Rhapsody blickte auf in die wachen blauen Augen, aus denen er sie aufmerksam beobachtete. Ihr wurde ganz unbehaglich zumute. Es schien fast so, als könnte Llauron in ihr Innerstes schauen. Nicht einmal den Studenten der Musikakademie war es möglich gewesen, einen Benenner allein an der Stimme zu erkennen. Dass dieser freundliche alte Mann Dinge über sie zu wissen schien, die er eigentlich gar nicht wissen konnte, verunsicherte sie, und sie fühlte sich wieder so verletzlich wie früh am Morgen unter dem Baum.
»Nein«, sagte sie schließlich. »Es zwingt mich nichts zur Weiterreise, vorläufig jedenfalls nicht.«
24
Nachdem sie ein Frühstück zu sich genommen hatten, das ihnen von Vera angerichtet worden war, gingen Rhapsody und Llauron durch den Park und das weite Feld hinter dem Anwesen auf die Ställe zu, in denen die Pferde des Fürbitters untergebracht waren.
Gwen hatte sich schon vor den beiden auf den Weg dorthin gemacht und ein neues Paar Lederstiefel und eine wollende Reithose für Rhapsody zurechtgelegt. Die Stiefel waren ein bisschen zu groß, ansonsten aber sehr bequem, und Rhapsody dankte der Hausdienerin von Herzen.
Von seinem Wachpersonal abgesehen, standen dem Fürbitter anscheinend nur zwei Dienerinnen zur Seite; dabei wusste Rhapsody aus Serendair von sehr viel weniger bedeutenden Edelmännern, die unvergleichlich viel mehr Dienstboten unterhalten hatten. Das machte ihr den Alten noch sympathischer. Llauron sorgte weitestgehend für sich selbst, was für einen Mann an der Spitze eines Ordens so ungewöhnlich wie liebenswürdig war.
Die Ställe waren sauberer als manche Wohnhäuser. Der Grund lag auf der Hand: Llaurons Pferde zählten zu den prächtigsten, die Rhapsody je gesehen hatte. Manche eigneten sich ihres schlanken, Muskelbepackten Körperbaus wegen besonders gut für den Einsatz im Krieg, während andere ihrer jeweiligen Anlage nach als Reit- oder Zugtiere gezüchtet worden waren. Rhapsody ging interessiert von einem Verschlag zum anderen, schnalzte den Pferden zu, wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte, und fand, dass auch diese Tiere auf den Laut mit Neugier reagierten.
»Ist da eins, das dir besonders gut gefällt?«, fragte Llauron schmunzelnd.
»Sie gefallen mir alle.«
»Aber du kannst nur eines reiten. Wenn du Lark kennen lernen möchtest, müssen wir einen kleinen Ausritt unternehmen. Die Sämerei liegt mehrere Wegstunden weit entfernt. Wie wär’s mit dem Rotblonden. Er ist sehr gutmütig.«
Rhapsody nickte, worauf Llauron der Stallmagd zuwinkte und rief: »Norma, sattle ihn bitte, und auch Eliseus. Wir werden bald ausreiten.« Er nahm Rhapsody beim Ellbogen und führte sie wieder nach draußen vor das Tor, wo ein schneidend kalter Wind ging.
Während sie auf die Pferde warteten, zog der Alte ihr, Rhapsody, wie einem kleinen Mädchen die Kapuze des Umhangs über den Kopf. »Die behältst du besser auf, sonst erkältest du dich noch.« Er zog sich gerade selbst seine Kapuze über, als das Tor aufging und Norma den Fuchs und einen Rotschimmel mit glänzender, hübsch geflochtener Mähne an den Zügeln herausführte.
»Da ist ja mein guter Junge. Einen schönen guten Morgen, Eliseus.« Das Pferd schnaubte wie zur Antwort und stieß dicke weiße Dampfwölkchen aus den Nüstern in die kalte Luft. »Also dann, Rhapsody, es kann losgehen.« Sie saßen auf und setzten sich in Bewegung, der Alte vorneweg, dem Waldrand entgegen.
»Dahinten haben wir unsere Kräutergärten«, sagte Llauron, als sie auf eine große Freifläche zuritten, die hinter den Bäumen zum Vorschein trat. »Als Naturpriester beschäftigen wir uns intensiv mit Kräuterkunde, und zwar vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer medizinischen und spirituellen Anwendung. Oh, und natürlich interessieren uns Kräuter auch als Würzmittel. Fades Essen kommt mir nicht auf den Tisch.«
Rhapsody kicherte und zügelte ihren Fuchs in einen gemächlichen Schritt. Durch den Wald zu reiten war ihr ein großes Vergnügen gewesen, zumal Liauron das Gelände gut kannte und die Pfade trotz des Schnees vorzüglich gepflegt waren. Die Zeit schien ihr wie im Fluge vergangen zu sein.
Am Feldrand angekommen, hielt Llauron vor einem gemauerten und mit Stroh bedeckten Haus an, stieg aus dem Sattel und streckte die Arme aus, um Rhapsody zu helfen. Doch sie schüttelte den Kopf und sprang ohne Hilfe aus dem Sattel.
»Hier wohnt Lark, unsere Herbalogin, die für die Sämerei und die Kräutergärten des Ordens verantwortlich ist«, sagte Llauron und klopfte an die Tür. Eine Antwort von drinnen blieb aus, stattdessen meldete sich wenig später eine Stimme, die über das Feld tönte.
»Euer Gnaden! Wir sind hier draußen.« Rhapsody drehte sich um und sah eine groß gewachsene Frau, die mit weiter Hose und dickem Mantel an einem Holzzaun stand und ihnen zuwinkte. Llauron hob grüßend die Hand.
»Das ist Ilyana. Sie ist für die Pflanzung zuständig und unterrichtet die Novizen. Möchtest du sie kennen lernen?«
»Gern.«
Mit vorsichtigen, langen Schritten überquerten sie eine Reihe verschneiter Beete, bis sie auf einen mit Steinen gepflasterten Weg kamen, auf dem ihnen neben Ilyana eine zweite Frau entgegenkam. Sie war mittleren Alters, hatte ihr langes dunkles Haar zu einem Zopf geflochten und mit einem Tuch im Nacken zusammengefasst. Ihr Gesicht ließ erkennen, dass sie sich hauptsächlich im Freien aufhielt. Und sie war unverkennbar eine Lirin.
Im Unterschied zu Rhapsodys Mutter, die den Liringlas entstammte und darum silbrig blondes Haar hatte und einen rosigen Teint, gehörte Lark den Lirindarc an, also dem Volk, das in den Wäldern der Sagia lebte und eine dunkle, fast ledrige Haut besaß. Sie hatten zwar durchweg eine ebenso schlanke Gestalt wie die Liringlas und ähnlich scharf geschnittene Gesichter, aber dunkelbraune, mitunter sogar schwarze Augen, die auch noch in der Dunkelheit zu sehen vermochten.
Rhapsody spürte, wie sich ihr beim Anblick dieser Frau ein Kloß im Hals bildete, gerade so wie tags zuvor, als sie Gwen zum ersten Mal gesehen hatte. Rhapsody war als Lirin nicht allein in dieser Gegend; Angehörige ihrer Art lebten also auch hier, und nicht nur, wie von Llauron am Vorabend angedeutet, in Tyrian, dem Land im Süden, das von den cymrischen Siedlern Realmalir genannt worden waren.
Llauron streckte die Hand aus und legte sie der Frau, die da auf sie zukam, auf die Schulter. »Lark, ich möchte dir Rhapsody vorstellen. Sie ist mein Gast und selbst vom Fach der Kräuterkunde.«
Rhapsody errötete. »Oh, nicht wirklich. Ich kenne mich bloß ein bisschen mit Pflanzen aus, mehr nicht.« Lark nickte und rührte ansonsten keine Miene.
Die große Frau neben ihr streckte die Hand aus. »Angenehm. Ich bin Ilyana.« Rhapsody schüttelte ihr die Hand und lächelte. Wenig später bemerkte sie, wie ihrem Gegenüber ein sonderbarer Ausdruck übers Gesicht huschte.
»Ich möchte euch und insbesondere dich, Lark, bitten, unseren Gast von euch lernen zu lassen«, sagte Llauron. »Sie interessiert sich für die Kunst des Gartenbaus, und wenn es mir die Zeit erlaubt, werde ich ihr selbst ein paar Lektionen erteilen.«
»Ist sie eine Novizin?«, wollte Lark wissen, deren Miene immer noch vollkommen ungerührt war.
»Nein, sie ist nur zu Besuch. Ich vertraue darauf, dass ihr sie mit allem gebotenen Respekt behandelt.«
Erneut nickte Lark mit dem Kopf. »Wohl denn, gebt ihr bitte ein paar Arbeitskleider und zeigt ihr, wo sie sich umziehen kann. Du scheust dich hoffentlich nicht, dir die Hände schmutzig zu machen, mein Kind, oder?«
»Ihr erinnert Euch doch bestimmt, wie ich ausgesehen habe, ehe Ihr so freundlich gewesen seid, mir durch Gwen ein Bad richten zu lassen.«
Llauron lachte. »O ja, ich erinnere mich. Nun, das wäre also geklärt. Ich weiß dich hier in guten Händen, Rhapsody. Am Abend hole ich dich dann wieder ab.«
»Bleibt sie denn nicht hier bei uns im Lager?«, fragte Lark.
»Nein. Sie ist, wie ich schon sagte, mein Gast«, antwortete Llauron mit nach wie vor freundlicher Stimme, doch seine Augen funkelten auf eine Weise, die Rhapsody ein wenig beklommen machte.