Der Stern auf dem Meeresgrund wurde das Schlafende Kind genannt. Die Lirin glaubten, dass es eines Tages erwachen und wieder aufsteigen würde. Von der Schwester Oelendra hieß es, dass sie aus lauter Verzweiflung gestorben sei, wohl aber über ihren Tod hinaus am Himmel erstrahlte. Rhapsody hatte diese Geschichten immer als Ammenmärchen abgetan.
Wie durch eine Nebelwand drang Llaurons Stimme wieder zu ihr durch. »Gwylliam war, seiner Bestimmung und Ausbildung nach, Architekt, Ingenieur und Schmied. Er weigerte sich, das Schicksal seines Königreiches zu akzeptieren, und beschloss, Mittel und Wege zu finden, um zu schützen, wofür seine königlichen Vorfahren so lange gekämpft hatten. Er schmiedete große Pläne zur Evakuierung der Insel, obwohl manche seiner Untertanen, vor allem ältere Geschlechter wie die der Liringlas, trotz des drohenden Unheils lieber zurückbleiben wollten. Andere zogen es vor, sich an die nahe gelegenen Küsten zu retten, die auf den altbewährten Schifffahrtstraßen zu erreichen waren. Gwylliam aber mochte sich mit keiner dieser Alternativen zufrieden geben. Vielmehr wollte er einen Ort finden, an dem die Seren ihre Kultur in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit weiterhin würden pflegen können, eine Zuflucht für sein Volk, auf dass es dort eine neue Zukunft für sich aufbaute. Zu diesem Zweck beauftragte er einen Seefahrer aus altem serenischem Adel namens Merithyn, auf Entdeckungsfahrt zu gehen. Allein und in einem kleinen Boot stach er in See, um für die Seren einen geeigneten Ort zu finden, an dem sie sich in Sicherheit bringen konnten. Übrigens, lass mich dir den Unterschied zwischen den Seren des Altertums und denen der Neuzeit erklären. Jeder Bürger des seinerzeit modernen Serendair war, unabhängig von seiner ethnischen Herkunft, ein Seren. Diese Bezeichnung ist dann nach der Emigration durch den Namen Cymrer ersetzt worden. Die alten Seren waren eine ganz besondere Rasse, groß gewachsen und von goldfarbener Haut. Sie wohnten schon auf der Insel, lange bevor sich die Menschen dort niederließen, und in der Zeit, von der ich spreche, waren sie schon nahezu ausgestorben.« Rhapsody, selbst eine Seren, nickte stumm.
»Merithyn erreichte schließlich unsere Küste hier, ein Land, das damals ein undurchdringlicher Urwald war und von einem weiblichen Drachen namens Elynsynos beherrscht wurde. Aber die Geschichte ist viel zu lang, um an einem Abend erzählt zu werden. Wenn du noch eine Weile bei uns bleibst, werde ich mich glücklich schätzen, dir mehr davon zu berichten. Nur so viel noch: Elynsynos fand Gefallen an Merithyn und hatte ein Herz für sein Volk. Und so lud sie es ein, sich in ihrem Reich niederzulassen – das sind die Länder, die du auf dieser Karte grün eingefärbt siehst. Merithyn kehrte mit der frohen Botschaft zurück und führte die Seren hierher. Insgesamt machten sich 876 Schiffe auf die Reise; sie segelten in drei großen Verbänden, die im zeitlichen Abstand zueinander in See stachen und zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten ankamen. Es gab auch etliche, die nie ihr Ziel erreichten. Diejenigen aber, die die Strapazen auf hoher See überlebt hatten, trafen schließlich in der neuen Heimat wieder zusammen, formierten sich zu einer großen Nation und läuteten das Zeitalter der Aufklärung ein. Aber damit ist es nun schon lange vorbei.«
Rhapsody versuchte, Fassung zu bewahren. »Ich habe noch nicht verstanden, warum sie Cymrer genannt werden. Ihr sagtet doch, sie seien aus Serendair.«
Der Fürbitter stand auf, reckte sich und trat vor eine Vitrine, in der ein seltsamer Gegenstand hinter Glas ausgestellt war, der wie ein Stück Fels aussah. Rhapsody folgte ihm und musste an sich halten, um nicht in Hysterie auszubrechen. Er zeigte auf den Stein, in den Schriftzeichen eingemeißelt waren. Sie starrte durch das Glas auf die Worte.
Cyme we inne frið, fram the grip of deaþ to lif inne ðis smylte land
»Kannst du das lesen, mein liebes Kind?«
Rhapsody nickte. Die Schrift war eine Kombination aus dem, was Llauron als Alt-Cymrisch bezeichnet hatte, also der Sprache, mit der sie groß geworden war, und dem Dialekt der Seeleute und Händler, so wie er in allen Häfen der Welt gesprochen wurde.
»Kommen wir in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem schönen Land zu leben.«
Llauron lächelte anerkennend. »Sehr gut. Dies sind die Worte, die Gwylliam dem Entdecker Merithyn mit auf den Weg gab zur Begrüßung derjenigen, die er in dem zu entdeckenden Land vorfinden würde. Gwylliam übersetzte diesen Satz in die Verkehrssprache der Seefahrer und hoffte, sich so überall verständlich machen zu können. Es waren dann auch die ersten Worte, die Merithyn an Elynsynos richtete und in den Fels ihres Lagers ritzte – mit ihrer Erlaubnis, versteht sich –, als Hinweis für alle, die nach ihm kommen würden. Als die Cymrer an verschiedenen Stellen an Land gingen, ließen sie auf dem Weg, den sie einschlugen, Markierungen zurück und erreichten damit, dass sie sich am Ende wieder trafen und zusammenschließen konnten. Diese historischen Wege werden Cyme-Pfade genannt und waren der Ursprung für den Namen Cymrer. Die Ureinwohner des Landes wie auch die Lirin des Großen Waldes von Tyrian lasen die besagten Worte auf den Markierungstafeln oder hörten sie zur Begrüßung aus dem Mund der Flüchtlinge, die sie daraufhin mit den Namen Cymrer belegten, denn es waren für sie diejenigen, die sich selbst als die Kommenden bezeichneten, was ja ein wenig ähnlich klingt. Cymrer hießen dann auch deren Nachkommen, egal, welcher Rasse oder Klasse sie angehörten, denn sie entstammten alle dem Volk der Versunkenen Insel.«
»Verstehe«, sagte Rhapsody höflich, obwohl sie das Gefühl hatte, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. »Wie lange ist das her?«
»Nun, der große Exodus begann vor rund 1400 Jahren.«
Rhapsody schnappte unwillkürlich nach Luft. »Was?«
Llauron lächelte. »Ja, man mag es kaum für möglich halten, aber hier hat tatsächlich vor 1400 Jahren eine Zivilisation gelebt, der wir bedeutende Einrichtungen und Erfindungen verdanken. Sie waren in mancher Hinsicht weiter entwickelt und auf einem höheren Stand als wir heutzutage. Doch dann kam der Krieg, der dem Cymrischen Zeitalter ein Ende setzte und uns um Jahrhunderte zurückwarf. Ist mit dir alles in Ordnung, liebes Kind? Du siehst so blass aus.«
»Ich... ich bin sehr müde«, antwortete Rhapsody im Flüsterton.
»Natürlich, wie gedankenlos von mir.« Llauron ging zur Tür und rief: »Gwen? Ist das Gästezimmer fertig?«
Die Dienerin ließ nicht lange auf sich warten. »Ja, Euer Gnaden. Das Bett ist gemacht, die Decke aufgeschlagen.«
»Gut, gut«, sagte der Fürbitter, und an Rhapsody gewandt: »Gwen zeigt dir den Weg. Hab eine gute Nacht, und angenehme Ruhe. Du kannst getrost ausschlafen. Das wird dir nach der langen Reise gut tun.«
Rhapsody nickte und verbeugte sich vor Llauron. »Gute Nacht. Und vielen Dank.«
»Keine Ursache. Schlaf gut.« Seine Augen funkelten heiter im Feuerschein, als sie den Raum verließ. Sie folgte Gwen über die Treppe nach oben und musste sich dabei, erschöpft wie sie war, am Geländer hochziehen.
Ihr Zimmer lag am Ende eines langen, gewundenen Flures. Gwen hatte nicht nur die Bettdecke aufgeschlagen, sondern auch ein paar aufgewärmte Ziegelsteine ans Fußende gelegt.
Der Raum war sauber und schlicht, eingerichtet nur mit dem Bett, einer Truhe, einem Stuhl, einem Spiegel, Kleiderhaken und einem Schwertständer. Ein kleines verglastes Fenster wies in eine Richtung, die sie bislang noch nicht eingesehen hatte, und auch jetzt erkannte sie nichts, denn es war dunkel. Die Wolldecken auf dem Bett zeigten Eingewebte Hexenzeichen zum Schutz gegen Albträume. Es wäre wahrhaftig ein Wunder, dachte Rhapsody bedrückt, wenn sie davon tatsächlich verschont bliebe.