»So eine Lirin ist mir noch nie über den Weg gelaufen«, entgegnete Khaddyr in verteidigendem Tonfall.
»Das mag ja sein, aber muss ich Euch daran erinnern, dass es keine Naturgeister mehr gibt? Die letzten sind vor Jahrhunderten mit der Insel untergegangen ...«
Die Stimme brach ab, als Gwen die Badezimmertür ins Schloss warf.
Das Badezimmer enthielt eine große Wanne aus Porzellan, die mit dampfendem und nach Kräutern duftendem Wasser gefüllt war. Fenchel und Eisenkraut, dachte Rhapsody und drehte sich nach Gwen um, die den Blick auf sie gerichtet hielt und keine Anstalten machte, sie allein zu lassen. Merklich befangen zog Rhapsody ihre schmutzigen Kleider aus. Sie trug nur noch das Medaillon an der Kette um den Hals, als sie in die Wanne stieg und in das heiße Wasser eintauchte, was ihr ein so wohliges Gefühl bereitete, dass sie vor Freude hätte aufjauchzen können. Sie schaute sich um und sah Gwen mit ihren Kleidern im Flur verschwinden und die Tür hinter sich zuziehen.
Mit einem Seufzer glitt sie noch tiefer ins Wasser und spürte förmlich, wie sich der Schmutz aus den Poren der Haut löste. Während sie sich die Haare wusch und den Körper schrubbte, blieb das Wasser angenehm warm, obwohl es allmählich eine hässlich graue Farbe annahm. Es war, als würden alle Anspannung und Strapazen der endlos langen Reise mit dem Schmutz von ihr abfallen.
Sie trocknete sich gerade mit dem großen, flauschigen Handtuch ab, das neben der Wanne bereit lag, als Gwen mit einem weißen wollenen Umhang zurückkehrte, der der Tracht der Filiden ganz ähnlich sah, die sie auf der Waldlichtung gesehen hatte. Die Dienerin machte sofort wieder kehrt und verließ das Badezimmer, um Rhapsody Gelegenheit zu geben, sich in Ruhe anzuziehen. Der war es wiederum eine Lust, in ein frisches Kleidungsstück schlüpfen zu können. Dann warf sie einen Blick auf das Schwert und dachte, dass es doch wohl lächerlich aussähe, wenn sie es zu der Robe gürten würde. Also beschloss sie, die Waffe in der Hand zu tragen, zumal sie auf die Schnelle kein Versteck für sie fand.
Sie wartete noch eine Weile, doch Gwen ließ sich nicht mehr blicken. Rhapsody öffnete die Tür und spähte in den Flur hinaus. Da war niemand zu sehen. Langsam ging sie über die Treppe nach unten, schaute sich dabei aufmerksam um und nahm von jeder Einzelheiten Notiz, angefangen von den blank polierten Holzarbeiten bis hin zu den ungewöhnlichen Kunstwerken, die die Wände schmückten. Die Tür zur Studierkammer stand offen. Sie blieb davor stehen und rief: »Hallo?«
Llaurons Stimme antwortete wie von fern. »Ah, du bist fertig. Komm nur herein, mein liebes Kind.«
Rhapsody trat ein und sah sich allein in der Kammer. In der Regalwand gegenüber der Feuerstelle stand eine Tür offen, die ihr vorher noch nicht aufgefallen war. Sie durchquerte den Raum, bemerkte, dass das Feuer im Kamin ihr zum Gruße wieder aufflammte, und ging weiter bis in die angrenzende Kammer.
Die war dem Studierzimmer sehr ähnlich – bis auf das eine zentrale Möbelstück: einen großen, schmuckvollen Schreibtisch, der einen Großteil des Raumes einnahm und scheinbar wahllos voll gepackt war mit Papieren und Schriftrollen. Auch hier gab es eine offene Feuerstelle, die allerdings deutlich kleiner war und von zwei verglasten Fenstern flankiert wurde. Glas war eine Kostbarkeit, die Rhapsody in ihrer alten Welt nur selten gesehen hatte und seit ihrer Ankunft in der neuen Welt zum ersten Mal in diesem Haus. Llauron erhob sich aus einem großen Sessel hinter dem Schreibtisch und lächelte ihr zu.
»Na, fühlst du dich jetzt besser?« Sie nickte. »Gut, gut. Hast du die Kräuter im Wasser wieder erkannt?«
Rhapsody dachte einen Moment lang nach. Sie erinnerte sich an Lavendel, Fenchel, Eisenkraut und Rosmarin, wusste aber nicht, wie diese Kräuter in dem fremden Dialekt bezeichnet wurden, und wollte die ihr bekannten Namen lieber für sich behalten, um keinen Hinweis auf ihre Sprache zu geben. »Ja«, sagte sie.
Der Fürbitter lachte. »Sehr gut. Du bist also vom Fach, wie es scheint.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich kenne mich nur ein bisschen mit Pflanzen aus, nicht viel.«
»Nun, wenn du willst, kannst du einiges bei uns dazulernen. Lark, unsere erste Herbalogin, ist ebenfalls Lirin, wenn auch kein Liringlas.«
»Das wäre bestimmt sehr interessant.«
»Allerdings. Für gewöhnlich gibt Gwen auch eine Prise Felssalz ins Wasser. Das tut den Muskeln gut. Ich hoffe, dass es auch dir gut getan hat.«
Rhapsody lächelte. »Ja, vielen Dank. Ich fühle mich viel besser.«
Llauron wies mit geöffneter Hand auf einen bequem aussehenden Sessel und bot ihr an, darin Platz zu nehmen. »Khaddyr lässt sich entschuldigen. Er wird im Spital gebraucht. Vielleicht möchtest du mir von den vielen Fragen, die du sicherlich hast, die eine oder andere stellen. Ich muss gestehen, dass auch ich etliche Fragen habe. Setz dich ans Feuer, liebes Kind, und nimm nach Belieben von dem, was da auf dem Tablett angerichtet ist.«
Rhapsody gehorchte und atmete tief durch, um zu verhindern, dass das Feuer auf ihre Nervosität reagierte. Doch es half nichts. Die Flammen loderten auf, als sie sich in den Sessel setzte. Llauron aber schien davon keine Notiz zu nehmen.
»Was ist das für ein Ort hier?«, fragte sie, stets bemüht, den ihr fremden Dialekt zu imitieren. Llauron schmunzelte. »Du bist hier in meinem Haus, genauer gesagt: der Burg des Fürbitters der Filiden, der Glaubensbruderschaft, die den einen Gott, den Lebensspender, verehrt und ihm dient, indem sie sich um die Natur kümmert. Mein Haus steht am Scheitelpunkt des Kreises; das ist der Bezirk, in dem unser Orden lebt, lernt und sich der Pflege des Großen Weißen Baums widmet. Ich nehme an, du hast ihn auf dem Weg hierher schon bestaunen können. Er ist nicht zu übersehen.«
Rhapsody nickte. »Der Name des heiligen Waldes, in dem wir uns befinden, ist Gwynwald.«
Rhapsody lehnte sich zurück. Sie hatte weder diesen noch die Namen der anderen Orte jemals gehört. Llauron bemerkte, dass sie enttäuscht war. »Kannst du Landkarten lesen?«
»Ein wenig. Mit Seekarten kenn ich mich besser aus.«
»Ausgezeichnet. Dann komm doch einmal zu mir herüber.« Der alte Mann stand auf und führte sie vor einen eigentümlichen Globus, der in der Ecke des Zimmers an einem Stativ hing. Auf diesem Globus waren die Landmassen der bekannten Welt dargestellt. Llauron nahm die Kugel in beide Hände, drehte sie und machte im Norden auf einen Kontinent mit langer, zerklüfteter Westküste aufmerksam.
»Dort sind wir«, sagte er und zeigte auf eine Stelle landeinwärts. Rhapsody sagte nichts. Sie kannte das Land aus ihren Studien, hatte es aber bislang für unbewohnt gehalten.
Die Insel Serendair lag genau gegenüber auf der südlichen Halbkugel. Obwohl sie an diese Möglichkeit schon gedacht hatte, schnürte es ihr die Kehle zu, hatte sie doch gehofft, nicht ganz so weit von zu Hause entfernt zu sein.
»Diese runde Karte... darf ich mal sehen?«, fragte sie zögerlich, denn sie tat sich mit der Sprache schwer.
»Natürlich. Sie heißt übrigens Globus.« Llauron schwenkte ihr die Kugel am Stativ zu.
Langsam drehte Rhapsody den Globus in der Hand, entdeckte Orte, von denen sie schon gehört hatte, und viele andere, die ihr gänzlich unbekannt waren. Sie musterte die Kontinente sehr genau, versuchte aber gleichzeitig, gelassen zu wirken, obgleich ihr das Herz bis zum Hals schlug. Die Beschriftung der einzelnen Orte entsprach, ausgenommen einiger weniger Zeichen, der Schrift, die ihr vertraut war. Sie ließ sich viel Zeit, bis sie die Kugel endlich so weit herumgedreht hatte, dass Serendair zu sehen war. Die Insel befand sich genau da, wo sie hingehörte, doch war sie grau eingefärbt, und anstelle ihres ureigenen Namens stand da Die Versunkene Insel zu lesen.
Ihre Hände wurden ganz kalt. Die Versunkene Insel? Es konnte kaum überraschen, dass die Kartografen hierzulande nur wenig über die andere Seite der Welt wussten. Aber warum bezeichneten sie die Insel als versunken?
Schnell huschten ihre Blicke über den Globus. Dabei fiel ihr nicht nur der ungewöhnliche Name auf, Serendair war außerdem die einzige grau eingefärbte Landmasse. Sie drehte die Kugel so weit zurück, dass wieder jene Stelle zu sehen war, auf die Llauron als ihren jetzigen Aufenthaltsort hingewiesen hatte.