Sie trug ein langes Gewand aus ungefärbter Wolle, ähnlich denen, die Rhapsody vordem gesehen hatte. Khaddyr zugewandt, verbeugte sich die Frau ehrfurchtsvoll und richtete dann den Blick auf seine Begleitung. Ihr fiel die Kinnlade herunter, und sie riss die Augen auf. Rhapsody errötete. Ich muss schrecklich aussehen, dachte sie und schämte sich.
Khaddyr kniff die Brauen zusammen und räusperte sich hüstelnd. »Auch dir einen schönen Abend, Gwen. Ist Seine Gnaden zu Hause?«
Die Frau blinzelte und lief rot an. »Verzeiht mir, Vater. Und auch Euch, Fräulein, bitte ich um Entschuldigung. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Bitte einzutreten.« Sie trat zur Seite, um Khaddyr vorbeizulassen, der Rhapsody beim Ellbogen ins Haus führte.
Die beiden folgten Gwen über buntscheckiges Mosaik durch die mit edlen, polierten Hölzern und Schnitzereien geschmückte Halle. Vor der letzten Tür blieb sie stehen, klopfte zurückhaltend, sperrte die Tür dann einen Spaltbreit auf und rief: »Euer Gnaden?«
»Ja?« Die Stimme, die da antwortete, war wohltönend und kultiviert.
»Ihr habt Gäste, Hochwürden.« Gwen richtete ihren Blick wieder auf Rhapsody.
»Ich bin’s, Euer Gnaden«, sagte Khaddyr, und an Gwen gewandt: »Gaff nicht so, das gehört sich nicht.« Die Frau machte hastig auf dem Absatz kehrt.
Wenig später schwang die Tür zur Gänze auf, und Khaddyr führte Rhapsody in einen wohnlich eingerichteten Raum, eine kleine Kammer bloß, aber mit einem großen, bis zur Decke reichenden offenen Kamin, in dem lautlos ein Feuer brannte. Wie zur Begrüßung loderten die Flammen auf, als sie den Raum betrat, und sanken dann wieder auf ihr altes Maß zurück.
Die Kammer war voll von eigentümlichen Gegenständen, Landkarten und Schriftrollen. Hohe Bücherregale säumten drei der Wände. Mehrere bequeme Sessel standen rings um einen niedrigen runden Tisch, dessen Platte aus einem dicken Baumstamm herausgeschnitten war. Zur Einrichtung zählten ferner eine Vitrine und noch andere Möbelstücke, die im Schatten lagen und erst auf den zweiten Blick ins Auge sprangen.
Leise schloss sich die Tür hinter ihnen. Da stand ein dünner, älterer Herr in einem einfachen grauen Gewand. Er hatte ein gutmütiges, runzeliges Gesicht mit freundlichen Augen, dichten weißen Brauen und einem fein säuberlich getrimmten Schnauzbart, der ebenso dicht und weiß war. Trotz der etwas schwächlich wirkenden, großen Gestalt schien der Alte bei bester Gesundheit zu sein. Die vom Wetter gegerbte Haut ließ erkennen, dass er die größte Zeit seines Lebens im Freien zugebracht hatte.
»Schau an«, sagte der Alte. »Wen haben wir denn da?«
»Euer Gnaden, diese Frau ist aus dem Frost von Tref-Y-Gwar-theg zu mir gekommen«, antwortete Khaddyr respektvoll. »Sie spricht unsere Sprache nicht, scheint aber doch einiges zu verstehen. Wie wir besingt sie den Sonnenaufgang, allerdings ohne Worte. Ihre Stimme klingt überweltlich schön. Ich dachte, Ihr könntet Euch für sie interessieren. Mir ist sie ein Rätsel. Vielleicht ist sie ja eine Dryade oder Sylphe oder irgendein anderer Naturgeist, der Euch bekannt sein könnte. Wenn denn einer Bescheid weiß, dann seid Ihr es.«
Rhapsody starrte Khaddyr verwundert an. Was sie als Erstes hatte aufmerken lassen, war der Name der Ortschaft: Tref-Y-Gwar-theg. In der Sprache der Insel bedeutete dieser Name nichts anderes als Viehdorf.
Seine anschließende Bemerkung aber versetzte ihr einen regelrechten Schock. Anfangs hatte sie geglaubt, dass ihr die Leute aus dem Ort deshalb nachgelaufen seien, weil ihnen womöglich noch nie eine Lirin zu Gesicht gekommen war. Allerdings hatte Gwens Person diese Vermutung bereits widerlegt. Doch warum sollte der Priester sie für einen Naturgeist halten? Sie dachte zurück an Achmeds und Grunthors unbeholfene Versuche, ihr zu erklären, auf welche Weise das Feuer ihr Äußeres verändert hatte. Anscheinend war sie wirklich von ganz außergewöhnlichem Aussehen. Der alte Mann schmunzelte amüsiert. »Vielen Dank, Khaddyr.« Er ging ein paar Schritte auf sie zu und sah ihr ins Gesicht. »Mein Name ist Llauron«, sagte er ohne Umschweife und in freundlichem Tonfall. »Wie soll ich dich nennen, liebes Kind?«
»Rhapsody«, antwortete sie. Khaddyr zuckte vor Schreck zusammen.
»Ich wusste gar nicht, dass du sprechen kannst«, sagte er.
»Manchmal kommt’s einfach nur darauf an, die richtigen Fragen zu stellen, nicht wahr, Rhapsody?«
Die dunkle, vornehme Stimme des Alten hatte einen entwaffnend sanften Ton, der ihr ein Lächeln entlockte.
»Ja.«
»Wo kommst du her?«
Rhapsody zog die Stirn in Falten und suchte nach einer Antwort. Es war verabredet worden, dass sie sich bedeckt halten sollte, doch wollte sie auch nicht lügen, und außerdem haperte es bei ihr noch allzu sehr mit diesem fremden Dialekt. »Ich weiß nicht, wie der Ort in Eurer Sprache heißt«, antwortete sie vorsichtig. »Jedenfalls liegt er sehr weit entfernt.«
»Ja, das kann ich mir vorstellen«, sagte der Fürbitter. »Aber mach dir keine Sorgen. Kann ich dir etwas zu essen anbieten? Oder möchtest du vielleicht ein Bad nehmen?«
Ihr Gesicht leuchtete auf – und mit ihm auch das Feuer. Die Flammen tanzten vor Vergnügen. »Ja, ein Bad wäre wundervoll«, sagte sie. Der Wunsch danach war größer als ihre Vorsicht.
Llauron öffnete die Tür seiner Studierkammer. »Gwen?«
Die Halb-Lirin tauchte wieder auf. »Ja, Euer Gnaden?«
»Das ist Rhapsody. Sie wird unser Gast sein, zumindest für heute Abend. Bitte, bereite ihr ein heißes Bad mit viel Seife, und lass Vera etwas zu essen für sie machen.« Die Dienerin nickte und ging. Llauron wandte sich den beiden wieder zu. »Nun, das wäre geregelt. Und wie wäre es mit einem Schlückchen Tee?«
»Ja, bitte«, antwortete Rhapsody.
»Dagegen hätte auch ich nichts einzuwenden, Euer Gnaden.«
Llauron deutete auf die Sessel, hieß die beiden Platz zu nehmen, und hängte einen Kessel voll Wasser über das Feuer im Kamin. Dann holte er drei Tassen aus einer Vitrine neben einem der Glasfenster und stellte sie auf den Tisch. Als das Wasser zu kochen anfing, nahm er den Kessel vom Feuer und füllte eine Kanne aus Porzellan, in die er vorher ein paar Teeblätter gegeben hatte. Schließlich setzte er sich in den Sessel, der Rhapsody gegenüber stand.
»Nun, Rhapsody, ich hoffe, Khaddyr war dir ein guter Gastgeber, auch wenn er es versäumt hat, dir ein Bad anzubieten.«
Khaddyr zeigte sich zerknirscht. »Es tut mir Leid, Fräulein«, sagte er, »aber ich wollte dir nicht zu nahe treten, dich nicht in Verlegenheit bringen.«
Llauron schmunzelte. »Ach, guter Freund, Ihr habt doch gewiss schon genug Lirin kennen gelernt, um zu wissen, dass sie streng auf Reinlichkeit achten.« Er schenkte den Tee aus und reichte einen kleinen Honigspender herum.
»Lirin?«, fragte Khaddyr verwundert.
»Halb-Lirin, würde ich vermuten. Hab ich Recht, liebes Kind? Ein Elternteil von dir war bestimmt ein Liringlas.«
Rhapsody nickte. »Ja, meine Mutter.« Sie nippte an der Tasse und ließ sich den Tee schmecken.
»Dachte ich’s mir doch.«
Es klopfte an der Tür, die sich gleich darauf öffnete. »Das Bad ist fertig, Euer Gnaden.«
Llauron stand auf. »Ich kann mir vorstellen, dass du dir zurzeit nichts sehnlicher wünschst als ein Bad, hab ich Recht, mein liebes Kind?«
»Ja«, antwortete sie und ließ einen so überzeugenden Seufzer folgen, dass der Fürbitter darüber zu kichern anfing.
»Viel Vergnügen. Gwen, erfüll ihr bitte jeden Wunsch und sorg dafür, dass ihre Kleider gewaschen werden. Du hast doch bestimmt ein paar frische Sachen, die sie tragen kann, bis die eigenen getrocknet sind, oder?«
»Ja, Euer Gnaden.«
»Ausgezeichnet.«
Rhapsody folgte Gwen nach draußen. Im Flur und auf der Treppe konnte sie das Gespräch zwischen den Geistlichen noch eine Weile mit anhören.
»Eine Dryade?«, sagte Llauron offenbar erheitert. »Also wirklich.«