»Erstaunlich«, bemerkte Rhapsody. »Wie viel Licht diese Leuchter abgeben!«
»Sie sind eine Erfindung des Cymrerführers Gwylliam ap Rendlar ap Evander tuatha Gwylliam, bekannt auch als Gwylliam der Visionär. Er war unter anderem Ingenieur und ein begnadeter Tüftler und hat viele faszinierende Dinge entworfen«, erklärte der Herzog. »Die Lampen verdanken ihre Leuchtkraft der besonderen Form des Glases, das wie eine Streulinse wirkt.«
»Von Gwylliam habe ich schon gehört«, sagte Rhapsody, als Achmed und Grunthor durch den Raum schlenderten und sich die Gemälde und Statuetten anschauten. Grunthor blieb vor einer schmalen Steintreppe stehen und blickte in den engen Mauerausschnitt hinauf, als wollte er abschätzen, ob er mit seinen breiten Schultern wohl hindurchpasste. »Aber all diese Beinamen sagen mir nichts. War das sein vollständiger Name?«
»Ja«, antwortete Stephen, der, wie es schien, ein Lieblingsthema ansprach. »Als die Mitglieder der Ersten und Dritten Flotte nach fünfzigjähriger Trennung endlich wieder zusammentrafen und sich zu ihrer Einheit bekannten – übrigens auch mit den Landsleuten der Zweiten Flotte –, stellte sich ihnen das Problem der Abstammung beziehungsweise Erbfolge vor allem auch deshalb, weil sich die Cymrer ihre eigene Genealogie zurechtgelegt hatten. Vereinfacht ausgedrückt: Sie wussten nicht, wie sie sich nennen und worauf sie sich beziehen sollten – auf die Flotte, mit der sie gekommen waren, auf ihre Sippe oder ihren Volksstamm. Darum entwickelten sie ein einfaches, geeignetes System der Benennung: Auf den persönlichen Namen folgen die der beiden unmittelbaren Vorfahren, und am Ende steht der Name des Emigranten der Ersten Generation. Gwylliams Vater war König Rendlar, sein Großvater König Evander, und er selbst zählte zur Ersten Emigrantengeneration.«
»Verstehe«, sagte Rhapsody, die plötzlich fröstelte. Stephen hatte gerade eine Teilantwort auf die von Achmed gestellte Frage gegeben, wie viel Zeit zwischen deren Exodus und ihrem Gang durch die Wurzel verstrichen war. Auch ohne dass der Historiker die Anzahl der Jahre beziffert hätte, schien nun klar zu sein, dass zwischen Trinian, der zum Zeitpunkt ihres Weggangs inthronisiert worden war, und Gwylliam mehrere Generationen von Königen das Zepter geführt hatten. Es war also noch weit mehr Zeit vergangen als angenommen.
Rhapsody drehte sich nach Achmed um und sah, dass er zuhörte, aber so tat, als interessierte er sich ausschließlich für das vor ihm aufgeschlagene Buch mit Zeichnungen und Architekturplänen aus Gwylliams Feder.
»Das ist übrigens nur eine Reproduktion«, sagte der Herzog, an Achmed gewandt, der durch die Seiten blätterte. »Das Original ist längst zu Staub zerfallen. Jede nachfolgende Generation stellt einen Historiker, der unter anderem die Aufgabe hat, solche Schriften für die Nachwelt zu erhalten. Leider geht vom ursprünglichen Sinn vieles in der Übersetzung verloren, wie ich befürchte.«
»Wie viele Generationen hat es seit der Landung hier gegeben?«, fragte Achmed wie beiläufig und studierte die Skizze für ein Belüftungssystem.
Stephen blies den Staub von einem Stapel Manuskripte, der auf einem der Regale lagerte.
»Dreiundfünfzig«, antwortete er und zog eine in Leder gebundene Schrift aus dem Stapel hervor.
»Hier«, sagte er, an Rhapsody gewandt, »das ist der Text, um den Llauron gebeten hat, eine Grammatik der alt-serennischen Sprache.«
»Danke«, sagte Rhapsody und fing zu husten an. »Ist das schon alles, ein so dünnes Bändchen?«
»Ja. Sie ist nicht vollständig und unsere Kenntnis der Sprache darum leider nur bruchstückhaft.«
»Aha. Trotzdem, vielen Dank.«
»Wer sind diese hässlichen Leute?«, fragte Grunthor und zeigte auf eine Reihe kleiner Statuen. Der Herzog kam lachend auf ihn zu.
»Das sind die Seherinnen Manwyn, Rhonwyn und Anwyn. Letzte ist übrigens auch in dieser Skulptur hier an der Seite ihres Gatten Gwylliam zu sehen. Ja, die drei sind das Ergebnis einer ungewöhnlichen Verbindung. Ihr Vater war ein Ur-Seren, groß gewachsen, schlank und von goldfarbener Haut, die Mutter ein kupferner Drache. Ihr solltet erst einmal die Gemälde sehen! Darauf sind sie noch viel hässlicher. Manwyns Haare sind feuerrot, die Augen wie Spiegel.«
»Sind?«, fragte Rhapsody. »Lebt sie denn noch?«
»Ja, sie ist das Orakel der Stadt Yarim. Dort steht auch ihr Tempel, es sei denn, die Mauern sind inzwischen über ihrem Kopf zusammengebrochen.«
»Wie alt seid Ihr eigentlich?«, fragte Grunthor geradeheraus. »Gehört Ihr auch noch zur Ersten Generation?«
Stephen lachte. »Wohl kaum. Ich bin 56 Jahre alt, habe nach meiner Rechnung also ungefähr ein Drittel meines Lebens hinter mir, das heißt, im Vergleich zu denen bin ich noch ein Kleinkind.«
Seine Miene wurde ernst. »Übrigens, ich will gern auf all eure Fragen zu antworten versuchen, aber seid euch bitte darüber im Klaren, dass ihr von anderen Cymrern oder deren Nachkommen nichts erfahren würdet. Sie sind ein sehr verschlossenes Volk, und es scheint, dass sie sich für ihre Herkunft schämen – was, bedenkt man ihre Geschichte, im Grunde nicht überraschen kann. Daran ändern auch die vielen Herzöge von Roland nichts, die ja alle dieser Linie entstammen. Ja, wir sind ein seltsamer, verwirrter Haufen.«
»Was ist im Obergeschoss zu sehen?«, fragte Achmed.
Als hätte er auf diese Fragen nur gewartet, eilte Stephen mit Elan auf die Treppe zu. »Kommt, ich zeig’s euch.«
Auf dem oberen dritten Absatz erhob sich das große Standbild eines kupfernen, mit Edelsteinen und Blattgold geschmückten Drachen, dessen Oberfläche offenbar lange nicht poliert und darum angelaufen war. Rhapsody drückte sich vorsichtig daran vorbei, denn die Statue wirkte sehr lebendig mit ihren Angst einflößenden Zähnen, den Krallen und Muskeln. Der Haltung nach war er zum Sprung bereit, und die Augen blitzten wütend.
»Das ist Elynsynos, jene mächtige Wyrm-Frau, die vor den Cymrern über unsere Gebiete herrschte«, erklärte Stephen. »Sie war allem Anschein nach sehr gefährlich und hat vom Anbeginn der Zeit alle Menschen erfolgreich von den Grenzen ihres Reiches fern gehalten, bis dann schließlich Merithyn der Kundschafter kam.«
Er führte die drei vor die Stirnwand, an der etliche Porträtgemälde hingen, jeweils zu zweit oder zu dritt gruppiert. Eines, das ein wenig abseits hing, war offenbar sehr viel früher gemalt worden als die übrigen. Das Porträt am anderen Ende der Reihe stellte Stephen in jüngeren Jahren dar. Von den anderen Abbildungen stach vor allem das eines Mannes ins Auge, der eine Mitra auf dem Kopf und ein Amulett an einer Kette um den Hals trug. Ganz ähnlich ausgestattet waren auch die Porträtierten in der oberen Reihe.
»Wer sind diese Männer?«, fragte Rhapsody.
»In der oberen Reihe sind der Patriarch – das ist der ganz außen – und die fünf Seligpreiser zu sehen, die unter ihm dienen. So sah er aus, als er noch ein junger Mann war. Mittlerweile ist er wohl auch in die Jahre gekommen. In der unteren Reihe seht ihr die Herzöge, die in den Ländern herrschen, wo auch die Seligpreiser, die ihnen in dieser Aufzählung zugeordnet sind, ihren jeweiligen Amtssitz haben. Einzige Ausnahme ist der da.« Er zeigte auf einen Mann mit rotbraunen Haaren, der ein bisschen älter zu sein schien als er selbst, aber ähnlich blaue Augen hatte. »Das ist Tristan Steward, seines Zeichens nicht nur Hoher Herrscher über Roland, sondern auch Prinz von Bethania, der Hauptstadt. Zwar sind alle unsere Staaten praktisch souverän, doch er führt den Oberbefehl über das zentrale Heer, regiert das größte Land und hat Gesetz gebende Gewalt. Die meisten Herzöge sind übrigens miteinander verwandt. Tristan und ich sind Vettern.«
Rhapsody nickte. »Warum hängen die Herzöge unter den Geistlichen?«
Stephen lachte. »Scharfsinnig bemerkt. Nun, Kirche und Staat liegen schon von alters her im Konflikt miteinander. Letztlich überlässt man es dem Volk zu entscheiden, wie es seine Loyalität zwischen dem Allgott und seinem Regenten aufteilt. Aber so frech können wohl auch nur cymrische Herrscher sein, dass sie eine solche Freiheit der Entscheidung fordern.«