»Was glaubt Ihr, wie diese Entwicklung aufgehalten werden könnte?«, fragte Rhapsody.
Llauron seufzte. »Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist. Kurz bevor Anwyn in die Verbannung geschickt wurde, hatte ihre Schwester Manwyn noch zu vermitteln versucht und die Hoffnung geäußert, dass die verloren gegangene Einheit wiederhergestellt und Frieden erlangt werden könnte. Aber im Rat mochte ihr niemand glauben. Alle Mitglieder unterstellten ihr, dass sie nur der Schwester den Rücken zu stärken versuchte.«
»Womit hat sie diese Hoffnung begründet?«, wollte Achmed wissen.
Lauron schloss die Augen, dachte einen Moment lang nach und zitierte dann folgende Weissagung:
Die Drei werden kommen; früh brechen sie auf, spät treten sie
in Erscheinung, Die Lebensalter des Menschen: Kind des Blutes, Kind der Erde, Kind des Himmels.
Ein jeder Mensch, entstanden im Blute und darin geboren,
Beschreitet die Erde, wird von ihr genährt,
Greift zum Himmel und geniest seinen Schutz,
Steigt indes erst am Ende seiner Lebenszeit zu ihm auf und
gesellt sich zu den Sternen. Blut schenkt Neubeginn, Erde Nahrung. Der Himmel schenkt zu Lebzeiten
Träume – im Tode die
Ewigkeit. So sollen sie sein, die Drei, einer zum anderen.
Der Fürbitter räumte die Reste der Mahlzeit zusammen, packte alles in seinen Beutel und blickte schließlich auf.
»Ihr werdet mit diesen Worten wohl genauso wenig anfangen können wie die Ratsversammlung damals. Allem Anschein nach sollten Anwyn und ihre Schwestern mit den rätselhaften drei Hoffnungsträgern gleichgesetzt werden, was die Ratsmitglieder argwöhnen ließ, dass es sich bei der vermeintlichen Weissagung nur um den plumpen Versuch handeln mochte, die drohende Vertreibung der Königin abzuwenden. Anborn, Gwylliams Feldmarschall, verlangte mit rüden Worten von Manwyn darüber aufgeklärt zu werden, wie der Spruch zu verstehen sei. Zur Antwort erhielt er Unzusammenhängendes Gestammel.
Wenn Leben entsteht, verbindet sich das Blut und wird doch
vergossen; auch teilt es sich zu leicht, als dass es die Trennung
heilen könnte.
Die Erde wird von allen geteilt und ist doch selbst geteilt, von
Generation zu Generation.
Nur der Himmel umfasst alles und bleibt selbst ungeteilt;
darum wird es durch ihn zu Frieden und Einheit kommen.
Wenn Euch daran gelegen ist, Feldmarschall, so schützt den
Himmel, auf dass er nicht einstürze.
Daraufhin stieß der große Feldmarschall Flüche gegen Manwyn aus und forderte sie auf, ihre sinnlosen Worte in Zukunft für sich zu behalten. Manwyn verließ den Ratssaal, um, wie ich vermute, Anwyn in die Verbannung zu folgen. Im Ausgang blieb sie jedoch noch einmal stehen, drehte sich um und sprach, an Anborn gewandt, eine letzte Prophezeiung aus: ›Feldmarschall‹, sagte sie, ›zuerst müsst Ihr mit Euch selbst ins Reine kommen. Nach Gwylliams Tod seid Ihr nun der König der Soldaten, doch Ihr werdet erst dann Vergebung erfahren, wenn Ihr den Geringsten aus Eurer Sippe ausfindig macht und ihm, dem Hilflosen, Euren Schutz bietet. Entweder werdet Ihr so erlöst oder aber ungetröstet sterben/«
»Und, was geschah darauf hin?«
»Wer weiß? Das war wohl eine Sache zwischen ihm und seinem Schöpfer.« An Achmed und Grunthor gewandt, sagte er: »Nun, wie ich eurer Gefährtin schon gesagt habe, seid ihr herzlich willkommen, für ein paar Tage in mein Haus einzukehren. Ich biete euch Schlafstätten, frische Kleider und die Gelegenheit zu beraten. Gwen hat Rhapsody schon neu ausgestattet, wie ihr seht.«
Rhapsody und Grunthor sahen Achmed erwartungsvoll an, der sich Bedenkzeit nahm und dann mit dem Kopf nickte. Grunthor grinste übers ganze Gesicht. »Sehr freundlich von Euch, Exzellenz.«
Rhapsody tippte ihn an, als sie sich, dem Alten folgend, auf den Weg machten.
»Grunthor, normalerweise werden Fürbitter, der Patriarch, die Seligpreiser und Hohepriester der Filiden mit ›Euer Gnaden‹ angesprochen und nicht mit ›Exzellenz‹.«
Der Riese nahm sie bei der Hand. »Und wenn du jetzt nicht ’n Schritt zulegst und den Anschluss hältst, werd ich dich ›spätes Mädchen‹ nennen.«
27
Im Unterschied zu den vorausgegangenen Tagen und Wochen im Haus des Fürbitters war der Aufenthalt zusammen mit den beiden Firbolg sehr viel weniger entspannt. Achmed und Grunthor hielten sich versteckt, um von den Pilgern, die Tag für Tag in Scharen den Baum aufsuchten, nicht gesehen zu werden.
Gwen und Vera hatten Angst vor den beiden Männern, besonders Gwen, die den Auftrag hatte, ihnen neue Kleider zu schneidern. Nach einer Anprobe mit Grunthor hatte Rhapsody Gelegenheit, all die medizinischen Fähigkeiten aufzubieten, die Khaddyr sie gelehrt hatte, denn Llaurons Haushälterin drohte einer Herzattacke zu erliegen.
Als die drei Gefährten endlich neu ausgestattet und mit Proviant versorgt waren, schickten sie sich an, ihre Reise fortzusetzen. Llauron machte kein Hehl daraus, dass er traurig war, sie gehen zu sehen.
»Wo wollt ihr hin?«, fragte er Rhapsody, die zusah, wie die beiden Männer ihr Gepäck zusammenschnürten.
»Nach Osten«, antwortete sie und verheimlichte, dass Achmed und Grunthor die Zahnfelsen und das Land der Firbolg aufsuchen wollten.
Die drei Gefährten hatten sich nächtelang miteinander beraten und über die nächsten Schritte verständigt, doch welche Absichten Achmed mit seinen Plänen verfolgte, war von ihm nicht zu erfahren gewesen. Darauf wollte er erst antworten, wenn sie Llaurons Länder hinter sich gelassen hatten.
Nach langem und mitunter hitzigem Hin und Her waren sie übereingekommen, noch so lange zusammenzubleiben, bis sich ein jeder von ihnen in der noch fremden Umgebung besser zurechtfände. Erst dann sollte Rhapsody entscheiden, an welchem Ort sie in Zukunft zu leben wünschte. Vorerst brauchte sie einfach noch Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass alle Hoffnung auf eine Rückkehr nach Hause ein für allemal verloren war.
Llauron warf einen Blick über die Schulter zurück und sagte dann, an Rhapsody gewandt: »Aha, nach Osten. Nun, wenn das der Fall ist, könnte ich dir ja ein Empfehlungsschreiben an meinen guten Freund Stephen Navarne mitgeben. Er ist der Regent der Provinz im Osten, ein Herzog, um genau zu sein. Ein wirklich netter Kerl. Du wirst ihn mögen, und ich bin sicher, er wird begeistert von dir sein.«
Seine Augen funkelten und verrieten, dass seine Worte einen Hintersinn enthielten, eine Anspielung, die Rhapsody verunsicherte. »Von euch allen dreien natürlich«, fügte Llauron hinzu, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Rhapsody zog die Stirn in Falten. »Ein Herzog? Ihr schlagt ernstlich vor, dass ich – wir – bei einem Herzog zu Besuch vorbeischauen?«
»Ja, warum nicht?«
Sie errötete. »Llauron, weshalb sollte ein Herzog jemanden wie mich, eine Person von meinem Stand, zur Tür hereinlassen? Ich bin schließlich nicht von Adel.« Das Blut schoss ihr ins Gesicht und gleichzeitig krampfte sich ihr Magen zusammen bei dem Gedanken daran, dass Llauron am Ende von ihrer Zeit als Kurtisane wusste und womöglich verwirrt darüber war, dass sie mit dem Gang durch das Feuer ihre Jungfräulichkeit wieder hergestellt hatte.
Llauron lächelte väterlich. »Stephen interessiert sich nicht für Ahnenforschung, wohl aber für Geschichte. Wenn du Näheres über die Geschichte der Cymrer erfahren willst, ist er der Mann, den du dazu befragen solltest. Er unterhält in seinem Schloss ein cymrisches Museum, und ich bin sicher, er würde sich freuen, dir eine Führung anzubieten, zumal das allgemeine Interesse an solchen Dingen sehr stark nachgelassen hat.«