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Rhapsody lachte über den pietätlosen Schalk in der Stimme des Herzogs, der ihr zudem auch noch zuzwinkerte.

»In meinem Fall ist das natürlich nicht so. Der Seligpreiser der hiesigen Provinz ist gleichzeitig Segner von Avonderre. Er ist wahrscheinlich der mächtigste Mann von Roland, vielleicht sogar des ganzen Kontinents. Allerdings hat er einen Erzrivalen, nämlich den Segner von Sorbold, der seinerseits das Oberhaupt der Landeskirche ist, also über die Provinzgrenzen hinaus Einfluss ausübt. Die beiden verachten einander voller Leidenschaft. Nur der Allgott weiß, was sein wird, wenn der amtierende Patriarch das Zeitliche segnet. Der Segner von Avonderre-Navarne hält sich aus der Politik weitestgehend zurück, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Er hat Höheres im Sinn. Schaut euch einmal das hier an: In dieser Vitrine sind Skizzen der einzelnen Basiliken zu sehen. Sie sind die prächtigsten Überbleibsel cymrischer Architektur. Noch beeindruckender muss wohl die Gebirgsstadt Canrif gewesen sein, aber die wurde ja zerstört, als die Bolg über Gwylliams Länder herfielen. Das soll natürlich kein Vorwurf sein, Grunthor.«

»Ist als solcher auch nich angekommen«, entgegnete der riesige Firbolg, der seine Aufmerksamkeit auf die Drachenskulptur gerichtet hatte. Rhapsody registrierte, dass Stephen Achmed offenbar nicht für einen Firbolg hielt – was allerdings auch kaum überraschen konnte. Es war ihr ja selbst nicht aufgefallen. Sie folgte Stephen zur Vitrine.

»Hier, ein schönes Beispiel für cymrische Genialität, gepaart mit tiefer Religiosität. Für die alten Cymrer waren die fünf Elemente der Natur heilig und Quelle aller Kraft und Energie. Jede Basilika, die sie gebaut haben, war der Verehrung eines dieser Elemente gewidmet, von dem nicht zuletzt bei der Einsegnung des Grundstücks ausgiebig Gebrauch gemacht wurde.«

Interessiert betrachtete Rhapsody die Tuscheskizzen unter dem Glasdeckel. Sie waren alle von ein und demselben Künstler gezeichnet worden und zeigten detailgetreue und maßstabsgerechte Ansichten der einzelnen Basiliken. Die beeindruckendste war mit dem Namen Avonderre gekennzeichnet: ein allem Anschein nach enorm großes Bauwerk, gestaltet nach dem Vorbild eines Schiffes, das aus den schroffen Klippen einer Felsküste hervorzubrechen schien. Eine zweite Skizze zeigte, dass ein Großteil dieser Basilika nur bei Ebbe zu sehen war. Achmed hatte davon berichtet, etwas Ähnliches entdeckt zu haben. Offenbar handelte es sich um ein und dasselbe Bauwerk.

Stephen bemerkte ihr Interesse und schmunzelte.

»Das ist die Basilika, in der unsere Untertanen Gottesdienst feiern, die Meereskirche des Allgottes und Herrn der Ozeane. In der alten Sprache heißt dieser Abbat Mythlinis.«

Rhapsody erwiderte sein Lächeln. Stephens Beherrschung der Sprache ließ zu wünschen übrig. Abbat Mythlinis bedeutete in Wirklichkeit »Vater der Meeresgeborenen«, womit das Urvolk der Mythlin gemeint war. Sie warf Achmed und Grunthor einen Blick zu und fürchtete schon, dass sie es sich nicht verkneifen konnten, den Herzog eines Besseren zu belehren. Doch sie betrachteten gerade andere Exponate und ließen sich nichts anmerken.

»Diese Basilika wurde zu großen Teilen aus dem Holz der Schiffe gebaut, auf denen die Cymrer ihre Heimatinsel verlassen hatten«, fuhr Stephen fort. »Man weihte sie aus nahe liegenden Gründen dem Element Wasser, das den Bau mit jeder neuen Flut immer wieder aufs Neue segnet. Geheiligten Boden zu finden war für die Cymrer ungemein wichtig. Als Fremde in diesem Land brauchten sie Zufluchtsorte, die ihnen Schutz vor dem Zugriff des Bösen gewährten. Darum waren die Basiliken gleich nach den Wehrtürmen die ersten auf Dauer angelegten Gebäude, die sie errichteten. Avonderre ist die Provinz, an deren Küste die Auswanderer der Ersten Flotte an Land gingen. Hier bei uns befindet sich also der älteste Landungsplatz, wenn man einmal von der Stelle absieht, an der der schiffbrüchige Merithyn angespült wurde.«

Rhapsody nickte und richtete den Blick wieder auf die Gemäldegalerie. Es interessierten sie vor allem die Porträts der fünf Seligpreiser. Der Segner von Avonderre war in einem grünblauen Gewand aus Seide dargestellt, und der um seinen Hals hängende Talisman hatte die Form eines Wassertropfens.

Dieses Muster wiederholte sich auch auf den anderen Porträts: Roben und Talismane entsprachen dem jeweils zugeordneten Element. Der Patriarch hingegen war ganz in Gold gekleidet, und das Amulett an der Halskette stellte einen silbernen Stern dar.

So war es leicht, auch jene Seligpreiser auszumachen, deren Basiliken dem Feuer beziehungsweise der Erde geweiht waren. Ersterer trug eine flammend rote Amtstracht und eine dazu passende Mitra mit angedeuteten Hörnern. Sein goldener Talisman hatte die Form der Sonne, in der eine Spirale aus roten Edelsteinen funkelte. Der andere trug erdfarbene Kleider und ein Amulett, das aussah wie der Globus, den Llauron ihr gezeigt hatte. Die beiden letzten Seligpreiser aber waren ganz in Weiß gewandet, und nur einer von ihnen hatte eine Kette um den Hals hängen, allerdings ohne Amulett.

»Was hat es mit den anderen Basiliken auf sich? Zum Beispiel mit dieser da?« Rhapsody zeigte auf eine Skizze, die ein Gebäude aus zwei Perspektiven zeigte, einmal aus der Frontansicht und einmal von oben.

Diese mit dem Namen Bethania gekennzeichnete Basilika war kreisrund und, wie es schien, aus Marmor gebaut. Sie bestand aus mehreren konzentrisch angelegten Säulengängen, in denen auch die auf die Mitte hin ausgerichtete Bestuhlung der Gläubigen untergebracht war. Die Freifläche ringsum war mit einem flammenden Mosaik ausgelegt, das, von oben betrachtet, wie die Sonnenscheibe erstrahlte.

»Das ist die Kirche des Allgottes in der Gestalt des himmlischen Feuers, der von den alten Cymrern Vrackna genannt wurde.«

Rhapsody erbleichte. Ursprünglich, das heißt in den Tagen der Vielgötterei, stand dieser Name für den bösartigen Feuergott, wovon der Herzog aber nichts zu ahnen schien.

»Sie ist dem Element Feuer geweiht. Genau in der Mitte brennt ein ewiges Licht, das genährt wird vom vulkanischen Feuer aus dem Herzen der Erde. Auf diese Weise ist dieser Ort geheiligt.«

»Ist das die Basilika des Patriarchen? Denn der hat doch bestimmt seinen Amtssitz in Bethania.«

»Nein, Bethania ist die politische Hauptstadt von Roland. Das religiöse Zentrum ist der unabhängige Stadtstaat Sepulvarta. Dort befindet sich auch die Sternenzitadelle, der Wohn- und Amtssitz des Patriarchen. In der Basilika hält er lediglich Andacht, obwohl dort auch die Gemeinde ihren Gottesdienst feiert.«

»Das verstehe ich nicht. Worin besteht der Unterschied zwischen Andacht halten und Gottesdienst feiern?«

»Im direkten Gebet. Nach unserer Religion gibt es nur einen, der direkt zu Gott spricht, und das ist der Patriarch.«

»Warum?«

»Er ist der Einzige, der einer solch unmittelbaren Beziehung zum Schöpfer für würdig befunden wird.«

Rhapsody kniff die Brauen zusammen, behielt aber für sich, was ihr auf den Lippen lag. »An wen sind denn dann die Gebete der anderen gerichtet?«

»An den Patriarchen. Wir feiern die Riten des Glaubens und wenden uns mit unseren Bitten an den niederen Klerus, genauer gesagt: an die Ordinierten, die dann für uns beten. Der Patriarch trägt schließlich unsere durch den Klerus übermittelten Wünsche dem Allgott vor. Haben die jeweiligen Bittgesuche erst einmal die Ebene des Patriarchen erreicht, steckt die Kraft aller gläubigen Seelen hinter ihnen.«

»Verstehe«, sagte Rhapsody, obwohl ihrem eigenen Glauben im Grunde nichts fremder sein konnte als dies. Sie richtete ihren Blick auf die Patriarchenbasilika von Sepulvarta. »Interessant.«

Stephen strahlte übers ganze Gesicht und erklärte voller Stolz: »Das ist die Sternenzitadelle, die ich soeben erwähnt habe. Die Basilika selbst ist die Kirche des Allgottes in Gestalt des Lichts der Welt. Die alten Cymrer hatten dafür den Namen Lianta’ar.«