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»Seid Ihr vielleicht eines dieser Kinder?«, fragte Achmed geradeheraus.

Llauron lachte laut auf. »Gütiger Himmel, nein. Aber zugegeben, manchmal wünschte ich mir ein so langes Leben und ebenso viel Kraft. Nein, so ist es leider nicht. Habt noch ein bisschen Geduld, ich bin gleich fertig mit der Geschichte der Zweiten Flotte. Ein kleiner Verband von Schiffen – Bemerkenswerterweise in der Mehrzahl besetzt von UrSeren und anderen Erstgeborenen – machte kehrt und reiste weiter nach Osten, denn ihre Besatzung war nicht zufrieden mit der Kolonie, die MacQuieth ausgesucht hatte. Man traf schließlich auf eine Insel, die zwischen den beiden großen Kontinenten gelegen war, ein von der Natur und vom Wetter begünstigtes Fleckchen Erde, ein wahres Paradies, in dem sie sich niederließen und fernab von ihren Landsleuten eine eigene Kolonie gründeten. Ihr Land ist Gaematria und wird allgemein auch Insel der Meeresmagier genannt. Bleibt nur noch die Dritte Flotte. Der von Gwylliam angeführte Verband wartete, bis auch der Letzte, der mitfahren wollte, von der Insel evakuiert war, und segelte dann im Ostwind nordwärts. Es trieb sie aber so stark nach Süden ab, dass sie weit entfernt von der Ersten Flotte an Land gingen – in einem Gebiet, das wir heute als neutrale Zone bezeichnen. Es war dies ein sehr unwirtliches Land, zum Teil ausgedörrte Ödnis, zum anderen Teil gebirgige Steppe. Schlimmer noch, es war bewohnt von Stämmen, die in den Fremden eine Bedrohung sahen und sie ein ums andere Mal ins Meer zurückzutreiben versuchten. Sie, die Cymrer der Dritten Flotte, hatten es von Anfang an sehr schwer, zu überleben und sich zu behaupten. Aber sie besaßen auch zwei große Vorteile: einmal in der Person von Gwylliam, der außerordentlich talentiert und bestens ausgebildet war als Architekt und Ingenieur. Dass die Gruppe um ihn überhaupt ansässig werden konnte, war in erster Linie seiner Führung und seinem Einfallsreichtum zu verdanken. Zum anderen kam ihnen Gwylliams weitsichtige, noch auf Serendair getroffene Entscheidung zugute, die Streitkräfte erst ganz zum Schluss einzuschiffen. Sie wurden von den beiden anderen Flotten nicht gebraucht und standen nun denen zur Verfügung, die sie am dringendsten nötig hatten. Damit war Gwylliam seiner Verantwortung, für die Sicherheit aller zu sorgen, voll und ganz gerecht geworden. Er hätte seine Sache gar nicht besser machen können. Rückschläge und Niederlagen waren ihm nicht anzulasten.«

»Hat es die denn gegeben?«, fragte Achmed und beugte sich interessiert vor.

Llauron schaute zur Seite. Als er wieder aufblickte, antwortete er mit ernster Miene: »Zumindest waren sie durch eine Prophezeiung angekündigt worden.«

»Eine Prophezeiung?«

Der alte Mann lächelte der Sängerin beruhigend zu, denn sie schien verstört. »Ja, es hatte eine gegeben, im cymrischen Zeitalter, noch vor dem großen Krieg, als Manwyn in Zungen von der Zukunft sprach, meist auf Versammlungen des cymrischen Rates. Ich muss mich auf Geschichtsquellen verlassen und weiß nicht, ob sie wirklich präzise sind. An die Texte aber erinnere ich mich ganz genau. Wollt ihr hören, was zu diesem Thema geschrieben steht?«

»Ja«, bat Rhapsody, der trotz der Wärme, die vom Lagerfeuer ausstrahlte, zunehmend kalt wurde.

»Nun, ich fürchte, ich habe zu weit vorgegriffen. Lasst mich also zuvor etwas weiter ausholen. Die Emigranten der Dritten Flotte schlugen ihre Widersacher bis an den Nordrand der Wüste von Sorbold zurück. Dort erhebt sich eine wild zerklüftete Gebirgskette, die das westliche Ende der damals bekannten Welt bildete. Die hinter diesem Gebirge versteckt liegenden Länder waren sehr fruchtbar und noch unbewohnt, und aus vielen Gründen, von denen ich soeben einige genannt habe, beschloss Gwylliam, dass dies der geeignete Ort zur Errichtung einer Kolonie sei. Er benannte dieses Gebiet mit dem cymrischen Wort für Jahrhundert, nämlich Canrif, denn man sagte allgemein, dass dort in nur hundert Jahren eine der größten Zivilisationen entstehen würde, die die Welt je gesehen hätte. Und in der Tat kam man diesem Ziel ziemlich nahe. Die Auswanderer der Dritten Flotte waren Vertreter unterschiedlichster Volksstämme mit jeweils eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen, doch Gwylliam schaffte es, alle gleichermaßen zufrieden zu stellen. Die Erdbewohner, also die Nain und die Gwadd, richteten sich in den endlosen Höhlen der Berge ein. Die Landmänner und -frauen fanden auf der Weiten Heide und noch tiefer im Versteckten Reich Gebiete, die sich für den Ackerbau und die Viehzucht eigneten, während die Lirin einen dunklen Wald für sich entdeckten, in dem sie sich häuslich niederließen. Gwylliam selbst baute eine prächtige Stadt inmitten der Berge und entwickelte leistungsstarke Maschinen, die die unterirdischen Gänge mit Frischluft versorgten und im Winter auch beheizten. Zusammen mit den Nain errichtete er riesige Schmelzöfen, in denen Stahl zum Aufbau seines Reiches und zur Herstellung von Waffen hergestellt wurden.«

»Wo liegen diese Berge«, fragte Achmed, »und wie heißen sie?«

»Sie liegen im Osten der Provinz Bethe Corbair, an der Grenze zu Roland, und erstrecken sich entlang der Nordgrenze von Sorbold. Bei den Cymrern heißen sie Manteiden; die Firbolg aber, ihre heutige Bewohnerschaft, nennen sie die Zahnfelsen.«

»Die Zahnfelsen?«, fragte Rhapsody ungläubig.

»Ja. Wenn du sie jemals zu Gesicht bekommst, wirst du auch verstehen, warum. Sie sehen so aus, wie sie heißen. Was einst der Stolz von Canrif war, ist nun das Reich der Firbolg – ein dunkles und abschreckendes Land.«

»Das will ich auch hoffen«, meinte Grunthor wie selbstverständlich.

Llauron schmunzelte und nippte an seinem silbernen Schwenker.

»Eines Tages dann, rund fünfzig Jahre nach ihrer Landung, trafen die Emigranten der Ersten und Dritten Flotte wieder zusammen. Die Freude war groß, aber auch die Verwirrung. Die Mitglieder der Ersten Flotte, von denen viele vormals Gwylliams Untergebene gewesen waren, sowie deren Nachkommen hatten Anwyn Treue und Gefolgschaft geschworen, die nun schon über ein halbes Jahrhundert ihre Herrin war. Über den Verbleib der Zweiten Flotte war ihnen nichts bekannt, und so wussten sie nicht mehr, wie sie sich nun verhalten sollten. Die Cymrer wünschten sich, wieder ein geeintes Volk zu sein, denn es war ja von Anfang an ihr Bestreben gewesen, den Fortbestand ihrer Kultur zu sichern und neue Länder unter ihre Herrschaft zu bringen. Die von Gwylliam und Anwyr beherrschten Gebiete erstreckten sich über Roland, Sorbold und Canrif. Obwohl Verbündete von Anwyn, wahrten die Lirin ihre Unabhängigkeit. Schließlich fand man zu einer friedlichen Lösung. Alle Cymrer trafen zu einer großen Versammlung zusammen, berieten einander und wählten Anwyn und Gwylliam zur Königin und zum König ihres vereinigten Reiches. Die beiden erkannten die Möglichkeiten einer neuen Dynastie und gingen den Bund der Ehe ein.«

»Liebten sie sich denn auch?«, fragte Rhapsody.

Der Fürbitter schaute ihr in die Augen; der Wind fuhr ihm durch das graue Haar. »Davon ist in den alten Berichten nicht die Rede«, antwortete er schließlich. »Immerhin führten sie das cymrische Reich zu einer Blüte, die bis heute ohne Vergleich geblieben ist. Ihre Herrschaft währte über 300 Jahre und galt als Garant für Frieden und Wohlstand.«

»Aber was hatte es mit dieser Prophezeiung auf sich?«, hakte Achmed nach.

»Ah ja. Den Namen Oelendra habe ich schon erwähnt, oder? In den alten Schriften ist davon die Rede, dass sie zu wahnhaften Vorstellungen neigte. Darum hatte eigentlich niemand damit gerechnet, dass man ihr die Führerschaft über die Erste Flotte anvertraute. Nach Merithyns Tod aber hatte es keine andere Wahl gegeben. Sie war überzeugt davon, dass dem Schiff von Gwylliam ein großes Übel gefolgt sei, und als der König und die Königin ihre Vermählung bekannt gaben, fragte sie Manwyn vor dem versammelten Rat, ob ihre Befürchtungen zuträfen. Manwyn antwortete mit folgender Prophezeiung:

Er geht als einer der Letzten und kommt als einer der Ersten, Trachtet danach, aufgenommen zu