»Wirklich?«, fragte Rhapsody, abgelenkt von ihren Freunden. Während Achmed die Geschosse seiner Cwellan zählte, beschäftigte sich Grunthor mit seinen neuen Waffen, die Gavin ihm geschenkt hatte, insbesondere mit einem langen Krummschwert, das er Hiebstecher nannte und nun zu den anderen Waffen steckte, die wie ein Strauß aus tödlichen Blumen hinter seinem Rücken hervorstaken.
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Fürbitter und lächelte. »Das wäre schön. Wie weit liegt sein Schloss von hier entfernt?«
»In drei bis vier Tagen müsste es zu erreichen sein.« Der Alte legte ihr seine Hände auf die Schultern.
»Nun, Rhapsody, ich hoffe sehr, dass dir dein Aufenthalt in meinem Haus gefallen hat. Mir jedenfalls war es ein Vergnügen, dich bei mir zu haben.«
»Es war wundervoll«, antwortete sie mit ernster Stimme und zog die weite Kapuze ihres neuen Umhangs über den Kopf. »Und ich habe so viel dazugelernt. Wie kann ich mich bloß für alles erkenntlich zeigen?«
»Das kannst du«, antwortete Llauron, »indem du diesen Brief Herzog Stephen überbringst. Ich bitte ihn darin, dir das Manuskript über die alt-serennische Sprache auszuleihen. Als Benennerin, die du bist, wird es dir nicht schwer fallen, dich in diese Sprache einzuarbeiten; sie ist im Übrigen sehr musikalisch. Ich bin sicher, du hast sie schnell gelernt. Und dann, mein liebes Kind, werden wir uns in dieser Sprache unterhalten können. Du kennst jetzt die Geschichte der Cymrer und weißt von den Gefahren, die uns alle wieder bedrohen. Hilf mir, indem du deine Augen und Ohren offen hältst und mir berichtest, wie es um die Dinge draußen in der Welt bestellt ist.«
Rhapsody schaute ihn verwundert an. Llauron hatte ein Heer von Kundschaftern und Waldläufern in seinen Diensten. Inwiefern bedurfte er noch ihrer Hilfe?
»Dazu bin ich gern bereit, aber ...«
»Schön. Und denk daran, Rhapsody, auch wenn du von niedrigem Stand bist, so kannst du einer fürstlichen Sache dennoch sehr wohl dienlich sein.«
»Dem Schutz der Natur und des Großen Weißen Baumes?«
»Ja, und den politischen Anforderungen, die sich daraus ergeben.«
»Ich verstehe nicht ganz.«
Llaurons Augen brannten voller Ungeduld, wenn auch seine Stimme nach wie vor beherrscht und ruhig klang. »Das Ziel ist die Wiedervereinigung der Cymrer. Ich dachte, das sei dir klar. Nach meiner Überzeugung kann uns nur eines vor der völligen Zerstörung durch all diese unerklärlichen Aufstände und Akte des Terrors bewahren, und das ist die Wiedervereinigung von Roland und Sorbold und nach Möglichkeit auch der Bolgländer unter einem neuen Königspaar. Die Zeit drängt. Du bist zwar nur ein Bauernmädchen – nimm daran bitte keinen Anstoß, die meisten meiner Anhänger sind Bauern –, hast aber ein wunderhübsches Gesicht und eine überzeugende Stimme. Du könntest mir in dieser Sache von großer Hilfe sein.«
Rhapsody fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. »Ich? Aber Ihr wisst doch, dass ich nicht von hier bin und niemanden kenne. Wer würde mir Gehör schenken? Durch Euch, Llauron, habe ich von den Cymrern überhaupt erst erfahren.«
Der Fürbitter ergriff ihre Hand und tätschelte sie. »Wer dich sieht, wird nicht anders können, als dir zuzuhören. Du bist so schön. Und jetzt, bitte, sag mir, dass du mir den Gefallen tun wirst. Du willst doch auch, dass in dieses Land endlich Frieden einzieht, oder?«
»Ja«, sagte sie und fing plötzlich zu zittern an, was sie selbst überraschte.
»Und dass das Schänden und Morden so vieler unschuldiger Frauen und Kinder endlich ein Ende hat, das willst du doch auch, nicht war?«
»Natürlich, ich verstehe nur nicht...«
»Wir sind so weit, Euer Liebden«, rief Grunthor. Achmed nickte ihr auffordernd zu und schulterte sein Gepäck.
Rhapsody blickte noch einmal zu Llauron auf. »Wen habt Ihr für die neue Regentschaft im Sinn?«, fragte sie.
»Niemanden. Darüber zu entscheiden obliegt dem Rat. Erinnere dich an das, was ich dir über die Philosophie der Cymrer erzählt habe, über ihre Weltanschauung. Der König und die Königin wurden gewählt, weil sie sich für das Herrscheramt am besten eigneten und nicht aufgrund ihrer königlichen Herkunft, wie es in anderen Kulturen Tradition ist. Und vergiss nicht, dass es unter vielen unserer Zeitgenossen den alten Cymrern gegenüber so manche Vorbehalte gibt. Sei also in deinen Nachforschungen diskret. Wer von cymrischer Herkunft ist, wird nicht gern darauf zu sprechen kommen. Alle anderen aber werden die Sache ähnlich sehen wie ich und darin übereinstimmen, dass es nach Anwyn und Gwylliam wieder eine Hoffnung auf Versöhnung gibt, indem die geteilten Länder zusammenwachsen. Halte mich bitte auf dem Laufenden.«
»Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich im Einzelnen tun soll.«
»Wir gehen jetzt«, rief Achmed.
Llauron schmunzelte übers ganze Gesicht. »Höflich wie immer, dein Freund, nicht wahr? Komm, lassen wir ihn nicht länger warten. Ich hole nur schnell noch den Brief an Stephen.«
Der Wald im Osten war weniger dicht und um einiges jünger als der tiefe Urwald rings um den Großen Weißen Baum. Auf dem ersten Abschnitt ihrer Reise gingen sie auf dem Weg zurück, den sie von der Ortschaft Tref-y-Gwartheg gekommen waren, vor der sie nun in nordwestlicher Richtung abbogen, um der Einwohnerschaft nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.
Rhapsody hatte während ihres Aufenthalts bei Llauron und Gavin erfahren, dass dieser Wald fast ebenso weitläufig war wie die gesamte Osthälfte ihrer Heimatinsel und dass die Wälder der Lirin im Süden wohl um ein Dreifaches an Fläche größer waren.
Sie hatte in ihrer Kindheit häufig Geschichten über unvorstellbar große Waldgebiete gehört, und nun konnte sie kaum fassen, dass sie sich in eigener Person in einem solchen Wald befand. Es erschien ihr geradezu ironisch, auf dem Weg über eine Wurzel hierher gelangt und von einer unendlichen Vielzahl an Bäumen umgeben zu sein.
Die drei brauchten fast zwei Tage, um jene Straße zu finden, die durch Gwynwalds Norden in die von Navarne regierte Provinz führte, eine Landschaft, die nur zum Teil bewaldet war.
Schließlich lichtete sich das dunkle Gehölz und machte Äckern und Dörfern Platz, deren Häuser mit demselben handwerklichen Geschick und ähnlich einfachem Material gebaut waren, wie sie für Gwynwald typisch zu sein schienen. Navarne war eine merklich dichter besiedelte Gegend, und auf der Straße, die dorthin führte, herrschte viel mehr Verkehr. Je lichter die Wälder wurden, desto schwerer fiel es den dreien, sich versteckt zu halten. Wo irgend möglich, nahmen sie den Umweg durch Gebüsch und Hain, ansonsten blieb ihnen nichts anderes übrig, als der Straße zu folgen.
Sie hatten die Grenze der Provinz Navarne schon einige Meilen weit hinter sich gelassen, als sie auf eine Gruppe spielender Kinder trafen. Während sich Grunthor und Achmed in Deckung hielten, trat Rhapsody näher auf sie zu.
Die Kinder tollten umher und achteten weder auf Rhapsody noch auf die Ochsenfuhrwerke, die vorbeirollten und Schmutzwasser aufspritzen ließen, das nicht selten auf die Kinder niederregnete, die dann jedes Mal ausgelassen aufkreischten.
Rhapsody sah dem Treiben schmunzelnd zu. Die lebhafte Freude der Kinder rührte ihr Herz, machte es ein wenig leichter und zugleich schwerer vor Sehnsucht in Gedanken an unbekümmertere Tage. Am liebsten wäre sie zu ihnen gelaufen und hätte sich selbstvergessen an ihrem Spiel beteiligt. Das Gestampfe von Pferdehufen ließ sie aufmerken. Sie drehte sich um und sah ein schwarzes Schlachtross im gestreckten Galopp die Straße entlangsprengen.
So vertieft waren die Kinder in ihr Spiel, dass sie die Gefahr nicht erkannten. Zwei Frauen, die auf einem Leiterwagen vorbeikamen, stießen spitze Schreie aus, und der Mann auf dem Kutschbock versuchte mit wilden Gebärden, die Kinder zu verscheuchen. Doch die blieben wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen, und der herbeipreschende Reiter machte keine Anstalten, sein Pferd zu zügeln. Rhapsody fackelte nicht lange. Sie rannte los, trieb die Kinder auseinander und stellte sich selbst als schützendes Hindernis in den Weg. Das Pferd war schon fast über ihr, scheute und bäumte sich mit schrillem Gewieher auf.