»Und wer zählte sonst noch dazu?«, wollte Grunthor wissen.
»Jedes der fünf Elemente – Äther, Wasser, Wind, Erde und Feuer – hat einen Stamm hervorgebracht. Die Seren sind die Ältesten und entstammen dem Äther, dem Stoff, aus dem auch die Sterne gemacht sind. Die Kinder des Wassers wurden Mythlin genannt, die des Windes hießen Kith. Die Drachen waren Abkömmlinge der Erde. Schließlich gab es da noch die F’dor, die dem flüchtigsten aller Elemente, dem Feuer, entsprangen. Aber das ist eine andere Geschichte, die man besser bei helllichtem Tag erzählt. Der Name des Seemanns war Merithyn. Er stand als Kundschafter in den Diensten von Gwylliam, dem letzten hohen König der Seren, und hatte den Auftrag, einen Ort zu finden, an dem sein Volk würde siedeln können. Gwylliam wusste, dass der Heimatinsel der Untergang drohte, und wollte verhindern, dass mit ihr auch das Volk und dessen Zivilisation verloren gingen. Vermutlich hatte er nicht zuletzt auch die Fortsetzung seiner Herrschaft im Sinn. Jedenfalls schickte er Merithyn in die Fremde, um eine geeignete Kolonie ausfindig zu machen. Es verschlug ihn an die Küste des Reiches von Elynsynos, und was bislang keiner geschafft hatte, sollte nun ihm gelingen: Er konnte unbehelligt die Grenze passieren, was womöglich darin begründet lag, dass er als Angehöriger eines der Erstgeborenenstämme eine noch besonders enge Verbindung zu den Elementen unterhielt. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie, die Drachenfrau, sein Kommen begrüßte. Sie hatte Menschengestalt angenommen und sich ein Äußeres zugelegt, das ihm gefallen musste. Und tatsächlich: Kaum war sie ihm zu Gesicht gekommen, verliebte er sich auch schon in sie. Und Elynsynos verlor ihr Herz an den Seefahrer. Als sie von seiner Mission erfuhr, beschloss sie, seinem Volk eine neue Heimat zu bieten, in der Hoffnung, ihn für immer an ihrer Seite zu haben. Überglücklich segelte Merithyn nach Serendair zurück, um Gwylliam die Einladung zu übermitteln und den Auszug der Inselbewohner vorzubereiten. Als Unterpfand für sein Versprechen, zu ihr zurückzukehren, hatte er Elynsynos die Kerze der Crynella geschenkt, jenes leuchtende Notsignal, das sie vor seiner Ankunft auf dem Wasser hatte treiben sehen und das nach der Seren-Königin benannt war, die diese Leuchtkugel zum Schutz für den eigenen seefahrenden Liebhaber hatte fertigen lassen. Gwylliam war von der Nachricht seines Kundschafters begeistert. Er hatte in dessen Abwesenheit bereits selbst Vorbereitungen zur Evakuierung der Insel getroffen, und schon bald waren über tausend Schiffe zur Reise gerüstet. Damit wenigstens ein Teil davon das Ziel erreichte, wurden die Schiffe in drei Verbände aufgegliedert und nacheinander auf den Weg geschickt. Weil das neue Land nach Merithyns Auskunft unbewohnt war, hatte der König beschlossen, dass die Erste Flotte keiner bewaffneten Truppen bedurfte. Stattdessen schickte er diejenigen voraus, die für den Aufbau der Kolonie am wichtigsten waren: Ingenieure und Architekten, Heiler und Bauern, Mauerer und Zimmerer, Gelehrte und schließlich auch die Filiden. Es waren alle Volksstämme vertreten, doch der der Lirin machte, ihrem Anteil an der Gesamtzahl entsprechend, die Hälfte der Besatzung aus. Für den Schutz der Ersten Flotte sollte Oelendra sorgen, eine lirinsche Heldin, die den Titel Iliachenva’ar trug.«
»Wie bitte?«, fragte Rhapsody nach.
»Iliachenva’ar. Grob übersetzt, bedeutet dieses Wort Träger des Lichtschwertes‹, einer Waffe, die auch unter dem Namen Tagessternfanfare bekannt war. Es handelte sich um eine flammende Klinge, den Elementen Feuer und Äther geweiht.«
Achmed nickte, sagte aber nichts. Jetzt war klar, wie das Schwert der Seren an diesen Ort hatte gelangen können.
»Mit Merithyn als Führer und Oelendra als Beschützerin war die Erste Flotte bestens ausgestattet und hatte alle Aussicht, das neue Land sicher zu erreichen. Die Zweite Flotte war ganz ähnlich zusammengesetzt, führte aber auch einen großes Kontingent an Soldaten mit sich und stach ein paar Wochen später in See. Der Aufbruch der Dritten und letzten Flotte wurde möglichst lange hinausgezögert, um denjenigen Gelegenheit zur Flucht zu geben, die sich bislang gesträubt hatten, die Insel zu verlassen. Auch die restlichen Teile des Heeres wurden nun eingeschifft. Gwylliam ging an Bord des Seglers, der ganz zum Schluss die Anker lichtete, und sah als Allerletzter seine Insel am Horizont verschwinden. Die Reise muss wohl sehr gefährlich und strapaziös gewesen sein. Mitten auf dem Meer überraschte sie ein Sturm, der gewaltiger war als alles bisher Dagewesene. In den Legenden heißt es, dass im Auge dieses Orkans ein böser Dämon gesteckt habe, ein Monstrum, dem es darum gegangen sei, die Flotten zu versenken.« Anstelle der scheinbar selbstvergessenen Miene, die Llauron zu Beginn seiner Erzählung aufgesetzt hatte, blitzte jetzt ein geradezu verschlagener Ausdruck in seinen Augen auf.
»Wer aber die Cymrer näher kennt, weiß, dass sie in ihrer Selbsteinschätzung gern zur Übertreibung neigten, und darum glaubten sie wohl auch, dass diese Naturkatastrophe ausschließlich ihnen gegolten hätte. Zurück zur Geschichte. Merithyns Schiff ging unter. Den Legenden nach hat er sich freiwillig geopfert, um die Erste Flotte vor der Wut des Dämons zu schützen. Wahrscheinlicher aber ist, dass er schlicht und einfach dem Sturm zum Opfer fiel, der das Schiff zerstörte und mit allen, die sich an Bord befanden, auf den Grund des Meeres schickte. Es war im Übrigen nicht das einzige Schiff, das verloren ging. Nach Merithyns Tod musste Oelendra, die Iliachenva’ar, die Führung übernehmen und die Flüchtlinge an einen Ort bringen, den sie vorher nie gesehen hatte. Als Richtungsweiser diente ihr das flammende Schwert der Sterne; es hielt die Flotte in dem unablässig wütenden Sturm zusammen, bis sie endlich wieder in stillere Gewässer kam und das Ufer erreichte. Diese Erste Flotte landete an der Küste von Avonderre, Wundersamerweise ganz in der Nähe jener Stelle, an der auch Merithyn seinerzeit vor Anker gegangen war. Als schließlich auch das letzte Schiff aus diesem Verband aufgeschlossen hatte, führte Oelendra die Besatzung an Land, auf das Hoheitsgebiet der Gastgeberin, die zu kommen sie eingeladen hatte. Doch nun gab es zwei Probleme.«
Auch Rhapsody hörte diese Geschichte zum ersten Mal. Sie drängte darauf, dass Llauron weitererzählte, und fragte: »Was waren das für Probleme?«
»Elynsynos war, wie sich leicht verstehen lässt, äußerst bestürzt, erfahren zu müssen, dass Merithyn nie zurückkehren würde. Einzig und allein ihm zuliebe hatte sie die Grenzen ihrer Länder für Fremde geöffnet. Zu sagen, sie sei enttäuscht gewesen, wäre stark untertrieben. Sie fühlte sich betrogen, zumal niemand beweisen konnte, dass der Geliebte tatsächlich untergegangen und nicht einfach woanders hingesegelt war. In ihrer Wut ließ sie den Baum und ihre Länder im Stich und zog sich in ihre Höhle im Norden zurück, an jenen Ort, wo Merithyn die Botschaft Gwylliams in Stein gemeißelt hatte: Cyme we inne frið, fram the grip of deaþ to lif inne ðis smylte land.«