»Gwydion und Melisande«, sagte er, an Rhapsody gerichtet, und nickte nach unten. Die trat ans Fenster und schaute hinab.
»Er hat uns nur wenig dazu gesagt, nichts Konkretes«, erwiderte Achmed im Plauderton. Von dem, was er und Grunthor aus eigenen Beobachtungen wussten, erwähnte er nichts. »Sind diese Überfälle der Grund für die vielen Befestigungsanlagen, die hier gebaut werden?« Er deutete mit dem Zeigefinger auf eine dicke hohe Steinmauer, die sich, nur zur Hälfte fertig gestellt, jenseits einer Weide in nördliche Richtung erstreckte, so weit das Auge reichte.
»Ja«, antwortete der Herzog unumwunden. »Navarne hat den Nachteil, dass es hauptsächlich aus kleinen Dörfern oder Hofschaften besteht, zu denen jeweils nur zwei oder drei Farmen gehören, und die Hauptstadt liegt mehrere Tagesritte von meinem Herzogtum weit entfernt. Mit anderen Worten, wir sind sehr verwundbar. Wenn der nächste Militärposten über zwei Tage weit entfernt ist, kann eine kleine Gemeinde zerschlagen werden, ohne dass ein Hahn danach kräht. Und dazu ist es bei uns nun schon allzu oft gekommen. Anfangs habe ich Waldläufer und Soldaten abgestellt, um einzelne Ortschaften zu schützen, was aber nicht viel geholfen hat. Deshalb hielt ich es für besser, möglichst große Abschnitte mit einem Wall zu umfrieden, in der Hoffnung, das Landvolk und die Äcker besser schützen zu können. Ich habe alle Bauern von nah und fern eingeladen, innerhalb dieser neuen Befestigungsanlage zu leben, und viele sind der Einladung gefolgt. Die anderen wollen ihr Erbland nicht verlassen, selbst auf die Gefahr hin, überfallen zu werden, wofür ich durchaus Verständnis habe, zumal es innerhalb der Mauern sehr bald eng und enger werden wird. Mit der Ruhe auf meinen Ländereien wird es dann vorbei sein, doch für die Sicherheit meiner Untertanen bin ich gern bereit, den Preis zu zahlen. Allerdings bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob sie der Wall auch schützen wird. Wie dem auch sei, es muss etwas getan werden.«
Rhapsody nickte und sah in der Ferne Maurer bei der Arbeit am Wall. Der war im direkten Vergleich ungefähr doppelt so hoch wie die Männer. Was der Herzog da abzuwehren versuchte, musste demnach von eindrucksvoller Größe sein.
Zum ersten Mal, seit sie ihn kennen gelernt hatte, zeigte er sich von einer sehr ernsten Seite.
»Außerdem habe ich einen ganz persönlichen Grund. Zu den Opfern dieser Überfälle zählen nämlich auch meine Frau und ihre Schwester.« Er blickte in den Hof hinunter, wo seine Kinder spielten. In Rhapsodys Ohren klang deren Lachen mit einem Male freudlos und hohl.
Ihr wurde ganz schwer ums Herz von den Worten des Herzogs, obwohl er sie ohne Verbitterung ausgesprochen hatte.
»Das tut mir sehr Leid«, sagte sie.
Stephen nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.
»Danke. Es war vor vier Jahren. Melisande hatte gerade zu laufen angefangen. Lydia fuhr in die Stadt Navarne, um ihr ein Paar Schuhe zu kaufen. Sie und meine Schwägerin hatten immer viel Spaß an solchen Ausflügen. Die Kleine hatte eine Erkältung – zum Glück, denn anderenfalls wäre sie mitgenommen worden. Auf dem Rückweg nach Hause wurden sie und alle, die mit ihnen reisten, von lirinschen Soldaten überfallen und getötet. Ich will euch die Einzelheiten ersparen, nur so vieclass="underline" Als ich sie fand, hielt sie immer noch die Schuhe mit den Händen umklammert. Natürlich waren sie nicht mehr zu gebrauchen. Das Blut, das an ihnen klebte, ließ sich einfach nicht wegwischen.«
Rhapsody hatte das Gefühl, als wollte sich ihr Magen umdrehen. Achmed und Grunthor nickten stumm; es war offenbar nicht das erste Mal, dass sie von solchen Gräueltaten hörten.
»Von den Banditen konnten einige wenige noch am Tatort festgenommen werden. Doch sie bestritten schlichtweg, an dem Massaker beteiligt gewesen zu sein. Dabei konnte es an ihrer Schuld gar keinen Zweifel geben; schließlich waren sie auf frischer Tat ertappt worden. Und trotzdem schwor jeder von ihnen noch auf dem Schafott, von dem Überfall nichts gewusst zu haben. Ich kann es auch jetzt noch nicht fassen. Mir waren die Lirin schon mein ganzes Leben lang als ehrenwerte Nachbarn vertraut. Es passt überhaupt nicht zu ihnen, dass sie die Verantwortung für etwas, das sie getan haben, nicht übernehmen. Mit ihrer Hinrichtung hat sich, wie ich glaube, mein Hass gegen sie fast gänzlich aufgelöst. Sie schienen wirklich vollkommen perplex zu sein und überhaupt nicht zu wissen, wie ihnen geschah. Sonderbar.«
Die Bolg sahen einander an. »Allerdings. Sind es immer nur Lirin, die über Eure Orte herfallen?«, wollte Achmed wissen.
»Nein, und auch das ist so sonderbar an diesen Übergriffen. An etlichen Raubzügen sind Einwohner von Roland beteiligt, ja, man hat sogar Soldaten aus Navarne gestellt, die in anderen Provinzen und in Tyrian ähnliche Verbrechen begangen haben. Und ich schwöre beim Leben meiner Kinder, dass ich solche Überfälle nie und nimmer angeordnet habe. Doch was das Schlimmste ist: Seit neuestem scheinen es diese Verbrecher auf die Kinder in Navarne abgesehen zu haben.« Er öffnete das Fenster, beugte sich über den Sims und rief seinem Sohn und seiner Tochter zu: »Gwydion, Melisande, kommt jetzt bitte rein.«
Die Kinder blickten auf und kamen der Aufforderung des Vaters widerwillig nach, der so lange nach unten schaute, bis sie die vom Kammerherrn geöffnete Pforte passiert hatten. Erst dann wandte er sich wieder seinen Gästen zu. »Entschuldigt. Aber ich bin dieser Tage ziemlich nervös und finde kaum Schlaf vor Angst und Sorge. In unserer Provinz werden fast zwei Dutzend Kinder vermisst. Ihrem Verschwinden gingen jedes Mal Überfälle voraus, und weil keine Leichen zu finden sind, nimmt man an, dass sie verschleppt wurden. Bislang konnte nur eines der Kinder wieder gefunden werden. Sein Vater brachte die Kidnapper zur Strecke, die übrigens aus Navarne stammten. Und auch hier haben wir wieder den absurden Fall, dass die Täter behaupten, unschuldig zu sein und von ihrer Tat nichts zu wissen. Es scheint, als hätten all diese Schurken ihr Gedächtnis verloren.«
Der Herzog leerte sein Glas, setzte es auf dem Schreibtisch ab und ging zur Tür, wo er an einem Glockenstrang zog. Wenig später tauchte eine junge Frau im Türrahmen auf.
»Ja, Eure Hoheit?«
»Rosella, steck die Kinder in die Badewanne, zieh ihnen frische Sachen an und bring sie dann bitte hierher, damit ich sie unseren Gästen vorstellen kann.« Die Frau nickte und ging, nicht ohne vorher einen empörten Blick auf den Riesen geworfen zu haben, der sich doch tatsächlich erdreistete, seine Füße auf dem Schreibtisch des Schlossherrn abzulegen.
Ungefähr eine Stunde später flog die Tür auf, und die Kinder kamen ins Zimmer gelaufen, direkt auf ihren Vater zu. Stephen ging in die Hocke, warf die Arme auseinander, drückte die beiden an sich und wiegte sie so wild hin und her, dass sie ausgelassen zu kichern anfingen.
Als der Blick des kleinen Mädchens zufällig an Rhapsody hängen blieb, hörte es abrupt zu lachen auf und starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Rhapsody lächelte und hoffte, das Kind für sich einzunehmen, doch es riss sich aus der Umarmung des Vaters, richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf sie und rief: »Wer ist das, Papa?«
Stephen blickte auf und sah, auf wen die Tochter zeigte. Er zog sie wieder an sich und antwortete: »Es gehört sich nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen.« Sein Tonfall klang genau so wie der, den Rhapsodys Vater in solchen Situationen immer angeschlagen hatte. Manches, so dachte sie, ist offenbar immer und allenthalben gleich, über alle sozialen Rangunterschiede hinweg.
»Das sind unsere Gäste. Ich habe euch rufen lassen, damit ihr sie kennen lernt. Diese Dame heißt Rhapsody. Hast du ihr vielleicht etwas zu sagen?«
Das Mädchen starrte Rhapsody unverwandt an. So auch der Bruder. Stephen setzte eine strenge Miene auf und sagte: »Nun, Mellie, was hast du zu sagen?«
»Du bist schön«, sagte das Kind, und seine Stimme war voller Bewunderung. Der Vater errötete.
»Du hast natürlich vollkommen Recht, aber ich habe an eine andere Art der Begrüßung gedacht.«