Der Reiter hatte alle Mühe, das panische Tier wieder unter Kontrolle zu bekommen, und gab lauthals rüde Flüche von sich. Als das Pferd endlich stillstand, richtete er den Blick auf Rhapsody und starrte sie aus azurblauen Augen an.
»Verdammtes Miststück!«, brüllte er von oben herab. »Wenn ich nicht um mein Pferd Angst haben müsste, würde ich dich über den Haufen reiten.«
Rhapsody richtete sich auf und sah dem Reiter mit nicht minder wütendem Augenausdruck ins Gesicht. Für einen Moment lang schien es, als entspannte sich dessen Miene vor Verwunderung über die Heftigkeit ihrer Reaktion. Und dann hatte er auch noch allen Grund, über das zu staunen, was sie ihm zur Antwort an den Kopf warf.
»Wenn dein Gaul dich Stinkstiefel im Sattel erträgt, scheint er verdammt was aushalten zu können.«
Aus dem schockierten Staunen des Mannes wurde allmählich Erheiterung. Das Visier war hochgeklappt; trotzdem nahm er den Helm ab, um die Frau auf der Straße besser sehen zu können. Dem Gesicht nach schien er mittleren Alters zu sein, wenngleich sein muskulöser Körper sehr viel jünger wirkte. Noch unentschieden zeigten sich der Bart und die Haare, die pechschwarz, doch von silbernen Strähnen durchzogen waren. Obwohl sie sich sicher war, ihn noch nie gesehen zu haben, kam ihr das markante Gesicht mit der breiten Stirn auf seltsame Weise bekannt vor. Er trug ein schwarzes Kettenhemd, dessen Einzelteile von silbernen Spangen zusammengehalten wurden. Von den kunstvoll geschmiedeten Schulterstücken fiel ein schwerer schwarzer Umhang über seinen Rücken herab.
»Ts, ts, was höre ich da aus dem Munde einer Dame«, sagte er spöttisch. »Madame, ich bin empört.«
»Was nicht weiter schlimm wäre«, entgegnete Rhapsody kühl. »Schlimmer ist, dass du offenbar auch blind bist. Hast du nicht gesehen, dass Kinder auf der Straße spielen?«
»0 doch, das habe ich.« Der Soldat setzte sich in den Sattel zurück. Dass er wie jetzt übers ganze Gesicht grinste, schien seiner Mimik nach zu urteilen eher die Ausnahme zu sein.
Rhapsody geriet immer mehr in Wut. »Und da ist dir nicht in den Sinn gekommen, langsamer zu werden oder auszuweichen?«
»Nein, denn für gewöhnlich macht man einem galoppierenden Pferd den Weg frei. Das rät sich so, und gerade Kindern kann ein solcher Rat gar nicht früh genug erteilt werden.«
»Und was, wenn sie nicht rechtzeitig hätten ausweichen können?«, herrschte sie ihn an. »Was, wenn dein Pferd über sie hinweggetrampelt wäre?«
Der Soldat zuckte mit den Achseln. »So kleine Hindernisse können ihm nicht wirklich gefährlich werden. Merk dir das. Bist nämlich selbst nicht gerade groß geraten.«
Er schrie unvermittelt auf, als er die Hand voll Matsch auf sich zufliegen sah, aber nicht mehr verhindern konnte, dass sie ihm ins Gesicht klatschte. »Steig ab, und ich werde deinen Eindruck korrigieren«, brüllte sie und langte nach dem Schwert.
»Ja, und wenn du noch was von ihm übrig lässt, Gräfin, hätten wir auch schon was zum Abendessen«, meldete sich eine knurrende Stimme aus dem Gebüsch am Straßenrand.
Der Soldat schaute sich verdutzt um und sah den Firbolg aus der Deckung treten, die Hände in die Seiten gestemmt. Die Zugochsen des Gespanns brüllten vor Schrecken, so auch eine der Frauen, und der Bauer auf dem Kutschbock beeilte sich davonzukommen. Die Kinder hatten längst Reißaus genommen.
Der Soldat warf den Kopf zurück und lachte. »Schau an, Zwerg und Riese als Reisegefährten. Faszinierend. Aber könntest du nicht wenigstens die Kapuze lüften, Gnädigste? Oder schämst du dich?« Er wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht.
Wütend warf Rhapsody die Kapuze zurück. Der Reiter war merklich beeindruckt von dem, was er sah.
»Ah, jetzt weiß ich, wer du bist. Du bist Rhapsody, nicht wahr?«
Sie erschrak so sehr über seine Worte, dass ihre Wut plötzlich wie wegblasen war. »Woher weißt du das?«
Der Soldat wischte mit dem Ärmel über den Helm und ordnete die Spangen. »Du bist doch bei Gavin in die Schule gegangen. Das hat sich herumgesprochen. Und den Beschreibungen nach gibt’s kein Vertun. Du musst Rhapsody sein.«
War sie soeben noch in Wut entbrannt, wurde ihr nun ganz kalt. »Was macht dich so sicher?«
Er setzte den Helm wieder auf und tat, als nähme er Grunthor überhaupt nicht zur Notiz. »Eine solche Missgeburt wie dich kann es nur einmal geben. Aus dem Weg mit dir! Es sei denn, du willst die neu beschlagenen Hufe meines Pferdes aus der Nähe betrachten.«
»Willst du mir nicht erst einmal sagen, wer du bist? Ich kenne deinen Namen nicht.«
Der Soldat nahm die Zügel zur Hand. »Nein, den kennst du wohl nicht.« Er schnalzte dem Pferd zu und stob auf ihm davon. Rhapsody konnte nur noch zur Seite Wegspringen, aber nicht verhindern, dass sie vom aufgewirbelten Schmutz besudelt wurde.
»Na, hast du dich gut amüsiert?«, fragte Grunthor verärgert. »Komm endlich, wir müssen weiter.«
Rhapsody wischte sich den Schmutz vom Umhang und nickte ihm zu. Als sie die Straße überquerte, hörte sie eine kleine Stimme im Gestrüpp zu ihren Füßen.
»Fräulein?«
Rhapsody fuhr vor Schreck zusammen, senkte den Blick und sah einen vielleicht siebenjährigen Jungen, der sich am Straßenrand versteckt hielt. Sie bückte sich und hielt ihm die Hand entgegen.
»Ist mit dir alles in Ordnung? Hast du dir wehgetan?«
»Ja ... ich meine, nein. Mir geht’s gut.«
Sie half ihm auf die Beine. »Wie heißt du?«
Der Junge blickte zu Grunthor auf und grinste. »Robin.« Der Riese grinste zurück.
Rhapsody spürte einen Kloß im Hals. So hatte auch einer ihrer Brüder geheißen. Der Junge wandte sich ihr wieder zu.
»Ich weiß auch, wer der Reiter war.«
»Wirklich? Wer denn?«
Der Junge schmunzelte und kam sich offenbar sehr wichtig vor. »Tja, das war Anborn.«
28
Der Wachsoldat am Tor von Haguefort, dem Schloss des Herzogs, Stephen Navarne, hatte den Kammerherrn gerufen, um ihn zu Rate zu ziehen. Gerald Owen diente dem Herzog seit über zwanzig Jahren, war schon zu dessen Jugendzeit in seinen Dienst getreten und hatte seitdem unter anderem auch sehr viel Ungewöhnliches erlebt. Doch was er nun vor sich sah, war ohne Vergleich. Von den drei Reisenden am Tor waren zwei mit Umhang und Kapuze verhüllt: eine kleine Frau von schlankem Wuchs und mit strahlend grünen Augen und ein drahtiger Mann, der sie um eine Haupteslänge überragte. Dass sie unter der Kapuze kaum zu erkennen war, fand er bedauerlich; er hätte allzu gern mehr von ihr gesehen. Im Fall des Mannes aber schien die Verkleidung ein Segen zu sein.
Begleitet wurden die beiden von einem Monstrum, das gut über sieben Fuß maß. Der Anblick seiner Stoßzähne, die aus den Mundwinkeln herausragten, brachte Owens Blut ins Stocken.
»Ahm, doch ja, alles in Ordnung«, stammelte er, nachdem er den Brief des Fürbitters zum wiederholten Mal gelesen hatte. »Tja, nun, wenn ich bitten darf ...«Er öffnete das Tor und nickte den Wachen zu, die daraufhin ihren Posten verließen und den seltsamen Besuchern ins Schloss folgten. Das Schloss war wunderschön, von klassisch strenger Architektur, aber durchaus mit schmückendem Beiwerk und aus rosig-braunem Stein gebaut. An den Mauern kletterten Ranken, die zwar jetzt im Winter kahl und tot waren, sommers wohl aber einen prächtigen Wandbehang abgaben. Um den äußeren Hof herum waren Gärten angelegt, auf denen sich jetzt Schmelzwasser in großen Lachen breit machte. Als sie die große Eingangspforte aus schwarzem Mahagoni erreichten, blieb Gerald Owen stehen.
»Bitte hier zu warten. Ich werde Seiner Hoheit euren Besuch melden.« Er verbeugte sich, öffnete die Tür und verschwand dahinter.
Wartend drehte sich Rhapsody einmal um die eigene Achse und schaute in die Runde. Das Schloss von Stephen Navarne lag auf einer Anhöhe und bot weite Ausblicke auf eine sanft geschwungene Weidelandschaft und den Wald dahinter. Auf dem Weg hierher waren Grunthor viele gut getarnte Verteidigungsanlagen aufgefallen. Das Schloss schien trotz seiner schönen und friedlichen Fassade bestens gerüstet zu sein für den Fall, dass es angegriffen wurde. Rhapsody bemerkte, dass ihre Freunde von der Art der Befestigung durchaus beeindruckt waren.