Der Fürbitter beobachtete sie mit unverhohlener Neugier. »Komm, ich will dir etwas zeigen.« Er trat vor einen großen Stapel Landkarten, der auf einem niedrigen Schränkchen lag, und stöberte darin herum, bis er das Gesuchte gefunden hatte und ihr vorlegte.
»Hier ist der Baum, in der zentralen Waldregion nahe der Südostgrenze des Waldes. Gwynwald selbst ist ein heiliger Staat und als solcher unabhängig von Roland, unserem Nachbarn im Süden und Osten.«
Rhapsody folgte mit den Augen der Bewegung seines Fingers und sah, dass die an der Küste gelegene Provinz im Süden des Waldes auf den Namen Avonderre lautete und diejenige im Osten als Navarne bezeichnet war. Ganz weit im Westen, auf der anderen Seite des großen Ozeans, lag ein Land, das wie die anderen Gebiete, auf die der Alte aufmerksam machte, grün eingefärbt war. Dieser Teil des Kontinents jenseits des Meeres hieß Manosse.
»Sind Avonderre und Navarne Teil von Roland?«
»Ja, so auch die Provinzen Canderre im Nordosten, Yarim östlich davon, Bethanien, im Osten von Navarne, wo der königliche Thron steht, und Bethe Corbair, östlich von Bethanien.«
Interessiert studierte Rhapsody die Karte. Avonderre, Navarne, Bethania, Canderre, Yarim und Bethe Corbair – sie waren samt und sonders Provinzen von Roland. Darüber hinaus gab es noch weitere grün markierte Gebiete, und das waren diejenigen, auf die es Llauron offenbar ankam.
Der Karte ließ sich entnehmen, dass sich Roland wie eine große Klammer um eine eigenständige Region an der Ostküste legte, um ein Hügelland im Süden von Gwynwald. Im Osten breitete sich eine weite Ebene aus, das so genannte orlandische Plateau.
Dieses Plateau reichte bis an die Ausläufer einer schroffen, von tiefen Tälern eingeschnittenen Gebirgskette heran, die Manteiden. Das Gebiet rund um die Manteiden schien früher einmal Canrif geheißen zu haben, doch dieser Name war auf der Karte durchgestrichen und handschriftlich durch Firbolg ersetzt worden. Rhapsody musste unwillkürlich schlucken, als sie dieses Wort las. Sie zeigte auf ein Land im Süden, das an Bethanien und Bethe Corbair angrenzte. Es bestand zu einem großen Teil aus Bergen, die allem Anschein nach zu den Manteiden gehörten und weiter südlich in eine weite, hoch gelegene Wüste ausliefen. Auch dieses Land war grün eingefärbt. »Gehört das auch zu Roland?«, fragte sie.
»Das ist Sorbold. Nein, zu Roland gehört es nicht. Sorbold ist selbstständig.«
»Und das hier?« Sie deutete auf das mit dem Wort Firbolg bezeichnete Gebiet.
Llauron lachte. »Meine Güte, nein. Das ist das Land der Firbolg, ein durch und durch düsteres, unheimliches Land.«
Rhapsody nickte. Wenn da lauter Firbolg lebten, konnte sie sich nur zu gut vorstellen, was Llauron mit seinen Worten zum Ausdruck bringen wollte. Sie fuhr mit dem Finger die Südgrenze Rolands entlang bis zu der letzten grün schattierten Fläche, die keine nähere Bezeichnung aufwies. »Warum hat dieses Gebiet denn keinen Namen?«
Lauron strich die Karte glatt, die sich immer wieder zusammenrollen wollte. »Das sind die nicht angeschlossenen Gebiete, die früher einmal Teil der cymrischen Länder waren.« Die Stimme des Alten klang wie beiläufig, doch während er dies sagte, behielt er Rhapsody aufmerksam im Blick. Rhapsody rührte keine Miene. Der Name bedeutete ihr nichts. »Cymrische Länder? Sind das die grün gekennzeichneten?«
»Ja, Roland und Sorbold wie auch die gegenwärtig nicht angeschlossenen Länder Manosse jenseits des Meeres und die Firbolg-Wüstenei. Auch in diesen Gebieten hatten sich zu ihrer Zeit die Cymrer niedergelassen – Cymrer, geschrieben mit ›y‹, obwohl der so bezeichnete Laut eigentlich ein ›u‹ ist.«
»Wer waren diese Cymrer?«
Llauron gab sich verwundert. »Hast du denn noch nie von ihnen gehört?«
»Nein.« Ihre Hände fingen ein wenig an zu zittern, was dem Alten nicht entging.
Tröstend tätschelte er eine ihrer Hände und sagte: »Die Cymrer waren Flüchtlinge, die ihre Heimat, die Insel Serendair, verlassen mussten, um nicht mit ihr unterzugehen.«
23
Es dauerte eine Weile, bis die Worte des Alten in ihr Bewusstsein vorgedrungen waren und sich dort festsetzten. Flüchtlinge, die ihre Heimat, die Insel Serendair, verlassen mussten, um nicht mit ihr unterzugehen.
Ein Gefühl tiefer Ruhe senkte sich über sie, wie immer, wenn sich Augenblicke größter Gefahr oder Panik ankündigten. Sie gab sich alle Mühe, keine Miene zu verziehen, obwohl das Blut in ihren Schläfen rauschte, der Magen sich verkrampfte und ihre Knie weich wurden.
Sie griff zur Karte und nahm sie mit zu dem Sessel, in dem sie zuvor Platz genommen hatte, setzte sich wieder, legte das Schwert in seiner Scheide über die Schenkel und wärmte das plötzlich aschfahl gewordene Gesicht am Kaminfeuer.
»Ich würde gern mehr über die Cymrer erfahren. Aber bitte erklärt mir vorher doch noch, was es mit diesen beiden Ländern auf sich hat«, sagte sie in einem Tonfall, der ihr selbst allzu angestrengt vorkam.
Llauron nahm ihr gegenüber Platz. »Selbstverständlich.«
Mit wachem Blick konzentrierte sie sich auf das gelb markierte Gebiet im Süden der Provinz Avonderre. Es war, wie es den Anschein hatte, Teil desselben ungemein großen Waldes und trug den Namen Realmalir. »Was ist das für ein Land?«
Der alte Fürbitter schmunzelte in sich hinein. »Das ist der große Wald von Tyrian, die Heimat der Lirin. Tyrian ist ein alt-cymrisches Wort und bedeutet ›lirinsches Königreiche Es war das Ursprungsland dieses Volkes, und es wohnte dort schon, als die Cymrer an der Küste landeten. Und sie wohnen immer noch dort.«
»Aber das Gebiet gehört nicht zu Roland?«
»Nein. Während des cymrischen Zeitalters waren die Lirin Verbündete der Cymrer, doch mit dem Großen Krieg änderte sich dies.«
»Der Große Krieg?«
Llauron schöpfte tief Luft. »Ich sehe, es ist nicht übertrieben, wenn du sagst, von weither zu kommen. Über welches andere Land möchtest du noch Bescheid wissen?«
Rhapsody zeigte mit matter Hand auf die weiß belassenen Landstriche im Norden von Gwynwald und Roland. »Was ist das?«
»Das ist der Hintervold. Er umfasst alle Gebiete nördlich und östlich des alten Cymrerreiches. Ich habe da ein paar Karten, auf denen Näheres zu sehen ist. Wenn du willst, kannst du einen Blick darauf werfen.«
Ihr wurde zunehmend übel. »Ein anderes Mal vielleicht, vielen Dank. Erzählt mir bitte mehr über die Cymrer.«
Llauron schaute zum Fenster hinaus in die Dunkelheit. »Nun, das will ich gern tun, aber es ist eine ziemlich lange Geschichte, und ich kenne nur einen kleinen Ausschnitt daraus. Vor sehr langer Zeit machte Gwylliam, der Letzte der Seren-Könige, die Entdeckung, dass das Inselreich, deren rechtmäßiger Herrscher er war, dazu verurteilt war, in Flammen aufzugehen. Aus den alten Handschriften, die ich studiert habe, geht nicht eindeutig hervor, was Gwylliam zu dieser Entdeckung führte. Aber unter den Königen von Serendair gab es viele, die mit Hellsicht gesegnet waren und über großes Wissen verfügten.« Rhapsody fühlte sich wie betäubt. Sie hatte von Gwylliam nie gehört.
»Jahrhunderte zuvor hatte die Insel großen Schaden genommen, als ein Stern vom Himmel ins Meer gestürzt war«, fuhr Llauron fort. »Es kam zu einer gewaltigen Flut, die die Insel zerteilte und zu weiten Teilen überschwemmte. Dass so etwas irgendwann einmal wieder passieren würde, war den Inselbewohnern eine ständige Sorge.«
Rhapsody tat sich schwer damit, durchzuatmen. Sie kannte die Geschichte vom Schlafenden Kind, die Llauron angestimmt hatte.
Ihre Mutter hatte ihr diese lirinsche Legende von den beiden Sternenschwestern Melita und Oelendra erzählt, wie Melita vom Himmel nahe der Küste ins Meer gestürzt war und in den Wellen verschwand, aber immer noch voller unverbrauchter Feuerkraft steckte. Auf den Inseln im Norden von Serendair mit ihren einst schneebedeckten Bergen setzte sich tropisch heißes Klima durch. Das Meer ringsum tobte und wütete und war für die Schifffahrt viel zu gefährlich geworden.