schmale Waldpfade auszuweichen.

Am frühen Abend erreichten sie ihre Unterkunft für die kommende Nacht, eine Herberge, die von Forstmeister Gavin geführt wurde. Gavin war ein Ordensbruder und unterhielt auch die Lager am Ostrand des tiefen Waldes, wo er die filidischen Novizen zu Waldhütern ausbildete. Nach Abschluss dieser Lehre dienten sie dann drei Jahre lang als Pilgerführer und begleiteten Wallfahrer auf ihrer Reise zum Baum. Während der heiligen Riten hatten sie häufig zusätzlich die Aufgabe, die Außenposten des Waldes vor feindlichen Übergriffen zu schützen. Der drohende Krieg würde wohl nicht aufzuhalten sein; daran konnte kein Zweifel mehr bestehen.

Khaddyr zügelte das Pferd und ließ es vor dem Eingang anhalten, der Gavin selbst und den hohen Filiden vorbehalten war. Die filidische Religion verstand sich als Dienst an der Natur. Das Gebot der Keuschheit wurde nur ihm, dem Tanist, abverlangt, nicht so den übrigen Priestern. Die meisten Filiden, Männer und Frauen, waren verheiratet. Allerdings blieben die Novizen in der Regel ledig, bis sie ihre Ausbildung und den Walddienst abgeschlossen hatten. Viele lebten in dörflichen Gemeinden oder Ortschaften nahe dem Baum. Darum wurde Gavins Herberge nur selten aufgesucht und war auch jetzt, wie Khaddyr schon vermutet hatte, ganz ohne Gäste.

Seine betörend schöne Begleiterin sah sich um und zeigte unverhohlenes Interesse. Khaddyr stieg vom Pferd und fühlte sich im Schritt entspannt, wo ihm während des Ritts gewisse Verklemmungen große Pein bereitet hatten. Er hob die Hand, um der Fremden aus dem Sattel zu helfen, doch sie schüttelte den Kopf und stieg allein vom Pferd. Er ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken, band das Pferd an einem dünnen Bäumchen fest und nickte in Richtung Hütte. Sie folgte ihm ins Innere.

In der Hütte standen zwei niedrige Holzbetten, ausgestopft mit sackleinenen Matratzen, die nach süßem Heu dufteten, und belegt mit Decken aus ungefärbter Wolle. Außerdem stand da ein großer hölzerner Tisch. Lebensmittelvorräte gab es nicht. Sie würden sich mit dem begnügen müssen, was in der näheren Umgebung an Essbarem zu finden war; außerdem führte er noch ein wenig an Proviant mit sich, den er vor lauter Erregung unterwegs noch nicht angerührt hatte. Seiner Begleiterin zugewandt, zeigte er nach draußen.

»Ich will mal sehen, was es zu essen gibt«, sagte er langsam und betont deutlich. »Kann ich dich für eine Weile allein zurücklassen?«

Die junge Frau lächelte und nickte, was Khaddyrs Blut wieder in Wallung brachte. Er nahm die Seilschlinge zur Hand, die als Türgriff diente.

»Gut. Mach es dir bequem. Ich bleibe nicht lange fort.« Er deutete auf eins der beiden Betten und eilte hinaus.

Als er wenig später mit frischen Wurzeln und Winteräpfeln zurückkehrte, lag die Frau schon in dem Bett, auf das er gedeutet hatte, schlief tief und fest und lächelte dabei, als wäre sie im Paradies. Rhapsody wurde geweckt von der Wärme eines knisternden Feuers im Kamin. Sie richtete sich auf, sah sich im Dunkeln um und erblickte den Mann, der sich ihr mit dem Namen Khaddyr vorgestellt hatte. Es war Nacht geworden. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, seitdem sie endlich – nach einer Ewigkeit, wie es schien – wieder einmal in ein Bett hatte steigen dürfen, worauf sie sogleich eingeschlafen war.

Der Mann betrachtete sie mit sorgenvollem Lächeln. Sie lächelte zurück und hoffte, dadurch seine Stimmung aufhellen zu können. Er machte einen durchaus gutmütigen Eindruck auf sie. Achmed und Grunthor würden inzwischen zu ihr aufgeschlossen sein und sich irgendwo in der Nähe für alle Fälle in Bereitschaft halten. Das hoffte sie zumindest. Sie langte suchend unter die Decke und seufzte erleichtert. Das Schwert lag noch da, wo sie es versteckt hatte.

»Hast du Hunger?«, fragte Khaddyr. Er hatte den Tisch gedeckt, und aus einer der beiden Schalen, die darauf standen, war schon gegessen worden. Sie nickte, verließ das Bett und nahm auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz.

Die Hütte war von einfacher Bauart, aber im Unterschied zu den anderen Hütten, die sie unterwegs gesehen hatte, aus Feldsteinen gemauert und mit einem Strohdach gedeckt. Ganz in der Nähe waren sie an lang gestreckten Häusern vorbeigekommen, die wie Kasernen aussahen und deren Fachwerk mit Tierhäuten oder geflochtenem Reisig gefüllt war. Auch diese Bauten wirkten bei aller Schlichtheit außergewöhnlich solide und zeugten von handwerklicher Sorgfalt. Darauf schienen die Filiden, wer immer sie auch sein mochten, großen Wert zu legen.

Khaddyr sah ihr beim Essen zu, was sie ein wenig befangen machte. Als sie fertig war, deutete sie auf die leere Schale und zeigte sich dankbar.

Der Mann legte die Stirn in Falten. »Was bist du für ein Wesen?«, wollte er wissen und wiederholte damit die Frage, die er ihr schon gleich nach der ersten Begegnung gestellt hatte. Rhapsody wusste keine Antwort darauf und zuckte mit den Achseln. Anscheinend hatte Khaddyr noch nie jemanden von lirinscher Abstammung gesehen. Sie wollte ihm gerade erklären, welcher Herkunft sie war, wurde aber durch laute Rufe daran gehindert. Das Gefolge hatte die beiden anscheinend eingeholt. Verärgert stand Khaddyr vom Tisch auf und trat vor eines der beiden Fenster. Trotz des schwachen Lichts, das der Mond durch die Scheiben warf, erkannte Rhapsody, dass sein Gesicht plötzlich ganz fahl wurde. Die Menge der Dörfler, die sich ihnen an die Fersen geheftet hatten, schien um ein Beträchtliches angewachsen zu sein.