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Der Sturm brüllte immer lauter. Der Regen fiel herab wie aus Kübeln gegossen und durchnässte beide Bolg bis auf die Knochen. Trotz Niedrigwasser donnerten gewaltige Brecher aufs Ufer zu, die mit weißer Gischt das Tempelfundament umspülten.

Das Mondlicht war nun vollständig erloschen. Die schwarzen, dahinjagenden Regenwolken hatten den Himmel für sich allein. Achmed und Grunthor erkletterten die Klippen und liefen über die Planken auf den Tempeleingang zu. Die Fackeln, die das Portal flankierten, waren längst vom Wind ausgeblasen worden.

Grunthor langte nach der schweren Klinke aus Messing. Der linke Türflügel ließ sich reibungslos öffnen. Die beiden traten ein und beeilten sich, die Tür hinter sich zuzuziehen.

Das von der Kleidung tropfende Regenwasser lief zwischen ihren Füßen zu einer Pfütze zusammen, als sie staunend zum schwindelnd hohen Gewölbe aufblickten. In den dunklen Stein der gewölbten Seitenwände war Treibholz in allen nur erdenklichen Längen und Breiten eingearbeitet, und man wähnte sich in der skelettierten Brust eines riesigen, auf dem Rücken liegenden Tieres, dessen Rückgrat den langen Mittelgang bildete, während die alten, gebrochenen Rippen nach oben ins Dunkle führten.

Wie Bullaugen saßen die Fenster in den hohen Wänden. Für Licht bei Tage sorgten zusätzlich durchscheinende Glasblöcke, die auf Grunthors Kniehöhe der Reihe nach in die Wände eingelassen waren. Dahinter schimmerte jetzt die schäumende Gischt der Brandung, deren reflektiertes Licht einen grünlichen Schimmer ins Innere der Basilika warf. Tagsüber würde sie in hellem Licht erstrahlen. Jetzt, bei Nacht, zumal während eines Gewitter stur ms, herrschte hier eine dermaßen gespenstische Stimmung, dass selbst Achmed nicht unberührt davon blieb und zu frösteln begann.

Kopfschüttelnd verspritzte Grunthor das Wasser in den Haaren. Es gab nirgends Bänke oder Sitzgelegenheiten jedweder Art, abgesehen von dem weiten Kreis marmorner Blöcke in der Mitte des Raumes. Trotz der unmittelbaren Nähe zum Meer und obwohl zumindest ein Teil des Bodens und der Wände unter dem Wasserspiegel lagen, war das Innere des Tempels überraschend trocken. Den beiden Bolg fiel allerdings auf, dass die steinernen Bodenplatten porös waren und offenbar Feuchtigkeit aufnehmen beziehungsweise ableiten konnten. Auf einen Wink von Achmed hin setzten sich die beiden Firbolg in Bewegung und gingen über den Mittelgang nach vorn, voller Bewunderung für das, was sie sahen. Die massigen Holzteile schienen zwar sorgfältig konserviert zu sein, zeigten aber deutlich den Verschleiß und die Abnutzung aus der Zeit ihrer ursprünglichen Verwendung als Schiffsmaterial. Die unterschiedlichen Farben und Formen deuteten darauf hin, dass sie von vielen verschiedenen Schiffen zusammengetragen waren. Über dem Mittelgang öffnete sich das Gewölbe in einen hohen Schacht, der in dunkler Nacht mündete. An seinem äußersten Rand waren kleine Schlitze eingelassen, durch die der Sturm und salzige Gischt pfiffen und widerhallend durch den Tempel heulten.

»Das wird der Mast sein«, sagte Grunthor. Achmed nickte.

Im Zentrum der kreisförmig angeordneten Marmorbänke befand sich ein kleiner runder Zierbrunnen, ebenfalls aus blau geädertem Marmor und umringt von mehreren größeren Wasserbecken aus demselben Material, die zum Rand hin in konzentrischen Ringen ausliefen, in denen sich das überlaufende Wasser sammelte. Aus dem Brunnen sprang ein pulsierender Wasserstrahl, mal mehr, mal weniger druckvoll, der in der Luft auseinander fächerte und auf das schaukelnde Wasser in den Becken herabregnete.

Auf der gegenüberliegenden Seite war wiederum ein großes, doppelflügeliges Tor auszumachen, aus Kupfer geschmiedet und mit einer Inschrift versehen, die sich für die beiden aus der Ferne nicht entziffern ließ. Sie wichen dem Brunnen aus und gingen weiter zum rückwärtigen Teil des Tempels. Das brausende Wasser jenseits der Mauern übertönte ihre Schritte.

Zu beiden Seiten der Kupfertüren hing je ein Wandleuchter mit rundem Glasschirm und einem Stück Metall als Docht. Als sie sich weit genug genähert hatten, konnten sie in der Inschrift eine Reihe von Runen erkennen, und Achmed glaubte, in manchen dieser Zeichen gewisse Ähnlichkeiten mit jener Schrift entdecken zu können, wie sie in Serendair gebräuchlich war.

In das Kupfer beider Türflügel war jeweils das Relief eines Schwerts eingearbeitet worden, das eine aufgerichtet, das andere mit der Spitze nach unten. Die Klingen zierte eine Gravur aus ornamentalen Schnörkeln, die wie Wellen anmuteten. Ein ähnliches Muster prangte an den Spitzen.

Der Hintergrund der Reliefs ließ Achmed stutzen. Darauf war ein geflügelter Löwe dargestellt, ein Wappen, das er schon einmal gesehen hatte. Es dauerte eine Weile, bis er es einzuordnen vermochte.

»Das ist das Wappen der Familie MacQuieth«, sagte er wie zu sich selbst, obwohl auch dem Freund jener legendäre Ritter und Favorit des Königs von Serendair sehr wohl bekannt war. »Wie kommt das wohl hierher?«

Grunthor rieb sich das Kinn und starrte auf die Türflügeclass="underline"

»Hat man MacQuieth nich Nagall, den Fremden, genannt? Wenn ich mich nich irre, kam er in jungen Jahren von weither nach Serendair gesegelt. Vielleicht stammte seine Familie von hier.«

Achmed nickte. Er ärgerte sich über sich selbst. Das Tosen der Brandung brachte ihn ganz durcheinander und hinderte ihn daran, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

»Nun, das würde uns immerhin verraten, wo wir sind. Ich glaube, er stammte von Monodier.« Er langte nach der Klinke und versuchte die Tür zu öffnen, doch die war fest verschlossen. So auch der andere Türflügel.

»Das sind anscheinend die Türen zum Anbau«, sagte er und wischte sich die Handflächen am Umhang trocken.

»Gestatten?« Grunthor verbeugte sich höflich. Dann spukte er in die Hände, packte die Klinke und riss scheinbar mühelos die Tür auf. Schnell trat er zur Seite, als ihm Flocken von Gischt entgegenflogen. Jenseits der Tür, deren äußere Kupferseite grün-blau angelaufen war, führte eine breite Steintreppe hinunter auf den Plankensteg. Dort bildeten sich schon die ersten Pfützen. Die Flut hatte eingesetzt. Die Unterarme schützend vor das Gesicht gehoben, traten die beiden Männer in den Sturm hinaus, wobei Grunthor Achmeds Schulter gepackt hielt. Der lange und schmale Steg überquerte eine Sandbank und war voller Tang und Treibgut, die das Niedrigwasser zurückgelassen hatte.

So schnell wie möglich eilten sie über die Planken hinweg, ständig in Gefahr, von wuchtigen Böen umgestoßen zu werden. Einmal hielt Grunthor kurz an, um eine große, seltsam geformte Muschelschale aufzuheben, die sich im Holz verkeilt hatte.

Als sie den Anbau erreichten, stellten sie fest, dass da keine Tür war, die das Innere vor dem Ansturm des Meeres geschützt hätte. Bei Flut würde es unter Wasser stehen, und wie sich an den Pegelspuren der feuchten Wände zeigte, wäre Achmed bis zur Schädeldecke überschwemmt. Vor dem offenen Torbogen lag ein großer, verrosteter Anker im Sand, der als Schwelle diente.

Ohne lange zu zögern, sprangen die beiden darüber hinweg, betraten den Innenraum und sahen sich staunend darin um.

Im Unterschied zu dem Tempel, der nur so gebaut war, dass er den Anschein eines Schiffes erweckte, war dieser Anbau tatsächlich Teil eines Schiffes, das mit steil aufgerichtetem Vorsteven im Sand steckte und offenbar einmal als stattliche Kogge die Meere befahren hatte. Ein gut Teil des Achter- und Quarterdecks war von dem Wrack noch übrig geblieben, deren Spanten nun die Wände des Anbaus bildeten. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass das Schiff nicht etwa aus Holz gebaut war, sondern aus einem Material, das die beiden nie zuvor gesehen hatten.

In der Mitte des Raumes stand, ebenfalls im Sand eingekeilt, ein steinerner Tisch, ein Block aus massivem Obsidian, glänzend schwarz unter den Wasserpfützen, die mit jedem Windstoß darüber hinwegspülten. In dem Stein steckten zwei Klammern aus einem Metall, das den beiden ebenfalls völlig unbekannt war und seltsamerweise überhaupt keinen Rost angesetzt hatte.

Auf der Oberfläche des Steins waren Runen eingemeißelt, die das beständige Kommen und Gehen des Wassers inzwischen fast gänzlich ausgespült hatte. Von der Inschrift zeugten nur noch letzte Schatten auf der blanken Oberfläche.