werden, ungebeten,
an neuem Ort,
Die Macht, die er gewinnt, indem er Erste ist, Ist verloren, wenn er als Letzter in Erscheinung tritt.
Unwissend spenden die, die ihn aufnehmen, ihm Nahrung, In Lächeln gehüllt wie er, der Gast; Doch
im Geheimen wird die Vorratskammer vergiftet. Neid, geschützt von seiner eigenen Macht Niemals
hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren,
und niemals wird dies geschehen, Wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet.
Es blieb lange Zeit still unter den vieren, ehe Grunthor endlich zu dem Schluss kam: »Keine Ahnung, was das bedeuten soll. Könntet Ihr uns nich ’nen Hinweis geben, Exzellenz?«
Llauron lächelte. »Ich weiß mir selbst keinen Reim darauf zu machen, mein Freund. Wie schon gesagt, Manwyn war verrückt und gab häufig nichts als Unsinn von sich. Aus diesem Grund schenkte ihr auch in diesem Fall niemand Beachtung. Im Rückblick aber scheint es, dass sie womöglich auf etwas Böses hinweisen wollte, das unter den Ersten von der Insel mitgereist war und, obwohl anfangs noch unbedeutend und harmlos, an Macht dazugewinnen und schließlich das Land unter seine Kontrolle bringen sollte.«
Rhapsody spürte, wie ihre Hände plötzlich ganz klamm wurden. »Und? Ist es dazu gekommen?«
Die Miene des Alten verriet Traurigkeit. »Das ist nicht eindeutig zu sagen, mein liebes Kind. Letztlich waren es Gwylliam und Anwyn selbst, die dem Goldenen Zeitalter der Cymrer ein Ende gesetzt und Tod und Verwüstung über das eigene Volk gebracht haben.«
»Wie?«, fragte Achmed.
»Mag sein, dass die beiden schon vor dem auslösenden Ereignis Probleme miteinander hatten. Das ist anzunehmen, denn solche Dinge kommen nicht von ungefähr. Kurzum, Gwylliam hat sie geschlagen. Über die Hintergründe ist aus den Quellen nichts zu erfahren, aber sie können eigentlich nur unbedeutend sein in Anbetracht der schrecklichen Folgen, die dieser Ehezwist auslöste. Er wurde später als der ›Schlimme Schlag‹ bezeichnet, und damit war wohl letzten Endes der Schlag gemeint, den das cymrische Volk erleiden musste. In ihrer Wut auf den König kehrte Anwyn in ihre Angestammten Länder im Westen zurück, mobilisierte ihre ursprünglichen Untertanen, die Mitglieder der Ersten Flotte, und verlangte von ihnen die Verteidigung ihrer Ehre. Damit war die Nation unwiderruflich gespalten, denn die erste Generation der Cymrer und ihre Nachkommen fühlten sich sowohl dem König als auch der Königin gegenüber loyal. Anwyn aber war ein Wyrmling, das heißt, sie hatte Drachenblut in ihren Adern und war nur durch Gwylliams Tod zu beschwichtigen. Als ihr Heer gegen seine Festung vorrückte, wurde auch Gwylliam blind vor Hass und schickte sich an, seine abtrünnige Frau und deren Verbündete zu vernichten. Die Schrecken der Folgezeit sind unmöglich in Worte zu fassen. Dazu fehlt euch die Geduld und mir der Mut. Es reicht, wenn ich sage, dass der Untergang der cymrischen Zivilisation so grauenvoll war wie ihr Aufstieg ruhmreich. Gwylliams Feldmarschall war ein brillanter, mitunter grausamer Mann Namens Anborn. Anborns Siege gegen die Erste Flotte und später auch gegen die Lirin, die sich auf Anwyns Seite geschlagen hatten, machten seinen Namen in deren Sprache zu dem am meisten gehassten überhaupt. Anwyns Streitkräfte waren ihrerseits für den Tod unzähliger Mitglieder der Dritten Flotte verantwortlich. Schließlich verwischten die Fronten, und es war nicht mehr auszumachen, wer die Oberhand hatte oder in die Knie gezwungen wurde; es war ein einziges großes Abschlachten. Wegen der Gräuel, die damals begangen wurden, schämen sich noch heutzutage die entfernten Nachkommen in den geteilten Ländern so sehr, dass sie ihre cymrische Abstammung am liebsten verschweigen.«
Achmed grinste. »Demnach würde also das Wort Cymrer hierzulande so viel bedeuten wie Scheißkerl?«
Rhapsody rammte ihm den Ellbogen in die Seite, doch Llauron schmunzelte nur.
»In der Tat, für viele bedeutet es das. Es gibt allerdings auch etliche, die die großartigen Leistungen der Cymrer in Erinnerung halten und alles andere zu vergessen versuchen. Ja, die alten Cymrer werden mancherorts sogar verehrt, in den orlandischen Provinzen zum Beispiel – das sind die Provinzen von Roland oder in Manosse und auf der Insel der Meeresmagier. All diese Gebiete werden von Nachkommen der Cymrer regiert.«
»Wer hat sich denn am Ende durchgesetzt?«, fragte Grunthor.
»Im Grunde niemand. Anwyn hat anscheinend erreicht, was sie wollte, nämlich Gwylliam zu töten. Jedenfalls behauptete sie das, und tatsächlich blieb er spurlos verschwunden, weshalb man denn auch ihrer Behauptung Glauben schenkte. Wenn sie ihn denn wirklich zur Strecke bringen konnte, wird sie einen Großteil ihrer Kraft dafür verausgabt haben, denn eigentlich war Gwylliam unsterblich oder zumindest sehr viel langlebiger als andere Cymrer. Im Unterschied zu seinen Untertanen, die zwar weder alterten noch krank wurden, wohl aber eines gewaltsamen Todes sterben konnten, war Gwylliam in der neuen Welt gewissermaßen immun gegen Verletzungen. Den Grund dafür vermuten die alten Schriften darin, dass er die Heimat als Letzter verlassen, als Letzter auch den Meridian überquert und so in der neuen Welt keine Gefahr mehr zu erwarten hatte. Was die tatsächliche Ursache seiner Unverletzlichkeit war, ist schwer zu sagen. Wie dem auch sei, Anwyn kehrte triumphierend in die Ratsversammlung zurück und forderte die alleinige Herrschaft über das Reich der Cymrer ein. Doch der Rat wandte sich gegen sie und schickte sie in die Verbannung. So blieb ihr nach siebenhundert Jahren Krieg und der befriedigten Rache am verhassten Gatten am Ende nichts. Was für ein Irrwitz, findet ihr nicht auch?«
»Ja«, antwortete Rhapsody. »Was ist mit ihr geschehen? Wo ist Anwyn jetzt?«
Llauron kippte den letzten Schluck Branntwein hinunter und steckte den Schwenker in den Sack zurück. »Den Quellen zufolge hat sie sich in eine Höhle hoch oben zwischen den Weißen Kuppen im Gebirge von Hintervold zurückgezogen, weit ab von ihren ehemaligen Ländern. Es kommt immer wieder vor, dass sich jemand auf den Weg zu ihr macht in der Hoffnung, durch sie die Vergangenheit verstehen zu lernen. Sie war ja schließlich, wie schon gesagt, in erster Linie eine sehr begabte Seherin. Ob man sie je ausfindig gemacht hat, weiß ich nicht.«
»Und wie stehen die Dinge heute?«, fragte Achmed.
»Nun, die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, sind nie ganz verheilt, auch nach fast vierhundert Jahren nicht. Die einstmals große Nation der Cymrer ist in kleinere Gemeinschaften zerfallen. Ein Jammer ist das. Ihre Beziehungen zu den Elementen und zur Zeit waren das eigentliche Geheimnis hinter den großen Errungenschaften ihrer Zivilisation. Davon abgetrennt, musste die Einheit verloren gehen und die Blüte welken, zu der sich Wissenschaft, Kunst, internationaler Handel, Architektur und Medizin während des Goldenen Zeitalters entwickelt hatten. Wir alle sind dadurch sehr viel ärmer geworden. Selbst die Religionen sind geteilt. Während wir früher alle ein und denselben Glauben hatten, gibt es nun unterschiedliche Bekenntnisse. Hier bei uns, in den von alters her der Ersten Flotte zugeschriebenen Gebieten, wird der filidische Glaube gepflegt, der Glaube an die Natur. Die Mehrheit der Bewohner von Roland verehrt den Allgott, der auch Schöpfer genannt wird. Das Oberhaupt dieser Kirche ist der Patriarch, der in der heiligen Stadt Sepulvarta seinen Stammsitz hat. Noch so ein Jammer, dass wir selbst in unserem gemeinsamen Glauben an den einen Gott uneins geworden sind. Und ständig droht neuer Krieg. Unter einer scheinbar friedlichen Oberfläche brodelt es schon lange. Und die Spannungen nehmen zu und werden sich früher oder später gewaltsam entladen. Seit mehreren Jahrzehnten kommt es an den Grenzen immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen und zu sinnlosen Überfällen auf Dörfer und Städte. Der Hass auf andere Volksgruppen nimmt zu, der Terror greift um sich. Es ist beängstigend.«