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Rhapsody zitterte inzwischen am ganzen Körper. »Ich ... ich halte das für keine gute Idee«, flüsterte sie mit bebender Stimme. »Die beiden sind, nun, nicht gerade gesellschaftsfähig.«

Llauron nickte. »Das würde ich ihnen nicht ankreiden. Firbolg sind von anderen immer wieder sehr schlecht behandelt worden. Aber was sagst du zu folgendem Vorschlag? Frag sie, ob sie bereit wären, mit mir zusammenzutreffen. Ich würde sie dann in ihrem Lager aufsuchen. Es ist mir ein echtes Bedürfnis. Ich bin noch nie mit einem Firbolg zusammengetroffen.«

Der Sängerin schwirrte der Kopf. »Na schön«, sagte sie schließlich. »Fragen kann ich ja.«

Der Alte grinste breit. »Ausgezeichnet. Ich bin schon sehr gespannt auf die Begegnung. Gute Nacht, mein liebes Kind.«

»Gute Nacht.« Sie verließ das Arbeitszimmer und eilte nach oben in ihre Kammer. Schnell hatte sie sich ausgezogen und unter den Decken verkrochen. Wie, so fragte sie sich unablässig, sollte sie ausgerechnet Achmed, der doch allem Fremden und besonders Priestern gegenüber mehr als skeptisch war, Llaurons Bitte nahe bringen? Darauf wollte ihr einfach keine befriedigende Antwort einfallen. Schließlich überwältigte sie der Schlaf. Und auch in dieser Nacht plagten sie üble Träume. Doch es war diesmal nicht der Untergang der Insel, der sie im Schlaf erschauern ließ, sondern die Reaktion der Freunde, die annahmen, dass sie, Rhapsody, ihr Geheimnis preisgegeben hätte.

25

Ein voller Mond zeichnete mit seinem Licht sonderbare weiße Schatten auf den schmelzenden Schnee. Es ging ein starker Wind, der Rhapsodys Umhang wie eine Fahne im Rücken flattern ließ, als sie auf dem Fuchs über den Forstweg in die Dunkelheit hinausritt.

An der Stelle in der Nähe von Tref-Y-Gwartheg angelangt, wo sie sich von ihren Firbolg-Freunden getrennt hatte, stieg sie von Pferd, band es am Stamm einer kahlen Platane fest und hängte ihm einen Sack Hafer ums Maul. Dann stapfte sie durch den aufgeweichten Waldboden auf die Lichtung zu, wo sie sich, wie verabredet, mit Achmed und Grunthor treffen wollte.

Den Treffpunkt wieder zu finden fiel ihr überhaupt nicht schwer, denn zum einen hatte sie diese Gegend an der Seite Gavins ein ums andere Mal durchstreift und dabei stets die von Achmed hinterlassene Markierung entdecken können. Zum anderen waren schon von weitem zwei unverkennbare Silhouetten auszumachen, zwei in ihren Ausmaßen sehr unterschiedliche Gestalten, die auf sie warteten.

Wie sehr sie ihre Gefährten vermisst hatte, spürte sie erst jetzt, da sie die beiden wieder sah. Im Hinblick auf Grunthor überraschte sie diese Empfindung weniger. Dass ihre Gefühle Achmed gegenüber ebenso herzlich waren, verblüffte sie umso mehr. Unterwegs auf der Wurzel hatte sie ihn noch verabscheut und für die Schrecken, die ihr zugemutet wurden, verantwortlich gemacht. Und auch nach der langen Reise war die Stimmung zwischen ihnen nur langsam und allmählich besser geworden.

Als sie jetzt aber seinen Schatten unter dem vom Mondlicht durchdrungenen Dach des Waldes erspähte, wurde ihr bewusst, dass er ihr sehr viel mehr bedeutete, als sie es vordem für möglich gehalten hätte. Vielleicht war die Erklärung dafür ganz einfach, und sie hatte sich mit der Zeit an ihn gewöhnt. Vielleicht lag es daran, dass er neben Grunthor der Einzige war, der sie noch aus ihrem früheren Leben kannte.

Sie warf sich in Grunthors ausgestreckte Arme und versuchte den scheußlichen Geruch zu ignorieren, der ihm noch von der Wurzel anhaftete. Im Unterschied zu ihr hatten die beiden Firbolg während der vergangenen zwei Monate wohl keine Gelegenheit gefunden, sich gründlich zu waschen. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die ganze Zeit über unentdeckt geblieben waren. Allein der Gestank, den sie verbreiteten, hätte sie verraten müssen.

»Hab mir Sorgen gemacht, Gräfin«, sagte der Sergeant mit einem Knacks in der Stimme. »Umsonst, wie ich sehe: Dein Anblick ist Balsam für trübe Augen.«

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, dich wieder zu sehen«, sagte sie und schmiegte sich an ihn. Als er sie wieder auf dem Boden absetzte, wandte sie sich Achmed zu und öffnete auch für ihn die Arme. Es schien ihr, als huschte ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht. Er nahm sie kurz in den Arm und führte sie dann in ein Dickicht, das ihnen Schutz vor dem Wind gewährte.

Dort nahmen sie auf einem umgefallenen Baumstamm Platz und rückten nahe zusammen.

»Bist du anständig behandelt worden? Oder hat man dich womöglich belästigt?«, fragte Achmed und tippte die behandschuhten Fingerspitzen aneinander.

»Nein, ganz und gar nicht. Und habt ihr was herausfinden können?«

»Etliches. Was dich besonders interessieren dürfte: Wir haben uns im Süden umgesehen, in einem Fürstentum namens Avonderre, und den Haupthandelsweg zum Seehafen ausfindig gemacht. Dort wird bestimmt auch ein Schiff ablegen, das dich nach Hause zurückbringt.«

Rhapsody senkte den Blick und musste an sich halten, um nicht in Tränen auszubrechen. »Das hat keinen Sinn mehr«, antwortete sie mit tonloser Stimme.

»Was? Wieso nicht?«, fragte Achmed irritiert.

»Weil es dieses Zuhause seit vierzehn Jahrhunderten nicht mehr gibt.«

Als sich Rhapsody wieder gefasst hatte, fragten sie die beiden Firbolg darüber aus, was sie während ihres Aufenthaltes bei Llauron erfahren hatte, insbesondere über Serendair.

Sie berichtete alles, woran sie sich erinnerte, wiederholte manches auch, erzählte die Geschichte von Gwylliam wieder, dem letzten Seren-König, der den Untergang der Insel vorhergesehen hatte. Sie schilderte die Ankunft der Cymrer, ihre Eingliederung in die Kultur dieses Landes und wie das stolze Reich, das sie gegründet hatten, vor hunderten von Jahren durch einen großen Krieg verwüstet worden war.

Achmed stellte viele Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Zum Beispiel konnte sie nicht sagen, auf welche Weise und wie lange nach ihrem Weggang das Unglück über die Insel hereingebrochen war.

»Danach zu fragen erschien mir unpassend«, sagte sie ein wenig gereizt und müde geworden vom vielen Erzählen. »Was hätte ich sagen sollen ... ›He, Llauron, von Gwylliam habe ich noch nie was gehört; er muss nach Trinian an die Macht gekommen sein, dem Kronprinzen aus meiner Zeit. Wie viele Jahre später hat dieser Gwylliam eigentlich gelebt?<«

Unter Achmeds zerrissener Kapuze zeigte sich ein amüsiertes Lächeln. »Geschenkt. Ich hätte nur gern gewusst, wie es nach uns auf der Insel weitergegangen ist, ob von dem, was geplant war, noch irgendetwas umgesetzt werden konnte.«

»Keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, ob Gwylliam der Linie von Trinian entstammte und ob Trinian den Thron überhaupt bestiegen hat. Wenn ich es richtig verstanden habe, so hat sich Gwylliam oder einer seiner Vorgänger die Krone widerrechtlich angeeignet.«

»Das wäre durchaus wahrscheinlich.«

»Was kümmert mich das noch!«, herrschte sie ihn so wütend an, dass Grunthor ihr vorsichtshalber seine Hand auf den Mund legte.

Sie senkte die Stimme, in der aber unverkennbar zornige Erregung mitschwang. »Begreifst du denn nicht? Es macht keinen Unterschied mehr. Alles, was mir am Herzen gelegen hat, ist verloren gegangen, und das schon vor vielen hundert Jahren. Was kümmert es mich noch, welcher König welcher Linie abstammte? Ob eure Feinde noch ein oder zehn Jahre gelebt haben? Sie sind auf alle Fälle tot. Also freut euch! Ihr seid frei! Aber erwartetet nicht, dass ich mit euch feiere.«

Achmed und Grunthor tauschten fragende Blicke. »Ich hoffe, du hast Recht, Herzchen«, sagte Grunthor schließlich.

»Zweifelst du noch daran? Hast du denn nicht gehört, was ich gesagt habe? Vierzehnhundert Jahre.«

»Das besagt noch nicht alles, Rhapsody«, entgegnete Achmed. »Es gibt so manches Unheil, das jede Zeitspanne überdauert.«