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»Was soll das heißen?«, fragte Achmed ruppig.

Llauron lächelte. »Wie unhöflich von mir, dass ich nicht gleich übersetzt habe. »Kommen wir in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem schönen Land zu leben.« Vielleicht ließe sich smylte treffender mit heiter übertragen. Wegen dieses Satzes, den sie bei jeder Gelegenheit zum Besten gaben, wurden die Flüchtlinge von Serendair später ›Cymrer‹ genannt. Eines der vielen tragischen Momente dieser Geschichte ist, dass Merithyn womöglich am Leben geblieben wäre, hätte er Elynsynos nicht so sehr geliebt und ihr Crynellas Kerze, sein Notsignal, als Unterpfand zurückgelassen. So klein dieser Gegenstand auch war, er hatte eine enorm große Wirkung, da er die Entgegengesetzten Elemente Feuer und Wasser in sich vereinte. Hätte er ihn, als er Schiffbruch erlitt, bei sich gehabt, wäre die Geliebte auf die Gefahr aufmerksam gemacht worden und ihm zu Hilfe geeilt. Aber um sie zu trösten und zum Zeichen seiner Verbundenheit hatte er ihr die Kerze zum Geschenk gemacht. Nun ja, so ist schon aus mancher guten Absicht gerade das geworden, was man am wenigsten wollte. Und jetzt taugt das Ding, von dem ich spreche, nur noch als Schlüsselanhänger.«

Llauron langte in eine Tasche seines Gewandes und zog eine kleine Kristallkugel in der Größe einer Walnuss daraus hervor. Das kleine Licht in ihrer Mitte durchdrang die Dunkelheit und umhüllte den Fürbitter mit einem Strahlenkranz, der heller war als das Feuer.

Rhapsody ging vor Staunen der Mund auf. »Das ist sie? Crynellas Kerze?«

Llauron schmunzelte. »Ja, es sei denn, man hat mir eine ausgezeichnete Fälschung angedreht. Bei Antiquitätenhändlern weiß man nie so recht.«

»Ihr habt sie gekauft, als Antiquität?«

»Ja, und eine schöne Stange Geld dafür ausgegeben.«

»War nicht von zwei Problemen die Rede?«, meldete sich Achmed mit schneidender Stimme zu Wort.

»Worin bestand das andere?«

Llaurons Gesicht wurde plötzlich ganz ernst. »Als Merithyn von ihr wegging, wusste er nicht, dass Elynsynos schwanger von ihm war.«

26

»Schwanger? Die Drachenfrau erwartete ein Kind?«

Llauron musste über Rhapsodys Miene lachen.

»Eine amüsante Vorstellung, nicht wahr?«

»Der Ansicht bin ich nicht«, sagte sie. »Ich finde das sehr traurig. Sie hat sich bestimmt schrecklich allein gelassen gefühlt, zumal sie eine Gestalt angenommen hatte, die ihr fremd war.« Die Sängerin verstummte, und das Feuer ging merklich zurück.

»Anzunehmen. Das hat sie wahrscheinlich auch dazu verleitet zu tun, was sie getan hat.«

»Und was war das?«, hakte Achmed nach, dem der hinhaltende Erzählstil des Alten nicht passte.

»Als sie sah, dass Merithyn nicht unter den Flüchtlingen der Ersten Flotte war, setzte Elynsynos ihre Kinder am Fuß des Baumes aus und ließ sie im Stich.«

»Kinder?«, fragte Grunthor, der lange geschwiegen hatte und sich nun so plötzlich einschaltete, dass Rhapsody vor Schreck zusammenfuhr. »Mehr als eins?«

»Ja, sie hatte inzwischen drei Mädchen zur Welt gebracht, Drillinge, wenn auch keine eineiigen. Das kann eigentlich nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass sie in ihrer natürlichen Gestalt eine Echse war. Als die Cymrer zu dem Baum kamen, fanden sie drei junge Frauen dort vor. Weil von der Mutter allein gelassen, waren sie umso schneller groß geworden. Drachen sind, wie man hört, außerordentlich widerstandsfähig. Die Frauen ähnelten ihrem Vater, waren wie er groß gewachsen und von goldener Haut. Und weil sie wie Seren aussahen, fühlten sich die Aussiedler der Ersten Flotte sofort verwandtschaftlich mit ihnen verbunden. Ihr könnt euch gewiss denken, dass diese Frauen, die der Verbindung zweier Vertreter von Erstgeborenenrassen entsprangen, mit besonderen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet waren. Weil ihr Vater mehrmals den Meridian überquert hatte, standen sie sowohl mit der Zeit als auch mit den anderen Elementen in Verbindung. Als Seherinnen konnten sie über den Augenblick hinaus schauen, waren aber wegen dieser Gabe leider verrückt, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Manwyn, die Jüngste, war die Künderin der Zukunft. Es heißt, dass sie von allen dreien die Verrückteste gewesen sei, denn das Wissen um die Zukunft ist die mächtigste und bedrohlichste aller Wunderkräfte. Den Legenden nach war sie meist in Trance und redete mit sich selbst. So groß ihre Fähigkeiten auch gewesen sein mochten, waren sie doch häufig nutzlos, weil sich kaum unterschieden ließ, ob ihre Prophezeiungen wahr oder nur irrsinniges Geschwätz waren. Rhonwyn, die mittlere Schwester, war die Seherin der Gegenwart. Sie soll sehr liebenswürdig gewesen sein und auch durchaus klar im Kopf, hatte aber überhaupt kein Erinnerungsvermögen, sodass ihr alle Einsichten über die Gegenwart schon im nächsten Moment entschwunden waren. Anwyn, die Älteste der drei, war als Einzige in der Lage, die Flüchtlinge zu begrüßen. Sie bewahrte die Geheimnisse der Vergangenheit, ein Wissen, das zwar weniger flüchtig und zusammenhanglos, aber umso gefährlicher war. So wusste sie unter anderem auch, woher die Cymrer stammten und warum sie gekommen waren. Sie hieß sie willkommen in dem Land, das ihrer Mutter gehört hatte. Weil sie in ihr das lebendige Glied zwischen der alten Welt des Vaters und der neuen ihrer Mutter sahen, machten die Cymrer sie zu ihrer Schutzpatronin. Sie ließen sich nieder und lebten in friedlicher Nachbarschaft mit den Lirin von Realmalir. Kommen wir nun zur Zweiten Flotte. Im Unterschied zur Ersten, der durch den Orkan am übelsten mitgespielt worden war, hatte sie, weil weit hinter den anderen zurück segelnd, das Unwetter kommen sehen und größere Verluste abwenden können. Doch es verschlug die Schiffe in eine andere Richtung. Als der Sturm nachließ, waren sie dermaßen weit vom Kurs abgekommen, dass eine Korrektur nicht mehr in Frage kam. Es trieb sie wieder zurück, auf den Meridian zu, den sie schon überquert hatten. Da kam Land in Sicht, und anstatt die Suche nach Merithyns Paradies fortzusetzen, beschloss ihr Anführer, der große Ritter MacQuieth, die Reise zu beenden und das Land Manosse zu besiedeln. Sie und ihre Nachkommen leben noch heute dort.«

Bei der Nennung des Namens MacQuieth lief allen dreien, der Sängerin wie den beiden Firbolg, ein Schauer über den Rücken. In Serendair war MacQuieth bekannt gewesen wie ein bunter Hund. Achmed und Grunthor wussten sogar noch besser über ihn Bescheid als Rhapsody.

»MacQuieth war der Kirsdarkenvar, der Träger des legendären Wasserschwertes, der Kirsdarke. Darüber hinaus soll er auch der Meister eben dieses Elementes Wasser gewesen sein. Vielleicht war er deshalb auf dem Meer verschont geblieben. Und natürlich war er ein großer Held und Favorit des Königs, der Mann, der Tsoltan, den Anführer des Erzfeindes während des Großen Krieges, erschlagen hatte. Er...«

»Llauron, Augenblick, bitte«, unterbrach Rhapsody nervös, worauf Achmed die Brauen zusammenkniff und ungehalten schnaubte.

Doch sie achtete nicht auf ihn und bat: »Würdet Ihr noch einmal wiederholen, was Ihr da über Manosse gesagt habt? Sie, die Gruppe um MacQuieth, und ihre Nachkommen sind noch heute dort? Wie kann das sein, nach vierzehnhundert Jahren? Die erste Generation der Cymrer muss doch schon lange tot sein.«

Llauron lachte. »Das sollte man annehmen, nicht wahr? Typisch Sängerin: Immer wollen sie es ganz genau wissen. Nun, dann will ich’s dir erklären. Die erste Generation kam von einem jener fünf Orte, an denen die Zeit entsprungen ist, nämlich von der Insel Serendair. Sie überquerte den Meridian, also jene Kreislinie, die den Ablauf der Erdzeit markiert, und gelangte an einen anderen Ursprungsort der Zeit, in die Heimat der Drachen. Jedoch landete die Zweite Flotte woanders. Folglich hatte die Zeit keinen Einfluss mehr auf sie. Sie alterten nicht wie alle übrigen Sterblichen, sondern blieben so jung wie zu dem Zeitpunkt, da sie den Meridian überquert hatten. Ihre Kinder wuchsen allerdings ganz normal heran, bis sie ausgewachsen waren; und in dem Zustand verharrten sie dann, ohne älter zu werden.«