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Auf der Frontseite des Steinblocks steckte eine Plakette mit Reihe von Runen erkennen, und Achmed glaubte, in manchen dieser Zeichen gewisse Ähnlichkeiten mit jener Schrift entdecken zu können, wie sie in Serendair gebräuchlich war.

In das Kupfer beider Türflügel war jeweils das Relief eines Schwerts eingearbeitet worden, das eine aufgerichtet, das andere mit der Spitze nach unten. Die Klingen zierte eine Gravur aus ornamentalen Schnörkeln, die wie Wellen anmuteten. Ein ähnliches Muster prangte an den Spitzen.

Der Hintergrund der Reliefs ließ Achmed stutzen. Darauf war ein geflügelter Löwe dargestellt, ein Wappen, das er schon einmal gesehen hatte. Es dauerte eine Weile, bis er es einzuordnen vermochte.

»Das ist das Wappen der Familie MacQuieth«, sagte er wie zu sich selbst, obwohl auch dem Freund jener legendäre Ritter und Favorit des Königs von Serendair sehr wohl bekannt war. »Wie kommt das wohl hierher?«

Grunthor rieb sich das Kinn und starrte auf die Türflügeclass="underline"

»Hat man MacQuieth nich Nagall, den Fremden, genannt? Wenn ich mich nich irre, kam er in jungen Jahren von weither nach Serendair gesegelt. Vielleicht stammte seine Familie von hier.«

Achmed nickte. Er ärgerte sich über sich selbst. Das Tosen der Brandung brachte ihn ganz durcheinander und hinderte ihn daran, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

»Nun, das würde uns immerhin verraten, wo wir sind. Ich glaube, er stammte von Monodier.« Er langte nach der Klinke und versuchte die Tür zu öffnen, doch die war fest verschlossen. So auch der andere Türflügel.

»Das sind anscheinend die Türen zum Anbau«, sagte er und wischte sich die Handflächen am Umhang trocken.

»Gestatten?« Grunthor verbeugte sich höflich. Dann spukte er in die Hände, packte die Klinke und riss scheinbar mühelos die Tür auf. Schnell trat er zur Seite, als ihm Flocken von Gischt entgegenflogen. Jenseits der Tür, deren äußere Kupferseite grün-blau angelaufen war, führte eine breite Steintreppe hinunter auf den Plankensteg. Dort bildeten sich schon die ersten Pfützen. Die Flut hatte eingesetzt. Die Unterarme schützend vor das Gesicht gehoben, traten die beiden Männer in den Sturm hinaus, wobei Grunthor Achmeds Schulter gepackt hielt. Der lange und schmale Steg überquerte eine Sandbank und war voller Tang und Treibgut, die das Niedrigwasser zurückgelassen hatte.

So schnell wie möglich eilten sie über die Planken hinweg, ständig in Gefahr, von wuchtigen Böen umgestoßen zu werden. Einmal hielt Grunthor kurz an, um eine große, seltsam geformte Muschelschale aufzuheben, die sich im Holz verkeilt hatte.

Als sie den Anbau erreichten, stellten sie fest, dass da keine Tür war, die das Innere vor dem Ansturm des Meeres geschützt hätte. Bei Flut würde es unter Wasser stehen, und wie sich an den Pegelspuren der feuchten Wände zeigte, wäre Achmed bis zur Schädeldecke überschwemmt. Vor dem offenen Torbogen lag ein großer, verrosteter Anker im Sand, der als Schwelle diente.

Ohne lange zu zögern, sprangen die beiden darüber hinweg, betraten den Innenraum und sahen sich staunend darin um.

Im Unterschied zu dem Tempel, der nur so gebaut war, dass er den Anschein eines Schiffes erweckte, war dieser Anbau tatsächlich Teil eines Schiffes, das mit steil aufgerichtetem Vorsteven im Sand steckte und offenbar einmal als stattliche Kogge die Meere befahren hatte. Ein gut Teil des Achter- und Quarterdecks war von dem Wrack noch übrig geblieben, deren Spanten nun die Wände des Anbaus bildeten. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass das Schiff nicht etwa aus Holz gebaut war, sondern aus einem Material, das die beiden nie zuvor gesehen hatten.

In der Mitte des Raumes stand, ebenfalls im Sand eingekeilt, ein steinerner Tisch, ein Block aus massivem Obsidian, glänzend schwarz unter den Wasserpfützen, die mit jedem Windstoß darüber hinwegspülten. In dem Stein steckten zwei Klammern aus einem Metall, das den beiden ebenfalls völlig unbekannt war und seltsamerweise überhaupt keinen Rost angesetzt hatte.

Auf der Oberfläche des Steins waren Runen eingemeißelt, die das beständige Kommen und Gehen des Wassers inzwischen fast gänzlich ausgespült hatte. Von der Inschrift zeugten nur noch letzte Schatten auf der blanken Oberfläche.

Auf der Frontseite des Steinblocks steckte eine Plakette mit einer ähnlich erhabenen Runenprägung wie an den Kupfertüren. Und so wie die Klammern auf der Oberseite war die Plakette ohne jede Spur von Rost.

»Dies erinnert an die Schriftsprache von Serendair«, bemerkte Achmed und beugte sich tiefer, um die Zeichen aus der Nähe zu studieren. »Ich wünschte, Rhapsody wäre hier.«

»Du wiederholst dich«, entgegnete Grunthor grinsend. »Davon werd ich ihr berichten.«

»Sie würde dir nicht glauben oder allenfalls annehmen, dass ich sie ins Wasser stoßen wollte«, sagte Achmed. Er nahm sein Gepäck von der Schulter und stellte es auf dem Steinblock ab. Wortlos zog er das Wachstuch mit der Kohle daraus hervor, breitete das Tuch über der Plakette aus und pauste die Runen ab, indem er mit einem Kohlestück darüber rieb. »Na bitte, wir kommen auch ohne sie zurecht. Und jetzt sollten wir besser von hier verschwinden, bevor die Flut kommt.«

Grunthor nickte. Das Wasser reichte ihm schon bis zu den Knöcheln. Bald würde die Sandbank überflutet sein.

Achmed schulterte sein Bündel. Dabei streifte er mit der Hand den Steinblock, worauf er ein leichtes Prickeln in den Fingerspitzen spürte. Er bückte sich wieder und musterte diesmal den Stein von nahem. Der war zweifelsfrei ein schwarzer Obsidian, von beachtlicher Größe, ansonsten aber ziemlich unauffällig. Trotzdem ging eine Schwingung davon aus, die ihm ganz und gar fremd, zugleich aber auf seltsame Weise vertraut vorkam. Er blickte zu Grunthor auf.

»Fühlt sich der auch für dich so merkwürdig an?«

Der Riese legte die Hand auf den Stein und schüttelte den Kopf. »Nein. Fühlt sich kalt wie Marmor an und schön glatt poliert vom Wasser.«

Achmed zog seine Hand zurück. Dass er die Schwingungen nun nicht mehr spürte, erleichterte ihn zwar, gleichzeitig aber war ihm, als sei etwas verloren gegangen. Doch darüber konnte er sich jetzt keine Gedanken machen; die Zeit drängte, denn die Flut hatte eingesetzt.

Sie traten in den brüllenden Sturm hinaus und wateten durch knietiefes Wasser zum Tempel zurück. Darin angekommen, zog Grunthor das Kupfertor hinter sich zu, seufzte und fragte: »Na, was hältst du von alledem?«

Achmed zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, aber vielleicht kann ...« Er stockte und zog, verärgert über sich selbst, die Stirn kraus.

Grunthor prustete vor Lachen. »Ja, ja, vielleicht kann sie sich ’n Reim darauf machen. Das wolltest du doch sagen, stimmt’s?«

»Wie auch immer, wir sollten umkehren«, sagte Achmed und wischte sich das Wasser von den Schultern, als sie schnellen Schritts die Basilika durchquerten. »Wir haben eine Verabredung mit ihr einzuhalten, und wer weiß, wie lange wir für den Rückweg brauchen.«

22

Die Eingangstür zum Anwesen des Fürbitters war uralt und dick und mit Schnitzereien versehen, die Rhapsody sogleich an zu Hause erinnerten.

Die Türfüllung hatte früher einmal ein Bild aus Goldblatt geschmückt, die Darstellung eines Drachen oder anderen mythischen Tieres, wovon aber kaum mehr etwas zu erkennen war. Wind und Wetter hatten die Oberfläche inzwischen längst auf ihre Weise gestaltet. Gut zu sehen war hingegen in der rechten oberen Ecke ein Hexenzeichen, das sich von allen anderen, die Rhapsody bislang erspäht hatte, deutlich unterschied. Es war ein aus einer Spirale entworfener Kreis.

Khaddyr klopfte laut mit seinem Stecken an die Tür, wartete einen Augenblick und wollte gerade ein zweites Mal anklopfen, als die Tür plötzlich geöffnet wurde.

In der Eingangshalle stand eine Frau mittleren Alters, ein Halbblut wie Rhapsody, aber von so dunkler Hautfarbe wie die Waldlirin der Insel. Augen und Haare hatten die Tönung der Borke eines Kastanienbaums. An den Schläfen zeigten sich erste graue Schatten.