Выбрать главу

Der Kammerherr hatte die Tür nur angelehnt, wahrscheinlich absichtlich, um die Gäste nicht zu brüskieren. Achmed lehnte sich ganz zwanglos dagegen und nickte den Wachposten höflich zu. Wie von ihm beabsichtigt, ging die Tür einen Spalt auf. In der Eingangshalle war nun eine helle, Wohltönende Männerstimme zu vernehmen.

»Sie ist in Begleitung eines riesigen was?«

In Gerald Owens Antwort schwang ein Unterton mit, der deutlich machte, dass er alles andere als glücklich war. »Ich glaube, es ist ein Firbolg, Eure Hoheit.«

»Ein Firbolg? Großartig. Dann werde ich wohl auf der Fürstenversammlung im nächsten Monat der Einzige sein, der jemals mit einem Firbolg an einer Tafel gesessen hat. Führ den Besuch herein, und zwar mit aller gebotenen Höflichkeit.«

Nach einer kurzen Pause: »Sehr wohl, Eure Hoheit.«

»Ach, aus dem Weg, Owen. Ich werde die Herrschaften persönlich empfangen.«

Schritte hallten durch den hohen Raum. Wenig später schwang die schwere Mahagonitür auf und ließ einen lächelnden Mann zum Vorschein treten. Er schien noch jung und voller Energie zu sein, auch wenn das blonde Haar an den Schläfen schon ein paar graue Schatten zeigte.

Wie im Falle Anborns standen auch bei ihm die Fältchen unter den Augen im scheinbaren Widerspruch zu dem ansonsten jugendlichen Aussehen. Rhapsody fragte sich, ob dies womöglich eine cymrische Eigenart sein könnte, ein Hinweis auf die Langlebigkeit, die sie der Passage durch die Zeit verdankten. Der Herzog stammte sehr wahrscheinlich von den Cymrern ab, da er ja laut Llaurons Auskunft ein Gelehrter der cymrischen Geschichte war.

Der junge Herzog verbeugte sich höflich. »Willkommen! Ich bin Stephen Navarne. Tretet bitte ein.«

Auf sein Zeichen hin zog der Kammerherr, dem immer noch der Schock in den Gliedern zu stecken schien, die Tür weit auf.

Rhapsody und Grunthor verbeugten sich tief. Achmed nickte nur kurz mit dem Kopf.

»Vielen Dank, Eure Hoheit«, sagte Rhapsody und trat ein. Die beiden Firbolg folgten ihr auf den Fersen. »Ich hoffe, wir kommen nicht Ungelegen.«

»Ganz und gar nicht«, antwortete Stephen. Seine Augen – blaugrün wie die Kornblumen im Hochland – lächelten. »Und bitte, nennt mich Stephen. Es freut mich, dass ihr gekommen seid. Ich werde mich bei Llauron noch ausdrücklich dafür bedanken, dass er euch zu mir geschickt hat. Hattet ihr eine angenehme Reise?« Während er sprach, nahm er Rhapsodys Hand und beugte sich über sie.

Die drei sahen einander an. »Über weite Strecken, ja«, meinte Achmed und kam Rhapsody zuvor, die gerade zu einer ausführlicheren Antwort ausholen wollte. Der Herzog blickte auf und zeigte sich irritiert von Achmeds trockener Stimme. Dann aber drehte er sich um und forderte die Besucher mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen.

»Habt ihr Hunger? Es wird bald zu Mittag gegessen, aber ich könnte euch schon vorher eine Erfrischung servieren lassen.«

»Nicht nötig, vielen Dank«, sagte Rhapsody und gab sich Mühe, seiner guten Laune zu entsprechen. Zu Mittag wurde die große Tafel im prächtigen Speisesaal gedeckt, an der mehrere Dutzend Gäste Platz gefunden hätten.

Zur Südseite des Raumes öffnete sich ein riesiges bleiverglastes Fenster, das auf Hof und Schlosspark hinauswies. Vor der Wand gegenüber befand sich eine offene Feuerstelle, die, wie Grunthor laut bemerkte, groß genug war, um einen ganzen Ochsen darin am Spieß zu braten. Der Schlossherr kommentierte diese Bemerkung mit herzhaftem Lachen.

»Eine großartige Idee! Die sollten wir an Mellies Geburtstag in die Tat umsetzen. Er fällt auf den ersten Frühlingstag und wird immer groß gefeiert.«

»Wer ist Mellie?«, wollte Grunthor wissen.

Der Herzog rieb die Handflächen aneinander und zeigte dann auf ein großes Ölgemälde, das in einem schmuckvollen Rahmen über der Feuer stelle hing. Darauf waren eine Frau und zwei Kinder abgebildet, ein Junge und ein Mädchen. Die Frau war schlank und dunkelhaarig, hatte schwarz-braune Augen und ein scheues Lächeln.

Der Junge an ihrer Seite mochte etwa sieben Jahre alt sein, hatte die forschen, blau-grünen Augen des Vaters und das dunkle Haar der Mutter geerbt. Seine Schwester, noch ein Säugling, hockte auf dem Schoß der Frau. Es hatte die elterlichen Merkmale anders aufgeteilt: hellblonde Locken und Augen so schwarz wie die Nacht.

»Mellie – Melisande – ist meine Tochter. Das Bild zeigt sie noch als Säugling; darauf seht ihr außerdem meine Frau Lydia und Gwydion, unseren Sohn.«

»Werden wir Eure Familie noch kennen lernen?«, fragte Rhapsody.

Der Herzog erwiderte ihr Lächeln und sagte: »Die Kinder werden sich freuen, eure Bekanntschaft zu machen. Meine Frau ist leider schon tot.«

Grunthor sah das Lächeln aus Rhapsodys Gesicht weichen. »Das tut uns Leid zu hören«, sagte er und gab dem Herzog einen tröstlich gemeinten Klaps auf den Rücken, der aber so kräftig war, dass jener mit der Brust beinahe auf seinem Teller gelandet wäre.

Lachend richtete er sich auf. »Danke«, sagte er und bemerkte, dass sich die Küchentür geöffnet hatte. Die Köche traten ein und trugen beladene Tabletts vor sich her. »Es ist jetzt vier Jahre her. Gwydion scheint mit dem Verlust inzwischen klargekommen zu sein, und Melisande kann sich an ihre Mutter gar nicht mehr erinnern. Na bitte, da kommt Hilde mit dem Essen. Bitte Platz zu nehmen.«

Erst nach viermaligem Nachschlag hatte Grunthor seinen Hunger auf Schinken und geröstetes Moorhuhn gestillt. Die Porzellanterrinen hatten zwei- oder dreimal mit Süß- und Salzkartoffeln nachgefüllt werden müssen, was Rhapsody schrecklich peinlich war.

Stephen Navarne aber schien sich über den Appetit des Riesen köstlich zu amüsieren und hielt die Dienerschaft auf Trab, die dafür sorgte, dass Grunthors Teller nicht leer wurde. Schließlich, nachdem er solche Mengen verzehrt hatte, von denen die gesamte Wachmannschaft des Schlosses satt geworden wäre, gab sich Grunthor endlich zufrieden.

»Jetzt passt wirklich nichts mehr rein«, sagte er und wischte sich den Riesenmund mit einer zierlichen kleinen Spitzenserviette ab. »Hat vorzüglich geschmeckt.« Achmed nickte beipflichtend, während Rhapsody hinter vorgehaltener Hand grinste.

Stephen sprang vom Tisch auf. »Gut! Schön, dass es euch geschmeckt hat. Ich schlage vor, wir trinken jetzt noch ein Gläschen canderischen Weinbrand in meinem Arbeitszimmer. In Llaurons Brief steht zu lesen, dass ihr an meinem Museum interessiert seid. Damit wir in der Kälte den Weg dorthin schaffen, sollten wir uns vorher ein wenig stärken. Einverstanden?«

»Aber ja«, pflichtete Achmed bei.

Rhapsody merkte auf. So leutselig hatte sie den Dhrakier noch gar nicht erlebt, schon gar nicht in Gegenwart eines Mannes, der ihm gänzlich fremd war. Doch anscheinend hatte er an Stephen Navarne auf Anhieb Gefallen gefunden.

Auch sie fand ihn sehr sympathisch. Er war ungewöhnlich offen in seiner Art und voller Energie und Lebensfreude, obwohl ihm das Leben schon arg mitgespielt hatte. Seine gute Laune wirkte ansteckend, so auch die Begeisterung, die er für jedes noch so kleine Detail aufbrachte. Galant half er Rhapsody beim Aufstehen und bot ihr seinen Arm an. Mit Blick auf die Firbolg sagte er:

»Hier lang, meine Herren«, und steuerte auf eine Tür neben der Feuerstelle zu. Die Ledersohlen seiner Stiefel klickten auf dem polierten Marmorboden, als er die Gäste aus dem Speisesaal führte.

»Llauron sagt, dass ihr von den Grenzüberfällen und Angriffen wisst, unter denen wir zu leiden haben«, sagte Stephen, als er Achmed einen Schwenker Weinbrand reichte.

Der Dhrakier hatte sich vor das größte Fenster des Raums gestellt, das nach Osten wies und ebenfalls einen Teil des Hofes und die Hügel von Navarne überblickte. Auf der gepflasterten Fläche des Hofes spielten lachend zwei Kinder. Ein breites Grinsen überzog das Gesicht des Herzogs, als er die beiden sah.