Ihm schwirrte der Kopf, und er musste sich am nächsten Baumstamm festhalten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Und dann drohte er den Verstand zu verlieren. Sein visionärer Blick auf den Fahrweg verweilte kurz auf der Stelle, raste aber dann mit Schwindel erregendem Tempo voran.
Schließlich fiel sein inneres Auge auf eine Gruppe bewaffneter Reiter, die sichtlich müde und abgekämpft in Richtung Dorf galoppierten. Es waren rund ein Dutzend Männer; sie trugen dunkelgrünes Leder und ritten allesamt auf Rotschimmeln, den rötlich grauen Pferden des Waldes. Plötzlich erlosch das magische Bild, aber nicht bevor Achmed zwei Dinge registriert hatte. Erstens:
Noch auffälliger als Rüstung und Pferde waren die Gesichter der Reiter, markante Dreiecke, gebildet aus kräftigen Jochknochen und spitz zulaufendem Kinn. Haut und Haare waren erdfarben. Lirin. Zweitens: Sie trugen Fackeln.
Achmed stieß unwillkürlich einen Fluch aus und wandte sich Grunthor zu. »Lirin-Soldaten, mit Feuer bewaffnet. Sie reiten auf uns zu.«
Grunthor starrte ihn an und schien nicht glauben zu wollen, was er da zu hören bekam. »Lirin? Bewaffnet mit Feuer? Bist du dir sicher?«
Achmed nickte. Er war nicht weniger verblüfft als der Freund. Den Lirin, insbesondere den Liringlas, war bekanntermaßen eine angeborene Aversion gegen Feuer eigen. Abgesehen von den Lirinpan, die in Städten lebten, waren die Stämme der Lirin im Wald und auf offenen Feldern zu Hause, an Orten also, die ständig in Gefahr standen, von wild um sich greifenden Lauffeuern überrollt zu werden. Umso verwunderlicher war es, lirinsche Reiter zu sehen, die brennende Fackeln wie Waffen vor sich her trugen. Doch es fehlte die Zeit, um lange darüber zu rätseln.
»Komm«, flüsterte er.
Vorsichtig darauf bedacht, unentdeckt zu bleiben, hasteten sie durch dichtes Gestrüpp und schlugen einen weiten Bogen ein, der schließlich in südwestliche Richtung zielte. In den tiefen Wald mit seinen immergrünen Bäumen zurückgekehrt, kletterte Achmed ein bis zwei Klafter hoch auf eine schlanke Fichte. Grunthor versteckte sich im niederen Gebüsch, wo er spurlos verschwand und für Achmed nicht mehr zu sehen war.
Es dauerte nicht lange, und die Reiterschar rückte näher. Gellende Rufe wurden laut, ausgestoßen von Bauern und Dörflern, die mit ihren Kindern in panischer Angst Reißaus nahmen und wie aufgescheuchte Hühner auseinander stieben.
Achmed musste tatenlos mit ansehen, wie ein Teil der Truppe alle, die nicht schnell genug fliehen konnten, brutal niederknüppelte. Ein anderer Teil machte sich daran, die Häuser in Brand zu stecken, bis schließlich das ganze Dorf in Flammen aufging-
Einige wenige Bauern versuchten mit dem, was sie gerade zur Hand hatten, Widerstand zu leisten, doch gegen die bewaffneten Angreifer hatten sie keine Chance. Einer ritt kaltblütig eine Frau nieder, die ein Kind auf den Armen trug, das im hohen Bogen durch die Luft flog und reglos auf dem harten Boden liegen blieb.
Achmed sah, wie der Reiter kehrtmachte und auf das Kind zuhielt, als ein Pfeil durch die Luft surrte und sich in den Nacken des Lirin bohrte. Leblos kippte der Soldat aus dem Sattel und fiel in den Staub. Mit Blick auf Grunthor sah er, dass der Riese mit selten grimmiger und entschlossener Miene einen zweiten Pfeil auf die Bogensehne legte und fliegen ließ. Und wieder traf es einen Reiter, den es vom Pferd in ein Strohfeuer warf, das er selbst gelegt hatte.
Einer der anderen Männer ließ einen Vogelruf erschallen, worauf der ganze Trupp auf der Straße anhielt. Einem ruhig erteilten Kommando folgend, machten die Männer kehrt und ritten über die gefallenen Kameraden hinweg zum Dorf hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
In der kleinen Ortschaft wurde es ganz still. Dann erhob sich ein Geschrei, so plötzlich, als wäre etwas zu Bruch gegangen. Eine schluchzende Frau rannte auf das Kind zu, hob es vom Boden auf und lachte und weinte erleichtert, als das kleine Mädchen die Augen öffnete. Dabei sah sie weder nach rechts noch links und nahm auch keine Notiz von dem Firbolg-Riesen, der nur wenige Schritt von ihr entfernt war.
Als die Mutter mit dem Kind sich zu den anderen gesellt hatte, legte Grunthor den Bogen aus der Hand und beugte sich vor, um besser sehen zu können. »Was um alles in der Welt hat das nur zu bedeuten?«, fragte er und schüttelte den Kopf.
Achmed zuckte mit den Achseln. »Darauf fällt mir auch keine Antwort ein. Vielleicht sind die Geschichten, die man uns Kindern von den Leuten auf der anderen Erdseite erzählt hat, am Ende wahr, und sie laufen tatsächlich mit dem Kopf nach unten durch die Welt. Hättest du mir heute Morgen gesagt, dass uns eine mit Feuer bewaffnete Mörderbande über den Weg läuft, ausgerechnet Lirindarc, die ein Dorf in Brand stecken, sich dann aus dem Staub machen und ihre gefallenen Kameraden achtlos zurücklassen – ich hätte an deinem Verstand gezweifelt und dir einen Vogel gezeigt.« Grunthor nickte zustimmend.
Achmed kletterte vom Baum, ehe der ätzende Rauch Überhand nahm, und gemeinsam eilten sie durchs Unterholz davon, weg von den Klagerufen der Dörfler im Hintergrund.
Als der achte Tag ihrer Streifzüge zu Ende ging, zweifelten beide am eigenen Verstand. Auf Schritt und Tritt waren sie Zeugen unerwarteter und gefährlich sinnloser Gewalt geworden.
Manchmal hatten Lirin ihren Anteil daran, aber meistens waren es Menschen, die gegen ihresgleichen wüteten. Die Firbolg fragten sich, ob sie hierzulande ihrem Ruf als Ungeheuer überhaupt noch gerecht wurden, denn was ihnen rundum vor Augen geführt wurde, war weit monströser als sie.
Ebenso unerklärlich war, was auf die Gräueltaten folgte. Nach dem Überfall auf eine Stadt im Grenzgebiet zwischen Wald und offenem Weideland konnten sie beobachten, wie die Plünderer, die soeben noch raubend von Haus zu Haus gezogen waren, mit ihrer Beute in ihre Kasernen zurückkehrten, die, gewissermaßen gleich um die Ecke, nur eine halbe Wegstunde weit entfernt lag. Und was noch verrückter war: Einige Soldaten derselben Einheit rückten in die Stadt aus, um die Verwundeten zu versorgen.
»Was geht hier vor?«, fragte Grunthor, als sie von ihrem sicheren Versteck der anschließenden Aufräumaktion zusahen. »Das ergibt doch alles keinen Sinn.«
Achmed schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Ein Krieg war für ihn nur dann ein Krieg, wenn er klare Fronten hatte, Beweggründe und unterscheidbare Gegner. Hier aber war nichts davon gegeben.
21
Je näher sie dem Meer kamen, desto dünner wurde die Schneedecke, bis schließlich braunes Gras darunter zum Vorschein kam. Über die kahlen Bäume fegte ein eisiger Wind, der noch weniger Mitleid zeigte als die Soldaten. Achmed und Grunthor machten einen großen Bogen um alle bewohnten Gebiete, um nahe einem geschützten Lagerfeuer schlafen zu können, ohne sich zu verraten. Nur wenn sie Proviant besorgen mussten, pirschten sie sich an leer stehende Häuser oder Scheunen heran.
Sie befanden sich jetzt in Avonderre und hatten in aufgeschnappten Gesprächen etliche Hinweise darauf erhalten, dass dieser Name eine Provinz bezeichnete, die ans Meer grenzte. Der Salzgeruch in der Luft war so kräftig, dass auch Grunthor ihn wahrnehmen konnte. So folgten sie ihren Nasen und näherten sich dem Meer, zwar langsam nur, weil sie nicht auf offener Straße reisen wollten, aber beständig Stück für Stück.
Die Siedlungen und Städte wurden größer und größer. Bald zeigte sich am Horizont eine Häuserfront, die kein Ende mehr zu nehmen schien. Anstelle der einfachen Hütten und Hofschaften, in denen die Landbevölkerung wohnte, erhoben sich hier geziegelte Bürgerhäuser mit schmuckvollen Eingangstüren und festen Schindeldächern.
Die Straßen waren doppelt so breit oder noch breiter als auf dem Lande, gepflastert und mit Bordsteinen gesäumt. Grunthor dachte daran, wie teuer das wohl alles gewesen sein mochte, und prustete unwillkürlich. Daheim waren nur die Straßen in den vornehmsten Vierteln der größten Städte gepflastert, und dort auch nur vor öffentlichen Gebäuden und Tempeln. In dieser Stadt jedoch, die mindestens dreimal größer war als Ostend, schien ausnahmslos jede Straße gepflastert zu sein.