»Na schön, Achmed. Du wirst Gelegenheit haben, dem Fürbitter deine Fragen persönlich zu stellen. Er will euch beide kennen lernen.«
Achmed schreckte auf. »Was?«
Rhapsody erstarrte unter seinem eisigen Blick. »Er weiß, dass ihr hier seid; er hat es mir gestern Abend gesagt. Ich habe euch nicht verraten, das schwöre ich. Er ist das Oberhaupt der Filiden, einer religiösen Gemeinschaft. Wir befinden uns hier auf ihrem Land. Er konnte euch offenbar in der Nähe spüren. Wie auch immer, er will euch treffen und ist sogar bereit, zu euch zu kommen, wenn euch das lieber ist.«
Grunthor legte die Stirn in Falten, und Achmed schlug die Hände vors Gesicht. »Gütiger Himmel. Aber es war wohl nicht anders zu erwarten. Wir sind hier in einer sehr seltsamen Gegend gelandet. Wo wir auch gewesen sind, überall spielten sich vollkommen absurde Dinge ab.«
»Inwiefern?«
»Es kommt ständig zu Grenzkonflikten, Überfällen und Plünderungen, und obwohl jeder darauf vorbereitet sein müsste, scheint sich niemand wirklich dagegen zu wehren. Zuerst dachten wir, dass dieses Land hier im Krieg mit den Ländern im Süden liegt, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Die Raubzüge und Plünderungen, die Gewalttaten und Verwüstungen lassen sich so nicht erklären. Die Angreifer kommen mal aus dieser, mal aus jener Richtung und haben offenbar nichts anderes als Terror und Zerstörung im Sinn. Einmal haben wir beobachtet, wie auf einem Marktplatz ein Berg aus kostbaren Gegenständen aufgehäuft und dann in Brand gesteckt wurde; dabei hätte sich das Zeugs gut als Beute wegschleppen und verkaufen lassen. Ein anderes Mal sind wir einer solchen Bande von Angreifern gefolgt, nachdem sie eine Stadt in Avonderre in Schutt und Asche gelegt hatten. Wie sich herausstellte, wohnten sie am Rand der Stadt in Kasernen, wo sie als Wachsoldaten eben dieser Stadt stationiert waren. Man hätte die ganze Sache vielleicht als Verrat abtun können, aber nur ein paar Tage später kam es zu einem neuerlichen Überfall, diesmal aber von einer anderen Bande, und dieselben Wachsoldaten setzten jetzt ihr Leben für die Verteidigung der Stadt ein, die sie kurz zuvor noch geplündert hatten. In dieser Gegend gehen üble, diabolische Dinge vor sich. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann zwischen den Ländern der Lirin im Süden und den Grafschaften von Roland ein Krieg ausbricht.«
Rhapsody seufzte. »Na, wunderbar. Ist es zu spät, zurückzugehen und an der Wurzel zu leben?«
Grunthor kicherte. »Tut mir Leid, Euer Liebden, das Gasthaus hat geschlossen.«
»Vielleicht kann ja der Priester beantworten, was wir nicht verstehen«, dachte Achmed laut nach. Dann verzog er das Gesicht und fügte hinzu: »Ich kann dieses Pack zwar nicht riechen, aber zur Not werde ich mir, so lange wir miteinander reden, die Nase zuhalten.«
Rhapsody lachte. »Nichts für ungut, Bruder, aber ich glaube, es wird Llauron sein, der allen Grund hat, sich die Nase zuzuhalten.«
Obwohl Grunthor weiten Abstand hielt, spürte Rhapsody, wie nervös ihr Fuchs auf ihn reagierte und die Flanken unter ihren Schenkeln zitterten.
»Ich werde morgen früh zurück sein«, sagte sie und tätschelte den Hals des Pferdes, um es zu beruhigen. »Ich werde Llauron nur kurz Bescheid geben und dann sofort umkehren, um mit euch hier auf ihn zu warten.« Sie nahm die Zügel zur Hand.
»Augenblick«, sagte Achmed. Er langte in die Tasche seines Umhangs und zog das Wachstuch daraus hervor, in das er die Schrift kopiert hatte. »Kannst du das lesen?«
Rhapsody nahm das Tuch entgegen und hielt es ins spärliche Mondlicht. Achmed half nach, indem er einen Docht aus seiner Zunderdose zum Brennen brachte.
Sie kniff die Brauen zusammen. »Was soll das sein?«
»Das habe ich abgepaust von einer Tafel, die an dem Tempelschiff hängt, von dem wir dir erzählt haben.«
»Hmmm. Ich weiß nicht so recht. Aus den oberen Zeichen lese ich Kirsdirke heraus ... nein, Kirsdarke. Aus dem, was darunter steht, werde ich nicht schlau. Es geht wohl darum, dass die Kirsdarke dem Meer und der Hand des Allgottes übergeben wird, der hier, wenn ich mich nicht irre, ›Schöpfer‹ genannt wird. Und dann ist da noch vom Altarstein im Tempel des Allgottes die Rede.«
»Das Schild hing an einem großen Obsidianblock.«
»Vielleicht ist das der Altarstein. Hier, an der Stelle, wird Serendair erwähnt, wenn ich die Zeichen richtig deute, aber es könnte noch ein anderer Name sein. Und dann steht da noch, dass die Kirsdarke von jemandem geschaffen wurde, der Magint – oder so ähnlich – Monodier heißt.«
»MacQuieth vielleicht? MacQuieth Monodier?«
Rhapsody nickte. »Kann sein. Hast du etwa MacQuieth, den Helden aus unserer Heimat, im Sinn?«
»Ja. Wir dachten, hier womöglich in Monodier zu sein, aber ich fürchte, wir sind von Serendair noch sehr viel weiter entfernt.«
»So ist es«, bestätigte Rhapsody. »Monodier gehörte zur bekannten Welt von damals; der Kontinent, auf dem wir uns jetzt befinden, war unseren Kartografen damals noch so gut wie unbekannt. Wir dachten, er sei unbewohnt...« Ihr versagte die Stimme.
»Ich kann mir vorstellen, wie schwer es dir gefallen sein muss, den Gedanken zuzulassen, dass es uns so weit aus der Zeit verschlagen hat«, sagte Achmed in ungewöhnlich sanftem Tonfall. »Aber wir werden darüber hinwegkommen.«
Rhapsody versuchte zu lächeln, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang. »Du vielleicht«, antwortete sie. »Bis später.« Sie schnalzte dem Pferd zu und ritt in die Nacht hinaus.
In der übernächsten Nacht kam Llauron ins Lager der Firbolg. Um das Lagerfeuer herum hatte Rhapsody für Sitzgelegenheiten gesorgt, in der Hoffnung, der Unterhaltung, die erwartungsgemäß schwierig zu werden versprach, zumindest einen halbwegs bequemen Rahmen zu geben. Achmed hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass von ihm nur mehr die Augen zu sehen waren. Grunthor gab sich dagegen ganz leger und hatte den Helm vom Kopf genommen, zumal er ohnehin davon ausgehen konnte, dass er, und wenn er sich noch so sehr verkleidete, immer auf Anhieb zu erkennen sein würde.
Der Fürbitter trug wie gewöhnlich das schlichte graue Gewand seines Ordens, das in der Mitte mit einem einfachen Hanfseil gegürtet war. Erst als er ausdrücklich dazu eingeladen wurde, näherte er sich dem Feuer und nahm im Kreis der anderen Platz. Dann öffnete er den Sack, den er mitgebracht hatte, und packte aus: Früchte, Brot und Käse sowie eine Flasche Branntwein. Sogar an silberne Schwenker hatte er gedacht.
»Ich freue mich, euch endlich kennen zu lernen«, sagte er und schenkte den beiden Firbolg großzügig ein. »Freunde meiner Freundin Rhapsody sind in diesen Wäldern und in meinem Haus jederzeit herzlich willkommen. Wenn wir uns erst einmal persönlich ein wenig näher gekommen sind, werdet ihr mir vielleicht den Gefallen tun und eine Weile meine Gäste sein. Ich wohne nicht besonders luxuriös, aber die Betten in meinem Haus sind bequem und das Essen ist schmackhaft und gut. Darüber hinaus werdet ihr euch bei mir auch neu einkleiden können.« Funken sprühten aus dem prasselnden Feuer, um sogleich in der kalten Luft zu verglimmen.
»Wir werden sehen«, sagte Achmed zurückhaltend.
»Es wäre schön, Llauron, wenn Ihr uns etwas von der Geschichte dieses Landes erzählen könntet. Ich habe Grunthor und Achmed schon verraten, dass Ihr ein großartiger Geschichtenerzähler seid«, warf Rhapsody ein.
»Das will ich gern tun.« Er beugte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf die Knie und hob die gefaltete Hand für einen kurzen Moment an den Mund. Seine Augen funkelten im Feuerschein.
»Vor langer Zeit und so vielen Jahren, dass nicht einmal Der-der-zählt sich mehr daran erinnern kann, lebte eine uralte Drachenfrau am Fuß des Großen Weißen Baums, der damals zu der Zeit der Kindheit der Erde noch ein kleiner Schössling war. Sie herrschte über dieses Land, das sich vom Nordrand des lirinschen Reiches im Süden bis an den Hintervold im Norden erstreckte, und sie lebte ganz allein hier, denn sie war voller Argwohn allen Fremden gegenüber, besonders Menschen. Ihre Macht über die Erde war so groß, dass ihr Hoheitsgebiet ganz und gar unangefochten und somit für die Außenwelt ein Rätsel blieb. Den Lirin vertraute sie, denn sie lebten im Einklang mit der Natur und waren friedliche Nachbarn. Der Name dieser Drachenfrau war Elynsynos. Eines Tages blickte sie aufs Meer hinaus und sah ein Licht auf den Wellen, das sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Es rührte von einer Flamme her, die einer Kerze gleich in einer Kristallkugel brannte und als Leuchtboje an der Wasseroberfläche schwamm. Dieses unmittelbare Nebeneinander der so Entgegengesetzten Elemente von Feuer und Wasser faszinierte Elynsynos, und sie verstand es als Zeichen dafür, dass ein Zeitenwechsel bevorstand. Wenig später landete ein Seemann an der Küste ihres Reiches. Er war groß gewachsen, hatte eine goldene Haut und gehörte jenem Volk an, das wir heute Alt-Seren nennen, also den Ureinwohnern von Serendair, der Insel auf der anderen Seite der Welt. Von dort war der Seemann gekommen. Die Drachenfrau erkannte in ihm einen Nachfahren der Erstgeborenen, also jener fünf Stämme, die zu Beginn der Welt geschaffen worden waren und zu denen eben auch die Drachen zählten.«