»Aber damit bin ich mehr als zufrieden«, sagte Rhapsody fröhlich. Grunthor und Achmed sahen einander an, als wollten sie sagen: Vielleicht glaubt sie’s jetzt, da das Kompliment aus dem Mund eines Kindes kommt. Doch schon wenig später meinten sie beobachten zu können, dass diese Hoffnung wohl allzu hoch gegriffen war.
Rhapsody ging auf die Kinder zu, blickte zuerst lächelnd auf Melisande herab und schaute dann den Jungen an, der beinahe schon so groß war wie sie.
»Ich freue mich, eure Bekanntschaft zu machen, Melisande und Gwydion. Darf ich euch meine beiden Freunde Achmed und Grunthor vorstellen?« Melisande ließ Rhapsody nicht aus den Augen. Gwydion aber richtete den Blick auf die beiden Firbolg und grinste übers ganze Gesicht.
»Hallo«, sagte er und ging mit ausgestreckter Hand auf Grunthor zu. Der Riese schlug die Hacken zusammen, schüttelte die Hand des Jungen und gab Acht, dass er sie in seinen Klauen nicht zerquetschte. Gwydion wandte sich dann Achmed zu und gab auch ihm zu Begrüßung die Hand.
»Wirst du meine neue Mutter sein?«, fragte Mellie, worauf Rhapsodys Gesicht eine ähnliche Farbe annahm wie Stephens, der bis zu den Ohren scharlachrot angelaufen war.
Auf der anderen Seite des Raums prustete Grunthor vor Lachen. »Da sieht man’s wieder. Schon mein alter Herr hat immer gesagt, dass Kinder der einzige Grund sind, warum ein Mann nich ewig leben will, denn sie sorgen mindestens einmal täglich dafür, dass er vor Scham im Boden versinken möchte.«
»Demnach müsste ich längst auf dem Friedhof liegen«, antwortete der Herzog lachend. »Ich bitte, meiner Tochter zu verzeihen, gnädiges Fräulein.«
Rhapsody ging vor dem Mädchen in die Hocke. »Das ist gar nicht nötig«, antwortete sie auf Stephens Entschuldigung, ohne das Kind aus den Augen zu lassen. »Sie ist reizend. Wie alt bist du, Melisande?«
»Fünf«, gab Melisande zur Antwort. »Wär’s dir denn nicht recht, ein kleines Mädchen zu haben?«
Stephen wollte eingreifen, doch Rhapsody winkte ab und legte die kleinen Hände des Mädchens in die ihren. In seinen tiefschwarzen Augen lag eine Traurigkeit, die Rhapsody zu Herzen ging. Sie wusste nur allzu gut, wie einem Kind ohne Mutter zumute war.
»0 doch«, antwortete sie. »Aber nur, wenn das kleine Mädchen so lieb und nett wäre wie du.«
»Und was hältst du von Jungen?«, fragte Gwydion, der nicht abseits stehen wollte.
»Für den Fall, dass nach mir verlangt wird: Ich bin in der großen Halle und werde vom Balkon springen«, kündigte der Herzog an.
Rhapsody drehte sich um und musterte den Jungen mit ernster Miene. »Von denen halte ich sehr viel«, antwortete sie ohne jede Ironie in der Stimme.
»Geschäftssinnig, wie sie ist...«, murmelte Grunthor hinter vorgehaltener Hand.
Nicht, dass sie ihre gemeine Herkunft vergaß, doch konnte Rhapsody nicht umhin, die Fürstenkinder zu trösten. »Ich würde euch auf der Stelle an Kindes statt nehmen, wenn es euer Vater zuließe«, sagte sie und warf Grunthor einen bitterbösen Blick zu.
Stephen wollte etwas sagen, doch Rhapsody kam ihm zuvor. Dem Mädchen zugewandt, erklärte sie:
»Ich bin sehr viel auf Reisen und bleibe immer nur für kurze Zeit an einem Ort. Als Mutter wäre ich deshalb nicht besonders gut geeignet. Aber vielleicht könnte ich eure Ehren-Großmutter sein.«
»Großmutter?«, hakte Gwydion mit skeptischer Miene nach. »Dafür bist du doch noch gar nicht alt genug.«
Rhapsody schmunzelte wehmütig. »0 doch, das bin ich«, sagte sie. »Ihr müsst nämlich wissen, ich bin eine halbe Lirin und werde darum viel langsamer alt als andere. Aber glaubt mir, an Jahren ich bin alt genug, um eure Großmutter zu sein.«
»Was würde das für uns bedeuten?«, fragte Gwydion und rieb sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger, eine Geste, die er sich offenbar von seinem Vater abgeschaut hatte.
Rhapsody richtete sich wieder auf, ließ eine Hand des Mädchens frei und ging mit ihr quer durch den Raum auf den Jungen zu. Dort setzte sie sich auf den Schreibtischsessel, hob die Kleine auf ihren Schoß und streckte die Hand nach Gwydion aus. Der kam und ergriff sie. Rhapsody schien ernstlich über seine Fragen nachzudenken.
»Also, zuerst und vor allem würde ich nie ein Enkelkind adoptieren, das ich nicht für etwas ganz Besonderes hielte, für einzigartig auf der Welt, und das bedeutet: Ich würde es ganz besonders gern haben«, sagte sie.
»Dann würde ich jedes Mal, wenn ich meine Gebete spreche, an euch denken, und zwar so sehr, dass es mir vorkäme, als wäret ihr bei mir. Das täte ich an jedem Abend, wenn die Sterne am Himmel aufleuchten, und morgens, wenn die Sonne aufgeht. Um diese Zeit wüsstet ihr dann, dass ich an euch denke. Die Gebete, die ich singe, sind an den Himmel gerichtet, und vielleicht werdet ihr sie sogar hören können, denn der Himmel wölbt sich ja über uns alle. Sooft ihr euch einsam fühlt, braucht ihr nur zu warten, bis die Sonne aufgeht oder die Sterne zum Vorschein kommen; dann wisst ihr, dass da jemand ist, der euch lieb hat und an euch denkt, und ihr werdet euch bestimmt sofort ein bisschen besser fühlen.«
»Du würdest uns wirklich lieb haben?«, fragte Melisande mit feuchten Augen.
Rhapsody musste an sich halten, um nicht selbst in Tränen auszubrechen. »Und ob. Das habe ich schon jetzt.«
»Wirklich?«, fragte Gwydion ganz erstaunt.
Sie schaute ihm tief in die Augen und sagte, getreu ihrer Wahrheitspflicht als Benennerin: »Ja, so ist es.« Und dem Mädchen zugewandt, fuhr sie fort: »Wer würde euch nicht lieb haben? Ihr könnt mir glauben; in solchen Dingen würde ich nie die Unwahrheit sagen.«
Sie sah zu Stephen auf, der sie voller Verwunderung anstarrte, und wich seinem Blick hastig aus. Sich so weit aus ihren Standesschranken herausgewagt zu haben kam ihr nun fast schon unverschämt vor.
»Wenn es mir möglich ist, werde ich euch besuchen oder von Zeit zu Zeit einen Brief schreiben. Aber im Grunde sind wir hier drinnen miteinander verbunden.« Sie zeigte auf ihr Herz und tippte dann den Kindern an die Brust. »Also, wie gefällt euch das? Wollt ihr meine ersten Enkel sein?«
Stephen staunte immer noch, was sie zunehmend befangen machte. Sie fürchtete, sich den Kindern und ihrem Vater gegenüber anmaßend verhalten zu haben.
»Natürlich nur, wenn euer Vater einverstanden ist.«
»Gewiss«, beeilte sich dieser zu sagen, um dem lautstarken Drängen der Kinder zuvorzukommen.
»Danke.« Und an Achmed gewandt: »Für die beiden wird’s jetzt Zeit, zu Bett zu gehen. Ich schlage vor, euch das Museum zu zeigen. Wie wär’s?«
29
Das Cymrer-Museum war in einem kleineren Außengebäude untergebracht und aus dem gleichen rosig-braunen Stein gebaut wie Stephen Navarnes Wohnhaus. Aber im Unterschied zu den anderen Gebäuden der Schlossanlage steckten an seiner Fassade keine brennenden Fackeln in den Halteringen, sodass es im Dunkeln kaum auszumachen war.
Die Dämmerung senkte sich herab und es schneite, als sie das Schloss verließen und über den Hof hinweg auf das kleine, unscheinbare Gebäude zugingen.
Rhapsody hatte sich vorher kurz entschuldigt, um ihre Abendvesper singen zu können, was alle anderen im Haus unterbrechen ließ, womit sie gerade beschäftigt waren, um ihr zuzuhören. Melisande und Gwydion hörten und sahen ihr vom Balkon aus zu und applaudierten stürmisch, als sie zu Ende gesungen hatte, was sie zum Lachen und gleichzeitig in Verlegenheit brachte.
Stephen schmunzelte. »Ab ins Bett mit euch!«, rief er ihnen zu und kicherte, als die beiden flugs vom Balkon verschwanden. Er bot Rhapsody seinen Arm an und hielt in der anderen Hand eine brennende Fackel, um den Weg zu beleuchten.
Als sie vor der mit Messing beschlagenen Tür angelangten, zog er einen riesigen Schlüssel aus der Tasche seines Umhangs und steckte ihn ins Schloss, das zu öffnen nicht ganz einfach zu sein schien. Offenbar war das Museum in letzter Zeit nur selten aufgesucht worden. Grunthor half, die in den Angeln quietschende Tür aufzustemmen, und sie traten ein.
Im Licht der einzigen Fackel wirkte das Museum fast wie ein Mausoleum, seine liebevoll arrangierten Exponate wie Grabbeigaben, die eigentlich niemand sehen sollte. Stephens Gesicht schimmerte gespenstisch weiß, als er durch den Raum schritt und mit einem langen Kienspan eine Reihe schmuckvoller, mit Glas umschirmter Wandleuchter anzündete.