Sie warteten länger als geplant und wollten sicher sein, dass, wer immer in diesem seltsamen Haus lebte, ihr kein Leid antun würde. Achmed hatte ihren Herzschlag vom Augenblick der Trennung an genau beobachtet, ihn als klar und kräftig empfunden, bis sie mit dem Naturpriester in dieses Haus getreten war. Der Puls war nun zwar gedämpft, aber immer noch so deutlich zu vernehmen, dass Achmed seine Rückschlüsse daraus ziehen konnte.
Sie war nervös, ängstlich sogar. Dann spürte er, wie das anfängliche Unbehagen plötzlich in einen Anflug von Panik umschlug, die aber keinen konkreten Grund zu haben schien. In diesem Fall wären er und Grunthor unverzüglich eingeschritten. Doch wie sich herausstellte, war das nicht nötig.
»Wie lange sollen wir noch warten?«
»Noch eine weitere Nacht. Dann gehen wir.«
Sie wurde anscheinend von besonders intensiven Albträumen heimgesucht. Er konnte spüren, wie sich ihr Puls im Verlauf der Nacht dramatisch beschleunigte. Seit der gemeinsam auf der Wurzel verbrachten Zeit kannte er solche Wechsel im Rhythmus, die meist von schlimmen Träumen ausgelöst wurden. In dieser Nacht aber schien das Albdrücken noch um einiges heftiger zu sein.
Als es dämmerte, spürte er, dass sie das Haus verließ und auf den Großen Weißen Baum zuging, vor dem sie ihre Morgenandacht sang. Der Wind trug die sanften Schwingungen über das weite Feld und mit wohliger Wirkung über ihn hinweg. Das Lied war wie immer, hatte aber eine melancholischere Note, wie er sie zuletzt an der Wurzel gehört hatte, eine tiefe Traurigkeit, die sich nicht ermessen ließ. Dabei war sie weder verletzt noch in Gefahr. Es ging ihr gut.
Einen Augenblick später hörte er sie pfeifen und das Zeichen dafür geben, dass alles in Ordnung war. Zwar konnte er ihr anhören, dass sie sich von den Traumgesichten noch nicht ganz erholt hatte, doch war sie zuversichtlich genug, um die Freunde ziehen zu lassen. Achmed lächelte.
Er öffnete den Mund und atmete die frostige Luft ein. Sie war frei von den ekligen Ausdünstungen des Dämons. In der Stille um ihn herum lag ein Vorgefühl von Absolution, von einem Neuanfang, der das alte Leben mit seinen Schrecken weit hinter sich ließ. Sie hatten es geschafft. Die Flucht war geglückt. Die bevorstehenden Herausforderungen konnten ihn nicht schrecken, wenn er zurückdachte an das, was nun glücklich überstanden war.
Der kalte Schnee unter den dürftig besohlten Schuhen holte ihn aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Auch Grunthor war inzwischen aufgewacht.
»Wir sollten uns etwas Wärmeres zum Anziehen besorgen – und etwas zu essen. Ich kann dieses Wurzelgeschnetzelte nicht mehr sehen. Danach wollen wir die Lage peilen und sehen, wohin der Wind uns trägt. Vielleicht können wir für Rhapsody einen Weg ans Meer finden.«
20
Als es dunkel wurde, zogen sich die beiden Firbolg aus dem Dickicht zurück und wanderten in westlicher Richtung dem Meer entgegen. Es war noch meilenweit entfernt, doch Achmed schmeckte schon das Salz in der Luft.
Unweit einer kleinen Hofschaft kamen sie an einer verlassenen Scheune vorbei, wo sie ihr Nachtlager einrichteten. Abgesehen davon, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten, bot der morsche Bretterverschlag nur wenig Annehmlichkeiten, zumal sie es nicht wagten, ein Feuer zu machen. Der Boden lag voller Heu, das seit Jahren vor sich hin faulte. Damit deckten sich die beiden zu, doch es wärmte sie kaum.
Grunthor hatte Zweige von Schwarzweiden und Kirschbäumen gesammelt und den längsten Teil des Abends damit zugebracht, Pfeile zu schnitzen, um diejenigen zu ersetzen, die er vor schon so langer Zeit auf den Feldern und unter der Erde verschossen hatte. Achmed ertappte ihn mehr als einmal dabei, dass er eine der Melodien, die er von Rhapsody gelernt hatte, schräg und falsch vor sich hin summte.
Am nächsten Morgen erkundeten sie das Dorf und die umliegenden Höfe und kehrten mit Eiern und Winterrunkeln, mehreren Pferdedecken und ein paar Kleidungsstücken zurück, die der Größe nach Achmed passen mochten. Sie hatten auf ihrem Streifzug weite Wege gemacht und an den einzelnen Orten jeweils nur ganz wenig mitgehen lassen, um nur ja nicht aufzufallen.
»Schick, wie du aussiehst«, scherzte Grunthor, als Achmed feststellen musste, dass der gestohlene Umhang in Wirklichkeit ein Kleid war. Er schnitt ein Loch in eine der Pferdedecken und warf sie sich als Cape über die Schultern. »Aber bild dir bloß nich ein, mit der Gnädigsten um die Gunst der jungen Hirsche konkurrieren zu können. Ich fürchte, du wirst das Mauerblümchen bleiben.«
Achmed riss den Saum des Kleides ab und verkürzte es zu einem langen Hemd.
»Ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn sie inzwischen nicht sogar die gesamte Belegschaft von Madame Parris Poussierpalast locker ausstechen könnte«, entgegnete er und zog sich seine neuen Kleider an. »Das Feuer hat ihr überhaupt nicht geschadet, und wer weiß, wofür ihre Wandlung demnächst noch gut sein mag. Ich hätte zuerst damit gerechnet, dass der Priester sich an ihr vergreift, aber er hat sich offenbar nicht getraut.«
»Ach ja, die gute alte Madame Parri. Die hätt ich beinah ganz vergessn. Wie’s den beiden Herzchen Brenda und Susie wohl so geht.«
Achmed kicherte. »Grunthor, ich bin sicher, sie werden dich sehr vermissen. Du hast Maßstäbe gesetzt, an die kein anderer heranreicht.« Er warf dem Riesen einen Winterapfel zu. »Komm, wir wollen uns noch ein wenig in der Gegend umtun.«
Die behelfsmäßige Bekleidung bot zusammen mit den alten Lumpen, die sie trugen, ausreichend Schutz vor den frostigen Temperaturen. Mit den Zügeln und Geschirrteilen, die sie sich ebenfalls heimlich angeeignet hatten, hatten sie ihre Stiefel zu reparieren versucht, was ihnen aber nicht so recht gelungen war. Es blieben immer noch Löcher, durch die der Schnee drang, und es war ihnen schrecklich kalt an den Füßen.
Im Westen wurde die Besiedlung zunehmend dichter. Nach wenigen Meilen erreichten sie eine Ortschaft, an deren Rand sie sich hinter stacheligen Schwarzdornbüschen versteckten und das Treiben der Dörfler beobachteten.
Obwohl sie die fremde Sprache längst nicht so gut verstanden wie Rhapsody, konnten sie doch das eine oder andere Wort aufschnappen. Besonders häufig gebraucht wurde das Wort Avonderre, und meist zeigte man dabei in südwestliche Richtung.
Anscheinend bezeichnete es die Nachbarschaft; unklar blieb den beiden Bolg jedoch, ob es sich um ein Dorf, eine Stadt, eine Provinz oder sogar um einen Nachbarstaat handelte.
Nachmittags hatten sie die ganze Ortschaft umkreist und waren im Begriff, weiter zu ziehen, als Achmed auf dem Frostüberzogenen Fahrweg eine entfernte Erschütterung wahrnahm.
Versteckt zwischen Bäumen mit silberner Borke, die es in Serendair nicht gab, schloss er die Augen und konzentrierte sich auf die Schallquelle. Der Fahrweg war nicht mehr als ein ausgetretener Pfad mit tiefen Schlaglöchern und Spurrillen im angetauten Boden. In der Erinnerung hörte er Rhapsodys weiche Stimme.
Unfehlbarer Fährtenleser, Pfadfinder.