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»Du weißt wohl auch, dass ich dich nicht behelligen würde, wenn sie nicht mit unserer Sache sympathisierte.« Lark nickte wieder, und das mit unverändert starrem Gesichtsausdruck.

»Unserer Sache?«, fragte Rhapsody irritiert nach.

Llauron warf Lark einen flüchtigen Blick zu, wandte sich dann an Rhapsody und lächelte.

»Ich meine den Schutz des Waldes und der Erde, die Pflege des Großen Weißen Baums. Darum geht es dir doch auch, wenn ich dich recht verstanden habe, nicht wahr, mein liebes Kind. Liegt nicht auch dir die Natur am Herzen?«

»0 doch, allerdings.«

»Na bitte. Dann will ich mich jetzt verabschieden. Auf Wiedersehen, Mutter Lark; auf Wiedersehen, Ilyana. Und dir, mein liebes Kind, wünsche ich, dass du mit Freude lernst.« Llauron ging über den gepflasterten Pfad zurück, bestieg sein Pferd, winkte den drei Frauen noch einmal zu und ritt davon. Rhapsody schaute ihm nach, bis er im Wald verschwand.

Ilyana legte ihr einen Arm um die Schulter und fragte: »Du bist gestern Abend angekommen?«

»Ja.«

Die beiden Filiden sahen einander an. »Dann warst du der Grund für all den Wirbel«, sagte Ilyana. Lark drehte sich um und ging auf den umzäunten Acker zurück.

»Wirbel?«, fragte Rhapsody, der plötzlich ganz mulmig zumute war.

»Ja, gestern Abend sind Dutzende von Dörflern aus dem Osten durch den heiligen Wald getrampelt. Llauron musste mitten in der Nacht raus, um sie nach Hause zu schicken. Ich habe keine Ahnung, was sie wollten. Es war, als erwarteten sie jemanden, den sie schon lange hatten entbehren müssen.«

Rhapsody hatte den Eindruck, als klammerten sich eiskalte Krallen um ihren Magen. Für wen hielten sie all die Leute, die ihr gefolgt waren? Sie hatte sich nur kurz blicken lassen und war gleich darauf mit Khaddyr abgezogen. Wieso sollte man ihr nachstellen? Sie hatte sich doch nichts zu Schulden kommen lassen.

Zugegeben, sie hatte vermutlich ein erschreckendes Bild abgegeben, als sie aus dem Wald aufgetaucht war. Vielleicht hielt man sie für einen bösen Geist, verantwortlich für den Tod oder die Erkrankung irgendeines Bauern, für schlechtes Wetter oder Ernteeinbußen. Sie wickelte den Umhang enger um sich.

Ilyana bemerkte, dass sie nervös geworden war, und rückte näher. »Keine Sorge, sie sind wieder weg und werden nicht zurückkommen. Es scheint, das Llauron beschlossen hat, dich zu beschützen; wenn dem so ist, bist du wirklich in Sicherheit. Komm jetzt, du kannst uns helfen, den Komposthaufen umzuschichten.«

Über eine Woche kam Rhapsody jeden Tag, um von Lark zu lernen. Die Herbalogin gab nur selten einen Laut von sich, und wenn sie den Mund aufmachte, redete sie ausschließlich über Pflanzen. Es dauerte eine Weile, bis Rhapsody erkannte, dass ihre Lehrerin von Natur aus sehr schüchtern und scheu war.

Wenn Lark aber von ihren Kräutern oder Anbaumethoden sprach, wurde sie mitunter sehr lebhaft, und in ihrer Stimme schwang echte Begeisterung mit. Sie war in ihrem Fach enorm bewandert, und Rhapsody machte sich fleißig Notizen, wofür ihr Ilyana Pergamentblätter zur Verfügung stellte. Wenn es für die Arbeit in den Gärten allzu kalt oder stürmisch war, hielten sie sich in Larks Haus auf, wo sie dann Kräuter trockneten oder zu Gesundheitstees weiterverarbeiteten. Es duftete herrlich in den Räumen, und die Arbeit ging Rhapsody leicht von der Hand, denn sie schätzte sich glücklich, so viel dazulernen zu können. Manchmal sang sie Lark lirinsche Lieder vor, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte, doch die Lehrerin verstand die Worte nicht.

Am zehnten Tag wurde Rhapsody von Ilyana zu einem Ausflug eingeladen, und die beiden ritten über die weiten Felder, die, obwohl der Winter noch längst nicht vorüber war, schon jetzt in harter Arbeit für den Frühling vorbereitet wurden. Die Gemeinde, um die sich die Filiden als Seelsorger kümmerten, bestand zum größten Teil aus Bauern und Landarbeitern. Insgesamt zählte die hier im Westen des Kontinents gepflegte Religion nach Auskunft von Ilyana an die halbe Million Gläubige, eine Zahl, über die Rhapsody nur staunen konnte.

Was sie besonders interessant fand, waren die Pflanz- und Ernteriten, mit denen der Ackerboden und seine Früchte gesegnet wurden. Die liturgischen Sprüche, die die Novizen auswendig zu lernen hatten, waren tatsächlich in Rhapsodys Muttersprache gehalten. Die Filiden nannten sie Alt-Cymrisch, was Rhapsody wie eine bittere Ironie anmutete. Gehörten sie, Achmed und Grunthor demnach zum Volk der Alt-Cymrer?

Schlimmer noch: Genau genommen waren sie deren Vorfahren. Es schien wirklich so, als hätte die Zeit sie vergessen. Würde sie sich ihrer erinnern, so wäre das gewiss ihr Ende.

Als ein Monat vergangen war, wurde Rhapsody wieder der Obhut des Priesters Khaddyr anvertraut. Er war ein Meister der Heilkunst und legte Wert darauf, als solcher respektiert zu werden, und obwohl er häufig einen sehr überheblichen Eindruck machte, fand Rhapsody in ihm einen fähigen Lehrer, der sein Wissen so vermittelte, dass das Lernen leicht fiel und das Erlernte sogleich praktisch umzusetzen war.

Zwei Wochen lang pflegte sie die Patienten in den von Khaddyr geleiteten Spitälern. Danach kam sie zu Bruder Aldo in die Lehre, der ebenfalls ein filidischer Heiler war, seine Kunst aber ausschließlich an Tieren praktizierte. Es machte ihr großen Spaß, von ihm zu lernen. Er war freundlich und sanft und hatte eine Art, die selbst auf die wildesten Tiere beruhigend wirkte.

Schließlich wurde sie zu Gavin geschickt, dem ernsten, stillen Vorsteher der Förster und Waldläufer, jener bewaffneten Männer, die ihr schon aufgefallen waren, als Khaddyr sie zum Baum geführt hatte. Diese Männer bereisten das weite Land und dienten zuweilen den Gläubigen als Führer auf den Cymre-Pfaden den markierten Wegstrecken, die laut Auskunft Llaurons die erste und dritte Emigrantengruppe nach ihrer Landung eingeschlagen hatten. Diese Pfade wurden heutzutage anscheinend nur selten begangen; sehr viel beliebter waren die Pilgerwege, die zum Baum führten. Rhapsody stellte fest, dass die Mehrzahl der Waldläufer, anstatt Wallfahrer zu begleiten, damit beschäftigt war, im heiligen Forst Patrouille zu gehen und Übergriffe abzuwehren, wenn es sein musste, auch mit Waffengewalt. In Khaddyrs Spital wurden ab und an Verwundete aus den Reihen der Waldläufer eingeliefert, was offenbar nichts Ungewöhnliches war, denn Khaddyr und seine Studenten machten kein besonderes Aufhebens um diese Patienten.

Rhapsody kehrte immer am späten Nachmittag in das Haus des Fürbitters zurück, dann, wenn auch Llauron Feierabend machte und von seinen Amtspflichten als Oberhaupt der Filiden entbunden war, Pflichten, die – nach dem Eindruck, den Rhapsody gewann – sehr umfangreich und anstrengend zu sein schienen.

In jeder Ortschaft hatte Llauron einen Filiden damit beauftragt, über Ackerbau und Viehzucht zu wachen und darauf zu achten, dass Natur und Landwirtschaft im Gleichgewicht blieben. Zu Llaurons Aufgaben zählte ferner, dass er den Pilgern Führer zur Seite stellte und die Herbergen entlang der Pilgerstrecke in Ordnung hielt. Er tat seine Arbeit zwar nicht ungern, hatte Rhapsody aber anvertraut, dass er die Zeiten vermisse, in denen er als junger Mann die wilden Meere befahren und Urwälder durchstreift habe und frei von allen Pflichten gewesen sei.

Von diesen vergangenen Tagen erzählte er ihr meist, wenn sie gemeinsam lange Spaziergänge unternahmen, auf denen er außerdem über die Natur philosophierte und sie, seine Schülerin, auf verschiedene Aspekte des Waldes und der Welt ringsum aufmerksam machte. Er konnte jedes Tier benennen und wusste zu sagen, in welcher Anzahl die einzelnen Arten in etwa vorkamen. Er kannte auch jede Pflanze und jeden Baum und ließ Rhapsody an seinem Wissen teilhaben.

Für sie war es fast, als lauschte sie einem Lied, wenn sie, an seiner Seite gehend, vernahm, was er über die Bäume zu sagen hatte, über die starken, heiligen Eichen, über die Nähe der Eschen zur spirituellen Welt, weswegen ihre Zweige auch als Zauberstäbe oder für magische Riten gebraucht wurden. Er erzählte, dass Weiden gierig, Ahornbäume die geborenen Anführer und immergrüne Bäume abenteuerlustig seien. Er klärte sie über besondere Pflanzen des Waldes auf, über Misteln und Stechpalmen und deren spirituelle Eigenschaften, über Farne und Minze und viele andere mehr. Wenn er besonders guter Laune war, sang er ihr auch manchmal ein Seefahrershanty vor.