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Er wendete die Techniken eines Sängers an, ließ aber doch ein paar kleine Probleme mit Intonation und Phrasierung erkennen, was deutlich machte, dass er als solcher nicht ausgebildet war. Das Lied, das er sang, war schlicht und in einer Sprache, die Rhapsody nicht kannte, doch hörte sie heraus, dass es dazu angetan war, den Pflanzen über die Winterzeit zu helfen. Sie war drauf und dran, dem Fürbitter stimmlich zu Hilfe zu kommen, um der Wirkung des Lieds Nachdruck zu verleihen, hielt sich aber in Erinnerung an Achmeds mahnende Worte zurück.

Falls wir doch auf irgendwelche Leute treffen, sollten wir uns möglichst bedeckt halten und untereinander abstimmen, was wir denen an Informationen anvertrauen können. So gehen wir auf Nummer Sicher.

Als sie auf ihn zuging, hörte der Alte zu singen auf, schaute ihr entgegen und verzog das faltige Gesicht zu einem breiten Lächeln.

»Guten Morgen, mein liebes Kind. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.«

Rhapsody hatte ihre schrecklichen Albträume natürlich nicht vergessen. »Vielen Dank für das schöne Zimmer, in dem ich übernachten durfte«, antwortete sie.

»Nicht der Rede wert. Ich hoffe, du wirst noch eine Weile bei uns bleiben.« Er schickte sich an, vom Boden aufzustehen.

Rhapsody setzte sich auf die Bank, die unter der Esche stand. Der Stein war kalt und ließ sie frösteln.

»Was für ein Lied habt Ihr da gesungen?«

»Das ist ein Heillied für Pflanzen, eines, das die Filiden von Serendair mitgebracht haben. Damit hoffe ich, den Kräutern hier in meinem Gärtchen über die kalte Jahreszeit helfen zu können. Die ganz empfindlichen Pflanzen habe ich natürlich ins Haus geholt, aber der Platz dort ist begrenzt. Also singe ich hier draußen – nicht zuletzt auch unserem Mahb zuliebe.« Er tätschelte den Stamm der Esche.

»Mahb?« Der Name klang wie das serennische Wort für Sohn.

»Ja, er passt auf den Garten auf und hält alle bösen Geister fern, die ihm übel wollen. Nicht wahr, mein Kleiner?« Llauron warf einen Blick ins Geäst des jungen Baumes, beugte sich dann vor und sagte in verschwörerischem Tonfalclass="underline" »Im Vertrauen, ich glaube, er hält nicht viel von Khaddyr.« Der Alte zwinkerte ihr zu. »Wie dem auch sei, vielleicht darf ich dich nun bitten, mich mit deiner wunderschönen Stimme zu begleiten, um den Pflanzen Gutes zu tun.«

Rhapsody blickte verwundert auf. »Wie bitte?«

»Nicht so bescheiden, mein liebes Kind. Ich weiß, dass du eine Sängerin mit großen Fähigkeiten bist, wenn nicht sogar eine Benennerin, stimmt’s?« Ein kalter Wind strich ihr über den Rücken, der plötzlich schweißnass geworden war. Sie zitterte. »Schon wenn du sprichst und deine Stimme erklingen lässt, wird der Tag ein bisschen heller. Das ist wirklich so, mein liebes Kind. Wie wird es erst sein, wenn du singst? Lass mich nicht länger darauf warten. Komm, beehre meine Pflanzen mit einem Lied.«

Rhapsody wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Der Alte schien ihr schon auf die Schliche gekommen zu sein. Ihre Kunst zu verleugnen wäre gelogen, seine Bitte auszuschlagen eine Unhöflichkeit. Sie seufzte stumm.

»Wenn Ihr es denn wünscht«, sagte sie schließlich. »Aber ich kenne das Lied nicht, das Ihr gesungen habt. Ich schlage vor, Ihr fangt an und ich stimme mit ein, wenn ich glaube mitsingen zu können.«

»So machen wir’s.« Llauron fing wieder an zu singen. Schon nach wenigen Takten hatte sie die Liedform so weit begriffen, dass sie vorsichtig mit einstimmen und da aushelfen konnte, wo er fehlte. Llauron bemerkte, was er falsch machte, und versuchte sich zu korrigieren. Sooft er die Melodie richtig führte, fügte Rhapsody ihr eine Begleitstimme hinzu, und als sie einen Blick auf die Pflanzen warf, schien es ihr, als wären sie tatsächlich schon ein wenig kräftiger und gesünder geworden. Llauron nickte freudig. »Ausgezeichnet! Hatte ich doch wieder einmal Recht, nicht wahr? Du bist eine Benennerin.«

Rhapsody starrte vor sich hin, um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen. Die waren hellblau und überaus scharf, und sie wusste, dass er sie durchschauen würde, wenn sie sich nicht sehr genau in Acht nähme. »Ja, ich habe diesen Ausbildungsstand erreicht.«

»Dachte ich’s mir. Nun, vielen Dank. Für den Garten ist jetzt gut gesorgt, zumindest bis zum Ende der Tauperiode. Komm, lass uns ins Haus gehen. Dir ist kalt, und hier gibt es nichts mehr zu tun.« Er stand auf und zeigte dabei eine Beweglichkeit, die so gar nicht zu seinem Alter passte. Die Tür, durch die sie gingen, führte in eine große Küche, die mit ihrer riesigen Feuerstelle und den geziegelten Öfen ausgereicht hätte, für die Mahlzeiten einer halben Kompanie zu sorgen. Über dem Feuer dampfte ein bauchiger Kessel. Llauron wärmte sich die Hände daran auf, schwenkte den Kessel dann vom Feuer und hob ihn mit einem festen, sauberen Lappen vom Haken.

»Zu einer Tasse Tee wirst du doch bestimmt nicht nein sagen, oder?« Er füllte eine Porzellankanne, die auf dem Tisch in der Mitte der Küche stand. »Fühlst du dich immer noch erschöpft von der Reise?«

»Ein bisschen.«

Der Fürbitter schmunzelte. »Nun, dann wollen wir dir etwas in den Tee mischen, das dich wieder zu Kräften bringt. Hast du schon einmal Sprödlitzen probiert?«

Rhapsody schüttelte den Kopf. »Noch nie davon gehört.«

Llauron trat vor einen großen Schrank und holte viele verschiedene kleine Säckchen daraus hervor.

»Das verwundert mich nicht. Das wächst nämlich nur hier bei uns. Und wie ist es mit Frühlingssaffran?«

Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass der Alte mit seinen Fragen womöglich herauszufinden versuchte, woher sie stammte. »Ich bin mit allem einverstanden, was Ihr mir anzubieten habt«, beeilte sie sich zu sagen.

»Nun, ich schlage vor, wir mischen getrocknete Orangenblüten, süßen Farn und Himbeerblätter.«

»Gibt es denn im Winter Himbeerblätter bei Euch?«

»Ja, im Glasgarten. Möchtest du ihn sehen?«

»0 ja. Das duftet wirklich köstlich.« Sie nahm die dampfende Tasse, die Llauron vor sie hingeschoben hatte, und folgte ihm durch die Küchentür in einen Anbau.

Drei Wände dieses Raums bestanden aus Glas. In der Mitte stand ein seltsamer Ofen, der mit rot glühenden Steinen gefüllt war. Darüber hing, mit einer Kette an der Decke befestigt, ein metallener Kegel, von dem langsam Wasser auf die heißen Steine tropfte, das sofort zischend verdampfte. Die Luft im Raum war entsprechend warm und feucht, was den Pflanzen, die hier üppig wuchsen, offensichtlich gut bekam.

Rhapsody schlenderte zwischen den auf Regalen übereinander angeordneten Beeten entlang und schwelgte in der fast sommerlichen Stimmung, die hier herrschte. Mit Blick auf den Wasserdampf produzierenden Ofen sagte sie: »Was für ein unglaubliches Gerät!«

»Nicht wahr? Eine wirklich nützliche Erfindung. Ich wünschte, behaupten zu können, dass sie auf meinem Mist gewachsen ist. Aber tatsächlich hat sie mein Vater entwickelt, gebaut und meiner Mutter zum Geschenk gemacht. Sie liebte Orchideen und andere empfindliche Pflanzen, die viel Wärme brauchen.«

»Ihr habt hier viele erstaunliche Gewächse.«

»Wie gesagt, du bist herzlich eingeladen, bei uns zu bleiben und dir das Wissen der Filiden anzueignen, wenn du willst. Ich bin sicher, dass dir an unserer Art der Naturverehrung vieles gefallen wird, zumal du der Natur allem Anschein nach selbst sehr zugetan bist. Ich würde mich freuen, dich unterrichten zu dürfen. Es wäre mir eine willkommene Abwechslung von meiner Arbeit.«

»Euer Gnaden, ich möchte Euch auf keinen Fall von Euren Pflichten abhalten.«

Der Fürbitter schmunzelte. »Unsinn, mein Kind. Das Schöne an meiner Position ist, dass ich über meine Arbeitszeit frei verfügen kann. Übrigens kannst du mich getrost bei meinem Namen Llauron nennen. Dabei käme ich mir weniger alt vor. Also, wirst du eine Weile bei uns bleiben? Oder musst du unbedingt weiterziehen?«