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Llauron war noch erstaunlich gut zu Fuß. Rhapsody kannte Männer, die nur halb so alt, aber im Vergleich zu ihm geradezu hinfällig waren. Wenn sie wanderten, schwang der Fürbitter einen Stock aus weißem Holz und mit goldenem Knauf in der Hand, nicht so sehr zur Stütze als vielmehr, um seinen Schritten den Takt anzugeben.

Der Stock war aus dem Holz des Großen Weißen Baums geschnitzt, einem Ast, der vor langer Zeit von einem Sturm abgerissen und Ulbren, dem Jüngeren, gegeben worden war, jenem Fürbitter, der noch von Serendair stammte und die Religion der Filiden in die Emigration mitgenommen hatte. Der Stock galt als Symbol seines Amtes, doch Llauron trug ihn wie einen ganz gewöhnlichen Stecken, zeigte damit auf das, worauf er aufmerksam machen wollte, oder klopfte mit ihm an die Stämme alter Bäume, um vom Klang, der dabei entstand, Rückschlüsse auf ihren Gesundheitszustand zu ziehen. Die Spaziergänge endeten für gewöhnlich unter den Zweigen des Großen Baums, wenn die Sonne unterging, also gerade rechtzeitig für Rhapsody, um ihre Dämmerungsvesper zu singen. Für sie stand inzwischen fest, dass Llauron schon vor ihrer Ankunft über die Sitten und Gebräuche der Liringlas unterrichtet gewesen war und deshalb von ihr nichts anderes erwartete, als dass sie mit ihrem Gesang der Sonne und den Sternen einen Gruß entrichtete. Und so tat sie ihm gegenüber auch nicht mehr heimlich, was ihre Art des Gottesdienstes anging, obwohl sie Achmeds Mahnung nicht vergessen hatte. Wenn sie sang, stand der Fürbitter immer lächelnd neben ihr unter dem Baum, behielt aber stets für sich, welche Gedanken ihm dabei durch den Kopf gingen.

Anschließend aßen sie gemeinsam zu Abend und unterhielten sich häufig bis spät in die Nacht über den Wald und seine Tiere oder über das Zeitalter der Cymrer und seine Wunder. Beliebtes Gesprächsthema zwischen ihnen war die cymrische Ratsversammlung, die alljährlich stattfand und zu der alle Flüchtlinge von Serendair zusammenkamen, und zwar an den so genannten Großen Gerichtshof. Die wichtigste Aufgabe des Rates bestand darin, zwischen den verschiedenen Volksgruppen der Flüchtlinge zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sie wieder enger in Kontakt zueinander traten und die Kluft überbrückten, die der cymrische Krieg aufgerissen hatte. Llauron war überzeugt davon, dass es zwischen Sorbold, Roland und den Ländern der Firbolg nur dann dauerhaft Frieden geben könnte, wenn sie wieder zu einer Nation zusammenfänden.

»Und was ist mit den Lirin?«, fragte Rhapsody eines Abends über eine Tasse Süßfarntee hinweg.

»Die Lirin sind nie Teil des Cymrerreiches gewesen. Sie waren ja schon vorher hier und haben sich immer gegen einen Anschluss gewehrt, obwohl sie Verbündete und gute Freunde der ersten Flüchtlingsgeneration waren. Es ist tragisch, dass sie in den Krieg hineingezogen wurden, der schließlich einen Großteil von Tyrian verwüstet hat. Dem ist letztlich auch ihre Gemeinschaft zum Opfer gefallen, sodass nun auch die Lirin ein geteiltes Volk sind. Eine Schande ist das.« Llauron wurde still und starrte ins Feuer.

Rhapsody nickte. »Ich werde bald Abschied nehmen müssen«, sagte sie unvermittelt.

Sofort wandte sich ihr der Fürbitter zu, doch seiner Miene war weder Verdruss noch irgendeine andere Regung abzulesen. »Wie schade. Mir war natürlich klar, dass dieser Tag kommen würde, und ich muss gestehen, dass ich mich davor gefürchtet habe. Wir – das sind Gwen und Vera und ich – haben dich ins Herz geschlossen. Und ich bin sicher, dass auch deine Lehrer traurig sein werden, wenn sie erfahren, dass du uns verlassen musst.«

»Mir fällt der Abschied selber schwer«, antwortete sie. »Ich habe so viel von Euch und allen anderen gelernt.« Ihr kam plötzlich ein Einfall, und sie sagte: »Darf ich Euch eine Frage über die filidischen Lehrer stellen?«

»Nur zu.«

»Eure Priester sind doch, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht zur Keuschheit verpflichtet, stimmt’s?«

»Nein, an solche törichten Vorschriften mögen sich der Patriarch von Sepulvarta und seine so genannten Seligpreiser halten, wir nicht. Warum fragst du?«

»Nun, mir ist aufgefallen, dass nicht ein Angehöriger der Priesterschaft von Gwynwald verheiratet ist.«

Llauron lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und führte beide Hände so zusammen, dass sich nur die Fingerspitzen berührten. »Tja, so ist es wohl«, entgegnete er. »Ilyana war allerdings verheiratet, doch ihr Mann kam vor ungefähr zehn Jahren im Kampf ums Leben. Lark ist nie verheiratet gewesen; du weißt, wie schüchtern sie ist. So auch Bruder Aldo. Er hat lieber Tiere als Frauen um sich – dabei könnte ich ihn mit manchem Weib bekannt machen, das dieser seiner Vorliebe in gewisser Hinsicht durchaus entgegen käme.« Rhapsody lachte. »Gavin hat zum Heiraten viel zu wenig Zeit; er ist ständig von einem Ort zum anderen unterwegs. Und Khaddyr, nun, ihm ist es als meinem Tanist in der Tat verboten, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen.«

»Als Eurem was?«, hakte Rhapsody nach.

»Wenn die Filiden einen neuen Fürbitter wählen, wenden sie heutzutage die Regeln des Tanisters an, das an die Stelle jenes alten, grausamen Auswahlverfahrens getreten ist, wonach sich die Kandidaten in einem Kampf auf Leben und Tod miteinander messen mussten.«

»Ich erinnere mich. Khaddyr hat davon gesprochen und gesagt, dass diese Rituale schon lange nicht mehr praktiziert werden und dass Eure Wahl nach einer anderen Methode durchgeführt wurde.«

»Richtig«, sagte Llauron. »Das Tanister schreibt vor, aufweiche Art und Weise der Orden die Nachfolge seiner Führung zu regeln hat.« Er beugte sich vor, als wollte er ihr ein Geheimnis anvertrauen. »Ehrlich gesagt, ich halte mich für sehr viel vitaler als Khaddyr und bezweifle, dass er mich überleben wird.«

Sie lachte wieder unwillkürlich auf und schämte sich ein wenig dafür. »Das kann ich nur bestätigen.«

»Es kann durchaus sein, dass, wenn die Kreisältesten wieder zusammentreten, die Entscheidung rückgängig gemacht und Gavin zu meinem Nachfolger bestimmt wird. Er hat eindeutig bessere Aussichten, mich zu überdauern, und ist überdies ein sehr weiser Mann. Nicht, dass ich Khaddyr grundsätzlich für untauglich hielte. Er ist einer der besten und freundlichsten Männer, die ich kenne, und einzigartig, was seine Heilkunst angeht.« Rhapsody nickte beifällig.

»Ein Tanist verpflichtet sich zur Keuschheit, weil dadurch Probleme der Nachfolge und Erbschaft vermieden werden. Hätte der Tanist Kinder, bevor er oder sie in das Amt des Fürbitters aufsteigt, käme es fast zwangsläufig zu Komplikationen bei der Benennung eines Nachfolgers. Es ist ein verzwacktes Verfahren. Angehende Fürbitter dürfen heiraten, wenn sie denn wollen, aber wenn ihr Vorgänger endlich gestorben ist und sie in ihr Amt eingesetzt werden, sind sie meist schon alt und klapprig. Verrückt, nicht?«

»Das scheint mir auch so.« Rhapsody konnte kaum die Augen aufhalten, so müde war sie. »Wenn ihr mich entschuldigt, Llauron, würde ich jetzt gern zu Bett gehen.«

Llauron stand auf und begleitete sie zur Tür seines Arbeitszimmers. »Ja, mein Kind, schlaf dich richtig aus. Du hast einen schweren Tag vor dir.« Er berührte ihren Arm. »Übrigens, deine beiden Begleiter sind herzlich eingeladen, auf einen Besuch vorbeizuschauen. Es würde mich freuen, sie kennen zu lernen.«

Rhapsodys Arm fing unter seiner Berührung zu zittern an. Sie hatte ihre Firbolg-Freunde mit keinem Wort erwähnt. Als sie fragend aufblickte, sah sie den Alten mit den Augen blinzeln.

»Wie bitte?«

»Ach, mein Kind, hast du wirklich geglaubt, mir würde es entgehen, wenn Fremde mein Land betreten? Ich hatte fast schon befürchtet, es könnte sich um einen feindlichen Überfall handeln. Aber das erschien mir dann doch als sehr unwahrscheinlich. Mir war bald klar, dass sie auf dich warten, zumal sie die ganze Zeit über mein Haus im Auge haben. Ich bin ganz neugierig zu erfahren, wie du mit den beiden zusammengetroffen bist. Also, wie wär’s, wenn du sie zu einem Besuch einladen würdest?«