Sie machte die Tür hinter sich zu und setzte sich auf die Bettkante. So müde war sie, dass es ihr kaum noch gelang, den Wust von Gedanken, die ihr durch den Kopf rauschten, vernünftig zu ordnen.... die ihre Heimat, die Insel Serendair, verlassen mussten, um nicht mit ihr unterzugehen.
Llauron hatte gesagt, dass Gwylliam den Untergang der Insel vorausgesehen hätte, aber vielleicht war es dazu am Ende ja doch nicht gekommen. Schließlich hatte es zu allen Zeiten selbst ernannte Propheten gegeben – zum Beispiel die Hellseher auf dem Diebesmarkt zu Ostend –, deren Weissagungen nie und nimmer zutrafen. Dann dachte Rhapsody zurück an ihren Albtraum auf der Wurzel, an den ins Meer stürzenden Stern und die brennende Wasserwalze, die sich über die Insel ergoss, und sie wusste, dass es dazu sehr wohl gekommen war. Sie hatte schon die richtige Ahnung gehabt. Serendair war untergegangen.
Von denen, die sie kannte und liebte, würde keiner mehr am Leben sein, selbst wenn sie damals der Katastrophe entronnen waren und zu den Auswanderern gezählt hatten. Ihr schnürte sich das Herz zusammen bei dem Gedanken an ihre Eltern und Brüder. Ihr Vater war gewiss schon viele Jahrhunderte tot, so auch die Mutter, obwohl sie als Lirin ein sehr langes Leben hatte erwarten können. Doch inzwischen war selbst diese Spanne um fast das Dreifache überschritten. Und natürlich lebten auch die Brüder längst nicht mehr. Rhapsody war zutiefst erschüttert.
Sie kroch ins Bett, rollte sich zusammen wie ein Kind im Mutterleib und versuchte sich an das Leben zu erinnern, das sie vor dem Albtraum auf der Wurzel geführt hatte. Die Schuld an ihrem Unglück Achmed anzulasten wäre allzu einfach gewesen. Sie hatte es sich selbst zuzuschreiben.
Dickköpfig und gedankenlos, war sie als junges Mädchen von zu Hause weggelaufen, wofür sie schon bald einen hohen Preis hatte zahlen müssen. Ein erbärmliches Leben auf der Straße war die Strafe dafür gewesen. Doch was ihr am schlimmsten zugesetzt hatte, war das Wissen um den Kummer und die Verzweiflung, die die Eltern ihretwegen ertragen mussten. Ein wenig Erleichterung von dieser Schuld hatte ihr einzig die Hoffnung darauf verschafft, eines Tages zurückkehren und um Verzeihung bitten zu können. Doch auch diese Hoffnung war nun zerstört.
Im Geiste sah sie die Gesichter ihrer Brüder, eins nach dem anderen, schmunzelnd, lachend. Sie wähnte sich vom Vater umarmt, von der Mutter gestreichelt. Doch damit war es ein für allemal vorbei. Sie würde niemanden von ihnen jemals wieder sehen, nie mehr von der Mutter in den Schlaf gesungen werden, sich nie mehr wirklich in Sicherheit wiegen können.
Rhapsody wusste vor Kummer nicht mehr ein noch aus. An die Vergangenheit zu denken war unerträglich, unerträglicher noch erschien ihr die Aussicht auf die Zukunft. Erschöpft und überdreht, wie sie war, schlief sie schließlich ein.
Die Träume, von denen sie heimgesucht wurde, waren noch schrecklicher als sonst, Visionen riesiger Wellenberge, die über das Land hereinstürzten und alles unter sich begruben; von einem Volk hoher, goldener Gestalten, das einem berstenden Stern zum Opfer fiel; von der Sagia, wie sie langsam, mit den Lirin in ihren Armen, in den Wellen unterging.
Im letzten Traum sah sie sich in einem von schwarzem Feuer verwüsteten Dorf, durch dessen Straßen Soldaten ritten, die alles niedermetzelten, was ihnen in die Quere kam. Aus der Ferne, vom Rand des Horizonts, grinsten ihr blutunterlaufene Augen entgegen. Und dann, als ein mordlüsterner Soldat mit schwingendem Schwert auf sie zugeprescht kam, wurde sie von den Krallen eines großen kupfernen Drachen ergriffen und in die Lüfte emporgezogen.
Keuchend schreckte Rhapsody auf. Sie langte mit der Hand nach Grunthor, der sie in solchen Momenten immer beruhigt hatte, doch das grinsende grüne Gesicht war nirgends zu sehen. Die Luft im Zimmer und das Bett hatten sich abgekühlt. Als ihr indes wieder bewusst wurde, was unabänderlich und wirklich war, wallte schieres Entsetzen fiebrig heiß in ihr auf.
Vor dem kleinen Fenster dämmerte der Morgen mit grauem Licht. Ein neuer Tag brach an, doch es würde für Rhapsody keiner wie jeder andere sein. Die ganze Welt hatte sich für sie verändert, gewissermaßen über Nacht, obwohl die eigentlichen Ursachen schon viele Jahrhunderte zurücklagen. Diese unumkehrbaren Veränderungen hatten sich vollzogen, während sie durch das Innere der Erde gekrochen war, und das über so lange, lange Zeit. Wieso hatte die Zeit sie, Rhapsody, aus ihrem Lauf ausgeschlossen? Sie warf einen Blick in den Spiegel und stellte fest, dass ihr Gesicht kaum älter aussah als zu Beginn der Reise.
Sie trat vor das Fenster und blickte nach draußen. Bald würde die Sonne aufgehen, und dann war von ihr geboten, die Morgenandacht zu singen. Es würde ihr ein Trost sein, daran zu denken, dass sie diesen Gesang von der Mutter gelernt hatte, unter dem Himmel der Entgegengesetzten Hemisphäre. Das Wissen um den Untergang der Insel machte ihr Angst, doch da war keiner jedenfalls unter den Lebenden keiner –, an den sie sich in ihrer Angst hätte wenden können.
Auch wenn sie Achmed und Grunthor fände, die inzwischen bestimmt schon weit weg waren, würde sie sich ihnen in ihrer Trauer kaum verständlich machen können. Achmed wäre wahrscheinlich sogar glücklich, weil er nun nicht mehr gejagt wurde. Sie machte das Bett und warf dann den Umhang über, den Khaddyr ihr gegeben hatte.
Leise, um den Fürbitter und die Dienerschaft nicht zu wecken, ging sie über die Treppe nach unten, öffnete vorsichtig die schwere Tür und nickte den Wachen zu, die davor postiert waren und sie mit skeptischer Miene beäugten. Doch sie ließen sie ungehindert passieren. Rhapsody trat in den schneebedeckten Garten hinaus und wanderte auf den Baum zu.
Als sie den Rand der Lichtung erreichte, war die Sonne gerade im Begriff aufzugehen. Rhapsody trat zwischen einem majestätischen Ahornbaum und einer Ulme in den Kreis der schützenden Bäume und konnte nun zum ersten Mal einen ungehinderten Blick auf den Stamm des Großen Weißen Baumes werfen, dessen Borke unter den ersten Sonnenstrahlen, die durch die morgendlichen Nebelschleier drangen, hell leuchtete. Gleichzeitig nahm das Lied des Baums eine neue Klangfarbe an, und es war ein Jubilieren zu hören, das wie die Begrüßung des neuen Tages anmutete.
Rhapsody schloss die Augen und spürte die Klänge in sich widerhallen. Vor so viel Pracht und Macht kam sie sich ganz klein und unbedeutend vor.
Dem Lebenslied des Baums wohnte eine ihr vertraute Klangfarbe inne, die in ihrer Seele gleich mehrere Saiten zum Schwingen brachte. Die Sagia hatte sie mit ihrer Melodie auf ganz ähnlicher Weise angerührt, und ihr wurde das schwere Herz ein bisschen leichter.
Leise sang sie ihre Aubade, und als sie ihre Andacht beendet hatte, pfiff sie die verabredete Tonfolge, das Signal, auf welches Achmed wartete. Dann verließ sie den Ring der schützenden Bäume und eilte zum Haus zurück, nicht auf demselben Weg, den sie gekommen war, sondern an einer riesigen, buschigen Stechpalme und einem Engilder vorbei, jenem schlanken, silbrigen Baum, den sie aus ihrer alten Heimat kannte. Sie näherte sich dem Haus nun aus einer Richtung, die ihr den Blick auf einen kunstvoll angelegten Garten gewährte, der sich hinter dem Haus fortzusetzen schien.
In der Ferne hörte sie die Filiden ihren Tag beginnen und sich an die Arbeit machen. Auf der Wiese war immer noch niemand zu sehen, und so ging sie um das Haus herum und fand sich in einer prächtigen, ausgedehnten Parklandschaft wieder.
Llaurons Grund und Boden erstreckte sich bis zum Waldrand, der über eine Meile entfernt war. Der Park zwischen Haus und Wald bestand aus edlen Bäumen, liebevoll angelegten Teichen und Blumenbeeten. Hier und da standen Marmorbänke, die im Sommer von belaubten Zweigen überschattet waren. Jetzt hielt der Garten seinen Winterschlaf, die Beete waren mit Mulch abgedeckt und von Schnee bedeckt.
Nahe dem Haus stand eine junge Esche, ein hoch aufragender, kräftiger Baum. Darunter hockte Llauron in einem kleinen, geschützten Kräutergärtchen, pflegte die Beete und sang dazu in einem weichen Bariton, der ihr Schauer über den Rücken rieseln ließ. Es war weniger der Wohlklang dieser Stimme, der sie so sehr bewegte, als vielmehr die Schwingung, die von ihr ausging.