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Das Werft- und Hafengelände war, wie es schien, noch größer als die Stadt und erstreckte sich entlang der Küstenlinie weiter als das Auge reichte. Seine äußersten Eckpunkte bildeten zwei Fischerdörfer. Weiter zur Mitte hin lagen die Docks, aus edlem Holz und glänzenden Steinen gebaut, mit Aufschleppen und Anlegestellen aus poliertem Metall. Genau in der Mitte befand sich der Hafen, ein kolossales Becken, in dem mehr Schiffe festgemacht hatten, als Achmed und Grunthor zu zählen gewillt waren.

»Kaum zu glauben«, murmelte der Sergeant, als sie aus der Ferne beobachten konnten, wie hundert Handelsschiffe auf einmal gelöscht wurden und es dort vor lauter Fässern und Kisten und Pferden und Karren wimmelte wie auf einem Ameisenhaufen.

Achmed tippte dem Freund auf die Schulter und zeigte schräg nach oben. »Sieh dir erst einmal das an.«

Grunthor blickte auf von dem Haufen Kohle, die er im Hinterhof eines Grobschmieds aufgetrieben hatte und nun in einem großen Wachstuch zu transportieren gedachte. Die Sonne ging gerade unter und nahm den letzten Flecken blauen Himmels mit sich. An dessen Stelle machten sich mächtige Gewitterwolken breit, voller Regen und Wetterleuchten. Wenig später frischte der Wind auf und ließ einen Sturm erwarten.

»Herrje. Wir sollten schnellstens das Weite suchen.«

Achmed war bereits über die Mauer hinter der Schmiede gesprungen und rannte nach Norden. »In den Felsklippen am Stadtrand werden wir irgendwo Schutz finden. Komm! Wenn’s losgeht, wird’s sicher ungemütlich.«

Unter dräuendem Himmel und von Windstößen getrieben, hasteten sie auf die Klippen zu, die sich trotzig vor dem aufgewühlten Meer erhoben. Die Wellen rauschten und schleuderten den beiden salzige Gischt ins Gesicht.

Es war inzwischen ganz und gar düster geworden; nur hin und wieder rissen die Wolken auf und ließen für kurze Zeit den vollen Mond zum Vorschein treten.

»Schnell, suchen wir nach ’nem Unterschlupf«, drängte Grunthor.

Achmed sperrte die Augen auf, sah aber wenig mehr als zerklüftete Felsen und weiß schäumende Wellen. So gut Firbolg-Augen auch in unterirdischer Dunkelheit zu sehen vermochten, an der Oberfläche waren sie nachts ebenso eingeschränkt wie die Augen der Menschen.

»Vielleicht auf der anderen Seite«, schlug Achmed vor.

Grunthor schüttelte den Kopf und schüttelte dabei Wasser und Schweiß ab. »Nein, da ist nichts, nur glatter Fels, und das über Meilen. Aber weiter unten am Strand ist eine Art Grotte.«

»Spürst du das durch die Erde hindurch?«

»Ja.«

Langsam kletterten Achmed und Grunthor bergab, bis sie schließlich den sandigen Strand erreichten. Dort wechselten sie in einen zügigen Laufschritt über. Die ersten Tropfen fielen und trafen wie Eissplitter auf ihre Gesichter. Der Strand schlug einen Bogen um einen Hügel im Norden und folgte einem Flussarm, der sich in eine kleine Lagune öffnete. Sie war schon vom oberen Rand der Klippen zu sehen gewesen, die sich jetzt in langer, schwarzer Front wie eine Gebirgskette über ihnen auftürmten.

Als sie endlich das Ende der Felswand erreichten, fiel ihr Blick auf ein riesiges Bauwerk, das in weitem Abstand von vier weiteren Gebäuden umgeben war. Die Umrisse zeichneten sich im Dunkeln nur vage ab.

»Das ist ja ein Tempel«, rief Achmed. »Wie verrückt muss denn sein, der einen Tempel auf Sand baut?«

Der Sturm tobte so laut, dass Grunthor den Freund nicht richtig verstand. »Und so nah am Wasser. Seltsam, fürwahr. Solln wir einen Blick Reinwerfen?« Das lange Haar war tropfnass und klebte ihm in Strähnen auf der Stirn.

Achmed zögerte. Wo es Tempel gab, war auch mit Priestern zu rechnen, und er verabscheute Priester. Aber das hohe Gebäude war unbeleuchtet. Licht brannte nur in den vier entfernten Häusern ringsum, in denen aller Voraussicht nach die Geistlichkeit wohnte und wirtschaftete. In der Basilika selbst würden sie wohl am ehesten unentdeckt bleiben.

»Na schön«, murmelte er und zog die zerrissene Kapuze tiefer ins Gesicht. »Aber wehe dem Priester, der mir in die Quere kommt.«

Von weitem stellte sich ihnen der Tempel lediglich als ein massiges, gemauertes Gebilde dar, das hoch über dem Wasser aufragte. Als sie aber die Nordseite der Klippen erreichten, blieben sie unwillkürlich stehen und vergaßen über ihr Staunen den prasselnden Regen.

Der Tempel erhob sich aus der tobenden Brandung und zeigte mit einem sonderbar schiefen Turm landeinwärts. Der Sockel bestand aus großen vieleckigen Felsblöcken, die zwischen hohen Pfählen aus uraltem Holz kunstvoll aufgemauert waren. Zum Portal führte ein mit polierten Steinplatten im Sand ausgelegter Gehweg.

Ein brausender Windschwall schlug ihnen entgegen und zerrte an den notdürftigen Kleidern. Die vorbeifliegenden Regenwolken klafften einen Moment lang auf und ließen die Strahlen des Mondes passieren, die mit ihrem Glanz das ganze Bauwerk zum Leuchten brachten.

Der Tempel war so gebaut, dass er dem Bug eines großen Schiffswracks glich, der in steilem Winkel aus dem schroffen Fels am Strand herausragte. Die großen Tore, zusammengefügt aus Planken unterschiedlicher Längen, schienen ein großes, in den Kiel gerissenes Leck zu verschließen. Der schiefe Turm stellte, wie sich jetzt zeigte, den Mast dar. Überhaupt war das imaginäre Schiff detailgetreu nachempfunden bis hin zu den Navigationsinstrumenten. Das Takelwerk, filigran aus Marmor gearbeitet, war im Maßstab über fünfmal so groß wie in Wirklichkeit.

Ein Stück vor der Küste lag ein anderer Teil des Tempels, ein Anbau, der über einen einfachen beplankten Gehweg mit dem Hauptgebäude verbunden war. Dieser Steg war wie ein Großteil des Anbaus nur bei Ebbe sichtbar und ansonsten von der Flut überspült. Als Gegenstück zum strandseitigen Hauptteil des Tempels entsprach der Anbau einem ruinierten Achterschiff. Zwischen beiden Teilen lag, ein wenig zur Seite versetzt, ein riesiger Anker, der sich tief in eine Sandbank eingegraben hatte.

Trotz aller architektonischen Sorgfalt, mit der der Eindruck eines auf Grund gelaufenen Schiffswracks erzielt wurde, wirkte das Bauwerk ungemein solide. Es stand scheinbar unangefochten inmitten der tosenden Brandung. Grunthor stieß voller Anerkennung einen lang anhaltenden Pfiff aus.

»Criton. Was sagst du dazu, Achmed?«

Achmed fühlte sich nicht wohl so nahe am aufgewühlten Wasser. Das Meer mit seiner kolossalen Urgewalt und den ihm eigenen Schwingungen überlagerte die Herzschläge derer, denen er nachgejagt war, als er noch ein Gespür dafür gehabt hatte. Es war der einzige Ort, an dem sich ein Opfer vor ihm, Achmed, hätte in Sicherheit bringen können.

»Es scheint, dass die Anhängerschaft dieses Tempels in der Mehrzahl aus Händlern oder Fischern besteht. Und die müssen sehr reich sein. Ein so kostbares und aufwändiges Bauwerk habe ich nie zuvor gesehen. Es soll wohl an ein Unglück erinnern, das, wenn dem so ist, von großer Tragweite gewesen sein muss. Schade, dass Rhapsody nicht hier ist. Wahrscheinlich hätte ihr das alles mehr gesagt.«

»Ja. Wenn ich mich nich irre, stammt sie aus ’ner Seefahrerfamilie oder von Ostender Werftarbeitern ab. Unterwegs auf der Wurzel hat sie mal davon gesprochen, wie gern sie das Meer sehn würde.«

Achmed schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Rhapsody aus Ostend oder irgendeiner anderen großen Stadt kommt. Möglich, dass sie in den Kneipen und auf den Straßen von Ostend ein paar lebenswichtige Dinge gelernt hat, aber sie ist kein Großstadtkind. Dafür fehlt es ihr an Gerissenheit. Ich vermute, sie ist auf einem Bauernhof groß geworden, in eher ärmlichen Verhältnissen.« Der Wind schleuderte ihnen Sand ins Gesicht.

»Glaubst du, dass sie zurechtkommt?«

Achmed schlang den Umhang enger um sich. »Ja. Komm. Bald setzt die Flut wieder ein, und ich will, dass wir uns vorher die hinteren Aufbauten angesehen haben.«

»Und jetzt kommt der Regen.«

Sie warteten noch eine Weile, um nicht zufällig von einem Tempelbesucher überrascht zu werden. Es war aber bald so dunkel und stürmisch, dass sie nicht mehr fürchten mussten, entdeckt zu werden.